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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Bergpredigt I

Ferienbibelseminar des Dekanats Reinheim
22.-29. März 1985 Neckarzimmern

Vorbemerkung: Die angesprochenen sozialen und ökologischen Probleme haben sich seither noch verschlimmert. Ich habe darauf verzichtet, meine damaligen Ausführungen zu aktualisieren. Es kann sich jeder seinen Teil dazu denken.

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Zur Entstehung der Bergpredigt

Der Aufbau der beiden Reden

An wen ist die Bergpredigt gerichtet?

Was ist eigentlich neu in der Bergpredigt?

Wie ist die Bergpredigt zu verstehen?

Zu einzelnen Themen

Feindesliebe und Gewaltlosigkeit

Das Verhältnis zum Besitz

Frömmigkeit ohne Heuchelei

 

1. Zur Entstehung der Bergpredigt

Die Bergpredigt (Mt 5-7; 107 Verse) hat eine kürzere Parallele bei Lk 6,20-49 (30 Verse), die den Namen "Feldrede" trägt.

Beiden Reden geht voraus ein Bericht über die Berufung der ersten Jünger (Matthäus) bzw. der Apostel aus einem größeren Jüngerkreis heraus (Lukas). Die Jüngerberufung findet nach Lukas auf einem Berg statt; danach begibt sich Jesus in die Ebene und hält dort seine Rede. Nach Matthäus steigt er dagegen mit den Jüngern auf einen Berg, um sie dort zu belehren. Der Berg kommt also in diesem Zusammenhang auch bei Lukas vor.

Man nimmt an, dass sowohl die Bergpredigt als auch die Feldrede keine Originalaufzeichnungen einer Ansprache von Jesus sind, sondern Zusammenstellungen wichtiger Jesusworte. Vergleichen wir die beiden Reden, so erkennen wir, dass die Bergpredigt nahezu alle Sprüche aus der Feldrede in derselben Reihenfolge bringt. Die Feldrede scheint also eine ältere Fassung der Sprüchesammlung zu sein. Es ist freilich nicht ausgeschlossen, dass Lukas das eine oder andere aus seiner Vorlage weggelassen hat, weil er dieses Thema bei einer anderen Gelegenheit behandeln wollte.

Bei einem Vergleich fällt weiter auf, dass Lukas in weiteren 36 Versen seines Evangeliums Jesusworte anführt, die Matthäus in seiner Bergpredigt zitiert. Lukas hat also 66 von 107 Versen mit Matthäus gemeinsam, das sind über 60 %. Aber nur etwas weniger als die Hälfte bringt er in der Feldrede.

Beiden Evangelisten, so nehmen wir heute an, hat eine größere Spruchsammlung vorgelegen, zu der auch der Vorläufer der Feldrede gehört hat. Matthäus hat demnach seine Bergpredigt vor allem mit Material aus der gemeinsamen größeren Spruchquelle ergänzt.

Jesus: einzelne Aussprüche
           bei verschiednen Gelegenheiten

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Gemeinde: Sammlung der Aussprüche

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           Spruchquelle         Ur-Feldrede

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                            Matthäus        Lukas

                            Bergpredigt     Feldrede

Bei der Auslegung der Bergpredigt muss beachtet werden, dass auch bei Matthäus noch lange nicht alles in dieser Rede steht, was Jesus seinen Jüngern sagen wollte. Vielmehr hat Matthäus den überlieferten Stoff in mehreren großen Reden zusammengefasst und außerdem einiges in eigenen Abschnitten behandelt. Wir werden uns also nicht auf die Bergpredigt beschränken dürfen, sondern die anderen Jesusworte mit beachten müssen.

2. Der Aufbau der beiden Reden

Matthäus    Lukas                                                         Lukas Parallelen

                               Lobpreis der Jüngerschaft        

5,3-12        6,20-23   Seligpreisungen                            

                 6,24-26   Weherufe                                      

5,13-16                    Salz der Erde +Licht der Welt          14,34f; 11,33

                               Jesus der neue Gesetzgeber  

5,17-20                    Jesu Stellung zum Gesetz             

5,21-23                    a. Vom Töten                                

5,24,26                    Versöhnen und nachgeben              12,57-59

5,27-29                    b. Vom Ehebruch                          

5,30                         Warnung vor Verführung                

5,31-32 c.                 Von der Ehescheidung                    16,18

5,33-37 d.                 Vom Schwören                             

5943-48      6,27-36   e. Vom Dulden                              

6,43-47                    Von der Feindesliebe                     

5,48           6,36        Zusammenfassung: seid wie Gott.  

