Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Quellen | Bibelwissenschaft | Systematische Theologie | Religionswissenschaft | Praxis

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wissenswertes über das Neue Testament

Email:

1. Grundsätzliches zur Bibel

a) 4500 Jahre, Tausende von Mitarbeitern und trotzdem ein Buch

b) Was bedeutet uns die Bibel?

2. Das Alte und das Neue Testament

a) Bedeutung von Testament

b) Ähnlicher Aufbau

3. Das Neue Testament

a) Übersicht

i) Evangelien und Apostelgeschichte

ii) Paulus

iii) Die "katholischen Briefe"

iv. Die Offenbarung

b) Die im Neuen

Testament behandelte und angedeutete Geschichte

 

1. Grundsätzliches zur Bibel

a) 4500 Jahre, Tausende von Mitarbeitern und trotzdem ein Buch

i. Wer hat die Bibel geschrieben?

Die Bibel ist nicht wie der Koran ein Buch, das Gott einem einzigen Verfasser innerhalb weniger Jahre offenbart hat. Sondern sie wurde von einer unbekannten Zahl von Autoren innerhalb eines Zeitraums von mehr als 1000 Jahren geschrieben. An ihr sind auch nicht nur diejenigen beteiligt, die die einzelnen Texte formuliert haben, sondern mindestens ein Drittel der biblischen Schriften geht auf mündlich überlieferte Vorlagen zurück. Die älteste davon, die Sintflutsage, hat ein nachweisbares literarisches Alter außerhalb der Bibel von etwa 4500 Jahren. [1] Die meisten Abschnitte der Bibel sind auch nicht innerhalb kurzer Zeit schriftlich formuliert worden, sondern haben ein längeres Wachstum hinter sich. Nicht nur die eigentlichen Verfasser waren da am Werk, sondern ein Heer von Abschreibern, Sammlern, Kommentatoren, Herausgebern usw.

ii. Wer hat die biblischen Bücher zusammengestellt?

Nicht Hohe Priester und Päpste haben entschieden, welche der vielen religiösen Abhandlungen "heilige Schrift" waren, sondern die lesenden Gemeinden trafen die erste Auswahl; sie fanden einige Bücher so gut und so bedeutungsvoll, dass sie sich immer wieder in ihren Zusammenkünften damit beschäftigten. Es waren auch keine Hohen Priester und Päpste, die einsame letzte Entscheidung fällten. Vielmehr haben sich Gelehrtenkommissionen und Bischofskonferenzen wiederholt mit der Frage beschäftigt: Welche Bücher sind denn nun heilige Schrift und welche nicht?

Altes Testament

Kern des Alten Testaments ist die Thora, die erstmals zur Zeit Esras und Nehemias (um 450 v. Chr.) in ihrer heutigen Gestalt vorzuliegen scheint. Nehemia 8-10 berichtet von der offiziellen Einführung dieses Gesetzes.
Kern der Thora ist das 5. Buch Mose (Deuteronomium), welches bereits unter König Josia 622 v. Chr. Gesetzeskraft erlangte.
[2]
Noch zur Zeit Jesu erkannten die Sadduzäer und Samaritaner nur die Thora als heilige Schrift an. Die Pharisäer und Jesus dagegen beriefen sich auch auf andere Bücher, die heute in der hebräischen Bibel stehen. Pharisäische Schriftgelehrte legten nach dem jüdischen Krieg auf der Synode von Jamnia in den achtziger Jahren fest: "Nur die hebräischen und aramäischen Bücher sollen die Würde heiliger Schriften erhalten." Die darüber hinaus gehenden griechischen Werke, die von den Christen gelesen wurden, wurden nicht anerkannt.
Bis Luther galt bei den Christen unangefochten die griechische Bibel bzw. ihre lateinische Übersetzung; Luther verbannte diejenigen Teile des Alten Testaments in den Anhang der "Apokryphen", welche nur in griechischer Sprache vorlagen.
Die katholische Kirche hat sich dieser Auffassung erst in jüngster Zeit angeschlossen. In der eigentlich ökumenisch konzipierten Einheitsübersetzung sind die Apokryphen nicht mehr in jeder Ausgabe enthalten.
Die Diskussion, was zum Alten Testament gehört, hat also über 2000 Jahre bis in unsere Zeit angehalten.

