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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sah Hesekiel (Ezechiel) ein UFO?

Überlegungen zu Hes 1

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Hesekiel, der Prophet, hatte eine skurrile Phantasie, die er auch an anderen Stellen unter Beweis stellt. Er gebraucht immer wieder literarische Bilder, die er mit so viel Inbrunst ausmalt, dass man kaum noch versteht, was er sagen will. Beispiel: Er nimmt ein altes Bild auf vom Götzendienst als eine Art Prostitution und beschreibt das in einer Weise, die an Pornographie grenzt (Kap 16+23). Das hat jetzt wirklich nichts mit Außerirdischen zu tun.

 

Im Tempel in Jerusalem gab es einen "allerheiligsten" Raum, den nur der oberste Priester einmal im Jahr betreten durfte. Was dort genau war, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Die Bundeslade soll darin gewesen sein, ein tragbares Heiligtum aus der Frühzeit. Ferner zwei Cherubim, Fabelwesen mit Flügeln, von denen man nicht weiß, wie sie und die Bundeslade zu einander angeordnet waren. Standen sie darauf oder daneben? Man hat jedenfalls dieses Ensemble als den Thron Gottes angesehen, wie aus vielen älteren Bibelstellen hervorgeht. Es gibt auch Formulierungen wie "Gott, der auf den Cherubim thront". Ferner ist uns ein Bild von einem kanaanäischen Kleinfürsten überliefert, der sitzt auf einem Thronsessel, dessen Lehnen als geflügelte Fabelwesen gestaltet sind.

Was also Hesekiel mit seinem bis ins Unvorstellbare ausgeschmückten Bild beschreibt, ist kein Raumschiff, sondern der Thron Gottes, nicht der konkrete im Tempel, sondern der nur gedachte himmlische.

 

Für ein Raumschiff genauso unnötig wie für einen Königsthron sind die vier Gestalten mit je vier Gesichtern und vier Flügeln, mit Füßen und mit Rädern, einem "Himmel" obendrüber und auf dem Himmel der Thron.

Das Gewurschtel von Gesichtern, Füßen, Flügeln und Rädern hat einen ganz anderen Ursprung: Im Tempel gab es Wasserkessel, die auf einem Rädergestell standen, an dessen Seiten Figuren abgebildet waren, von Löwen, Ochsen, Cherubim und Palmbäumen ist die Rede. Dazu gehörte ein großes Wasserbecken aus Bronze. Die Beschreibung steht in 1. Könige 7,27-39.

 

Hesekiel scheint also in seiner Phantasie die Wasserbecken auf dem Gestell umgestülpt zu haben. Damit hatte er einen "Himmel" (ähnlich wie bei einer Schneekugel). Dass Gott im "Himmel" ist, hat man sich zum Teil so vorgestellt, dass er auf dem Himmelsgewölbe thront. Deshalb hat Hesekiel den Thron Gottes auf diesen "Himmel" montiert.

Dass es im oder über dem "Himmel" blau wie ein Saphir aussieht, ergibt sich aus dem Augenschein.

Dass es rauscht, wenn diese Konstruktion fliegt, ist eine Beschreibung des Windes. "Gott fährt einher auf den Wolken und fliegt mit den Fittichen des Windes" war eigentlich vom Wettergott gesagt, den man mit dem biblischen Gott identifiziert hatte. Er fliegt durch die Luft, und wenn er stehenbleibt, gibt es über dieser Gegend Gewitter (es donnert, wenn der Thronwagen stehen bleibt, nicht wenn er startet).

Auf dem Thron sitzt einer, der wie ein Mensch gestaltet ist – kein Außerirdischer, sondern die geläufige anthropomorphe, menschengestaltige Vorstellung von Gott. Und trotzdem ist er kein Mensch, sein Wesen ist Feuer. Er ist so riesengroß, dass Hesekiel eigentlich nur die Beine erkennen kann, weiter oben ist es nur noch hell.

Das Feuer gehört also nicht zum "Antrieb", kommt nicht zwischen den geflügelten Räder-Tieren heraus, sondern ist an der Spitze der Konstruktion zu sehen. Ein Raketenantrieb müsste entweder den Thron vom "Himmel" absprengen wie bei der oberen Kapsel einer Rakete, oder das ganze "Raumschiff" auf die Erde drücken. Das ist aber nicht Sinn eines Fluggeräts.

 

Fragen wir zum Schluss, wozu Hesekiel das alles erzählt hat:

Er war Priester, kannte also die Verhältnisse im Jerusalemer Tempel, hat mindestens die fahrbaren Wasserbehälter gesehen und war auch mit den mythologischen Überlieferungen vertraut.

Er war aber als junger Mann von den Babyloniern mit der gesamten jüdischen Oberschicht nach Babylonien deportiert worden und betreute dort seine Landsleute.

Zehn Jahre später haben die Babylonier Jerusalem und den Tempel zerstört. Die Thronwagenvision gehört in die Zeit vorher.

Was Hesekiel damit sagen wollte, geht nur aus dem Gesamtzusammenhang des Buches hervor: Der Thron Gottes ist nicht im Allerheiligsten festgeschweißt und Gott ist nicht dort eingesperrt. Sein Thron ist beweglich, denn um allgegenwärtig sein zu können, muss Gott blitzschnell überall hinkönnen. Das Rädergestell mit dem Wasserbehälter bot sich regelrecht als Vergleich an.

Hesekiel geht noch einen Schritt weiter: Gott verlässt mit seinem Thronwagen den Tempel und Jerusalem (11,22-23). Man glaubte: Uns kann nichts passieren, weil Gott bei uns ist. Kann aber doch, denn Gott kann mit seinem fahrbaren Untersatz den Tempel und die Stadt verlassen.

Hesekiels Aussagen sind im Gesamtzusammenhang eindeutig. Bloß ist er in seiner überschäumenden Phantasie zu sehr an Detail gegangen, so dass man kaum noch versteht, was er sagen will.

Das alles ist also ganz und gar nichts Mysteriöses, sondern literargeschichtlich und kunstgeschichtlich erklärbar.

 

 

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Datum: 2010

Aktuell: 26.03.2016