                               Die neue Frömmigkeit           

6,1-4                        Almosen                                       

6,5-8                        Beten                                           

6,9-15                      Vater unser                                    11,2-4

6,16-18                    Fasten                                         

                               Verhältnis zum Besitz           

6,19-21                    Schätzesammeln                           12,33-34

6,22-23                    Gleichnis vom Auge                       11,34-36

6,24                         Gott oder Mammon                        16,13

6,25-34                    Sorgen                                          12,22-31

                               Verschiedene Lebensregeln    

7,1-2          6,37-38   Richtet nicht                                 

6,39                         Blinde Blindenleiter                        

6,40                         Jünger und Meister                        

7,3-5          6,41        Splitter im Auge                            

7,6                           Heiliges nicht den Hunden geben    

7,7-11                      Bittet, so wird euch gegeben           11,9-13

7,12           (6,31)      Goldene Regel                              

                               Entschiedene Nachfolge        

7,13-14                    Die enge Pforte                              13,23-24

7,15-20       6,43-46   An den Früchten erkennen             

7,21-23       6,33-47   Nicht bloß Herr, Herr sagen             13,26-27

7,24-27       6,47-49   Haus auf dem Felsen                    

Die ursprüngliche Feldrede enthielt also nur die Seligpreisungen, die Ermahnung zur Geduld und Feindesliebe, das Verbot zu richten und die Ermahnung zum Gehorsam. Die Darstellung Jesu als des neuen Gesetzgebers, der das alttestamentliche Gesetz nicht aufhebt, sondern verschärft, und nicht nur eine bessere Beachtung der Gebote, sondern eine neue Lebenshaltung fordert, stammt dagegen von Matthäus bzw. aus seiner Gemeinde.

3. An wen ist die Bergpredigt gerichtet?

Es irritiert ein bisschen, dass in der Einleitung zu beiden Reden das Volk und die Jünger genannt werden. Indessen wird sowohl aus Mt 6,1+2 (Seine Jünger traten zu ihm, und er lehrte sie) als auch aus Lk 6,20 (11 Er hob seine Augen über seine Jünger und sprach: "Selig seid ihr...") klar, dass Jesus nicht zu der Volksmenge, sondern zu den Jüngern spricht. Am Schluss beider Reden wird die Sache allerdings dann so dargestellt, als hätte das ganze Volk zugehört: Mt 7,28 Das Volk entsetzte sich; Luk 7,1 Als Jesus vor dem Volk ausgeredet hatte, ging er nach Kapernaum: Eine öffentliche Jüngerbelehrung also?

Die Geschichte vom reichen Jüngling (Mk 10,17-31 par.) zeigt uns, dass Jesus offenbar eine doppelte Moral gelehrt hat:

  • eine Minimalforderung, die alle einhalten müssen, und ohne die ein gemeinsames Leben nicht möglich ist: Das Halten der 10 Gebote. Dieses genügt offenbar, um das ewige Leben zu erlangen.

  • eine Maximalforderung für die, die "vollkommen" sein wollen (Mt 19,21). Hier wird nicht danach gefragt, was man vernünftigerweise von allen verlangen kann und muss, sondern was dem eigentlichen Willen Gottes entspricht. So fordert Jesus von seinen Nachfolgern, dass sie auf ihren Besitz verzichten. Vom reichen Jüngling, der sich nicht mit der Minimalforderung begnügen will, wird dasselbe verlangt.

Ähnliches beobachten wir bei der Diskussion um die Ehescheidung (Mt 19,1-9):

  • Mose hat angeblich die Scheidung erlaubt und stellt nur die Minimalforderung, dass der Mann die Frau nicht einfach aus nichtigem Anlass fortjagen kann, und dass er ihr einen Scheidebrief ausstellen muss.

  • Dies aber entspricht nicht dem Willen Gottes, der will, dass Mann und Frau ein Leben lang zusammenbleiben. Die Scheidung wurde von Mose nur um eures Herzens Härtigkeit willen erlaubt.