Neues Testament

Kern des Neuen Testaments sind die Evangelien mit Apostelgeschichte und die Paulusbriefe.
Anlass für eine erste Bestandsaufnahme der als verbindlich angesehenen Schriften ("Kanon") war die gnostische Sekte
[4] eines Marcion in Rom. Diese hatte sich 144 von der Kirche abgespaltet. Sie begründete ihre Lehre auf dem Lukasevangelium und den Briefen von Paulus. Die Kirche hat zwar die Lehre Marcions abgelehnt, aber seine Idee übernommen, einen Kanon, d.h. ein maßgebliches Verzeichnis der neutestamentlichen Schriften aufzustellen. Wir finden in den folgenden Jahrhunderten immer wieder Listen mit Schriften, die von irgendwelchen Gemeinden für verbindlich angesehen wurden. Sie enthalten in verschiedener Auswahl und Anordnung die Bücher, die heute im Neuen Testament stehen. Die Diskussion ging bis ins 5. Jahrhundert weiter; erst seitdem wird von allen Gemeinden anerkannt, was zum Neuen Testament gehört.

iii. Die Bibel ist immer noch nicht fertig.

Sogar als der Text einer Schrift längst feststand, haben sich weiter Menschen darum bemüht. Sie verglichen die handschriftlichen Ausgaben, verglichen die unterschiedlichen Fassungen und stellten fest, welche Bibel den offiziell richtigen Text enthielt. Die Bibel musste auch in andere Sprachen übersetzt und in die jeweilige Situation durch Auslegung hinein aktualisiert werden. So kommen wir auf eine biblische Tradition, die vor 4500 v. Chr. begann und mit dem heutigen Tag nicht endet, sondern weiter geht.

b) Was bedeutet uns die Bibel?

i. Gottes Wort und Menschenwort

Der Koran erhebt den Anspruch, vom ersten bis zum letzten Buchstaben wortwörtlich von Allah verfasst und durch den Engel Gabriel dem Mohammed in die Feder diktiert worden zu sein. In der Bibel gibt es nur wenige Stellen, die ausdrücklich behaupten, Gottes Wort zu sein, nämlich die Texte, an denen steht, Gott habe das selbst gesagt, etwa bei den Geboten der Thora und den Prophetenworten. Der Rest, mindestens drei Viertel der Bibel, erhebt diesen Anspruch nicht. In einigen Fällen, besonders im Neuen Testament, ist uns sogar überliefert, wer diese Schrift verfasst hat.

Wenn aber nicht von A bis Z Gottes Wort, was dann?

ii. Inspiration, nicht Diktat

Die offizielle christliche Meinung lautet: »Getrieben vom heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.« [5] Darum ist keine Weissagung der Schrift Sache eigener Auslegung. Es gehört ebenso der Geist Gottes dazu, sie auszulegen wie sie zu schreiben. Noch prägnanter: Die heilige Schrift ist »von Gott eingegeben« = inspiriert. [6]
Inspiration aber bedeutet: Man ist so von einer Sache durchdrungen, dass man nicht anders kann als davon reden und notfalls schreiben. Wenn ich weiß, was ich sagen will, kommen die Worte von selbst.
[7] Was Gott dem Propheten, Schreiber, Hörer, Leser, Ausleger eingibt, sind nicht Wörter oder gar Buchstaben, sondern Gedanken, die der so Inspirierte in Worte fassen muss.
Aus diesem Grund ist es auch möglich und notwendig, die Bibel in die jeweils aktuelle Sprache zu übersetzen. Die übersetzte Bibel ist Vollbibel und Gottes Wort für den Leser, kein Notbehelf. Gottes Geist war auch bei der Übersetzung wirksam, um Menschen verschiedener Zeiten und Kulturen zu erreichen.

iii. Regel und Richtschnur für Glaube und Leben

Für die alte Kirche war die Inspiration gar nicht so wichtig. Für sie waren die schriftlich überlieferten Worte Jesu und der Apostel maßgebliche Autorität, die neue Thora, die befolgt werden musste.
Die Regeln für Glaube und Leben müssen aber immer neu ausgelegt und aktualisiert werden müssen. Der Prediger muss sich mit den Modeströmungen seiner Zeit auseinander setzen. Deshalb bestand von Anfang an die Gefahr, dass die christliche Lehre überfremdet wird und der ursprüngliche Inhalt ganz in Vergessenheit gerät. Daher galt zunächst die mündliche Tradition, später auch der Wortlaut der Bibel als Maßstab dafür, welche Lehre im Sinne Christi und der Apostel ist und welche nicht. Die Bibel hat also damit dieselbe Aufgabe wie das Grundgesetz: Dieses gibt keine unmittelbaren Handlungsanweisungen, sondern liefert die Maßstäbe, nach denen sich alle Gesetze ausrichten müssen.

