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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Samuel, Saul, David

Der historische Hintergrund der Samuelsbücher

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I. Das deuteronomistische Geschichtswerk

1. Schriftliches Material

2. Mündliche Überlieferung allgemein

a. David und Goliat

b. Unstimmigkeiten

3. Tendenziöse Geschichtsschreibung

a. Die drei Abschnitte der Davidserzählung

b. Unterschiedliche Interessen

II. Der historischen Kern

1. Die Herausforderung durch die Philister

a. Die Philister

b. Eisen statt Bronze

c. Berufssoldaten statt Volkssturm

d. Kavallerie statt Infanterie

2. Israel muss auf die Herausforderung reagieren.

3 Samuel, Saul und Jonathan – Konflikt zwischen alter und neuer Zeit

a Samuel

b. Saul

c. Der Konflikt

4. David

a. Sein Leben

b. Zweifel an David

 

Im "Spiegel" 52/2002 "Der leere Thron" behauptet Matthias Schulz unter Berufung auf neuere Veröffentlichungen, das Alte Testament sei wahrscheinlich erst in der Zeit der Makkabäer (vorchristliches 2er-Jahrhundert) geschrieben und die darin erzählte biblische Geschichte mehr oder weniger frei erfunden.
Daher wird es gut sein, wenn wir uns einmal genauer mit den Samuelbüchern beschäftigen und uns auch auf die Ergebnisse der älteren Forschung besinnen.

I. Das deuteronomistische Geschichtswerk

Die ältere Forschung behauptet, die Bücher Josua, Richter, Samuel, Könige seien unter Verwendung älteren Materials im babylonischen Exil (5er-Jahrhundert) entstanden. Nach dem Untergang des jüdischen Staates und dem Verlust des ersten Tempels hätten sich jüdische Gelehrte in Babylonien gefragt, wie es denn zu dieser Katastrophe kommen konnte: Warum hat sich Jahwe von seinem Bundesvolk abgewendet? Die Antwort lag auf der Hand: Weil Israel wieder und wieder die Bundesvereinbarungen gebrochen hatte. Die Propheten hatten ja lange genug gemahnt und die Katastrophe angekündigt.
Was aber hatten die Väter falsch gemacht? Es waren keine allgemeinen Sünden, die immer wieder begangen werden, sondern der Abfall von Jahwe, der Dienst anderer Götter und die Missachtung des Gebots, dass es für den einen Gott nur ein Heiligtum geben darf. Die entsprechenden Vorschriften stehen im Deuteronomium. Erst König Josia hat 622 diese Vorschriften konsequent durchgeführt und alle Heiligtümer auf dem Land geschlossen.
Die Gelehrten interpretierten also die israelitische Geschichte neu und bewerteten die israelitischen und judäischen Könige danach, ob sie sich an das Gebot des einen Gottes und des einen Tempels gehalten hätten. Folglich steht bei den meisten Königen. "Er tat, was Jahwe übel gefiel". Nur David, Hiskia und Josia erhalten uneingeschränktes Lob, alle anderen werden pauschal oder mit genaueren Angaben scharf kritisiert.
Weil dieses im Exil entstandene Geschichtswerk sich so stark am Deuteronomium orientiert, nennen wir es das "Deuteronomistische Geschichtswerk".
Wir können sogar ungefähr sagen, wann es geschrieben wurde: Das Werk schließt mit der Begnadigung des in Babylon gefangen gehaltenen Königs Jojachin 37 Jahre nach der ersten Deportation (2 Kön 25,27-30). Das war im März 560. Kurz danach muss das Deuteronomistische Geschichtswerk geschrieben worden sein.
Etwa 100 Jahre später kehrten der persische Beamte Nehemia und der Priester Esra nach Jerusalem zurück, ordneten das jüdische Staatswesen neu und setzten im Auftrag der Perser das nationale "Gesetz des Himmelsgottes", die Thora, in Kraft. Die ältere Forschung nimmt daher an, dass auch die Thora während des Exils entstanden ist, allerdings unter Einbeziehung älterer Gesetzessammlungen wie des Bundesbuchs (Teile von Exodus) und des Deuteronomiums.
Kurz nach Esra und Nehemia, Mitte des 4er-Jahrhunderts, wurde das Deuteronomistische im Chronistischen Geschichtswerk aktualisiert, zu dem außer Esra und Nehemia auch die Chronikbücher gehören. Die Chronikbücher beschränken sich auf die Geschichte des Südreiches Juda, lassen unangenehme Ereignisse weg (z.B. den Skandal um Urija und Batseba) und rücken die Interessen der Leviten in den Vordergrund.
Das alles, die Entstehung der Thora und der beiden Geschichtswerke, scheint mir wissenschaftlich gut fundiert zu sein, so dass ich nicht verstehe, wieso die Forscher, auf die Schulz sich beruft, auf einmal zu anderen Ergebnissen kommen wollen.