In diesem Sinne werden wir die Bergpredigt verstehen müssen: nicht als eine Grundlage für eine allgemeine Gesetzgebung, sondern als Ausdruck des eigentlichen Willen Gottes, den die große Masse gar nicht einhalten kann, und als Lebensregeln für Freiwillige, die es auf sich nehmen, den ursprünglichen Willen Gottes zu erfüllen.

Wichtig ist, dass Jesus die Jünger nicht einzeln anspricht, sondern voraussetzt, dass sie in einer christlichen Gemeinschaft leben. Die Bergpredigt ist also keine Forderung, die isolierte Christen in einer unchristlichen Umgebung erfüllen müssen, sondern bietet Lebensregeln zunächst für eine christliche Gemeinschaft. Dies lässt sich wiederum an einem Beispiel zeigen:

Mt 20,20-28: Dem Macht- und Prestigedenken der "Welt" setzt Jesus die Haltung der Demut gegenüber. In der christlichen Gemeinde soll es kein Machtstreben geben: Ganz deutlich eine Anweisung, die sich nur in einer religiösen Gemeinschaft verwirklichen lässt.

Von daher wird klar, was Jesus angestrebt hat: Er wollte nicht pauschal die Welt verbessern (da hätte er andere Methoden anwenden müssen). Er wollte auch nicht bloß einzelnen Menschen zum Seelenheil verhelfen. Sondern er hat offenbar vorgehabt, eine Gemeinschaft zu gründen, in der die brutalen Gesetze des täglichen Existenzkampfes nicht gelten, in der Gottes Wille getan und zeichenhaft ein Stück vom Reich Gottes Wirklichkeit wird: eine Oase des Friedens und der Liebe. Das ist aber nicht gedacht als Rückzugsgebiet, sondern wie ein Senfkorn soll das kleine Häufchen wachsen; wie Sauerteig sollen diese Liebe und dieser Friede übergreifen auf das gesamte gesellschaftliche Leben.

Die Bergpredigt müssen wir also in diesem Zusammenhang verstehen: als eine Anweisung für ein kleines Häufchen Auserwählter, die mitten in einer lieb- und friedlosen Welt Liebe und Frieden praktizieren.

4. Was ist eigentlich neu in der Bergpredigt?

Die Äußerungen Jesu sind durchaus im Rahmen der damaligen Zeit erfolgt. Die Bilder, die er gebraucht (z.B. vom Splitter und Balken im Auge) gehören in den allgemeinen Schatz von bildhaften Vergleichen und Redensarten der damaligen Zeit. Auch inhaltlich finden sich einige ähnliche Äußerungen (z.B. die Goldene Regel oder die Feststellung, dass ein begehrlicher Blick gleichbedeutend mit Ehebruch ist).

Auch da, wo Jesus in seiner Meinung von anderen abweicht, geschieht das durchaus im üblichen Rahmen: Die Frage, wann eine Ehe geschieden werden darf, war zur Zeit Jesu genauso wenig ausdiskutiert wie die Frage, was im Einzelfall am Sabbat erlaubt oder verboten ist. Jesus steht da also mittendrin in der Diskussion um die rechte Gesetzesauslegung; seine Meinung hat sich in der Kirche durchgesetzt, während das Judentum später sich teilweise zu anderen Antworten durchgerungen hat.

Was ist also neu in der Bergpredigt? Auch hier dürfen wir natürlich nicht die Bergpredigt von dem isolieren, was an anderen Stellen als Wort Jesu überliefert ist!

a) Neu ist die Frage nach dem eigentlichen Willen Gottes hinter den Wortlaut des Gesetzes zurück.

Dies haben wir besonders deutlich an der Ehescheidungsfrage gesehen, und dies können wir auch an dem Abschnitt erkennen, wo Jesus als der neue Gesetzgeber vorgestellt wird: Mose hat geboten, den Nächsten (= Volks- und. Glaubensgenossen) zu lieben, und man schloss daraus, dass man den Feind (= den andersgläubigen Ausländer, den Gottlosen und Sünder als Feind Gottes) hassen müsse. Jesus dagegen stellt klar, dass der ursprüngliche Wille Gottes nur sein kann, dass wir alle Menschen lieben sollen, auch die sogenannten Feinde.