iv. Die Mitte der Schrift

Es besteht die Gefahr, dass jeder aus diesem vielseitigen Buch herausliest, was er will. Die Juden verstehen das von uns so genannte Alte Testament ganz anders als wir. Die Zeugen Jehovas haben ihren Ehrgeiz drein gesetzt, die Bibel "richtig" auszulegen – im Gegensatz zu den Kirchen, bei denen zugegebenermaßen vieles unbiblisch ist. Der eine sagt so, der andere so. Alle berufen sich auf die Bibel. Was sollen wir denn wirklich glauben?
Schon Jesus musste die Frage beantworten, was denn unter der Vielzahl von Einzelvorschriften in der Thora wirklich das Wichtigste ist: das Doppelgebot der Liebe.
[8] Für Jesus hat also die Thora eine klare Mitte und besteht nicht nur aus einer willkürlichen Anhäufung von Vorschriften.
Ähnlich hat sich Luther darüber Gedanken gemacht: Die Mitte der Schrift ist für ihn, »was Christum treibet«. Maßgeblich ist nicht die Autorität des christlichen Lehrers, sondern was er sagt. Auch die Apostel haben belangloses Zeug geschrieben und gepredigt. Dagegen können selbst Pilatus oder Kaiphas die Autorität eines Apostels bekommen, wenn sie etwas sagen, »was Christum treibet«.

2. Das Alte und das Neue Testament

a) Bedeutung von Testament

Die alten Israeliten verstanden ihr Gottesverhältnis als Bund oder besser übersetzt als 'Verpflichtung' mit dem Inhalt: »Ich will euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein«: Gott übernimmt die Verpflichtung, das Volk Israel zu schützen und zu fördern – Israel die Pflicht, die Gebote zu halten. Die nationale Katastrophe unter den Babyloniern ließ sich später verstehen als notwendige Folge davon, dass Israel die Gebote nie richtig gehalten und den Bund immer wieder gebrochen hatte. Daher kündigt Jeremia einen neuen Bund mit neuen Vereinbarungen an, bei denen die Gebote nicht wie bei Mose auf Steintafeln, sondern ins Herz geschrieben werden. Dieser Bund wird auch nicht zu brechen sein, weil Gott von vornherein zusagt, die Sünden zu vergeben. [9]
Jesus bezieht sich in den Abendmahlsworten darauf, wenn er sagt: »Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut«, d.h. wer aus diesem Kelch trinkt, schließt sich dem neuen Bund an, für den kein Opfertier, sondern Jesus selbst sein Leben gelassen hat.
Das hebräische Wort für 'Bund' wird auf Griechisch mit diathêkê und Lateinisch mit testamentum 'Verfügung' übersetzt. Hier liegt der Ton nicht auf der Verpflichtung, die der Mensch auf sich nimmt, sondern auf der Willenserklärung Gottes.
Das Alte und das Neue Testament werden also in dieser Formulierung verstanden als schriftlich vorliegende Willenserklärungen Gottes, von denen die erste nicht mehr gültig ist und von der zweiten abgelöst wurde.
[10]

b) Ähnlicher Aufbau

i. heutige Bibel

Beide Bibelteile sind in der christlichen Bibel ähnlich aufgebaut: Einem geschichtlichen Teil folgt ein theologischer: Geschichtsbücher – Lehrbücher – prophetische Bücher.
Dem entspricht auch der Inhalt: Das Alte Testament beginnt in der Urzeit mit der Schöpfung, das Neue Testament endet in der Endzeit mit der Wiederkunft Christi.
Nachdem sich im Alten Testament das 1. Buch Mose mit der Vorgeschichte befasst hat, befassen sich die übrigen 4 Bücher Mose mit dem Befreier und Gesetzgeber Mose und erzählt danach, was aus diesen Anfängen geworden ist. – Ähnlich beginnt das Neue Testament in 4 Büchern mit dem Erlöser und neuen Gesetzgeber Jesus und erzählt danach, was aus diesen Anfängen geworden ist.
Wie dann im Alten Testament die Propheten den Willen Gottes auslegen, so legen im Neuen Testament die Apostel in ihren Briefen den Willen Jesu aus.

i. Wer hat die Bibel geschrieben?