1. Schriftliches Material

Das Deuteronomistische Geschichtswerk ist nicht frei erfunden, sondern basiert auf älterem schriftlichem Material, das an einigen Stellen sogar ausdrücklich genannt wird wie das "Buch des Redlichen"  (Jos 10,13) oder die offiziellen Königschroniken (z.B. 1 Kön 22,39). Leider sind uns diese Werke nicht mehr erhalten. Dagegen hat der moabitische König Mescha den in 2 Kön 3 berichteten Krieg auf einem eigenen Gedenkstein aus seiner Sicht verewigt und von König Jehu gibt es sogar ein Bild auf einer assyrischen Siegessäule. Das ist allerdings wenig im Verhältnis zu dem, was uns die biblische Überlieferung erzählt.

2. Mündliche Überlieferung allgemein

Ein großer Teil der israelitischen Geschichte beruht wohl auf mündlicher Überlieferung, die zum Teil märchen- oder sagenhaft ausgeschmückt ist.

a. David und Goliat

Märchenhaft ist die bekannten Erzählung von David und Goliat (1 Sam 17): die übertriebenen Angaben über die Größe des Philisters (über 3 m) und seine Bewaffnung (7 kg Eisen an einer Waffe unbekannter Art) zeigen, dass die Geschichte nicht ganz so geschehen sein kann, wie sie da steht.
Zudem beißt sie sich mit der Angabe mit 2 Sam 21,15-22: Der Riese mit der schweren Waffe wird nicht von David, sondern von Abischai erschlagen und Goliat mit dem Schaft wie ein Weberbaum von dem Bethlehemiter Elhanan. Der Israel verhöhnte, war wieder ein anderer, auch ein Riese aus Gath, sechsfingrig. Er wurde von Jonathan, einem Neffen Davids getötet. Dieser Abschnitt mit den "Heldentaten der Krieger Davids" ist knapper erzählt und macht einen älteren und zuverlässigeren Eindruck.
Die indogermanischen Philister waren wohl im Schnitt einen Köpf größer als die mediterranen Israeliten. Ein Philister mit 1,80 m Länge kann gegenüber einem Israeliten von nur 1,50 m schon als Riese gelten. Es sieht also so aus, als habe das Material aus 2 Sam 21 zur Illustration der Goliatgeschichte gedient. Wenn die Eigenschaften dreier Gegner auf einen einzigen konzentriert werden, der von David persönlich besiegt wurde, so entspricht das durchaus dem Stil der alten Geschichtsschreibung: Der König heimst die Verdienste seiner Diener ein. Wenn Caesar berichtet, er habe Ariovist besiegt oder eine Brücke über den Rhein geschlagen, so hat er weder den germanischen König im Zweikampf bezwungen noch nur ein einziges Stück Holz für die Brücke in die Hand genommen. Die Arbeit haben seine Leute gemacht und Caesar genoss den Ruhm. So war es auch mit David und Goliat: eine anschaulich-fassbare Zusammenfassung von Davids Sieg über die Philister.
Sprachecke 02.01.2013

b. Unstimmigkeiten

Dass die Erzählungen des deuteronomistischen Geschichtswerkes nicht alle aus einem Guss sind, sehen wir an vielen Unstimmigkeiten. Beispiele:

  • Nach 1 Sam 16,14-23 kam David als Hofmusiker und Leibadjutant zu Saul. In 17,55-58 weiß aber weder Saul noch sein General Abner, wer der junge Mann ist, der den Goliat erschlagen hatte. 18,2 heißt es, Saul habe David gleich dabehalten, obwohl der ja schon 16,21 eine feste Anstellung am Hof hatte.

  • Nach 1 Sam 13,2 stehen Saul nur 5.000 Mann im Kampf gegen die Philister zur Verfügung, die über 3.000 Streitwagen mit 6.000 Mann Besatzung und ein Mehrfaches an Infanterie gebieten. Klar, dass er vor dieser überwältigenden Übermacht Angst hat. Um dagegen den räuberischen Beduinenstamm der Amalekiter zu besiegen, rückt er nach 1 Sam 15,4 mit 210.000 Mann aus. Warum hat er sie nicht gleich im Kampf gegen die Philister aufgeboten?

