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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Noah und Mose

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Noah und Mose haben gemeinsam dass beider Leben vom Wasser bedroht ist und beide in einer Arche (hbr. tebâ) gerettet werden. Beide Archen sind mit Asphalt abgedichtet. Der Mosegeschichte zugrunde liegt offenbar ein archetypisches Bild, das an das Märchen vom Klapperstorch erinnert: die kleinen Kinder werden aus dem Teich (Wasser) gefischt und ihren Eltern gebracht, genauso wie Mose von der Königstochter aus dem Nil gefischt und seiner Mutter zurückgegeben wird.

Dies ist wohl ein Geburtsmythos: Das Wasser ist das Fruchtwasser und die Arche die Gebärmutter.

Merkwürdig ist allerdings, dass dieser Geburtsmythus verkoppelt ist mit dem Todesmotiv (Wasser der Sintflut). Die Germanen schickten ihre Toten z. T. auf Schiffen auf die Reise ins Totenreich, ähnliches wird in vielen anderen Mythen erzählt: das Reich der Toten ist nur zu Schiff zu erreichen. Die Mosegeschichte ist daher eher eine Wiedergeburts- oder Taufgeschichte als eine echte Geburtslegende. Genauso erzählt die Sintflutsage den Tod und die Wiedergeburt der Menschheit.

Geht das archetypische Bild vom Wasser und der Arche auf ein noch früheres Ereignis zurück, den Eisprung und die Wanderung des Eis durch den Eileiter in die Gebärmutter? Dieser Weg ist im Normalfall der Weg in den Tod; der größte Teil der Eier geht zugrunde. Nur im Ausnahmefall "landet" ein befruchtetes Ei in der Schleimhaut der Gebärmutter; setzt sich dort fest und wächst zu neuem Leben heran. Dasselbe Schicksal haben auch die Samen: nur einer überlebt, die Masse der anderen geht zugrunde. Der männliche Same überlebt nur, wenn es ihm gelingt, in die Eizelle einzudringen, die daraufhin hermetisch abgeschlossen wird. So ist es auch bei der Sintflut: der männliche Noah geht in die weibliche Arche [1], die hierauf hermetisch abgeschlossen wird und ihre Fahrt auf den Wassern der Sintflut beginnt. Ist die Sintflut die Samenflüssigkeit?

Damit wäre auch erklärt, wieso die Sintflutgeschichte in vielen Teilen der Welt in ähnlicher Form erzählt wird: Nicht weil es eine Sintflut gegeben hätte, die die ganze Erde bis zu den höchsten Bergen überschwemmt hätte. Auch nicht, weil es immer wieder überall auf der Erde Überschwemmungen gab, bei denen die die größten Chancen hatten, die ein Schiff besaßen, sondern weil diese Urerfahrung von der vorgeburtlichen Bedrohung seines Lebens jeder gemacht hat.

Wenn nun die Germanen ihre Toten zu Schiff auf die Reise ins Jenseits schickten, bedeutet das wohl, dass sie diese wieder dahin schicken wollten, wo sie her kamen: Der Tod bedeutet die Rückgängigmachung der Geburt, Rückkehr in den Mutterleib und in den Eierstock; von daher wird auch der Glaube an die Seelenwanderung verständlich: Aus dem Mutterleib entsteht wieder neues Leben. Wenn Sterbende das Gefühl haben, durch einen engen Tunnel zu müssen, an dessen Ende Licht ist, so ist das eine genaue Wiederholung des Geburtserlebnisses; nur dass der Weg ja eigentlich vom Hellen ins Dunkle geht; aber die Geburt erfolgte ja auf dem umgekehrten Weg.

Die Sintflut wäre also eine in den Makrokosmos übertragene Urerfahrung des individuellen Menschen.

Dies schließt allerdings, nicht aus, dass es in den letzten Jahrtausenden seit der Eiszeit wiederholt zu katastrophalen Überschwemmungen gekommen ist, die große Teile eines Volkes vernichtet haben, und bei denen sich nur wenige auf Schiffen in eine neue Heimat retten konnten.

Aber dies erklärt nicht die Universalität der Sintflut, das Überleben nur eines Paares, die Landung auf einem Berg, die Exklusivität der Rettung, die Geschlossenheit der Arche (ein offenes Boot hätte zur Rettung auch ausgereicht), die merkwürdige Antriebs- und Steuerlosigkeit der Arche, die Vereinigung von Ozean und Regen bei der Sintflut (Regen: archetypisches Bild für den Samen).

Merkwürdig ist, dass ausgerechnet die Germanen und die Ägypter keine Flutsagen kennen, zwei Völker, die doch ständig mit Überschwemmungen zu tun hatten. Bei den Ägyptern ist das nicht erstaunlich, denn sie erlebten die Nilüberschwemmung nicht als Bedrohung, sondern als Segen. Und falls irgendwelche Nordseevölker ihre Heimat durch Sturmfluten verloren, so sind die in großen Mengen in offenen Schiffen geflohen und in weit entfernten Ländern gelandet. Es gab also an der Nordsee keine Noahs, die von ihrer geglückten Rettung hätten erzählen können. Die See-Erfahrung der Germanen bot ihnen also keine Veranlassung, den Geburtsmythos als Mose- oder Sintflutgeschichte zu erzählen; umgekehrt hat diese Erfahrung ihre Vorstellungen vom Tod nachhaltig beeinflusst. Die Totenschiffe sind das Gegenstück zur Arche Noah.

Es gibt übrigens doch ein germanisches Gegenstück zur Arche. Das ist der ausgehöhlte Baumstamm, in dem sich Wieland, der Schmied als erwachsener Mann zum Räuber seines Zauberrings treiben lässt, zu König Nidung. Der hält Wieland gefangen und lässt ihn für sich arbeiten, bis der gehunfähig gemachte Schmied wie einst Daedalus mit künstlichen Flügeln wieder in seine Heimat entflieht: eine Weiterbildung der Daedalussage mit deutlichen Anspielungen an Geburt (ausgehöhlter Baumstamm), Versklavung der Seele im Leib und Tod mit Befreiung der geflügelten Seele. Aber Wieland ist eben weder der gerettete Mose noch der gerettete Noah.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Das Wort ist im Hebräischen, Griechischen, Lateinischen und Deutschen feminin!

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Begriffe Sintflut | Exegese Sintflut

 

 

Datum: 1979 /2007

Aktuell: 26.03.2016