Die hebräische Bibel enthält zwar dieselben Bücher wie unser Altes Testament, ist aber anders gegliedert:

 

1

Thora 1.-5. Mose
  2a vordere Propheten Richter bis 2. Könige
  2b hintere Propheten Jesaja bis Maleachi
  3 Schriften Hiob bis Hohes Lied, Chronik, Esra, Nehemia, Ruth Esther, Daniel

Auch das Neue Testament war ursprünglich anders gegliedert: Evangelium und Apostel (Apostelgeschichte bis Offenbarung). Die ursprüngliche Reihenfolge der Briefe war: Paulus, Hebräer, Jakobus, Petrus, Johannes, Judas, Offenbarung. Luther hat den namenlosen Hebräerbrief hinter Johannes gestellt und den ungeliebten Jakobusbrief als »stroherne Epistel« vor Judas an den Schluss verbannt. Auch von Judas und der Offenbarung hat Luther nicht viel gehalten.

iii. Die Apokryphen

Die Bibel der ersten Christen war die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten Testaments; ihre eigenen Schriften waren von Anfang an auf Griechisch verfasst. Die Septuaginta ist dicker als die hebräische Bibel, weil in ihr auch original griechische Bücher enthalten sind. In den achtziger Jahren des ersten nachchristlichen Jahrhunderts schufen pharisäische Schriftgelehrte nach der Tempelzerstörung auf der Synode von Jamnia eine neue religiöse Grundlage. Sie legten dabei auch fest, was denn als Heilige Schrift anzusehen ist. Da die Christen ihre Argumente aus der Septuaginta nahmen, beschloss das Gremium: Heilige Schrift können nur hebräische oder aramäische Texte sein, also all das, was heute in unserem Alten Testament steht.
Die Christen gebrauchten aber weiter die dickere griechische Bibel, die bald auch im selben Umfang auf Lateinisch übersetzt wurde.
Erst Luther hat in seiner Rückbesinnung auf den Urtext die griechischen Schriften ausgesondert. Er beschränkte das Alte Testament auf den hebräischen und aramäischen Text und verbannte die griechischen Teile in einen Anhang, die Apokryphen.
[11] Er schrieb dazu, sie seien »gut und nützlich zu lesen, aber der Heiligen Schrift nicht gleich zu achten«.

3. Das Neue Testament

a) Übersicht

i. Evangelien und Apostelgeschichte

Die Evangelien sind vier verschiedene Darstellungen des Wirkens Jesu:

Matthäus

steht an erster Stelle, weil er der frühere Zöllner und spätere Apostel Levi Matthäus und der älteste Evangelist [12] gewesen sein soll. Er versteht Jesus als den neuen Mose, der die Gebote der Thora z.B. in der Bergpredigt neu interpretiert und verschärft.
Heutige Forscher nehmen an, dass Matthäus zwischen 80 und 90 geschrieben hat, vermutlich im Heiligen Land, aber für eine griechisch sprechende Gemeinde, vielleicht in Caesarea am Meer. Matthäus lässt aber in seinem apokalyptischen
[13] 24. Kapitel nicht erkennen, dass er von der Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 70 weiß. Er warnt nur allgemein davor, dass es so weit kommen könnte.

Markus

gilt als Schüler von Petrus; er soll dem Apostel in Rom als Dolmetscher gedient und seine Erzählungen aufgeschrieben haben, bevor er nach Alexandria in Ägypten ging und dort der erste Bischof wurde. Tatsächlich hat der Evangelist nicht nur einen lateinischen Namen, sondern es wimmelt in seinem Werk auch von lateinischen Fremdwörtern aus dem Bereich des Militärwesens und der Verwaltung.

Nach heutiger Meinung ist Markus das älteste Evangelium. Unter den Schriften von Qumran [14] fand man auch einen Papyrusfetzen mit Wörtern und Buchstaben, die aus diesem Evangelium stammen könnten. Dieses wäre demnach bereits vor dem Jüdischen Krieg (66-70) und vielleicht wirklich noch zu Lebzeiten des Petrus entstanden, welcher 64 unter Nero in Rom gekreuzigt wurde.
Markus beginnt sein Werk mit den Worten: »Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus ...« Er meint damit: So hat Jesus angefangen, seine Frohe Botschaft
[15] zu verkündigen. Unversehens ist aber daraus ein Buchtitel und eine neue literarische Gattung entstanden: Evangelium 'Lebensbeschreibung Jesu'.

Lukas

war wohl ein Schüler von Paulus und Arzt von Beruf. [16] Er ist auf jeden Fall ein hoch gebildeter und belesener Mensch, der ein ausgezeichnetes Griechisch schreibt. Aus seiner Feder stammt auch als zweiter. Band, die Apostelgeschichte, die mit dem Jahr 62 endet. Man müsste also annehmen, dass der zweite Band kurz danach entstanden ist und der erste Band noch etwas älter ist. Lukas kennzeichnet sich in seiner Einleitung als Geschichtsforscher; er hat in beiden Büchern offensichtlich Quellen studiert und vielleicht sogar Forschungen vor Ort angestellt.