Es gibt Menschen, die sehen in diesen Unstimmigkeiten einen Beweis dafür, dass die biblischen Erzählungen nicht wahr sind. Ich erkenne darin eher einen Beweis, dass das Deuteronomistische Geschichtswerk nicht in später Zeit von irgendeinem Märchenerzähler erfunden wurde, sondern dass es eine Menge altes, z. T. authentisches Material enthält, das von dem Geschichtsschreiber nur zusammengetragen und rezensiert wurde.

3. Tendenziöse Geschichtsschreibung

a. Die drei Abschnitte der Davidserzählung

Der Deuteronomist stilisiert David als Mann nach dem Herzen Gottes und Idealkönig, der kompromisslos auf der Seite Gottes stand und mit dem Gott war.
Trotzdem wird über Davids eigentliche 40-jährige Regierung kaum etwas berichtet, sondern der Hauptteil der Geschichten widmet sich zwei Themenkreisen: der Frage, wie David König wurde und der Frage, wer sein Nachfolger sein werde.
In beiden Abschnitten wird David nicht als der große Held und das leuchtende Vorbild dargestellt.

i. Wie David König wurde

Der 1. Teil  berichtet, wie seine steile Karriere am Hof plötzlich zu Ende ist. David muss fliehen, wird von Saul verfolgt und schlägt sich erst als Räuberhauptmann, dann als Söldner der Philister durch. Bis schließlich das Wirklichkeit wird, was mit seiner Salbung durch Samuel vorprogrammiert war, vergeht eine lange und frustrierende Zeit.

ii. Wer soll Davids Nachfolger werden?

Auf dem Höhepunkt seiner Kariere, passiert die unrühmliche Geschichte mit Urija und Batseba und dann beginnt schon wieder Davids Abstieg: Er hat mit seinen Söhnen Pech. Absalom ermordet den Thronfolger Amnon, wird verbannt und später begnadigt, macht einen Putsch und kommt dabei ums Leben. Kurz darauf putscht auch sein Bruder Adonija. Erst kurz vor seinem Tod lässt sich David dazu überreden, Salomo, den Sohn Batsebas, zum Nachfolger zu bestimmen.

Im beiden Abschnitten erscheint David als gutmütiger Mensch, der Geduld hat – im zweiten sogar als Schwächling, der sich gegenüber seinen eigenen Söhnen und den Ministern nicht durchsetzen kann.

iii. Wie schon David den Tempelbau vorbereitete

In einem 3. Abschnitt wird berichtet, wie David Jerusalem zu seiner Hauptstadt machte, den Platz für den Tempel fand, den Tempelbau plante und die fast vergessene Bundeslade nach Jerusalem brachte.

b. Unterschiedliche Interessen

i. Deuteronmist

Ich könnte mir vorstellen, dass der Deuteronomist und seine Zeitgenossen Interesse hatten sowohl an der Königsgeschichte selbst als auch an der Geschichte, wie der Tempel in Jerusalem entstanden ist. Denn beides hatten sie ja durch die Katastrophe verloren.
Es ist auch für uns heutige Menschen interessant mitzuerleben, wie ein antiker Staat entstand aus einem Gemeinwesen, das jahrhundertelang ohne staatliche Einrichtungen ausgekommen ist. Vielleicht wollte der Deuteronomist seinen Lesern zeigen: Der Verlust ist nicht so tragisch, wie ihr denkt, denn unsere Väter kamen von Abraham bis Samuel ja auch ohne aus. Ja er zeigt in 1 Sam 8, dass das Königtum gegen den ursprünglichen Willen Gottes eingeführt wurde.
Trotzdem stilisiert der Deuteronomist David als Prachtstück von einem König, den sich alle seine Nachfolger zum Vorbild hätten nehmen sollen – vielleicht auch im Hinblick auf die Zukunft seines Volkes.
Aber was soll dann die Geschichte von dem mühsamen Aufstieg und dem Ärger mit den Söhnen? Wie passt dazu das Bild von einem viel zu gutmütigen und am Ende sogar schwachen David?
Ich denke, dass auch da handfeste Interessen eine Rolle spielten:

