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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Entstehung der Evangelien

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Das Wichtigste

Matthäus

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Lukas

Johannes

altkirchliche Überlieferung

Matthäus

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heutige Meinung

Quellen

Markus

Redequelle

Sondergut

Wir-Quelle

Matthäus

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Alternative

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Seher

Lieblingsjünger

Evangelist

 

I. Das Wichtigste in Kürze

1. Matthäus

hat nicht das ganze Evangelium, sondern sehr früh auf aramäisch Worte Jesu gesammelt und damit den Grundstock für die sogenannte Redequelle gelegt, die auch von Lukas benutzt wurde.

Dem jetzige Matthäusevangelium lagen diese Jesusworte in griechischer Übersetzung und das Markusevangelium sowie Sonderüberlieferungen zugrunde. Das heute vorliegende griechische Evangelium wurde später ergänzt und ins Aramäische rückübersetzt (Hebräer-, Nazarener-Evangelium)

2. Markus

hat Jesus-Geschichten gesammelt und sie unter dem Titel "Evangelium" publiziert. Da ein Fetzen dieses Werks in den Qumran-Höhlen gefunden wurde, muss das Buch schon vor dem Jüdischen Krieg vorgelegen haben. Die Fassung, die Matthäus und Lukas vorgelegen hat, war kürzer als das heutige Evangelium. Der ursprüngliche Schluss ist nicht erhalten.

3. Lukas

Es spricht nichts dagegen, dass das 3. Evangelium und die Apostelgeschichte von dem aus den Briefen bekannten Arzt geschrieben wurde. Die Apostelgeschichte endet mit der Ankunft des Paulus in Rom um 62 und scheint bald danach geschrieben zu sein. Das Evangelium setzt die Zerstörung Jerusalems voraus, ist also nach der Apostelgeschichte entstanden. Durch das Vorwort wurden beide Bücher nachträglich in die richtige Reihenfolge gebracht.

4. Johannes

Das Evangelium ist mit großer Wahrscheinlichkeit das Werk von Johannes Markus und schöpft seine Kenntnisse vor allem aus den Erzählungen des Petrus. Der Evangelist stammt wohl aus dem Diaspora-Judentum, hat aber als Kind in Jerusalem gelebt und könnte dort Jesus kennengelernt haben. Da er von Jesus nur wenig weiß und auch wichtige Elemente des Christentums wie das Abendmahl nicht kennt, scheint die Grundlage des Werks sehr früh entstanden zu sein, wurde aber mehrfach überarbeitet.

Die Briefe stammen nicht vom Evangelisten, sondern stehen in seiner Tradition.

Die Offenbarung dagegen könnte auf den Apostel Johannes zurückgehen.

II. Die altkirchliche Überlieferung

1. Matthäus

war der Apostel und schrieb die Worte Jesu in hebräischer Sprache auf (Papias).

Kritik:

Pro: Das 1. Evangelium ist stark judenchristlich geprägt.

Contra: Es gab tatsächlich mehrere "hebräische" Evangelien, die aber aus dem griechischen Matthäus übersetzt und erweitert sind.

Papias redet aber nicht von einem "Evangelium", sondern nur den Worten Jesu.

2. Markus

war Dolmetscher des Petrus und schrieb auf, was Petrus über Jesus gepredigt hatte, Petrus hat das Markusevangelium ausdrücklich autorisiert.

Pro: Markus gebraucht auffallend viele lateinische Wörter, vor allem aus dem Militär- und Verwaltungsbereich, die er aber auch durch Kontakt mit Römern im Orient kennengelernt haben könnte. Immerhin, er hat wenigstens ein paar Worte Latein verstanden, und das müsste man ja von einem Dolmetscher in Rom voraussetzen.

Gerade er zitiert und übersetzt aber auch Jesusworte im Originalwortlaut, konnte also auch Aramäisch, was man bei einem Johannes Markus aus Jerusalem erwarten kann.

3. Lukas

war der aus Kol 4,14; 2 Tim 4,11 bekannte Arzt.

Pro: Lukas schreibt ein gepflegtes Griechisch, das man von einem gebildeten Arzt erwarten kann. Er trägt einen griechischen Namen und ist wie der Arzt offensichtlich Heidenchrist. Seine Abendmahlsworte ähneln denen in 1 Kor 15, d.h. Paulus und Lukas schöpfen aus derselben Tradition (Antiochia).

Contra: Paulus hat eine ganz andere Theologie als Lukas.

