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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Biblische Prophetie

Ein kurzer Überblick

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Grundsätzlich

  • Hbr. נביא nábîʔ war eigentlich ein 'Sprecher', d.h. einer, der göttliche Botschaften empfing und weitergab.

  • Aufgabe der Propheten war weniger die Zukunft zu "prophezeien", sondern:

    • als Sprachrohr Gottes zu wirken

      • wenn man Gott befragte

      • als kritische Prediger

    • als amtliche Vermittler zu wirken:

      • Fürbitte und Gottes Antwort, Jer 14

      • Drohsprüche gegen andere Völker

  • Jer 18,18 zitiert die volkstümliche Vorstellung von der Aufgabenverteilung:

    • Priester: Weisung = Thora, Tradition

    • Weiser: Rat = Anwendung der traditionelle Weisheit

    • Prophet: Wort = aktuelles Gotteswortes, das rechte Wort zur rechten Zeit

    ähnlich 1Kor 12,28

    • Apostel = Wahrer der Jesustradition

    • Lehrer = Schriftausleger

    • Propheten = spontane Redebeiträge

  • Aspekte der Prophetie

    • alte Vorstellung: Das Gotteswort wirkt selbsttätig, wenn es ausgesprochen ist:

      • Elija kündigt die Trockenheit nicht nur an, sondern bewirkt sie, deshalb muss er sich verstecken und deshalb lässt ihn Ahab suchen, weil Elija der einzige ist, der diesen Fluch wieder aufheben kann. 1Kön 17 f

      • Vgl. Dornröschen: Den Fluch der bösen Fee kann man nicht aufheben, nur mildern.

    • Verstockung: Die Predigt bewirkt das Gegenteil, die Zuhörer wollen die Gerichtsandrohung nicht hören und beschwören damit das angekündigte Unheil erst herauf:

      • Jesaja 6: "Predige, damit sie sich nicht bessern und in ihr Unglück rennen."

      • Mose und Pharao: Weil sich der König widersetzt, muss er scheitern.

      • Griechische Tragödien: Die Prophezeiung geht in Erfüllung, weil man versucht das Unheil abzuwenden (Ödipus)

      • Heute: "sich selbst erfüllende Prophezeiung": Wenn man einem Kind lange genug sagt, es sei ein Versager, wird es das am Ende glauben und tatsächlich versagen.

    • Positive Rückkopplung: Gott ist nicht sklavisch an sein  Wort gebunden, sondern geht auf die Reaktionen der Zuhörer ein:

      • Wenn sich der Sünder bekehrt, tritt das angekündigte Unheil nicht ein und umgekehrt, Hes 18

      • Anschaulich Jona 4: Jona ärgert sich, weil Ninive nicht untergeht. Grund: Die Bewohner haben sich gebessert.

      • Heute: Die Voraussagen in "Die Grenzen des Wachstums" sind nicht eingetroffen, z. T. deshalb, weil Gegenmaßnahmen getroffen wurden (Umweltbewusstsein).

Historisch

  • In diesen Überblick können nicht einbezogen werden:

    • die Wertung früher Personen als Propheten, wo Prophet ein Ehrentitel nach späterem Verständnis ist:

      • Abraham Gen 20,7

      • Mose Deut 18,15

      • Mirjam Ex 15,20

      • Samuel 1Sm 3,20; 9,9 (alter Ausdruck "Seher")

      • ähnlich später von Jesus als Versuch, seine Bedeutung zu verstehen.

    • Saul 1Sm 10,11

      Saul begegnete einer Gruppe ekstatischer Propheten und geriet selbst in Ekstase. Die Erzählung soll illustrieren, dass Saul vom heiligen Geist ergriffen wurde, nicht dass er Prophet war. Der zitierte Spruch "Ist Saul unter den Propheten?" (natürlich nicht) muss nicht bei dieser Gelegenheit entstanden sein und ist eher ein verwunderter Ausruf im Sinn "Das gibt's doch nicht, das darf doch nicht wahr sein!" Der Spruch setzt voraus, dass es eine allgemein bekannte Liste der Propheten gab.

  • 10"

    • 1Sm 9,9 lässt erkennen, dass es damals Personen gab, die man um Rat fragen konnte und die ihre Auskunft nicht auf Orakel, sondern auf Inspiration, höhere Weisheit bzw. Visionen, Offenbarungen gründeten (daher "Seher"), also eine Art Schamanen.