ii. zeitgenössischer Hofbiograph

In der Geschichte von Davids Aufstieg wird gezeigt, wie der bereits zum König gesalbte und unschuldig verfolgte David peinlichst alles unterlässt, was den Eindruck erwecken könnte, er wolle an Sauls Stelle treten. Er verschont ihn nicht nur in der Höhle, wo seine Kameraden meinten: "Heute hat ihn Jahwe in deine Hand gegeben", sondern er will auch vermeiden, dass er mit den Philistern gegen Saul kämpfen muss. Er dichtet ein  Klagelied nicht nur über seinen Freund Jonathan, sondern auch über Saul. Er lässt den vorgeblichen Überbringer der Krone als Königsmörder hinrichten. Er gewährt schließlich dem letzten überlebenden Sohn Sauls eine Rente.
Was hätte man im Exil für Interesse daran gehabt, diese positive Seite Davids herauszustreichen? Ich könnte mir eher vorstellen, dass diese Geschichten schon zur Zeit Davids aufgeschrieben wurden, um sein Königtum zu legitimieren. Denn wenn man will, kann man David ja auch als Emporkömmling ansehen, der die Dynastie Sauls aus ihrem Amt gedrängt hatte. Nein, schreibt der Hofbiograph, David hat sich korrekt verhalten und wurde erst nach dem Tod Sauls erst von den Ältesten in Juda und siebeneinhalb Jahre später auch von den Vertretern Israels "demokratisch" zum König gemacht. Er war also kein Thronräuber, sondern kam völlig legal an die Macht.
Dazu brauchte der Hofbiograph keine neuen Tatsachen erfinden. Aber er hat das korrekte Verhalten seines Chefs gebührend hervorgehoben und ins rechte Licht gestellt. Ein Mitglied der Opposition hätte dieselben Tatsachen auch anders interpretieren und darstellen können.
So soll wohl auch der 2. Teil die Herrschaft Salomos legitimieren: Auch er hat nicht die Macht an sich gerissen, wie man angesichts seiner harten Maßnahmen zu Regierungsbeginn glauben könnte, sondern er wurde erst ganz zum Schluss als Nachfolger vorgeschlagen, nachdem seine älteren Brüder ohne sein Zutun gescheitert waren. Von daher hat auch die peinliche Geschichte von Urija und Batseba ihren Sinn, denn Salomo war ja Batsebas Sohn.

iii. Die Geschichten stammen wirklich aus dem 9er-Jahrhundert.

Die Hofbiographen Davids und Salomos hatten ein verständliches Interesse, die Herrschaft der beiden Könige zu legitimieren. 500 Jahre später standen die historischen Fakten fest. Die Judäer konnten sich nicht mehr vorstellen, dass jemand anders als ein Nachkomme Davids auf dem Thron in Jerusalem saß. Seine Herrschaft galt als von Gott eingesetzt. Sogar die Babylonier respektierten diesen Glauben und setzten einen Nachkommen Davids als Statthalter ein. Was hätten also die Juden im Exil für Interesse gehabt, 500 Jahre später Argumente für einen längst anerkannten Zustand zu suchen? Das scheint mir tatsächlich dafür zu sprechen, dass die Geschichten vom Aufstieg Davids und von den Querelen um die Thronfolge schon zur Zeit Davids und Salomos niedergeschrieben wurden. Ich betrachte sie daher als Geschichtsquellen, die denselben historischen Wert haben wie Original-Inschriften auf Stein.

II. Der historischen Kern

1. Die Herausforderung durch die Philister

a. Die Philister

Die Philister gehörten zu den so genannten Seevölkern, die um 1200 aus der Ägäis in Ägypten einfielen und von den Ägyptern in einer verlustreichen Seeschlacht besiegt wurden. Die Philister setzten sich daraufhin mit ägyptischer Erlaubnis in fünf Städten der südlichen Küstenebene (heutiger Gaza-Streifen) fest. Ihre fünf Stadtkönige arbeiteten eng zusammen. Durch ihren politischen Zusammenhalt und ihre überlegene Technologie waren sie den bronzezeitlichen Ureinwohnern des Landes überlegen, die in einander konkurrierenden Städten lebten. Auch die bronzezeitlichen israelitischen Bauern, die nur auf Stammesebene organisiert waren, bekamen bald die Übermacht ihrer neuen Nachbarn zu spüren.
Die fünf Städte in der Küstenebene galten während der ganzen Königszeit und darüber hinaus als selbständiges Territorium, waren aber politisch und militärisch unbedeutend und stellten für die benachbarten Judäer und Israeliten keine Gefahr mehr dar. Wenn ein späterer Märchenerzähler das Bedürfnis gehabt hätte, einen bedrohlichen Feind Israels aus der Frühzeit zu erfinden, warum dann gerade die unbedeutenden Philister und nicht etwa die Ägypter, Aramäer, Assyrer, Babylonier oder wenigstens die Edomiter, mit denen sich die Juden tatsächlich später herumärgern mussten? Also muss an den Philistergeschichten etwas Wahres sein.

