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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Urgeschichte der Bibel

Auf Grundlage des Ferienbibelseminars 1982
(Dekanat Reinheim)

Wo lag das Paradies?

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Garten Eden und Paradies
am Toten Meer?
in Armenien!
Spätere Geographie

Wo lag das Paradies wirklich?

 

Garten Eden und Paradies

Der Ort, den wir Paradies nennen, heißt in der Bibel (1. Mose 2,8) Garten in Eden, später kurz Garten Eden. Gemeint ist also eine parkähnliche Anlage in einer Gegend, die Eden heißt. In 2. Kön 19,12 = Jes 37,12; Hes 27,23 wird eine Landschaft in Assyrien so genannt, die uns auch in assyrischen Quellen als Bît-Adini bekannt ist.

Unser Wort Paradies kommt aus dem Persischen: Awestisch pairidaeza 'Gehege' wurde nicht nur als griech. παράδεισος (parádeisos), lat. paradisus 'Tiergarten, Park, Paradies' > dt. Paradies ins die europäischen Sprachen übernommen, sondern kommt als פרדס (pardés) 'Baumgarten, Park' auch in den späten Büchern des Alten Testamentes vor (Hohes Lied 4,13; Pred. 2,5; Neh 2,8).
Das heutige persische فردوس (ferdous) 'Paradies' kommt dagegen von arabisch فردوس (firdaus) 'Paradies' und erst dieses über eine andere Sprache aus dem Altpersischen.

am Toten Meer?

  • Kain, der Sohn Adams, ist nach Meinung vieler Forscher der Stammvater der Keniter, die westlich des Toten Meers gelebt haben.
  • 4. Mose 24,17 werden im Parallelismus die Moabiter "Söhne Sets" genannt. Set aber gilt ebenfalls als Sohn Adams. Die Moabiter lebten östlich des Toten Meeres.
  • Dies lässt den Schluss zu, dass Adam ursprünglich der Stammvater der Edomiter war, die südöstlich vom Toten Meer wohnten. An der Südspitze des Toten Meers soll es eine Stadt Adma gegeben haben, die mit Sodom, Gomorra und Zeboim unterging.

Nun heißt es 1. Mose 13,10, die später verwüstete Gegend dieser Städte sei wasserreich und wie der Garten Jahwes. Hat man hier zuerst das Paradies gesucht, und steht der Verlust des Paradieses im Zusammenhang mit dem Untergang dieser Städte?

Auffallend ist, dass nach 1. Mose 4,26 Set als erster Jahweverehrer gilt. Hinter dem Gebirge Seïr (Edom) soll der heilige Berg Jahwes gelegen haben, und die Keniter gelten ebenfalls als alte Jahweverehrer.

in Armenien!

Die Paradiesesgeschichte dagegen weist in eine andere Gegend: Der Garten in Eden ist ja doch wohl mit dem assyr. Bît-Adini identisch, das am oberen Euphrat lag. Aus dieser Gegend (Haran) kamen die Erzväter.

1. Mose 2,10-14 (Paradiesesströme) ist ein späterer Einschub, der anscheinend eine längere Vorgeschichte hat. Nur zwei der vier Ströme sind zu identifizieren:

  • Nr. 3 Hiddekel "östlich von Assyrien" = sumerisch I-Digna, aramäisch Diglat, altpersisch Tigrâ, heute Tigris

  • Nr. 4 Prat (ohne weitere Erklärung) = Euphrat
    Beide Namen haben uns die Griechen vermittelt, die sie von den Persern übernommen haben.

Bei den anderen ist es schwieriger:

  • Nr. 1 Gihon ist sonst eine Quelle in Jerusalem,

  • Nr. 2 Pischon ist außerhalb der Paradiesesgeschichte gänzlich unbekannt. Das Land חוילה Hewila, das er umfließt, scheint mit hebräisch חול (ḥôl) 'Sand' zusammenzuhängen und erinnert an einen Stammvater der Aramäer namens חול (Ḥûl 1. Mose 10,23). Die Aramäer lebten im heutige Syrien
    Offenbar sind die beiden ersten Namen Phantasienamen.

