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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Jeftahs Tochter

Richter 11,30-40

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Ri 11,30-39b

Ri 11,39c-40

Hes 8,14

Tammus

Jer 31,15

Ps 126,5+6

 

Der Text berichtet zweierlei:
V. 30-39b Der Heerführer Jeftah gelobt im Falle eines Sieges, das erste, was ihm aus der Hautür entgegengeht, als Brandopfer zu darzubringen, das ist seine eigene Tochter. Die Tochter ist damit einverstanden und bittet um eine Gnadenfrist von zwei Monaten, um "hinzugehen auf die Berge und mit den Gespielinnen ihre Jungfrauschaft zu beweinen". Dann erfüllt der Vater sein Gelübde. Die Ausführung wird in der Erzählung nur angedeutet.

Auch der griechische Heerführer Agamemnon opfert vor dem Trojanischen Krieg seine Tochter Iphigenia, u. zw. der Göttin Artemis. Auch Iphigenia erklärt sich einverstanden. Aber im letzten Augenblick wird die Jungfrau entrückt und dient seitdem der Göttin als Priesterin an einem weit entfernten Ort.
Diese Geschichte ist aber nur bedingt zu vergleichen: Agamemnon handelt nicht aufgrund eines Gelübdes, sondern auf Befehl der Gottheit (ähnlich Gen 22 Isaaks Opferung). Das Orakel verlangt ausdrücklich die Opferung Iphigenias. Jeftah dagegen gelobt blind das erste Lebewesen, das ihm aus seiner Haustür entgegengeht – wie in den späteren Märchen ausdrücklich gesagt, hätte es ja auch ein Tier sein können.
Grundlage ist sicherlich der archaische Brauch, dass der Anführer in besonderen Situationen sein eigenes Kind opfert (Mescha in Kriegsnot 2. Kön 3,27; Hiël bei der Wiedergründung von Jericho 1. Kön 16,34).

V. 39c-40 Es gibt einen Brauch, dass die "Töchter Israels" vier Tage im Jahr "hingehen um zu klagen".
Dieser wird begründet mit der Trauer von Jeftahs Tochter.

Merkwürdig ist der Wunsch, zwei Monate "hinzugehen auf die Berge und mit den Gespielinnen ihre Jungfrauschaft zu beweinen". Warum kann sie nicht daheim trauern? Was ist mit "Jungfrauschaft" gemeint? Dem Zusammenhang nach müssen wir annehmen: ihr junges, unerfülltes Leben, ohne Mann und ohne Kinder. Aber so wie's dasteht, könnte man auch verstehen: das Ende ihrer Jungfrauschaft. Hieß es in der ursprünglichen Sage, der Vater hätte sie der Gottheit geweiht, als jungfräuliche Priesterin wie die römischen Vestalinnen oder als Tempelprostituierte?

An einen ähnlichen Klagebrauch erinnern auch andere Bibelstellen:

Hes 8,14 Und er führte mich zum Eingang des Tores am Hause des HERRN, das gegen Norden liegt, und siehe, dort saßen Frauen, die den Tammus beweinten.

Tammus war ein mesopotamischer Fruchtbarkeitsgott, der wie die griechische Persephone in die Unterwelt entführt wird. Da im Monat Tammus (Juni / Juli) die trockenste Jahreszeit ist, wird der Mythos mit dem Absterben der Vegetation im Hochsommer zusammenhängen. Der Tammuskult kam durch mesopotamischen Einfluss Ende der Königszeit nach Jerusalem. Auch Dan 11,37 (Liebling der Frauen) scheint darauf anzuspielen. Ähnlich der westsemitische Adonis. Denselben Sachverhalt symbolisiert auch die griechische Persephone, Tochter der Vegetationsgöttin Demeter, eine Frau wie Jeftahs Tochter.

Jer 31,15 Man hört Klagegeschrei und bittres Weinen in Rama: Rahel weint über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder; denn es ist aus mit ihnen.

Nach dem Zusammenhang weint die Ahnfrau um den Untergang ihrer Kinder, der Nordstämme.
Es könnte aber auf einen älteren Klagebrauch angespielt sein.

Ps 126,5+6 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Der Psalm ist ein Danklied für das Ende der Babylonischen Gefangenschaft, kein Ausdruck der Hoffnung auf Erlösung wie in der Lutherübersetzung.
Die beiden letzten Verse spielen auf landwirtschaftliche Bräuche an: Tränen beim Säen – Jubel bei der Ernte. Die Aussaat konnte verstanden werden als materieller Verlust ("wir werfen unsere letzten Vorräte weg") und als Opfer an die Gottheit des Feldes ("ich gebe dir, gib du mir"). Natürlich war die Trauer längst ritualisiert.

Dass die "Töchter Israels" vier Tage im Jahr Klage halten um die Tochter Jeftahs, kann man deuten auf vier zusammenhängende Tage oder auf vier rituelle Klagefeiern zu verschiedenen Terminen (u. a. bei der Aussaat und im Hochsommer). Dass sie dazu "hingehen" wie die Tochter Jeftahs und in Ps 126 scheint auszudrücken, dass sie auch in die Berge, d.h. in die freie Natur gehen und dass die Trauer gar nicht Jeftahs Tochter, sondern der gestorbenen Naturgottheit gilt.
Die Erzählung ist eine ätiologische Sage, sie will den Grund (griechisch aitía) nennen, warum die Frauen klagen. Sie begründet den Brauch aber nicht mythologisch (Tod einer Gottheit), sondern historisch (Opferung der Tochter Jeftahs).

   

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Datum: 2006

Aktuell: 26.03.2016