Die Synoptiker

Diese drei Evangelisten haben im Gegensatz zu Johannes einen ähnlichen Aufriss; man kann ihre Texte vergleichend in einer Synopse [17] nebeneinander stellen. Man nennt sie daher die Synoptiker.

Die Quellentheorie

Wie kommt es, dass diese Evangelien so ähnlich sind? Nach einer gängigen Lehrmeinung ist Markus das älteste Evangelium. Daneben muss es noch eine schriftliche Sammlung von Jesusworten gegeben haben. Eine ähnliche, sehr späte Sammlung von Jesusworten ist uns im so genannten gnostischen Thomasevangelium erhalten, das bekannte und unbekannte Aussprüche einfach aneinander reiht, die man Jesus zugesprochen hat: »Jesus sprach: … Jesus sprach: … Jesus sprach: …«
Wenn wir Matthäus und Lukas miteinander vergleichen, stellen wir fest, dass sie bis auf einen geringen Rest das gesamte Markusevangelium übernommen haben. Ferner enthalten sie eine übereinstimmende Anzahl weiterer Jesusworte, die aus dieser so genannten "Redequelle" stammen muss. Beide haben ferner Texte verwendet, die nur in einem Evangelium enthalten sind (so genanntes "Sondergut").
[18] Außerdem haben sie ihrem Evangelium eine Geburtsgeschichte voran gestellt, die in ihrem Aufriss unterschiedlich, [19] inhaltlich aber ähnlich [20] und in ihrer theologischen Aussage gleich [21] ist.

Johannes

Das vierte Evangelium fällt inhaltlich aus dem Rahmen. Es enthält zwar auch Material, das aus den Synoptikern bekannt ist. Es weicht aber bereits da in Einzelheiten stark ab [22] und bringt vor allem lange Reden, die sehr stark gnostisch gefärbt sind. Jesus ist hier der gnostische Erlöser, der auf die Erde gekommen ist, um den Seinen den Weg in den Himmel zu ebnen.
Über die Person des Evangelisten macht die altkirchliche Überlieferung so widersprüchliche Aussagen, dass kaum etwas damit anzufangen ist: Der Evangelist sei Apostel oder vielleicht doch kein Apostel gewesen; er habe auch die Offenbarung geschrieben (oder doch nicht?); er sei am Ende des 1. Jahrhunderts in hohem Alter in Ephesus gestorben, wo es aber zwei Johannesgräber gab ...
Auch die moderne Forschung ist ziemlich ratlos. Ich gehe auf ihre Meinungen weiter nicht ein.

Meine Überlegungen:

Die Verwirrung entstand dadurch, dass im Neuen Testament nicht nur das Evangelium, sondern auch drei Briefe und die Offenbarung den Verfassernamen Johannes tragen. Wenn einer davon der Apostel und Sohn des Zebedäus war, dann der Verfasser der Offenbarung. Denn alles, was wir von dem Apostel wissen, passt auf dieses Buch: Er hatte einen Hang zu Visionen; [24] Jesus nannte ihn Donnersohn; [25] er spekulierte auf einen Thron im Himmel; [26] er spielte mit dem Gedanken, Feuer vom Himmel fallen zu lassen, [27] was er in der Offenbarung mit Eifer geschehen lässt. Offenbar war der Apostel wie die Offenbarung stark von apokalyptischem Gedankengut geprägt.
Das Evangelium dagegen lehnt apokalyptische Gedanken geradezu ab. Die Totenauferstehung wird nicht am Jüngsten Tag erfolgen, sondern wer an Jesus glaubt, »der wird leben, auch wenn er stirbt.«
[28] Er ist also schon erlöst und geht nach seinem Tod wie Jesus geradewegs zu Gott.
Verwirrung hat auch die Bemerkung gestiftet, wonach der am Ende des Evangeliums mehrmals erwähnte "Lieblingsjünger" der Verfasser oder Gewährsmann des Evangeliums sei.
[29] Ist der Lieblingsjünger eine historische [30] oder eine symbolische [31] Gestalt? Die Bemerkung am Schluss [32] hat offenbar nicht nur zu Spekulationen geführt, dass der Lieblingsjünger den Jüngsten Tag erleben wird. Sondern sie steht wohl auch hinter der Überlieferung, dass "Johannes" sehr alt geworden und erst um 100 gestorben sei. Aber vielleicht wollte Jesus ja sagen: Der Mensch Petrus wird zwar den Märtyrertod erleiden, aber sein besseres Ich, der »Jünger, den Jesus liebte«, ist damit nicht erledigt. Er »bleibt«, bis Jesus kommt.