Das spricht aber nicht dagegen, dass Lukas ein Mitarbeiter von Paulus war. Der Einwand geht von den falschen Voraussetzung aus, dass ein Mitarbeiter oder gar Schüler mit seinem Meister in allem einer Meinung sein muss.

4. Johannes

Ältester Kern ist die Auskunft von Papias: Das Evangelium stammt von einem "Herrenjünger", der kein Apostel und nicht der Verfasser der Offenbarung war.

Kritik:

Pro: Johannes hat gute Ortskenntnisse in Jerusalem, erklärt "hebräische" Ausdrücke und schreibt ein semitisch geprägtes Griechisch, wie man es bei einem "Herrenjünger" vermutet.

Contra: Die spätere Überlieferung ist sehr unübersichtlich (verschiedene Kombinationsmöglichkeiten der Verfasser von Evangelium, Briefen und Offenbarung).

Schon in der Antike werden Zweifel geäußert, dass das Johannesevangelium und die Offenbarung Werke desselben Verfassers sind.

III. Die heutige Meinung

0. Die Quellen

a. Markusevangelium

Matthäus und Lukas haben in verschiedener Weise das Markusevangelium benutzt. Da sie mehrere Abschnitte auslassen, vermutet man, dass ihnen kürzere Fassungen des 2. Evangeliums vorlagen.

Matthäus lehnt sich dabei sehr stark an den Wortlaut von Markus an, ordnet den Stoff aber nach sachlichen Gesichtspunkten. Lukas übernimmt dagegen die Reihenfolge, bringt aber den Wortlaut in eleganteres Griechisch.

b. Redequelle

Matthäus und Lukas haben darüber hinaus eine Menge Material gemeinsam, das sich nicht bei Markus findet. Wahrscheinlich lag ihnen eine schriftliche Sammlung von Jesusworten vor, die die Forschung "Redequelle" oder "Spruchquelle" nennt.

Das koptische Thomasevangelium ist offenbar die Fortsetzung der Redequelle und enthält sowohl synoptisches Material als auch Sprüche, die stark gnostisch geprägt sind. Die nur aus Matthäus und Lukas erschlossene Quelle wurde also nach ihrer Benutzung durch die Evangelisten mehrfach ergänzt.

c. Sondergut

Matthäus und Lukas haben zusätzliches Material, das nur in diesen Evangelien steht und daher "Sondergut" genannt wird. Das ist keine eigenständige Quelle, sondern kann ganz verschiedener Herkunft sein, einiges vielleicht aus der Redequelle. Die verschiedenen Fassungen des Vaterunsers und der Abendmahlsworte gehen wohl auf keine schriftlichen Quellen zurück, sondern auf verschiedene liturgische Traditionen.

d. Wir-Quelle

Der größte Teil der Apostelgeschichte erzählt in der 3. Person ("sie"). Ab 20,7 (Troas) erzählt ein Reisegefährten des Paulus dagegen in der 1. Person ("wir"). Man nimmt daher an, dass hier der authentische Bericht eines Mitreisenden verarbeitet wurde.

e. Zeichenquelle

Johannes zählt 2,11 (Weinwunder zu Kana) und 4,54 (Heilung des Sohns des königlichen Beamten) das erste und zweite "Zeichen", die Jesus getan hat. Dasselbe Wort wird auch von der Speisung der 5000 (Kap. 6), der Heilung des Blindgeborenen (9,16) und der Auferweckung des Lazarus (12,18) gebraucht. Man nimmt daher an, dass dem heutigen Johannesevangelium eine schriftliche Sammlung von Wundergeschichten zugrunde liegt, die "Zeichenquelle".

2. Matthäus

hat aus Markus, der Redequelle und Sondergut zwischen 80 und 90 ein neues Evangelium zusammengestellt.

Kritik:

Pro: Die Aversionen gegen dies Pharisäer und Schriftgelehrten und die Ankündigung, dass die Christen aus den Synagogen ausgeschlossen werden, passen gut in die Zeit nach 80, in der sich das Judentum unter Führung pharisäischer Schriftgelehrten neu konsolidierte und im Achtzehnbittengebet die "Minäer" (Sektierer) mit dem Bann belegte. Manche jüdische Gelehrte bestreiten aber, dass mit den Minäern die Judenchristen gemeint seien.