b. Eisen statt Bronze

Die Seevölkerwanderung war wohl durch eine Katastrophe ausgelöst worden, durch die auch der von den Kretern beherrschte Seehandel zusammenbrach. Da das für die Bronze benötigte Zinn aus Cornwall importiert werden musste, wurden die Rohstoffe knapp und die Menschen mussten sich nach und nach von Bronze auf Eisen umstellen. Die Philister kannten bereits das Eisen, als sie in Palästina einfielen und nahmen sofort das Eisenmonopol in Anspruch, wie aus 1 Sam 13,19-21 hervorgeht.

Ich verstehe diese Stelle nicht so, dass die Philister ihre Nachbarn entwaffnet hätten, sondern die Israeliten konnten aus Mangel an Bronze keine eigenen Geräte mehr herstellen und verstanden sich auch noch nicht auf die Eisenbearbeitung, so dass sie ihre Werkzeuge bei den Philistern kaufen und warten lassen mussten. Diese Nachricht erklärt sich gut aus der Zeitgeschichte. Wie hätte ein Märchenerzähler im Exil diese kulturgeschichtlichen Details noch wissen können? Wieder ein Zeichen, dass der Deuteronomist auf Überlieferungen oder sogar Quellen zurückgreifen konnte.

c. Berufssoldaten statt Volkssturm

Die Philister bildeten in ihren fünf Städten wahrscheinlich nur die Oberschicht, während die Masse der Bevölkerung aus Kanaanäern bestand. Von diesen Ureinwohnern übernahmen die Philister die Sprache und die Stadtkultur; nur mit dem Unterschied, dass die Städte zusammenhielten und dass die herrschende Schicht wie in anderen indogermanischen Gemeinschaften aus berufsmäßigen Kriegern bestand (vgl. 1 Sam 17,33).
Israel dagegen war ein Bauernvolk, das die städtische Kultur verabscheute und nur bei Bedarf ein Heer aufstellen konnte. Dies war also nur eine Notlösung, ein "Volkssturm", und kaum eine feste Einrichtung, die man "Miliz" oder "Heerbann" nennen könnte. Auch darin waren die Philister den Israeliten überlegen.

d. Kavallerie statt Infanterie

Die pferdebespannten Streitwagen waren schon Mitte des 1er-Jahrtausends eingeführt worden. Auch die kanaanäischen Städte setzten diese neue Waffe ein. Sie taugte aber nur in der Ebene, nicht im Gebirge, wo die Israeliten lebten. Diese konnten sich keine Kavallerie leisten und begnügten sich noch zur Zeit Davids mit Fußtruppen. Noch David hatte keine Verwendung für erbeutete Pferde und machte sie unbrauchbar, indem er ihnen die Fußsehnen durchschneiden ließ (2 Sam 8,4). Erst Salomo führte die Kavallerie in Israel ein.
Auch das hätte sich ein Märchenerzähler im 5er-Jahrhundert oder noch später kaum einfallen lassen, in einer Zeit, in der auch die Juden schon seit langem Pferde im Krieg eingesetzt hatten.

2. Israel muss auf die Herausforderung reagieren.

Wie aus den Büchern Josua und Richter hervorgeht, konnte Israel in der Frühzeit von Fall zu Fall mit den überlegenen Truppen der Nachbarvölker fertig werden und auch ein paar Mal eine Streitwagenarmee besiegen.
Die Philister bedrohten aber ihre Nachbarn nicht nur mit gelegentlichen Überfällen, sondern sie beanspruchten anscheinend die Vorherrschaft in ganz Palästina. Bei einem ihrer Eroberungsfeldzüge wurde das israelitische Heiligtum von Silo zerstört (wir wissen davon nur aus Jer 7,14; 26,6.9) und die Bundeslade erbeutet (1 Sam 4). Später erfahren wir, dass sie an verschiedenen Stellen Militärposten eingerichtet (1 Sam 13 u. ö.) und vielleicht sogar Gouverneure eingesetzt hatten (1 Sam 13,3-4; der Ausdruck kann auch 'Posten' bedeuten).
Von daher wird das Anliegen der Ältesten Israels verständlich: "Wir wollen einen König haben wie die anderen Völker" (1 Sam 8). Bisher war Israel nicht als Staat organisiert, sondern als Stammesverband unter der Leitung von Häuptlingen ("Ältesten") und "Richtern". Was sie jetzt wollten, war nicht eine Monarchie mit Schloss und Dienern und Steuern, wie es Samuel karikiert  (1 Sam 8,10-18), sondern einen hauptamtlichen Heerführer mit einer Berufsarmee, wie es unter Saul und David Wirklichkeit wurde.