Neuerdings hat Klaus Berger behauptet, Johannes sei das älteste Evangelium, weil er so herzlich wenig über Jesus und christliche Gepflogenheiten weiß. Er kennt z.B. das Abendmahl am Gründonnerstag noch nicht. Bei einem späteren Verfasser müsste man aber annehmen, dass er mehr weiß; einem frühen Verfasser dagegen kann man seine Unkenntnis verzeihen.

ii. Paulus

Über den bedeutendsten urchristlichen Missionar und Theologen sind wir nicht nur durch seine Briefe, sondern auch durch den zweiten Teil der Apostelgeschichte informiert. Seine Briefe sind die ältesten Schriften des Neuen Testaments – entstanden nicht aus der Absicht, sich zu verewigen, sondern aus einer äußeren Notsituation heraus: Nur in zwei Gemeinden, Korinth und Ephesus, hat er sich länger als ein paar Monate aufgehalten und wurde dann von seinen Gegnern vertrieben. Für die jungen und ungefestigten Gemeinden, die er zurück lassen musste, entstanden Fragen, die er nur schriftlich beantworten konnte. So wurde der Brief zu einer der wichtigsten urchristlichen literarischen Gattungen. Außer den Evangelien und der Apostelgeschichte [33] sind alle Schriften des Neuen Testaments als Briefe stilisiert. Auch außerhalb des Neuen Testaments haben die frühen Christen sogar Predigten und theologische Abhandlungen in Briefform gekleidet.
Unbestritten von Paulus sind die Briefe an die Römer, Korinther, Galater, Philipper und Thessalonicher sowie der an Philemon. Epheser- und Kolosserbrief stammen wohl aus der Feder von einem Mitarbeiter; die so genannten Hirtenbriefe an Timotheus und Titus scheinen nach seinem Tod von einem Paulusschüler verfasst zu sein. Entstehungszeit der echten Briefe: zwischen 50
[34] und der Reise nach Rom. [35]

iii. Die "katholischen Briefe"

sind im Unterschied zu den Paulusbriefen nicht an bestimmte Gemeinden oder Personen gerichtet, sondern "allgemeine" [36] Schreiben an mehrere Gemeinden.

Der Hebräerbrief

galt eine Zeit lang als Brief von Paulus, deshalb stand er ursprünglich hinter Titus. Er ist eine theologische Abhandlung, die das Alte Testament christlich deutet und die christlichen Empfänger zu neuem Glaubenseifer anfeuert. Nur der Schluss ist im Stil eines Paulusbriefes gehalten. Empfänger und Absender werden nicht genannt. Später glaubte man, es handle sich um ein Schreiben an Judenchristen ("Hebräer"). Der Verfasser kennt sich zwar im Alten Testament gut aus, scheint aber nicht mit den Fragen vertraut zu sein, die Judenchristen wirklich bewegt haben und die wir aus anderen Schriften des Neuen Testaments kennen.

Petrus

Der erste Brief ist eine in Briefform gekleidete Predigt, die in ihren Ursprüngen auf Petrus zurück gehen könnte, der 2. Brief eine sehr späte Warnung vor Irrlehrern, die teilweise mit dem Judasbrief übereinstimmt.

Johannes

Der erste Brief knüpft deutlich an das Evangelium an und legt es aus. Der zweite und dritte Brief ist persönlicher gehalten; als Verfasser wird ein "Presbyter" genannt. Dem Inhalt nach gehören sie in dieselbe Gruppe von Christen, an die auch das Evangelium und der erste Brief gerichtet sind.

Jakobus

geht angeblich zurück auf den Jesusbruder und Bischof von Jerusalem. Die meisten Gelehrten bezweifeln, dass das zutrifft, weil man dem Galiläer Jakobus kein so elegantes Griechisch zutraut. Aber warum sollte einer, der in einer zweisprachigen Umgebung aufgewachsen ist, kein elegantes Griechisch schreiben können?
Der uns bekannte Jakobus trug später den Beinamen der "Gerechte" und gilt als Vertreter eines gesetzestreuen Judenchristentums, mit dem Paulus seine Schwierigkeiten hatte. Das bedeutet aber nicht, dass sich der Apostel sklavisch an den Buchstaben der Thora gehalten hätte. Im Matthäusevangelium können wir erkennen, wie die gesetzestreuen Judenchristen die Thora verstanden haben: nicht als eine Ansammlung von Paragraphen, die man kleinlich befolgen muss, sondern die Thora hat eine Mitte, von der sie her zu verstehen ist, nämlich »Recht, Barmherzigkeit und Treue«.
[37] Ähnlich ist die Meinung von Jakobus, der vom »vollkommenen Gesetz der Freiheit« schreibt [38] und das Liebesgebot meint. [39] Er zeigt sich überdies mit der Bergpredigt vertraut. Warum also sollte dieser Brief nicht vom Bruder Jesu stammen?