Contra: Mt 10,17 übernimmt zwar von Mk 13,9, dass die Christen in den Synagogen gegeißelt werden würden, weiß aber nichts von einem Synagogenausschluss wie Jh 16,2. Auf jüdischen Befehl gegeißelt wurden die Christen schon in den ersten Jahren, vgl. Apg.

Die Betonung der Gesetzestreue in der Bergpredigt hat nach dem Synagogenausschluss der Judenchristen keinen Sinn mehr und passt eher in die Zeit von Paulus, als die Christen in Jerusalem wohl unter äußerem Druck großen Wert auf ihre Gesetzestreue legten.

Im Unterschied zu Lukas setzen die beiden Endzeitkapitel nicht notwendig den Untergang von Jerusalem voraus. Wenn Markus schon vor 64 geschrieben wurde, könnte auch der Matthäus vor 70 entstanden sein.

3. Markus

ist das älteste Evangelium, entstanden nach 70.

Die Ostergeschichte bricht in den wichtigsten Handschriften unvermittelt damit ab, dass die Frauen voller Entsetzen vom Grab weggelaufen und niemand etwas gesagt hätten. In anderen Handschriften folgen zwei ganz verschiedene Fortsetzungen, die also nicht ursprünglich sein können.

Kritik:

Contra: Ein Papyrusfetzen aus Qumran mit nur ein paar auf Anhieb lesbaren Buchstaben lässt sich als Satz aus dem Markusevangelium deuten. Diese Schrift muss also wenigstens in einer Vorform schon im Jüdischen Krieg (um 68) vorgelegen haben. Darauf verweist auch die altkirchliche Überlieferung, denn Petrus soll um 64 umgekommen sein.

4. Lukas

hat aus Markus, der Redequelle und Sondergut zwischen 80 und 90 ein neues Evangelium zusammengestellt, u.zw. unabhängig von Matthäus. Da das Evangelium als einziges genauer auf die Zerstörung Jerusalems anspielt (21,20-24), kann es nicht vor 70 geschrieben sein.

Contra: Lukas hat nach eigenen Aussagen zuerst das Evangelium und danach die Apostelgeschichte geschrieben. Diese endet mit dem zweijährigen Aufenthalt des Paulus in Rom (um 62) Nichts deutet darauf hin, das Lukas vom Märtyrertod des Apostels im Jahr 64 weiß. Auch der Tod des Herrenbruders Jakobus (62) wird weder erwähnt noch angedeutet. Die Apostelgeschichte muss also zwischen 62 und 64 geschrieben worden sein.

5. Johannes

ist das jüngste Evangelium, unabhängig von den drei anderen entstanden nach 90.

Die Johannesbriefe nehmen deutlich Bezug auf das Evangelium, sind also später entstanden.

Die Offenbarung dagegen weicht in Sprache und Theologie so vom 4. Evangelium ab, dass beide Schriften kaum vom selben Verfasser stammen können.

Nach 21,24 sehen viele den ungenannten "Lieblingsjünger" als Verfasser des Johannesevangeliums an.

Kritik:
Pro:
Das Johannesevangelium ist theologisch das tiefste der Evangelien. Beginnend mit einem primitiven Wunderglauben setzt es sich mit gnostischen und philosophischen Fragen auseinander. Das lässt an einen längeren Werdegang des Evangeliums denken.

Contra: Klaus Berger, "Im Anfang war Johannes" hält das 4. Evangelium für das älteste, weil es offenbar die anderen Evangelien und das klassische Abendmahl nicht kennt und auch sonst nur wenig über Jesus weiß. Das schließt Augenzeugenschaft nicht aus. Wenn Johannes als junger Mann Jesus kennengelernt hatte, musste er ja nicht alles über Jesus wissen.

IV. Alternative

0. Die Quellen

a. "Evangelium nach…"

Alle vier Evangelien tragen in allen Handschriften nicht die Überschrift "(Evangelium) des …", sondern "nach …" Dagegen in einigen Handschriften: "Des Evangelisten Lukas Taten der heiligen Apostel". Die Meinung ist also wohl, dass die Evangelien in der vorliegenden Form nicht Werke der Evangelisten sind, sondern dass sie entweder aus einer Urfassung erweitert wurden oder der eine oder andere Evangelist nur eine der "Quellen" geschrieben hat.

b. Johannes Markus

Phlm 24; 2 Tim 4,11 wird Markus zusammen mit Lukas genannt. Kol 4,10 heißt er "Neffe des Barnabas". Es handelt sich also um den aus der Apg bekannten Johannes Markus aus Jerusalem, der Paulus und Barnabas auf der ersten Missionsreise begleitete, und dann mit seinem Onkel nach Zypern fuhr. Er scheint sich nach den Briefen also später wieder Paulus angeschlossen zu haben.