Jesus greift also hinter den Wortlaut des Gesetzes zurück, das ja wortwörtlich fordert: Liebe deinen Volks- und Glaubensgenossen wie dich selbst. (3 Ms 19,18). Jesus hätte sich dabei freilich auf 3 Ms 19,33+34 berufen können, wo diese selbstlose Liebe auch für den Ausländer gefordert wird, der im Land lebt. Jesus fragt aber nicht nach dem Wortlaut des Gesetzes, sondern verweist auf das Beispiel Gottes selbst, der bei der Zuteilung von Regen und Sonnenschein auch keinen Unterschied zwischen Freund und Feind macht.

b) Deshalb stellt Jesus viel schärfere Forderungen.

Weil Jesus nicht fragt: "Was steht da und wie muss man das verstehen?", sondern: "Was hat sich Gott eigentlich dabei gedacht?", kann er sich nicht mit oberflächlichen, aber praktikablen Antworten zufrieden geben: Du sollst nicht töten, das ist nicht damit getan, dass wir vermeiden, jemand ums Leben zubringen. Sondern der Mord fängt schon mit dem bösen Gedanken an und äußert sich als erstes im bösen Wort. Du sollst nicht ehebrechen: Da geht es auch nicht einfach um die Ausführung; es wird auch nicht diskutiert, in welchen Fällen Ehebruch vorliegt und welchen nicht, sondern der Ehebruch beginnt bereits mit dem lüsternen Blick. Mose konnte nur den Meineid, aber nicht das Schwören selbst verbieten. Der ursprüngliche Wille Gottes kann aber nur sein, dass wir so wahrhaftig sind, dass man uns auch glaubt, ohne dass wir immer wieder beteuern müssen, dass wir nicht lügen. Man hat damals die Problematik des leichtfertigen Schwörens offenbar durchaus gesehen und Wert darauf gelegt, dass man Gott selbst nicht erwähnte. Jesus weist aber darauf hin, dass auch ein Schwur bei Himmel, Erde oder Jerusalem indirekt ein Schwur bei Gott ist.

c) Weil Jesus nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes fragt, kann er den Willen Gottes auf einen einheitlichen Nenner bringen.

Von den vorchristlichen Schriftgelehrten Schammai und Hillel wird erzählt, es sei einmal ein Heide zu ihnen gekommen und habe gebeten, ihm die Lehre des Judentums zu erklären, solange er auf einem Fuß stehen könnte. Schammai, der als strenger Mann und Hitzkopf bekannt war, sah darin eine Verhöhnung seines Glaubens und jagte den Fragesteller empört weg. Für ihn bestand der Wille Gottes in Hunderten von Einzelforderungen, die alle gleich wichtig waren.

Der Heide ging darauf zu dem für seine Sanftmut und Geduld berühmten Hillel, der antwortete mit der Goldnen Regel: "Was dir verhasst ist, tu nicht deinem Genossen."

Das spätere Judentum hat sich der Meinung Schammais angeschlossen: Alle Gebote sind gleich wichtig. Wir ehren in allen den Willen Gottes. Man kann nicht sagen, dass das Verbot, Schweinefleisch zu essen, weniger wichtig wäre als das Verbot, andere Götter zu verehren.

Jesus fasst in der Bergpredigt den Willen Gottes wie Hillel in der Goldenen Regel zusammen, formuliert aber positiv: Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.

Noch deutlicher sagt er es an anderer Stelle: Alle Gebote sind in dem doppelten Liebesgebot zusammengefasst "Liebe Gott und deinen Nächsten" (Mk 12,28-34). Dies und nicht die goldne Regel hat sich später als die christliche Meinung durchgesetzt. Paulus geht dann so weit, dass er sagt: "Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes; wer Liebe übt, kann sogar die 10 Gebote vergessen." (Römer 13,8-10). Das ist nun freilich eine etwas extreme Zuspitzung.

d) Jesus legt Wert auf die Gesinnung und nicht nur auf die Tat.

Das jüdische Gesetz ist ursprünglich gedacht als ein wirkliches Gesetz, als Grundgesetz, bürgerliches Gesetz und Strafgesetz des Volkes Israel. Daher werden nicht nur Gebote und Verbote ausgesprochen, sondern auch Strafen festgesetzt.

Ein solches juristisches Gesetz kann aber nur eine Tat selbst gebieten oder verbieten. Ein Richter kann nur den bestrafen, der jemand tatsächlich getötet oder einen Mordversuch unternommen hat. Die bösen Gedanken entziehen sich seiner Kontrolle.