Judas

Auch dieser späte Brief, eine unflätige Bekämpfung von Irrlehrern, soll von einem Jesusbruder stammen, von dem wir aber außer dem Namen überhaupt nichts wissen. Der Inhalt dieses ärgerlichen Schreibens kommt fast wörtlich auch in 2. Petrus vor.

iv. Die Offenbarung

ist ebenfalls ein Brief, denn sie beginnt mit sieben individuellen Schreiben an Gemeinden in Kleinasien. Diesen Briefen folgt im Hauptteil eine christliche Apokalypse, deren Verfasser aber kein Heiliger aus grauer Vorzeit ist, sondern der den Gemeinden bekannte Johannes – wohl der Apostel und Sohn des Zebedäus. Er war auf die Insel Patmos verbannt worden und kann sich daher nur noch schriftlich äußern. Die literarische Form der Apokalypse ermöglicht dem Seher, seine Kritik am heidnischen Rom so in Bilder einzukleiden, dass er zwar von den Lesern, aber nicht von einer etwaigen Zensur verstanden wird.
Das Buch soll während einer Christenverfolgung unter Domitianus in den neunziger Jahren entstanden sein, scheint aber nicht aus einem Guss zu sein und älteres Material aus der Zeit Neros zu enthalten.
Was Johannes mit verschlüsselten Bildern aussagt und ankündigt, ist folgendes: Die »Hure Babylon« ist das reiche, verschwenderische und götzendienerische Rom, sein Kaiser wie ein wildes Tier, das vom Teufel inspiriert ist und die Christen verfolgt. Aber das Ende ist schon vorgezeichnet. Eines Tages wird Christus die Macht übernehmen und mit den wieder erweckten Heiligen eine tausendjährige Herrschaft im Himmel antreten. Danach wird der Teufel wieder aktiv, sodass es zu neuen Schwierigkeiten kommt.
Diese Prophezeiung hat sich für die kleinasiatischen Leser wortwörtlich erfüllt: Im 4. Jahrhundert übernahm Christus die Macht im römischen Reich, indem seine Lehre Staatsreligion wurde. Er und seine Heiligen im Himmel wurden 1000 Jahre lang verehrt und angebetet, bis der Teufel wieder los wurde und Reiterscharen aus dem Osten (die Türken) der christlichen Herrschaft ein Ende machte.
[42]
Wenn wir die Offenbarung so lesen und verstehen, ist sie gar nicht so rätselhaft und mysteriös, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Sie ist nicht für neugierige Zeitgenossen an der Schwelle zum 3. Jahrtausend geschrieben, sondern für bedrängte Christen in einer ganz bestimmten Gegend zu einer ganz bestimmten Zeit. Die ursprünglichen Adressaten verstanden sehr wohl, was ihnen Johannes schreiben wollte.

b) Die im Neuen Testament behandelte und angedeutete Geschichte

Das Neue Testament setzt an mit der Geburt Jesu. Es berichtet aber aus dem Leben Jesu nur die Zeit seiner öffentlichen Wirksamkeit vom Auftreten von Johannes dem Täufer 28/29 bis zur Kreuzigung wohl im Jahr 33; die Apostelgeschichte führt die urchristliche Geschichte fort bis zur Ankunft von Paulus in Rom im Jahr 62.
Die unechten Paulusbriefe deuten an, dass Paulus inzwischen den Märtyrertod erlitten hat; er soll am 29. Juni 64
[43] unter Nero enthauptet worden sein, Petrus am selben Tag ebenfalls in Rom gekreuzigt. [44]
Zwei Jahre später begann im Heiligen Land der jüdische Aufstand, der 70 vom späteren Kaiser Titus blutig niedergeschlagen wurde.  Dabei gingen Jerusalem und der Tempel in Flammen auf. Die Tempelzerstörung wurde durch Jesus vorausgesagt.
[45] Daran schließen sich apokalyptische Texte an, die von Lukas [46] so aufgearbeitet werden, dass sie deutlich das Ende des Jüdischen Kriegs im Auge haben. Im Übrigen hat dieses schreckliche Ereignis im Neuen Testament einen überraschend geringen Niederschlag gefunden – ein Hinweis darauf, dass die Mehrzahl der neutestamentlichen Schriften vor dem Jahr 70 entstanden sind. [47]
Aus den Briefen können wir sonst kaum irgendwelche historischen Ereignisse erkennen, außer dass die eine oder andere Gemeinde in Bedrängnis ist.
Dagegen bezieht sich wieder die Offenbarung ganz deutlich auf die damalige Zeitgeschichte: Sie spielt an auf die Christenverfolgung unter Domitianus in den neunziger Jahren und setzt die Christenverfolgung unter Nero voraus.
[48]

 

[1] Von der Sintflut erzählen bereits sumerische KeilSchriftafeln, die etwa 4500 Jahre alt sind.