1 Petr 5,13 grüßt er zusammen mit Petrus aus "Babylon" = Rom. Merkwürdig ist, dass auch Silvanus = Silas, eigentlich ein Paulus-Mitarbeiter, hier mit Petrus zusammenarbeitet und einen Brief an die Gemeinden in Kleinasien schreibt, das eigentlich Missionsgebiet von Paulus war.

Vielleicht ist die Notiz, dass Markus mit Petrus in Rom war, aus dieser Briefstelle erschlossen.

Interessant ist, dass dieser Mitarbeiter bei der 1. Missionsreise unter dem Namen Johannes mitfährt, anschließend aber mit seinem Onkel als Johannes Markus nochmals nach Zypern geht und schließlich in den Briefen nur noch Markus heißt..

2. Matthäus

Das Matthäusevangelium wurde an verschiedenen Stellen ergänzt, wie die Textgeschichte bezeugt. Obwohl sich der Verfasser im Wortlaut eng an Markus und wohl auch an die Redequelle anlehnt, ist das 1. Evangelium selbst aber keine Erweiterung von Markus, sondern eine selbständige theologische Arbeit eines judenchristlichen Schriftgelehrten.

Da die Bergpredigt Anklänge an den Jakobusbrief zeigt und der Evangelist so stark die Gesetzestreue Jesu betont, ist doch die wahrscheinlichste Annahme, dass das Matthäusevangelium noch vor dem jüdischen Krieg entstanden ist. Die Betonung der Gesetzestreue passt auch ganz gut zu allem, was wir über das Ende der 50-er Jahre wissen (Galaterbrief, letzter Besuch von Paulus in Jerusalem).

Da die Heidenmission schon 48 auf dem Apostelkonzil von Jerusalem anerkannt worden war, macht es keine Probleme, wenn sich auch der gesetzestreue Judenchrist Matthäus für die Heidenmission einsetzt.

Der Apostel Matthäus, der mit dem Jünger und ehemaligen Zöllner Levi gleichgesetzt wurde, könnte der Begründer der Redequelle sein. Dazu passt ganz gut die Nachricht des Papias, dass Matthäus die "Worte des Herrn in hebräischer Sprache" aufgeschrieben habe (nicht die Lebensgeschichte). Ich halte also Matthäus für den Initator der Redequelle.

Wer das vorliegende Evangelium geschrieben hat, kann ich nicht eindeutig sagen. Das Evangelium ist original griechisch und nicht semitisch. Wäre es denkbar, dass Matthäus in einem 2. Arbeitsgang aus seinen alten Notizen, Markus und eigenen Kenntnissen eine Lebensgeschichte Jesu erarbeitet hat, u. zw. dem Trend der Zeit folgend auf Griechisch?

Die Sammlung der "hebräischen Herrenworte" weist in die aramäische Urgemeinde in einer Zeit, als noch nicht einmal die Samaritermission in Frage kam (Mt 10,5), also wohl noch in die 30-er Jahre.  Lk hat in Kap 10 (Material aus der Redquelle) das Verbot der Mission ausgelassen. Für ihn ist Ende der 50-er Jahre ja auch die Heidenmission eine Selbstverständlichkeit. Auch in der Parallelüberlieferung Mk 6 fehlt das Missionsverbot. Das Matthäusevangelium bringt dafür am Ende einen ausdrücklichen Missionsbefehl im Mund des Auferstandenen. Das liest sich tatsächlich so, als habe Matthäus dazugelernt. Er schreibt sein griechisches Evangelium jetzt für hellenistische Judenchristen und akzeptiert sogar die Heidenmission. Warum sollte diese Entwicklung im Laufe von drei Jahrzehnten bei einem einzigen Menschen nicht möglich sein?

3. Markus

Da das Markusevangelium offenbar schon in einer Qumranhöhle deponiert wurde, muss es schon 68 existiert haben.

Da ich unten das Johannesevangelium für ein Werk des Johannes Markus halte, kann ich den Verfasser des 2. Evangeliums nicht identifizieren.

Vielleicht hat die Tradition wenigstens soweit ihre Richtigkeit, dass dieser Markus als Bischof von Alexandria starb.

