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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Bibelübersetzungen im Vergleich

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Urtext:

griechisch    

lateinisch
traditionell:

Luther     Einheitsübersetzung
modern:

Gute Nachricht Hoffnung für alle

 

Lukas 10,38-42 "Maria und Martha"

Kursiv: theologische Schlüsselwörter
{...} steht im Urtext, in der Übersetzung ausgelassen

durchgestrichen
: steht nicht im Urtext
unterstrichen
: ungenau übersetzt

Urtext

 

Anmerkungen:

a Der Name bedeutet Herrin
b
Jesus ist allein eingeladen!
c
zu Füßen sitzt der Schüler
d
griechisch diakonia, Fachbegriff für das christliche 'Dienen'

 

 

wörtlich aus dem Griechischen

1 Beim ihrem Reisen aber kam er b in ein gewisses Dorf. Eine gewisse Frau aber mit Namen Martha a nahm ihn b auf. 2 Und ihr war eine Schwester, genannt Mariam 3, die auch dabeisitzend zu den Füßen c des Herrn sein Wort hörte. Die Martha aber war herumgezerrt um vielen Dienst. d Herantretend e aber sprach sie: „Herr, liegt dir nichts daran, dass mich meine Schwester allein dienen ließ? Sprich zu ihr also, dass sie sich meiner annehme.“ Antwortend sagte ihr aber der Herr: „Martha, Martha, du sorgst dich und bist beunruhigt um vieles. Eins aber ist nötig. 4 Mariam hat nämlich das gute Teil auserwählt, welches ihr nicht weggenommen werden wird.“

 

e Das Wort kann auch bedeuten als Vorsteherin

w

wichtige Textvarianten:
1
Es geschah aber, als...
2
in ihr Haus
3
Maria
4
du sorgst dich und bist durcheinander wegen vielem. Weniges aber ist nötig.

 

 

wörtlich aus dem Lateinischen

1 Als sie aber gingen, kam er in ein gewisses Dorf, und eine gewisse Frau mit Namen Martha nahm ihn auf  2. Und ihr war eine Schwester mit Namen Maria, die auch sitzend bei den Füßen des Herrn sein Wort hörte. Martha aber hatte genug zu tun um zahlreichem Dienst; sie stellte sich hin und sagte: „Herr, ist es dir keine Sorge, dass mich meine Schwester allein dienen ließ? Sag ihr also, dass sie mir helfe. Und antwortend sagte ihr der Herr: „Martha, Martha, du bist besorgt und beunruhigst dich gegenüber mehrerem. Weiterhin eins ist notwendig; denn Maria hat das beste Teil auserwählt, welches nicht von ihr weggenommen werden wird.

 

 

 

Luther 1546

Es begab sich aber, da sie wandelten 1, ging er in einen Markt 2. Da war ein Weib 3 mit Namen Martha, die nahm ihn auf in ihr Haus. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die satzte 4 sich zu Jesu Füßen und höret seiner Rede zu. Martha aber machet ihr 5 viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragest du nicht darnach, daß mich meine Schwester läßt alleine dienen? Sage ihr doch, daß sie es auch angreife! Jesus aber antwortet und sprach zu ihr: Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe; eines aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählet; das soll nicht von ihr genommen werden.

 

Luther 1984

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

 

 

1  = wanderten
2
= Dorf
3
= Frau
4
= setzte
5
= sich

 

 

Luther hatte als Vorlage einen ausführlicheren, jüngeren griechischen Text. Er übersetzt sehr textgetreu; der einzige Fehler zu Jesu Füßen statt dem Herrn zu Füßen könnte durch eine fehlerhafte Urtextausgabe bedingt sein.

dass sie es auch angreife: Hier hat Luther das griechische Wort nicht verstanden.

Du hast viel Sorge und Mühe ist eine gelungene Übertragung des schwerfälligen griechischen Du sorgst dich und bist beunruhigt um vieles.

Im Vergleich zu den anderen untersuchten Übersetzungen ist Luther nach wie vor unübertroffen an Genauigkeit und Wortgewandtheit.

 

 

 

Einheitsübersetzung

Sie zogen zusammen weiter, und er kam in ein Dorf. {...} Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überläßt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere {...} gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.

 

 

 

freundlich: Das griechische Wort für aufnehmen schließt Bewirtung und Beherbergung ein. Freundlich trifft nicht den Sinn des Wortes und unterstellt der Martha eine freundliche Gesinnung. Die Gute Nachricht formuliert besser gastlich aufgenommen.

für ihn zu sorgen ... die ganze Arbeit: Hier geht der Begriff Dienst genauso unter wie das Wort viel, das im Gegensatz zu dem Einen steht.

das Bessere: Tatsächlich gibt es nur zwei Möglichkeiten: hören oder dienen. Wenn das Hören gut ist, ist es zugleich auch besser als das Dienen und die beste der beiden Alternativen. Das Dienen ist nach semitischem Sprachgefühl damit nicht schlecht oder falsch, sondern nur weniger gut. Von daher lässt sich die Übersetzung „das Bessere“ vertreten.

