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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Neutestamentliches aus Qumran

Kirche am Ort März 1993

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Ein winziger Papyrusfetzen birgt eine Überraschung! Wie kann man in diesen Buchstaben überhaupt einen Sinn erkennen? Ich habe sie hier ins Deutsche übertragen.

Es gibt folgende Möglichkeiten:

  1. Es handelt sich um einen unbekannten Text aus einer verlorenen Quelle. Dann gibt es überhaupt keine Möglichkeit festzustellen, was diese Buchstaben bedeuten. Auf keinen Fall handelt es sich um eine wichtige Information, die völlig neue Einblicke in die Entstehung von Neuem Testament, Kirche und Christentum geben könnte und vom Papst unter Verschluss genommen werden müsste.

  2. Es handelt sich um einen bekannten Text. Tatsächlich ist es mit Computerhilfe gelungen, diese Buchstaben mit den Versen von Markus 6,53‑54 zu identifizieren.

VERSTÄNDIGGEWORDENÜBERDENBROTEN

Und sie waren nicht verständig geworden über den Broten, sondern in ihren Herzen verhärtet. Und sie setzten über an Land und kamen nach Gennezaret und landeten, und als sie ausgestiegen ...

SONDERNINIHRENHERZENVERHÄR

TET UNDSISETZTENÜBER

UNDKAMENNACHGENNEZARETUND

LANDETENUNDALSSIEAUSGESTIE

Diese Deutung hat zwei Schönheitsfehler: 1. Die Worte "an Land" wurden ausgelassen. 2. Es liegt ein Schreibfehler vor (wiedergegeben mit "si setzen").

Ähnliche Schreibfehler sind in anderen Handschriften nachgewiesen, Auslassungen ebenfalls. Warum soll es sich also nicht um einen neutestamentlichen Text handeln?

Die Überraschung bringt nicht der Inhalt des Textes, sondern die Tatsache, dass es in Qumran auch neutestamentliche Schriften gab, dass diese Schriften schon vor 68 n. Chr. vorlagen, und dass sie nicht in Buchform gebunden, sondern auf Rollen geschrieben waren. Alle bisherigen christlichen Handschriften stammen aus Büchern. Vielleicht haben die Qumranleute die Texte auf die bei ihnen gebräuchlichen Rollen umgeschrieben.

Es hat sich übrigens herausgestellt, dass es in der Bibliothek von Qumran nicht nur essenische Literatur gab, sondern auch Schriften anderer Sekten: der Pharisäer, der Leviten und der frühen Christen. Außer diesem Markustext fand man auch Markus 4.28; 1. Timotheus 3,1‑4,3 und Jakobus 1,23‑24 ‑ alles auf winzigen Fetzen. Da scheint jemand später die christlichen Texte kurz‑ und kleingerissen zu haben.

Das Aufregende an dieser Entdeckung ist, dass die Schriften des Neuen Testaments älter sind als bisher angenommen. Markus und 1. Timotheus hatte man bisher in die Zeit nach 70 datiert, den Jakobusbrief noch später, erst ins 2. Jahrhundert. Wenn es aber in Qumran diese Schriften gab, müssen sie schon existiert haben, als die Bibliothek des Klosters 68 n. Chr. vor dem drohenden Krieg in die Höhen ausgelagert wurden.

Damit kommen wir aber Jahrzehnte näher an die Jesuszeit heran als bisher angenommen. Die Qumranfunde stellen also einerseits moderne kirchliche Überzeugungen in Frage ("Die Evangelien wurden erst nach 70 geschrieben"), unterstützen aber andrerseits die Glaubwürdigkeit des Neuen Testaments. So viele Missverständnisse und Verfälschungen können sich gar nicht in dieser kurzen Zeit durch die mündliche Überlieferung in die Evangelien eingeschlichen haben!

Diese Entdeckung ist schon über 20 Jahre alt. Warum wurde sie erst jetzt veröffentlicht? Weil maßgebliche evangelische Forscher lange Zeit bestritten haben, dass es sich um neutestamentliche Texte handelt. Erst jetzt scheint die interne wissenschaftliche Diskussion abgeschlossen zu sein. Seriöse Wissenschaftler veröffentlichen ihre Ergebnisse erst, wenn sie sich ganz sicher sind. Sie lieben keine Sensationen.

Quelle: Bernhard Mayer (Herausgeber), "Christen und Christliches in Qumran" Nov. 1992

   

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Datum: 1993 / 2015

Aktuell: 26.03.2016