4. Lukas

Da die Apostelgeschichte mit der Ankunft des Paulus in Rom im Jahr 62 endet und keine Andeutungen über den Tod von Paulus und Petrus macht und auch vom Tod des Jakobus im Jahr 62 nichts weiß, ist anzunehmen, dass sie bald nach 62 geschrieben wurde.

Dann spricht nichts dagegen, dass der Schreiber der Wir-Quelle Lukas der Arzt war, wie die altkirchliche Tradition behauptet. Dann wäre sogar anzunehmen, dass der letzte Abschnitt der Apostelgeschichte gar keine Quelle war, die ein späterer Verfasser benutzt hat, sondern der originale Schluss des Buches, von dem Augenzeugen Lukas selbst erzählt.

Woher hat Lukas aber den ersten Teil bis zur Abreise des Paulus aus Troas? Nun, wenn er Paulus nach Rom begleitete und sein Werk vielleicht sogar in Rom schrieb, hatte er ja ausreichend Gelegenheit, Paulus und Petrus persönlich zu fragen. Das würde erklären, warum in der Apostelgeschichte die beiden Apostel im Mittelpunkt stehen, während Johannes nach dem Tod seines Bruders und der Flucht des Petrus unseren Blicken entschwindet und warum wir über die übrigen Apostel überhaupt nichts erfahren.

Wann aber wurde das Evangelium geschrieben? Da das Vorwort der Apostelgeschichte auf das "erste Buch" Bezug nimmt, sollte man annehmen, dass es älter ist als die Apostelgeschichte. Das ist aber nicht zwingend notwendig anzunehmen, denn die beiden Vorworte mit der Widmung an Theophilus könnten ja auch ganz zum Schluss geschrieben und als Begleitschreiben den beiden Bänden vorangestellt worden sein.

Die Datierung des Evangeliums hängt vor allem daran, wie die genaueren Angaben über die Eroberung Jerusalems in 21,20-24 zu verstehen sind: Setzen sie die Eroberung oder wenigstens die Belagerung der heiligen Stadt voraus? Wenn Jesus mit 21,6 wirklich den Untergang der Stadt angekündigt hatte, was ich nicht bezweifle, dann war es doch nicht schwer sich vorzustellen, dass die Feinde die Stadt belagern und beim Häuserkampf viele Einwohner ums Leben kommen würden. Belagerung, ein Blutbad und anschließende Deportation der Bevölkerung war ja für Jerusalem nichts Neues. Wenn man sich ferner überlegt, wie sehr sich der Konflikt mit Rom in der Jahrhundertmitte zugespitzt hatte, gehörte wahrlich nicht viel Sehergabe dazu, um sich auszumalen, was passieren könnte, wenn es zu einem regulären Krieg käme.

Wenn diese Überlegungen richtig sind, gibt es keinen Anlass zu bezweifeln, dass auch das Lukasevangelium schon Anfang der 60er Jahre entstanden ist, ob vor oder nach der Apostelgeschichte, ist gleichgültig. Warum sollte Lukas nicht die Chance des zweijährigen Zwangsaufenthaltes in Rom genutzt haben, um dort beide Werke zu schreiben?

5. Johannes

a. Der Seher

Schon Euseb hat nichts von den Auskünften des Papias gehalten, dass das Johannesevangelium das Werk eines "Herrenjüngers" sei. Euseb hält mit den Papias-Schüler Irenäus den Apostel für den Autor und hat damit die ganze spätere Tradition in die Irre geführt.

Tatsächlich könnte die Offenbarung vom Apostel Johannes geschrieben sein, denn alles, was wir über ihn in den Evangelien erfahren, passt zu ihm: Er trägt mit seinem Bruder Jakobus den Spitznamen "Donnersöhne" (Mk 3,17), will mit ihm Feuer vom Himmel fallen lassen (Lk 9,54; vgl. Offb 8,7 u.ö.) und auf himmlischen Thronen sitzen (Mk 10,35-40; vgl. Offb  4,4) und hat visionäre Begabung (Mk 9,2-10).

b. Der Lieblingsjünger

Unter dem Namen "der Jünger, den Jesus liebte" tritt ein Ungenannter in der Passionsgeschichte fast immer zusammen mit Petrus auf: Er liegt bei der Ankündigung des Verrats "an der Brust Jesu" und fragt im Auftrag des Petrus, wer der Verräter sei (13,24-25). Er steht mit Jesu Mutter unterm Kreuz und nimmt die Mutter zu sich (19,26-28), Er macht am Ostermorgen mit Petrus einen Wettlauf zum Grab, kommt eher an, lässt dann aber Petrus den Vortritt (20,3-7). Im Nachtrag erkennt er als erstes: "Es ist der Herr", während Petrus als erster zum Ufer schwimmt (21,7). Schließlich weissagt Jesus dem Petrus den Märtyrertod, dem Lieblingsjünger aber, dass er bis zur Wiederkunft bleibt (21,20.23). Der Lieblingsjünger ist der Zeuge und Verfasser des Evangeliums (21,24).