Nun stehen im jüdischen Gesetz aber auch verschiedene Vorschriften, die man auf die übliche juristische Weise nicht kontrollieren und durchsetzen kann, z.B. das Liebesgebot. Hier zeigt sich, dass es gleichzeitig nicht nur um ein praktikables Gesetz, sondern um die Moral, d.h. um die innere Einstellung geht. Liebe kann man nicht befehlen, fehlende Liebe nicht bestrafen.

Jesus betrachtet die alttestamentlichen Vorschriften weniger als eine Art Gesetz mit Strafbestimmungen (er lehnt für sich selbst das Richteramt ab) und verbietet es auch den Christen, sondern als Anweisungen zu einem gottgefälligen Leben.

Da kommt es natürlich sehr auf die Gesinnung an. Maßgeblich vor Gott sind nicht die Taten, sondern die Gedanken, die zur Tat führen.

Wenn Jesus sich also z.B. weigert, über eine Ehebrecherin zu Gericht zu sitzen, so entspricht das ganz genau seiner Einstellung: Ehebruch ist etwas, was man nicht tun darf; er verbietet der Frau daher am Ende, weiter zu sündigen. Aber Jesus weigert sich, aus dieser Moral ein juristisches Gesetz zu machen und die Ehebrecherin zu bestrafen. Denn dann müsste man die Ankläger auch bestrafen, die genauso ehebrecherische Gelüste haben, und das lässt sich nicht durchführen.

Jesus zieht sich also sehr geschickt aus der Affäre, indem er die Ankläger auffordert: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Damit macht er klar, dass die Ankläger genauso Sünder sind wie der Ehebrecherin. (Jh 8,1-11).

5. Wie ist die Bergpredigt zu verstehen?

a) Jesus und Urgemeinde: Lebensregeln einer religiösen Bruderschaft

Dazu wurde schon das Nötige gesagt: Natürlich war Jesus der Meinung, dass das Anweisungen seien, die die Christen auch halten müssten und halten könnten (vgl. das Gleichnis vom Haus auf dem Felsen). Andrerseits handelt es sich aber auch nicht um allgemeingültige Vorschriften, die jeder halten muss, sondern Lebensregeln für Spezialisten, für eine religiöse Gemeinschaft, die eine Oase des Friedens und der Liebe schaffen will.

b) Judenchristliche Gemeinde: das königliche Gesetz Freiheit.

Wir kennen sie vor allem aus den Paulusbriefen, die judenchristliche Gemeinde, für die es eine pure Selbstverständlichkeit war, dass auch ein Christ sich an die jüdischen Gesetzesvorschriften hielt, sich beschneiden ließ, am Sabbat nicht arbeitete und kein Schweinefleisch aß.

Nun ist uns aber aus dem Matthäus-Evangelium und aus dem Jakobusbrief eine ganz andere Art von Judenchristentum bekannt, die sich tatsächlich von den nichtchristlichen Juden unterschied. Für sie galt nicht das Gesetz des Mose, sondern das "königliche Gesetz" der Liebe (Jak 2,9) oder das "vollkommene Gesetz der Freiheit" (Jak 1,25). Das ist nicht das alttestamentliche Gesetz, auch nicht ein neutestnamentliches Gesetz, etwa der Bergpredigt, sondern das ist das "neue Gebot" der Liebe, auf das auch Johannes in seinem 1. Brief ausführlich eingeht.

Es kann also für einen Christen nicht so etwas wie ein neues Gesetz mit neuen Paragraphen geben. Es gibt vielmehr nur noch das eine Gebot der Gottes- und Nächstenliebe.

Alles, was Jesus oder Paulus oder Jakobus an konkreten Weisungen überliefern, sind also nicht Gesetze im Sinn des Alten Testaments.

Für einen Juden gibt es überhaupt keine Diskussion, ob und wann er Schweinefleisch essen darf: Gott hat es verboten und dabei bleibt es. Dagegen ließ sich noch zur Zeit Jesu darüber diskutieren, ob und wie man am Sabbat ein Tier aus einem Loch ziehen darf, in das es gefallen war. Die allgemeine Gültigkeit des Arbeitsverbotes war davon unbenommen. Es handelte sich um einen Sonderfall, über den man sich streiten konnte. Sowohl das Verbot des Schweinefleischs als auch das Sabbatgebot sind Willensäußerungen Gottes, die man unbedingt einhalten muss.