Die Einheitsübersetzung versucht, traditionelle Sprache mit Verständlichkeit zu verbinden. Es ist schade, dass dabei die Genauigkeit verloren gegangen ist

 

 

 

Gute Nachricht 1982

Als Jesus und seine Jünger weiterzogen, kamen sie in ein Dorf, in dem er von einer Frau namens Marta gastlich aufgenommen wurde. Sie hatte eine Schwester mit Namen Maria, die setzte sich vor den Füßen des Herrn nieder und hörte ihm {...} zu. Marta dagegen hatte alle Hände voll zu tun, um ihn zu bedienen. Sie trat zu Jesus und sagte: »Herr, kümmert es dich nicht, daß mich meine Schwester die ganze Arbeit allein tun läßt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!« Der Herr antwortete ihr: »Marta, Marta, du sorgst und mühst dich um so viele Dinge, aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere {...} gewählt, und das soll ihr nicht weggenommen werden.«

 

Gute Nachricht 1997

Als Jesus mit seinen Jüngern weiterzog, kamen er in ein Dorf, in dem er von einer Frau namens Marta gastlich aufgenommen wurde. Marta hatte eine Schwester mit Namen Maria, die setzte sich vor den Füßen des Herrn nieder und hörte ihm {...} zu. Marta dagegen war überbeschäftigt mit der Vorbereitung des Essens. Schließlich trat Marta zu Jesus und sagte: »Herr, kümmert es dich nicht, daß mich meine Schwester die ganze Arbeit allein tun läßt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!« Der Herr antwortete ihr: »Marta, Marta, du machst dir so viele Sorgen und verlierst dich an vielerlei, aber nur eines ist notwendig. Maria hat die gute Wahl getroffen; sie hat sich für das unverlierbar Gute entschieden, das ihr nicht genommen werden kann

 

 

 

Die Gute Nachricht von 1982 wird ihrem Anspruch gerecht, ein „dynamisch gleichwertige Übersetzung“ zu sein. Sie will den Sinn der Sätze richtig wiedergeben, ohne sich sklavisch an Worte zu klammern. Dabei gehen zwar Schlüsselworte verloren (hier z.B. das Wort), aber der Sinn wird zutreffen wiedergegeben. Einziger sachlicher Fehler: „kamen sie in ein Dorf“ – wohl aus logischen Gründen, weil vorher von ihrer Weiterreise die Rede ist.

Die Überarbeitung von 1997 will wieder auf die Schlüsselwörter zurückkommen, verlässt aber ohne Not den guten, knappen Wortlaut von 1982.
hatte alle Hände voll zu tun, um ihn zu bedienen
ist eine gute, verständliche Übersetzung des schwierigen griechischen Ausdrucks und erhält das Schlüsselwort bedienen.
Dagegen engt war überbeschäftigt mit der Vorbereitung des Essens die Bedeutung des Dienens ein (das Servieren gehört doch wohl auch dazu) und bringt zudem die moderne holprige Formulierung war überbeschäftigt.
Der Schluss der Geschichte ist 1997 unnötig aufgebläht. verlierst dich ... das unverlierbar Gute hat so wenig einen Rückhalt im Urtext wie die Doppelung eine gute Wahl getroffen – für das unverlierbar Gute entschieden.
Es gab keinen einsichtigen Grund, die Übersetzung von 1982 so zu verunstalten.

 

 

 

Hoffnung für alle

Jesus kam mit seinen Jüngern in ein Dorf, wo sie bei einer Frau aufgenommen wurden, die Martha hieß. {...} Maria, {...} ihre Schwester, setzte sich zu Jesus  {...} und hörte ihm  {...} aufmerksam zu. Martha aber war unentwegt mit der Bewirtung ihrer Gäste beschäftigt. Schließlich kam sie zu Jesus und fragte: «Herr, siehst du nicht, daß meine Schwester mir gar nicht hilft? Sie überläßt mir die ganze Arbeit. Kannst du ihr nicht sagen, daß auch sie etwas tun soll?» Doch Jesus antwortete ihr: «Martha, Martha, du machst dir viel Sorgen und mühst dich um {...} Dinge, die im Grunde nicht so wichtig sind. Wichtig ist nur eins! Das hat Maria verstanden, und davon werde ich sie nicht abbringen

 

 

 

Das ist eher eine Nacherzählung als eine Übersetzung, die erkennbaren Grundsätzen folgt.
Es sind zu viele interpretierende Zusätze eingeschoben (mit seinen Jüngern, aufmerksam, mir gar nicht hilft, die im Grunde nicht so wichtig sind).
Jesus behauptet nicht, dass der Dienst Marthas im Grunde nicht so wichtig sei!
Die Schlüsselbegriffe sind kaum noch zu erkennen oder wurden ganz aufgegeben.
Der letzte Satz „Wichtig ist nur eins...“ ist sehr ungenau. Notwendig ist mehr als nur wichtig. Dass Maria verstanden hat, ist etwas Anderes als das gute Teil erwählt. Nicht Jesus, sondern Martha will der Maria das gute Teil abnehmen.
„Hoffnung für alle“ mag sich vielleicht zum Vorlesen oder zur Erstbegegnung eignen, bleibt aber an der Oberfläche und verwehrt dem Leser, tiefer in den Text einzudringen. Ein einfacher Vergleich mit anderen Übersetzungen wird auch einem Laien den Eindruck vermitteln, dass er mit der „Hoffnung für alle“ nicht weiß, wo er dran ist.

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1999 / 2015

Aktuell: 26.03.2016