Dazu kann man vielleicht noch zwei andere Stellen rechnen: Ein Ungenannter und Andreas waren die ersten Jünger (1,37-40). Ein Ungenannter verschafft Petrus Zugang zum Palast des Hohenpriesters (18,15).

Ich sehe in der Gestalt des Lieblingsjüngers das "bessere Ich" des Petrus. Dieser Apostel war zwar nicht bei den ersten, die berufen wurden. Er lag beim letzten Abendessen nicht direkt an der Brust Jesu und war auch nicht am Kreuz dabei. Aber er war immer in seinen Gedanken bei Jesus, auch da, wo er körperlich nicht anwesend sein konnte wie bei der Kreuzigung. Seine Gedanken eilen ihm auch nach der Verhaftung, am leeren Grab und auf dem See voraus. Obwohl Petrus selbst den Märtyrertod erleidet, "bleibt" Petrus bis zum Jüngsten Tag bei seinem Herrn, nämlich im Geist. In seinem Geist wurde auch das Evangelium geschrieben.

Nach Apg 12,15 hat man Petrus einen eigenen Engel zugetraut. Ich sehe darin eine Bestätigung für meine Überlegungen.

c. Der Evangelist

Auch im 4. Evangelium ist Petrus und nicht Johannes der wichtigste Jünger. Die Zebedäussöhne kommen in 1-20 überhaupt nicht vor, im Nachtrag nur 21,4, ihre Namen Johannes und Jakobus werden nirgends genannt. Das spricht nicht gerade dafür, dass der Zebedaide Johannes das Evangelium geschrieben hat.

i. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Offenbarung

Das vierte Evangelium hat mit der Offenbarung einige Besonderheiten gemeinsam, die wir sonst nirgends antreffen: Nur dort wird Jesus "Lamm (Gottes)" und "Wort (Gottes)" genannt; nur dort spricht er die Ich-bin-Worte, nur dort ist davon die Rede, dass Christus die Seinen liebt…

Trotzdem gibt es zwischen beiden Büchern Unterschiede, die mehr ins Gewicht fallen als die Gemeinsamkeiten:

Sprachliche Unterschiede

Beide benutzen für "Lamm", "salben", "Tempel" u.a.  verschiedene Ausdrücke. Vom "Zorn Gottes" ist im Evangelium nur einmal die Rede, in der Offenbarung dauernd. Das "ewige Leben", die "Welt", der "Menschensohn", "glauben", wichtige Schlüsselbegriffe im Evangelium, fehlen in der Offenbarung völlig. Umgekehrt kommen "Engel" im Evangelium nur in der Ostergeschichte (Tradition), in der Offenbarung dagegen häufig vor.

Theologische Unterschiede

  • Kirche und Staat: Pilatus hat seine Macht "von oben" (Jh 19,11), der antichristliche römische Staat dagegen vom Teufel (Offenbarung).

  • Nach Jh 11 findet die Auferstehung für den Glaubenden sofort statt (bzw. er hat in Christus das ewige Leben) – nach der Offenbarung dagegen erst am Jüngsten Tag.

  • Nach den Abschiedsreden kommt Jesus unmittelbar nach Ostern wieder durch den "Tröster", nach der Offenbarung erst am Jüngsten Tag.

  • Das Evangelium ist stark von der frühen Gnosis, die Offenbarung dagegen von der Apokalyptik bestimmt.

Auch diese Unterschiede sprechen dagegen, dass beide Bücher aus einer Hand sind.

ii. Das literargeschichtliche Problem

Beim genaueren Lesen des Johannesevangeliums fällt auf, dass das Buch offenbar nicht aus einem Guss ist: Grundstock sind Wunder- und andere Geschichten, deren beiden ersten als "Zeichen" Nr. 1 und 2 gezählt werden. An die Erzählungen schließen sich in der Regel längere Reden an, die die Zeichen interpretieren und die Bedeutung Jesu herausstellen sollen. Die zugrunde liegenden Geschichten geben meist nur den Anlass für die Reden. Diese kommen aber oft ganz schnell vom Thema ab. Manchmal hat man auch den Eindruck, als sei die Ordnung durcheinandergeraten, so dass man schon vermutete, die Blätter des Buches seien vertauscht worden.