3 Samuel, Saul und Jonathan – Konflikt zwischen alter und neuer Zeit

a Samuel

Welche Rolle Samuel tatsächlich spielte, lässt sich schwer sagen. Die Quellen stellen ihn uns in unterschiedlicher Weise vor

  • als Priester (2 Sam 2),

  • als Propheten (2 Sam 3 u. ö.)

  • als Richter (2 Sam 7.12).

Priester war er wohl, kaum, obwohl er am Heiligtum in Silo groß geworden ist.
Dass er vom Deuteronomisten "Prophet" genannt wird, entsprach späteren Erfahrungen mit Leuten wie Elija, Jesaja und Jeremia. Dass er nach 1 Sam 9 ein Wahrsager oder "Seher" war, den man für ein Stück Brot um Rat fragen kann, ist sicher zu wenig Samuel war aber auch kein "Prophet" vom Schlag Elisas, der in einer ordensähnlichen Gemeinschaft mit anderen Propheten lebte (schon 1 Sam 10,9-12 erwähnt).
Eher war er ein Richter, d.h. der Vorsitzende des Stämmebundes. In dieser Funktion war er zum Königsmacher prädestiniert.

b. Saul

Wie Saul König wurde, wird in mehreren Erzählungen ganz unterschiedlich dargestellt:

  • Er sei (wie später David und Jehu) heimlich zum König gesalbt worden (1 Sam 9-10).

  • Er sei in einer Volksversammlung in Abwesenheit durch Losorakel zum König bestimmt worden (1 Sam 10,17-27). Das Losorakel war Sache eines Priesters.

  • Er habe wie die "Richter" in einer konkreten Bedrohung die Initiative ergriffen, den Volkssturm zusammengerufen und anschließend aus den besten Leuten ein Berufsheer aufgestellt. (1 Sam 11).

Dass Könige bei Regierungsantritt öffentlich von einem Priester gesalbt wurden, war später die Regel. Als dagegen der Offizier Jehu von einem ungenannten Propheten heimlich zum König gesalbt wurde, kam es zu einem Staatsstreich. Jehu besetzte die Hauptstadt, ließ die bisherige Dynastie ermorden und bestieg selbst den Thron. (1 Kön 9+10) Im Nordreich Israel waren es immer wieder oppositionelle Propheten, die ihre Favoriten salbten und solche Umstürze anzettelten. Es könnte also sein, dass ein späterer Geschichtsschreiber dachte, das sei auch bei Saul und David der Fall gewesen. Nur dass Saul keinen Vorgänger hatte, den er hätte stürzen können, und dass David sich peinlichst vor allem hütete, was nach einem Putsch aussah.
Die "Königswahl" durch Losorakel mit dem plötzlichen Verschwinden des Kandidaten klingt in unseren Ohren zwar sehr merkwürdig, passt aber ganz gut in eine Zeit mit altertümlichen Bräuchen wie ständige Befragung des Orakels, religiösen Gelübden vor der Schlacht u. ä. (vgl. 1 Sam 14).
Dass Saul dagegen wie die früheren Richter aus gegebenem Anlass die Initiative ergriffen hätte, scheint uns plausibler. Allerdings ist die Geschichte so nach dem Muster der Richtergeschichten erzählt, dass ich nicht glauben kann, dass auch Saul auf diese Weise zu seinem Amt gekommen sei.
Es spricht also nichts dagegen, dass er wirklich im Stämmerat oder bei einer Volksversammlung durch Losorakel zum König bestimmt wurde. Ähnlich ist ja auch David tatsächlich von den Männern Judas zum König gesalbt (2 Sam  2,4) und sieben Jahre später von den Vertretern der Nordstämme (2 Sam 5,1-5).

c. Der Konflikt

Der erste König Saul gerät in Konflikte mit den Vertretern der alten und der neuen Zeit:

Er gerät mit Samuel aneinander, weil sich Saul nicht mehr an die alten Regeln der Kriegsführung hält und Beute macht statt alles, was ihm in die Hände fällt, zu vernichten (1 Sam 15). Im alten Israel hatte diese Regel einen guten Sinn, denn wenn man keine Beute machen darf, rentiert sich der Krieg nicht. Daher hat sich Israel in der Richterzeit immer nur verteidigt und keine Eroberungszüge gemacht.
Aber wovon soll denn ein König leben, der dazu gewählt wurde, ein Berufsheer aufzustellen und die Philister zu bekämpfen? Der Konflikt mit Samuel war wohl unausweichlich.
Dass Gott deshalb Saul "verworfen" hätte, war das Urteil einer späteren Zeit, die wusste, dass  Saul gescheitert war. Umgekehrt schloss man, dass Gott "mit David" war, weil David Erfolg hatte.