      Die Funktion Samuels ist unklar

      • 1 Sm 2 f: Der junge Samuel lebt als Nichtpriester im Tempel und ist dort Prophet.

      • 1 Sm 9: Der "Seher", den Saul wegen der verlaufenen Eselinnen befragt, kann ein namenloser Gottesmann gewesen sein, den man mit Samuel gleichsetzte.

      • 1 Sm 10.16: Samuel als Königsmacher wie später die Nordreichspropheten, die auch Gegenkönige beriefen und Umstürze in die Wege leiteten.

      • 1 Sm 12: Samuel als Inhaber des obersten Amtes (Richter)

      • 1 Sm 13 ff: Samuel als kritischer Berater des Königs

    • Um den Willen Gottes zu erfahren, stellte David Alternativfragen ( "soll ich..."), z. B. 1Sm 23,2, hier wahrscheinlich durch den Priester Abjathar, der (wiederum wahrscheinlich) ein Losorakel bediente.
      Andrerseits erteilt auch ein Prophet Gad ungefragt Ratschläge (1Sm 22,5) und übt Kritik (2Sm 24,11 ff).
      Das waren also die beiden Möglichkeiten, wie man den Willen Gottes erfahren konnte:

      • Befragung (des Losorakels?) durch den Priester

      • ungefragte Einmischung eines Propheten.

  • 8"

    • Die Geschichten von Elija und Elischa lassen drei Typen von Propheten erkennen:

      • "Kultpropheten" wie die im Dienst Isebels, 1Kön 18

      • Einzelgänger wie Elija, die sich ungefragt einmischen, 1Kön 17,1

      • ordensähnliche Gemeinschaften wie in 2Kön 4,38 ff

    • Aus dieser Zeit werden auch Konflikte erzählt zwischen König und regierungstreuen und oppositionellen Propheten bzw. zwischen unterschiedlichen Aussagen ("falsche und wahre Propheten"), 1Kön 22

  • 7"-5" Schriftpropheten

    • Hier sind erstmals nicht nur Prophetengeschichten aufgeschrieben, sondern vor allem ihre Worte.

    • Die Schriftform ist anfangs nur Notbehelf

      • Jes 8,16 f schreibt seine Worte in ein versiegeltes Buch, das er seinen Jüngern anvertraut, als Zeichen, dass er auf eine spätere Erfüllung hofft. Er legt damit den Grundstein für die Apokalyptik.

      • Jer 36 kann nicht öffentlich auftreten und lässt seinen Sekretär Baruch die Predigt vorlesen.

    • Die klassische Form der Offenbarung ist, dass die Propheten das Wort Gottes hörten, vorstellbar als innere Stimme, spontane Eingebung von formulierten Gedanken.

    • Visionen spielen nur eine untergeordnete Rolle. Da die Propheten gern literarische Bilder und Gleichnisse verwenden, lässt sich kaum abschätzen, wo echte Visionen zugrunde liegen.

      • Ein wichtiges Stilmittel ist das prophetische Symbolgesicht, das einen realen Anblick meditiert. Erst dadurch, dass der Prophet ausspricht, was er sieht, wird ihm durch ein Wortspiel die Botschaft bewusst: Erstmals Am 8,1 f (קיץ qajiṣ 'Sommerfrüchte' - קץ qeṣ 'Ende' > "Das Ende ist gekommen.") Ähnlich Jer 1. Es ist also nicht nötig, dass wie bei Sach 1-6 ein Engel die zum Teil skurrilen Symbole erklärt.

      • Micha ben Jimla erklärt mit einer Parabel, warum er eine andere Botschaft hat als seine Kollegen: Er hat bei einer himmlischen Beratung gelauscht, wonach Gott in Verlegenheit war, wie er Ahab dazu bringt im Krieg zu fallen. Da er auf seine Propheten hört, wird er nicht in den Krieg ziehen. Also sendet Gott einen Lügengeist, der die Propheten einen Sieg voraussagen lässt. (1Kön 22)

      • Jes 6 greift dieses Motiv von der himmlischen Beratung auf und formuliert es um zu einer Berufungsvision, mit der sich Jesaja rechtfertigt: Gott hat ihn beauftragt vor tauben Ohren zu predigen. Die Vision vom thronenden Gott ist nur Beiwerk.