Die Tradition weiß zunächst nur von vier Flüssen, die im Paradies entspringen. Gehen wir von den bekannten Namen (Tigris und Euphrat) aus und der Gegend von Eden, so kommen wir an die Quellen beider Flüsse nördlich von Eden. Dort in Armenien in der Nähe des Berges Ararat (Noah!) entspringen außer den beiden Quellflüssen des Euphrat auch die beiden Flüsse Arax und Kura, die ins Kaspische Meer münden, und von denen Israel nichts mehr wissen konnte.

Schwierig bleibt, dass diese vier Flüsse zwar in derselben Gegend entspringen, aber keine Arme eines gemeinsamen Hauptstroms sind.

Spätere Geographie

Die geographischen Angaben über die Paradiesesströme machen es unmöglich, die Landschaft des Paradieses genau zu lokalisieren.

  • Die Quellen von Euphrat und Tigris verweisen weiterhin auf Armenien.

  • Der Pischon dagegen soll um das Goldland Hewila herumfließen, das möglicherweise in Syrien zu suchen ist. Beim Pischon könnte also an einen Nebenfluss von Euphrat oder Tigris gedacht sein.

  • Das Land Kusch dagegen wird vom Gihon umflossen. Kusch war der Name von Sudan und Äthiopien; man könnte also an den (nubischen) Nil denken, freilich für den Nil eine seltsame Bezeichnung, da dieser Fluss sonst in der Bibel Jeor heißt.

Man hat also in späterer Zeit versucht, die Paradiesesströme mit den bekannten größeren Flüssen zu identifizieren, was natürlich nicht möglich ist, und hat damit die Schwierigkeit geschaffen, das Paradies zu lokalisieren. Denn Euphrat und Nil entspringen nun einmal in ganz verschiedenen Gegenden, über 3000 km voneinander entfernt!

Wo lag das Paradies wirklich?

Natürlich gibt es heute keinen Ort auf der Erde, den man mit dem biblischen Paradies identifizieren könnte. Das ist ja auch die Aussage von 1. Mose 3: Das Paradies ist verloren. Wir haben keinen Zugang mehr dazu.

Nach der Bibel trieben die ersten Menschen noch keinen Ackerbau, sondern lebten von dem, was sie im Garten Eden fanden. So war es in der Vorgeschichte tatsächlich, als die Menschen sich bis vor ungefähr 8.000 Jahren als "Wildbeuter" oder "Sammler und Jäger" von dem ernähren konnten, was ihnen die Natur bot. Das Ende der Eiszeit brachte schwerwiegende Veränderungen im ökologischen Gefüge der Erde und zwang die Menschen, ihre Ernährung umzustellen. Den Übergang vom ungebundenen, paradiesischen Wildbeuterleben zur mühsamen Landwirtschaft haben sie sicher nicht als "Forschritt", sondern als Fluch erlebt.

Durch die primitiven Methoden der ersten Landwirtschaft waren die Böden bald erschöpft und gaben nichts mehr her. Ja es lässt sich nachweisen, dass die ersten Bauern schwere ökologische Schäden verursacht hatten (z.B. Erosion). In der Geschichte von Kain und Abel (1. Mose 4) wird auch deutlich, welche Probleme die ersten Pflanzer hatten: im Unterschied zur Viehzucht hat sich Landwirtschaft schon damals kaum rentiert. Immer wieder mussten Bauern ihre angestammte Scholle verlassen und in immer unwirtlichere Gebiete ziehen, wo sie schließlich nur noch als heimatlose Nomaden überleben konnten. Das war allerdings auch Folge der damaligen Klimaveränderungen, als nach und nach der Orient austrocknete.

Die biblische Urgeschichte spielt also weniger in einer bestimmten Gegend, sondern in einer bestimmten Zeit, die sich wesentlich von unserer unterscheidet, und spiegelt den Übergang von der Sammelwirtschaft zur planmäßigen Landwirtschaft.

   

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Datum: 1977 / 2015

Aktuell: 15.03.2017