[2] 2. Könige 22-23

[4] Die Gnosis war eine Erlösungsreligion, die zugleich mit dem jungen Christentum entstand und die man nur schwer vom christlichen Glauben unterscheiden konnte.

[5] 2. Petrus 1,20.21

[6] 2. Timotheus 3,16

[7] Luthers Ratschlag für Prediger: »Rem tene, verba sequentur« = Halte dich an die Sache, die Worte kommen von selbst.

[8] Markus 12,28-33

[9] 31,31-34

[10] Vgl. Galater 3,3,15-18 von der letztwilligen Verfügung, die festlegt, wer der Erbe sein soll.

[11] die 'verborgenen Bücher'

12] Bei dieser Einschätzung hat sicher eine Rolle gespielt, dass Matthäus deutlich ein Judenchrist ist. Im 4. Jahrhundert war ein "hebräisches Evangelium" in Umlauf, das als Original galt, heute aber als eine Übersetzung und Erweiterung von Matthäus angesehen wird.

[13] Um die Zeitenwende gab es viele jüdische und christliche Schriften, die die bisherige Weltgeschichte deuten und Ausblicke in die Zukunft geben wollten, geschrieben angeblich vorlanger Zeit und jetzt erst wieder bekannt geworden.

[14] Kloster einer jüdischen Sekte, bekannt durch seine Schriften, in in Höhlen gefunden wurden.

[15] Das bedeutet ja Evangelium

[16] Kolosser 4,14; 2. Timotheus 4,11; Philemon 24

[17] griechisch synopsis ,Zusammenschau'

[18] Dazu gehören auch die unterschiedlich überlieferten Texte des Vaterunsers und des Abendmahls: Jeder zitiert sie so, wie er sie aus seinem eigenen Gottesdienst kennt.

[19] Matthäus: Bethlehem – Ägypten – Nazareth; Lukas: Nazareth – Bethlehem – Nazareth

[20] Beide erwähnen z.B. Josef und Bethlehem

[21] Nach beiden ist Jesus der leibliche Sohn Gottes und der Jungfrau Maria; Josef ist nur der Mann der Maria.

[22] Dem synoptischen "Hauptmann von Kapernaum" entspricht der "königliche Beamte von Kana" bei Johannes.

[24] Markus 9.2-10

[25] Markus 3,17

[26] Markus 10,42-45 » Offenbarung 4,4

[27] Lukas 9,54

[28] Johannes 11,25.26

[29] Johannes 21,24

[30] etwa ein junger Mann, der Jesus in Jerusalem kennen lernte? Dafür käme der aus der Apostelgeschichte bekannte Johannes Markus in Frage, der aus Jerusalem stammte, Paulus und Barnabas auf der ersten Missionsreise begleitete und dann mit Barnabas nach Zypern ging.

[31] das "bessere Ich des Petrus"? Bedeutendster Jünger ist auch im 4. Evangelium Petrus und nicht etwa Johannes!

[32] 21,22.23

[33] Die Widmung des Lukas "an Theophilus" ist kein Briefstil, sondern entspricht den noch heute üblichen Widmungen eines Buches «für ...«

[34] 1. Thessalonicher

[35] 61/62; der Römerbrief sollte die Christen in Rom auf die Ankunft von Paulus vorbereiten.

[36] Das bedeutet das Wort katholisch

[37] Matthäus 23,23

[38] 1,25

[39] 2,8

[42] Man darf nicht verkennen, dass ein Ideal nur so lange ideal ist, wie es nicht Wirklichkeit geworden ist. Für die Christen im ersten Jahrhundert wäre ein christliches Rom der Himmel auf Erden gewesen. Später musste man erkennen, dass es auch in einem christlichen Rom oder Konstantinopel sehr unchristlich zugeht!

[43] "Peter und Paul"

[44] Vgl. Johannes 21,18.19

[45] Markus 13,2

[46] 21,20 (ähnlich schon 19,41-44)

[47] Auch der Hebräerbrief scheint den Tempelkult noch vorauszusetzen, sonst wären seine ganzen Überlegungen ja gegenstandslos

 

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 1999 / 2015

Aktuell: 26.03.2016