An einigen Stellen scheinen Abschnitte nachgetragen zu sein:

  • Die Geschichte von der Ehebrecherin (Jh 8,1-11) fehlt in wichtigen Handschriften, ist also späterer Zusatz. Die anschließende Rede vom "Licht der Welt" passt weder zu der Ehebrecherin noch zu Kap 7 (Jesus auf dem Laubhüttenfest), sondern eher zu Kap 9 (Heilung des Blindgeborenen).

  • In Kap 13 ist das letzte Mahl Jesu mit der Fußwaschung, nicht mit dem Abendmahl verbunden. Vom Abendmahl redet das Evangelium im Zusammenhang mit der Speisung der 5000 (Kap 6). Da ist erst davon die Rede, dass Jesus das Brot des Lebens sei und am Schluss in sehr anstößiger Weise, dass man das Fleisch Jesu essen und sein Blut trinken soll. Dieser Schluss (und manches andere) wird von einigen Forschern einer "kirchlichen Redaktion zugeschrieben, die einiges ergänzte, was man im 4. Evangelium vermissen könnte.

  • Die Abschiedsrede Jh 14 schließt mit den Worten "Steht auf und lasst uns von hier weggehen." Unmittelbar danach redet aber Jesus in Kap 15 und 16 weiter und spricht anschließend in 17 das Hohepriesterliche Gebet. Erst 18,1 kommt die Nachricht, dass Jesus und die Jünger wirklich hinausgegangen seien. 15-17 scheinen später hinzugefügt worden zu sein.

  • Nachdem der Evangelist in 20,30.31 das Werk mit einem Schlusswort beendet hat, folgt das 21. Kapitel mit der Erzählung vom wunderbaren Fischzug und einem zweiten Schlusswort. Kap. 21 wird allgemein als Nachtrag angesehen.

Das vorliegende Johannesevangelium kann also nicht von einem einzigen Verfasser in einem Zug geschrieben sein, sondern hat mindestens einige Ergänzungen und wahrscheinlich auch im Grundbestand einige redaktionelle Änderungen erfahren. Von daher verbietet es sich, nach Dem Verfasser des Evangeliums zu fragen.

Fragen wir also genauer: Wer hat den Grundstock von Geschichten mit anschließender Offenbarungsrede geschrieben, ein Vorwort davor und die Passions- und Ostergeschichte drangehängt?

iii. Profil des Erzählers

Der Verfasser, der sich mehrmals als Augenzeuge darstellt, weiß über Jesus eigentlich herzlich wenig: Er weiß nicht, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde, kennt den Namen seiner Mutter nicht und hält Maria für ihre Schwester (kann man auch anders verstehen), kennt nicht die Namen aller 12 Jünger und weiß auch nichts von dem Brüderpaar Jakobus und Johannes. Er kennt auch nur sehr wenige Jesusgeschichten. Vor allem ist es verwunderlich, dass er die Einsetzung des Abendmahls und damit wohl auch das Sakrament nicht kennt. Klaus Berger hat aus dieser Unkenntnis geschlossen, dass das Johannesevangelium nicht das jüngste, sondern eher das älteste Evangelium ist. Denn wenn es das jüngste Evangelium wäre, müsste man doch annehmen, dass der Verfasser mehr über Jesus wüsste und auch das Abendmahl kennte.

Das spricht aber nicht dagegen, dass der Evangelist ein Augenzeuge war. Ein Augenzeuge war dabei, aber muss nicht alles wissen. Besondere Sachkenntnisse beweist das 4. Evangelium in der Passionsgeschichte (z.B. Details der Kreuzigung, Ortskenntnisse in Jerusalem, Vertrautheit mit jüdischen Bräuchen zur Zeit des 2. Tempels).

iv. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den anderen Evangelien

Dass das Johannesevangelium sich von den anderen 3 "Synoptikern" unterscheidet, brauche ich nicht darzulegen. Das gehört zum bibelkundlichen Grundwissen. Wichtiger dagegen ist, dass Johannes mit Lukas einige Gemeinsamkeiten hat, z.B. Lazarus, Maria und Martha (bei Lukas mehr Gleichnisfiguren, bei Johannes mehr historische Personen). Dagegen ist der wunderbare Fischzug bei Lukas mehr ein reales, bei Johannes mehr ein visionäres Ereignis.

v. War Johannes Markus der 4. Evangelist?