Das Wort Jesu dagegen: Wenn dir jemand auf die eine Backe haut, dann halt ihm auch die andere hin, ist nicht so ein Gesetz, das man eisern befolgen muss, sondern nur ein Beispiel, was die Erfüllung des Liebesgebotes für Folgen haben kann.

Die Bergpredigt oder überhaupt das Neue Testament gibt uns also kein neues Gesetz mit vielen neuen Vorschriften, sondern tut weiter nichts, als das Liebesgebot erläutern. Darin ist also in gewisser Weise die Möglichkeit eingeschlossen, dass ein Christ in Erfüllung des Liebesgebotes sich anders entscheidet, als es wortwörtlich in der Bibel steht. Nicht umsonst redet Jakobus vom vollkommenen Gesetz der Freiheit.

Dazu kommt noch etwas anderes: Das mosaische Gesetz ist abgeschlossen. Es können eigentlich keine neuen Vorschriften dazukommen. Rindfleisch ist erlaubt und kann daher nicht verboten werden. Man kann nur noch die einzelnen Gebote auslegen und dadurch neue Regelungen schaffen.

Die Anweisungen des Neuen Testaments dagegen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Neue Situationen erfordern neue Normen. Die kann man nun nicht aus dem einen oder anderen Jesus- oder Pauluswort ableiten, sondern nur noch aus dem Liebesgebot selbst.

Nun hat man freilich den Eindruck, als ob für die ersten Christen die Weisungen Jesu und der Apostel trotzdem einen verbindlichen Charakter hatten. Beides, die alleinige Gültigkeit des Liebesgebotes und die Verbindlichkeit der biblischen Weisungen stehen also unvermittelt nebeneinander. Wir können ja auch heute trotz des Liebesgebotes auf Gesetze und Verordnungen verzichten. Aber sie haben nicht den Charakter einer göttlichen Willensäußerung, sondern sind menschliche Anordnungen, die versuchen, den Willen Gottes auszulegen.

c) Mittelalterliche Kirche: doppelte Moral

Die mittelalterliche Kirche hat an der doppelten Moral, die Jesus gepredigt hat, festgehalten: die 10 Gebote und einiges andere als verbindliche Norm für alle; wer dagegen verstieß, beging eine Sünde und musste Buße tun, wenn er die göttliche Gnade nicht verscherzen wollte - die "evangelischen Ratschläge" der Bergpredigt für Menschen die ein gottgefälliges Leben führen wollten. Auch da war man sich bewusst, dass dies eigentlich nur in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten möglich ist: Nur im Kloster, nicht in der allgemeinen Kirche, war es möglich, wie Jesus ein Leben in Armut und Gewaltlosigkeit zu führen.

d) Luther: Die zwei Reiche

Luther hat diese Lehre nicht erfunden, sondern von mittelalterlichen Theologen übernommen: Auch hier wird von der doppelten Moral Jesu ausgegangen, nur dass nicht zwischen zwei Menschengruppen (gemeines Volk und Auserwählte) unterschieden wird: Als Christ habe ich gleichzeitig Anteil am Reich Gottes und am Reich der Welt. Als Bürger des Reiches Gottes bin ich in meinem persönlichen Leben unbedingt auf das Liebesgebot verpflichtet und darf im privaten Bereich z.B. keine Gewalt ausüben. Zugleich aber bin ich Bürger des Reichs der Welt, in der andere Gesetze gelten. Als Vater bin ich verpflichtet, meine Kinder zu erziehen und ihren Unarten notfalls mit Gewalt zu wehren. Als Inhaber eines öffentlichen Amtes bin ich verpflichtet, zum Beispiel als Polizist notfalls mit Gewalt Verbrecher an seinem Tun zu hindern, als Richter, die Allgemeinheit durch Androhung und Verhängung von Strafen zu schützen. Ich stehe also als Christ im Zwiespalt, im Interesse der Allgemeinheit Dinge tun zu müssen, die ich persönlich verabscheue. und die mir persönlich verboten sind.

In der Tat stellt uns die Bergpredigt vor das Dilemma, dass man mit ihr nicht die Welt regieren kann (Bismarck); jede Art von staatsbürgerlicher Tätigkeit ist einem Christen verwehrt: er kann, will er die Bergpredigt befolgen, weder

  • Richter werden (Richtet nicht), noch

  • Soldat oder Polizist sein (dem Bösen nicht widerstehen), noch

  • ein Staatsamt übernehmen, bei dem er vereidigt wird, oder als Zeuge vor Gericht auftreten (Schwört nicht), noch

  • in der Wirtschaft tätig werden (Sammelt keine Schätze).