Saul gerät aber auch mit seinem Sohn Jonathan aneinander, weil er seine Kriegsführung noch weiter modernisiert und sich nicht um unsinnige Fastengelübde während der Schlacht kümmert und damit beinahe sein Leben riskiert (1 Sam 14).

Saul ist aber wohl nicht an diesem Konflikt gescheitert, sondern er hatte auf die Dauer gegen die Philister kein Glück und kam schließlich samt seinen Söhnen bei einer schweren Niederlage um.
Wenn die Bibel erzählt, der König sei von einem bösen Geist geplagt (1 Sam 14,16) und abwechselnd schwermütig und tobsüchtig gewesen, so braucht uns das nicht zu wundern: Auch andere Herrscher wurden wahnsinnig, weil sie überfordert waren.

4. David

a. Sein Leben

Auch von David werden mehrere Geschichten erzählt, wie es dazu kam, dass er König wurde:

  • Nachdem Samuel sich mit Saul überworfen hatte, salbte er David zum König, der damals noch ein Kind war. Das hat aber weiter keine Folgen.

  • Denn der Hauptstrang der Erzählung berichtet, dass David als Soldat zu Saul kam und dort eine steile Karriere erlebte: vom Leibadjutanten zum erfolgreichen und beliebten Truppenführer und schließlich zum Schwiegersohn des Königs.
    Dazu würde eigentlich ganz gut passen, dass Saul auf die Fähigkeiten des jungen Manns anlässlich der Goliatgeschichte aufmerksam wurde. Vielleicht hat sich David ja tatsächlich zunächst als einfacher Soldat bei den Kämpfen gegen die Philister hervorgetan (historischer Kern der später mit fremdem Material ausgeschmückten Goliatgeschichte?)

  • Ein unbedeutender Nebenzug: David sei als Musiktherapeut an den Hof geholt worden, weil Musik ein gutes Mittel war, um die Stimmung des Königs zu verbessern. Dass David Lieder gedichtet und vertont hat, lässt sich kaum bestreiten (z.B. das Klagelied 2 Sam 1,19-27 und den Psalm 18 = 1 Sam 22). Aber konnte sich Saul schon einen Hofmusiker leisten? Deshalb erscheint es glaubwürdig, wenn 1 Sam 16,21 berichtet wird, David sei nicht als Musiker, sondern als "Waffenträger" angestellt worden und habe nur von Fall zu Fall den König mit Musik besänftigen müssen.

Ganz schnell schlägt aber die anfängliche Sympathie in Hass um und David muss in die judäische Wüste fliehen. Dort wird er Anführer einer Schar von Desperados (1 Sam 22,2) und erpresst von den Bauern im Grenzgebiet Schutzgelder (1 Sam 25). Dass Saul ihn jetzt als Räuber und Terrorist jagt, kann man verstehen. David fühlt sich bald auch in der Wüste nicht mehr sicher und heuert mit seiner Räuberbande bei den Philistern als Söldner an. Er führt künftig seine Raubzüge nicht mehr auf eigene Rechnung, sondern im Dienst der Philister, versäumt es aber nicht, die Ältesten von Juda an der Beute zu beteiligen. Als es dann schließlich zum Krieg gegen Saul kommt, trauen die Philister ihrem Vasallen nicht und verzichten auf seine Mithilfe.
Nach dem Untergang Sauls zieht David mit seinen Leuten wieder in die Heimat und wird von den Judäern zum König gesalbt – wohl mit ausdrücklicher Billigung der Philister, die einen zuverlässigen Mann an der Spitze des Nachbarlandes glaubten.
In Nordisrael hat inzwischen Sauls General Abner den überlebenden Königssohn Eschbaal (so der richtige Namen nach 1. Chron 9,39) zum neuen Regenten gemacht. Wegen einer Lappalie läuft Abner zu David über. Eschbaal fällt einem Attentat zum Opfer und somit ist der Weg frei, dass David auch König über Nord-Israel wird.
David, der bisher in Hebron regiert hatte, besetzt das bisher unabhängige Jerusalem und macht die günstig gelegene Bergfeste zu seiner Hauptstadt. Nach der Vereinigung des Nordens und des Südens schüttelt er das Joch der Philister ab, unterwirft die Nachbarvölker und schafft somit ein Großreich, das von der ägyptischen Grenze bis nach Syrien und vom Mittelmeer bis zur östlichen Wüste reicht.
Über Davids letzte Jahre gab's nur soviel zu berichten, dass seine Söhne Absalom und Adonija versuchen die Macht an sich zu reißen, so dass der alterschwache König auf seinem Totenbett auf Drängen seiner Berater schließlich Salomo zum Nachfolger ernennt.