Aus alledem schließe ich, dass der Grundstock des 4. Evangeliums vom oben dargestellten Johannes Markus stammen könnte:

  • Die Hauptperson auch bei Johannes ist Petrus und nicht der Zebedaide. Die Nachricht, dass Johannes Markus sein Wissen von Petrus hat, könnte wie für das 2. auch für das 4. Evangelium gelten. Es wäre sogar zu verstehen, wieso man as Markusevangelium diesem Autor zuschrieb, der sich in hellenistischen Kreisen nur noch "Markus" genannt hat. Es wäre umgekehrt auch zu verstehen, warum man das 4. Evangelium mit dem namhafteren Apostel in Verbindung brachte.

Was wir über Johannes Markus wissen, passt gut zum oben erarbeiteten Profil des 4. Evangelisten:

  • Er kannte sich in Jerusalem aus, was man auch von Johannes Markus annehmen müsste.

  • Er war wie Johannes Markus ein hellenistischer Judenchrist.

  • Johannes Markus begegnen wir erstmals im Zusammenhang mit der Befreiung des Petrus im Jahr 43/44. Ein paar Jahre später, 48/49 nimmt er als junger Mann an der 1. Missionsreise nach Zypern teil. Er könnte also als Kind Teile der Passion selbst erlebt haben.

  • Die Nachricht des Papias vom "Herrenjünger" würde dann auch auf Johannes Markus zutreffen.

  • Er hatte schon in Jerusalem Kontakt mit Petrus und soll auch später mit Petrus in "Babylon" = Rom gewesen sein.

  • Er war auch mit Lukas zusammen, was die Gemeinsamkeiten erklären könnte: Lukas hatte seine Informationen von Johannes Markus.

  • Seine Aussage über die von oben verliehene Macht" des Pilatus deckt sich mit dem, was Paulus von der "Obrigkeit" schreibt.

  • Wenn die Nachricht des Papias richtig ist, dass es in Ephesus 2 Johannesse gab, wären auch die Gedanken zu erklären, die im Johannesevangelium und in der Offenbarung vorkommen: Beide greifen auf die ortsübliche Theologie in Ephesus zurück.

  • Aus Ephesus wirkte eine Zeitlang der Alexandriner Apollos (Apg 18,24), der ein Täuferschüler war und von der christlichen Taufe nichts wusste. Das erinnert daran, dass gerade nach Johannes die ersten Christen Täuferschüler waren.

  • Zu Ephesus würden auch ganz gut die gnostischen Gedanken im 4. Evangelium passen.

Die Verwechslung der beiden Johannesse wurde dadurch begünstigt, dass offenbar beide noch Ende der 1. Jahrhunderts in Ephesus lebten.

vi. Wann wurde das 4. Evangelium geschrieben?

Berger hat Recht, wenn er glaubt, dass der Grundstock des Johannesevangeliums sehr alt sein muss. Das schließt aber spätere Bearbeitungen und Ergänzungen nicht aus, evtl. durch den Evangelisten selbst. Warum soll er nicht sein Leben lang an diesem Evangelium gearbeitet haben?

Jh 2,19 bringt das Wort "Ich will den Tempel abreißen…" im Zusammenhang mit der Tempelreinigung und deutet es auf den "Tempel seines Leibes". Johannes scheint also noch nichts von der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 zu wissen. Es fehlt bezeichnenderweise auch die Weissagung der Zerstörung, wie sie bei den Synoptikern steht.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Aussagen über die "von oben" verliehene Macht des Pilatus nach der Neronischen Christenverfolgung noch glaubhaft war. Das spricht also dafür, dass auch der Grundstock von Johannes vor 64 entstanden ist. Die römerfreundliche Stimmung passt ganz gut zu Lukas und Paulus.

Der Nachtrag Jh 21 mit dem deutlichen Verweis auf den Märtyrertod des Petrus stammt wohl aus der Zeit kurz nach 64.

 

 

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Übersicht

 

Fragen: Die Wahrheit der Evangelien

 

Datum: 2003 / 07

Aktuell: 26.03.2016