Aber wollte Jesus wirklich, dass "mit der Bergpredigt die Welt regiert wird"? Wollte er nicht vielmehr die staatliche Ordnung, die auf Gewalt und Zwang baut, ablösen durch die Ordnung der Liebe und der Gewaltlosigkeit? Wäre es nicht denkbar, dass auch innerhalb einer relativ großen Gruppe nur die Grundsätze der Liebe und der Freiwilligkeit gelten? Die Kirche hat auch heute die Chance, eine solche Gemeinschaft zu sein!

e) Lutherische Orthodoxie: Unerfüllbare Forderung

In der Zeit nach der Reformation war es für die Evangelischen unvorstellbar, dass Jesus ein neues Gesetz aufgestellt haben sollte, nachdem er die grundsätzliche Gnade Gottes verkündigt hatte, dazu noch ein Gesetz, das so schwer zu halten ist wie die Bergpredigt. Was hätte ein solches Gesetz für einen Sinn? Die Gnade Gottes kann man sich damit so wenig verdienen wie durch das jüdische Gesetz.

Man fand die Lösung des Problems darin: Jesus hat in der Bergpredigt aufgezeigt, dass die Forderungen Gottes nicht mit einem bisschen gutem Willen zu erfüllen sind. Wenn ich mir's richtig überlege, so bin ich nicht in der Lage, das 5. und 6. Gebot zu halten, auch wenn ich mein Lebetage niemand umbringe und meiner Frau immer treu bleibe. Aber ich habe sündige Gedanken, die ich nicht steuern kann, und die mich zwingen, wenn nicht in der Tat, so doch in Gedanken zu sündigen.

Christus wollte damit zeigen, dass wir das Gesetz nicht halten und keine Verdienste erwerben können. Wir sind allein auf Gottes Gnade angewiesen.

Gegen diese Deutung spricht die unmissverständliche Aufforderung Jesu am Ende der Bergpredigt: Wer nun diese Meine Worte hört und tut...

f) Liberale Theologie: Moral für die Endzeit

Um die Jahrhundertwende hatte man sich intensiv mit dem sogenannten historischen Jesus auseinandergesetzt und war zu folgender Erkenntnis gekommen: Jesus hatte an ein baldiges Weltende geglaubt, wo Gott die Menschen richten und schließlich die Welt erneuern wollte. In Anbetracht der vergehenden Zeit habe Jesus seine radikalen Forderungen aufgestellt.

Nun habe sich Jesus in seiner Erwartung getäuscht; der Weltuntergang sei ausgeblieben. Damit seien die radikalen Forderungen gegenstandslos geworden.

So kann man's natürlich auch nicht machen!

Jesus ist zwar auf die damalige Weltuntergangsstimmung eingegangen und hat die entsprechende Sprache und Bilder verwendet; aber eigentlich hat er etwas anderes verkündigt als den baldigen Weltuntergang: "Das langerwartete Reich Gottes ist unter euch Wirklichkeit geworden, indem ich, Jesus, Kranke heile, Tote auferwecke und den gnädigen Willen Gottes verkündige." Es kommt also nicht nach dem Weltuntergang, sondern es ist keimhaft schon da, überall, wo Jesus und seine Jünger wirksam werden und eine Oase des Friedens und der Liebe schaffen.

Das ist also genau das Gegenteil von dem, was die liberale Theologie gemeint hat: Jesus stellt seine radikalen Forderungen nicht, weil die Welt bald untergeht, so als ob man angesichts des drohenden Gerichts jetzt mit aller Gewalt versuchen müsste, bei, Gott lieb Kind zu machen.

Sondern die Bergpredigt ist das Grundgesetz des Reiches Gottes. Wo Menschen anfangen, damit Ernst zu machen, wo sie anfangen zu lieben und Frieden einzuüben, da wird das Reich Gottes unter ihnen Wirklichkeit.

Damit ist zugleich auch gesagt, wie die Bergpredigt wirklich zu verstehen ist.

Sprachecke 24.12.2013

   

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Datum: 1985 / 2007

Aktuell: 04.11.2016