      • Mit Hesekiel beginnt eine andere Tradition: Die einfachen Bilder und Gleichnisse werden detaillierter ausgeschmückt wie bei der Thronwagenvision Hes 1 (Anknüpfung an Jesaja) oder beim Gleichnis von den unzüchtigen Schwestern Hes 23 (Anknüpfung an Hosea). Von da ist nur ein kurzer Schritt zu Sacharjas Visionen, die eigentlich Allegorien, erklärungsbedürftige Bilder sind. Das geht unmittelbar über in die Apokalyptik.

    • Der Hauptteil der Prophetenworte sind keine dunklen Orakel, sondern Klartext, Deutung der Vergangenheit, Auseinandersetzung mit der Gegendwart und Ankündigung künftiger Ereignisse.

      Das unterscheidet die biblischen Propheten

      • vom griechischen Orakel, bei der die "Propheten" die verworrenen Worte des Mediums übersetzten

      • auch von Weissager wie Nostradamus, dessen rätselhaften Sprüche alles und nichts bedeuten können.

    • Die Propheten sowohl wie auch andere biblischen Schriften setzen sich auch mit anderen Methoden auseinander, wie man den Willen der Gottheit zu erkunden suchte:

      • Totenbefragung: abgelehnt (Jes 8,19 u. ö.)

      • Traumdeutung: skeptisch

        • Die falschen Propheten berufen sich auf Träume: Jer 23,25-28

        • Gott kann sich Heiden durch Träume offenbaren wie dem Pharao und den babylonischen Königen. Traumdeutung ist aber nur mithilfe des wahren Gottes möglich (Josef: Gen 40, Dan 2).

      • Sterndeutung (Astrologie): nur am Rande angedeutet (Mt 2)

      • Andere Praktiken wie Vogelschau oder Opferschau spielen in der Bibel keine Rolle.

  • 4"-2"

    • Nach jüdischer  Überzeugung war der Geist der Propheten seit der persischen Zeit erloschen. An Stelle der lebendigen und immer wieder anfechtbaren Offenbarung trat der geschrieben Gotteswille in der Bibel, an Stelle der Propheten die Auslegung der Schriftgelehrten.

  • 2"- bis 1"+ Apokalyptik

    • Mit dem Buch Daniel setzt eine neue Literaturgattung ein: Es tauchen Bücher auf, die angeblich von Weisen der Vorzeit geschrieben wurden und die Weltgeschichte bis zur jeweiligen Gegenwart in Bildern darstellen und über die Gegenwart hinaus auch die Zukunft voraussagen bis hin zum Weltuntergang und der darauf folgenden Welterneuerung. Das eigentliche Thema aber ist eine Deutung der meist hoffnungslosen Gegenwart. Zu den apokalyptischen Büchern gehört auch die Johannesoffenbarung.

  • 1"+ Neues Testament

    • Nach christlicher Überzeugung ist mit Johannes dem Täufer und Jesus der prophetische Geist wieder erwacht und wirkt im Urchristentum weiter durch urchristliche Propheten:

      • wie Agabus, der eine Hungersnot und die Gefangenschaft des Paulus voraussagt (Apg 11,28; 21,10 f)

      • Die in 1Kor 12,28f; 14,29ff neben den Lehrern genannten Propheten waren wohl Christen, die sich bei den Gemeindeversammlungen vom Heiligen Geist zu spontanen Redebeiträgen gedrängt fühlten.

  • Inzwischen waren die Prophetenschriften bei Pharisäern und Christen zur zweiten Autorität nach der Thora aufgestiegen:

    • Gesetz und Propheten: Mt 7,12 u. ö.

    • Mose und Propheten: Lk 16,29.31 u. ö.

    • Propheten Lk 24,25 = Mose und die Propheten Lk 24,27

    Für die Urchristen wichtig waren die Stellen, die sie auf Christus bezogen und als Weissagungen verstanden. Deshalb gilt z. B. auch David als eine Art Prophet (Apg 1,16).

  • Als "Vordere Propheten" gelten im Judentum die Bücher Jos-2Kön.

  • Was wir Altes Testament nennen, heißt bei den Juden

    • תורה נביאים כתובים tôrâ nəbîʔîm kətûbîm 'Gesetz, Propheten, Schriften'

    • nhbr. kurz ‏תנ״ך Tanach.

  • Auch im Koran sind die biblischen Autoritäten als "Propheten" anerkannt.

   

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Übersicht

 

Begriffe Prophet | Sprachecke 18.03.2014

 

Datum: 2014

Aktuell: 26.03.2016