b. Zweifel an David

Nicht nur in dem Spiegelartikel wurden Zweifel laut, ob es dieses Großreich von David und Salomo tatsächlich gab und ob die beiden Könige überhaupt gelebt hätten.
Wichtigstes Argument: Die beiden für Israel so wichtigen Könige ließen sich archäologisch nicht nachweisen und von Salomos Tempel sei keine Spur gefunden.

i. Archäologische Gegenbeweise

  • David (2 Sam 5,9) oder wahrscheinlicher Salomo (1 Kön 9,15) sollen den Millo erbaut haben. Das ist eine noch heute erhaltene Stützmauer, die die Davidsstadt mit dem Zionsberg verbindet. Diese Baumaßnahme muss nötig geworden sein, als das Stadtgebiet Jerusalems auf den Zionsberg ausgedehnt wurde. Dies war aber nach der Bibel unter Salomo der Fall.

  • 1993 wurde bei Ausgrabungen in Tel Dan im Norden des Landes eine aramäische Inschrift gefunden, die einen "König von Israel" und das "Haus David" erwähnt, anknüpfend an die Ereignisse, die in 1 Kön 8+9 berichtet werden.

  • Es ist einzusehen, dass man auf dem Jerusalemer Tempelplatz, dem Heiligtum zweier Religionen, keine archäologischen Grabungen vornehmen darf. Trotzdem wurde ein elfenbeinerner Granatapfel  gefunden mit einer Inschrift, die aus das "Haus Jahwes" verweist. Weitere Verweise finden sich auf zwei Ostraka (Tonscherben, die als Schreibmaterial verwendet wurden) aus dem 6er-Jahrhundert.

Es ist also falsch, dass es keine archäologischen Beweise für David und Salomo gebe.

ii. Historische Gegenargumente

Es ist doch merkwürdig, dass Israel ein Land beansprucht, dass es nur zur Zeit Davids und Salomos in diesem Umfang besessen hat. Wie kommt es aber auf diese Gebietsansprüche, wenn es das Großreich Davids gar nicht gab?
Umgekehrt: Sollen die Zweifel an David und Salomo den modernen Anspruch der Juden auf das Land und den Tempellatz in Frage stellen? Das wäre nicht historisch, sondern politisch gedacht!

Fragen wir uns weiter: Wieso konnte David ein solches Großreich aufbauen, das es erst wieder unter Herodes d. Gr. gab? Das Heilige Land liegt in einem Gebiet, das in vorchristlicher Zeit sowohl von Ägypten als auch von den Großmächten in Mesopotamien (Assyrien, Babylonien, Persien) beansprucht wurde. Um 1.000 (Zeit Davids) waren aber beide Großmächte geschwächt, so dass David und Salomo die einmalige historische Chance nutzen konnten, ein eigenes Reich zu gründen.

iii. Abstriche am überlieferten Geschichtsbild

Wahrscheinlich müssen wir einige Abstriche am überlieferten Geschichtsbild machen. David hat sicher nicht die Nachbarvölker so unterworfen, wie wir's uns heute vorstellen, dass er die Länder besetzt und seinem eigenen Reich einverleibt hätte. Vielmehr hat er sie in mehreren Kriegen besiegt und gezwungen, Tributleitungen zu entrichten. Bei der nächsten Gelegenheit fielen sie wieder ab und stellten die Zahlungen ein. Mehr hat die Oberherrschaft ja gar nicht bedeutet.
Auch die Philister scheint David nicht unterworfen zu haben. Die fünf Städte blieben auch in der Folgezeit selbständig. Vielmehr wird David den Philistern durch seine militärischen Erfolge Respekt beigebracht und die Lust zu weiteren Überfällen genommen haben. Vielleicht glaubten die Philister anfangs ja auch, David sei auch als König von Juda und Israel weiterhin ihr Vasall, und ließen ihn gewähren.

   

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Datum: 2003 / 2015

Aktuell: 26.03.2016