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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Frieden in der Bibel

Neues Testament

Paulus

veröffentlicht in der Mitarbeiterzeitschrift der Evangelischen Jugend im Dekanat Reinheim
"Team" 6-1981

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Paulus

Der Staat

Kann ein Christ Soldat sein?

 

Wie die Evangelisten versteht Paulus unter "Frieden" vor allem den Frieden mit Gott, so ausdrücklich Rö 5, 1:

haben wir Frieden mit Gott durch Jesus.

Für ihn ist es also ganz deutlich, was auch Lk 19, 37+38 anklingt, dass Jesus der Friedens- und Heilbringer ist.

Dabei betont er allerdings immer wieder: Wer am göttlichen Frieden Anteil hat, ist verpflichtet auch mit anderen Menschen in Frieden zu leben:

  • Rö 12, 18 Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

  • Rö 14, 19 Lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden und zum Aufbau der Gemeinde dient

  • 1. Ko 7, 15 (im Zusammenhang mit Ehefragen): Zum Frieden hat euch Gott berufen.

  • 2. Ko 13, 11 Habt einerlei Sinn, haltet Frieden.

  • Ga 5, 22 Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede....

Wohlgemerkt: Es handelt sich um den Frieden im privaten, nicht im politischen Bereich. Dieser lag ganz außerhalb der Möglichkeiten der ersten Christen.

Der Staat

Paulus setzt sich aber in Rö 13 trotzdem mit dem Problem des Staates auseinander, u.zw. wieder aus der Sicht des kleiner Mannes, der nicht die Möglichkeit hat, auf die Politik Einfluss zu nehmen. Seine Forderung der Obrigkeit untertan zu sein, ist nur unter diesem Gesichtspunkt verständlich: Gebt dem römischen Staat keinen Vorwand, gegen euch vorzugehen, weil ihr euch gegen ihn auflehnt.

Der 1. Petrusbrief führt das noch genauer aus: Er greift in 2, 13-17 die Forderung von Paulus auf und fügt 4, 15 hinzu: Ihr werdet um eures Glaubens willen in Schwierigkeiten kommen; aber Niemand sei unter euch, der als Mörder, Dieb oder Übeltäter zu leiden hat oder als einer der in ein fremdes Amt eingreift. Wenn Paulus und Petrus also Unterordnung unter den Staat fordern und damit jede Auflehnung verbieten, tun sie das unter pragmatischen Gesichtspunkten: Die Christen sollen ihren Willen zur Loyalität zeigen und sich nicht als Staatsfeinde verdächtig machen. Staatliche Maßnahmen gegen die Christen können nur deswegen eingeleitet werden, weil die Christen Gott mehr gehorchen als dem Kaiser, nicht weil sie dem Kaiser jeden Gehorsam verweigern.

Paulus und Petrus begründen ihre Forderung damit, dass der Staat eine Institution ist, die von Gott eingesetzt ist, um die Bösen zu bestrafen. Beide Apostel erkennen also die staatliche Gerichtsgewalt an: sie führt das (Richt-)Schwert im Auftrag Gottes.

Damit werden staatliche Gerichtsbarkeit, Polizeigewalt und Todesstrafe als von Gott eingesetzt erklärt. Aber vom Kriegsschwert, von Militär und Rüstung ist keine Rede. Die Apostel erlauben dem Staat zwar, Verbrecher zu bekämpfen und hinzurichten; sie dulden, dass er Christen verfolgt (als Betroffene, versteht sich); aber sie sagen mit keinem Wort, dass er das Recht habe, Krieg zu führen. Diese Möglichkeit liegt außerhalb des Gesichtsfeldes der Apostel, sonst hätten sie sich dazu geäußert. Das gesamte Neue Testament versteht den Krieg als ein Unglück, das über Unschuldige hereinbricht, nicht als ein Verbrechen, das man tun oder lassen kann.

Es darf nicht verschwiegen werden, dass die Bibel nicht überall so positiv vom Staat redet:

1. Sam 8 spricht sich Samuel dagegen aus, dass Israel einen König bekommt und damit zum Staat wird, u. zw. nicht nur deshalb, weil die Israeliten individuelle Freiheiten verlieren, sondern weil sie "Gott verwerfen", der bisher als Staatsoberhaupt galt. Samuel muss sich dann allerdings von Gott belehren lassen, er solle Israel einen König geben; sie werden schon merken, was sie davon haben.

Die Offenbarung sieht im römischen Staat keine von Gott eingesetzte Obrigkeit, sondern einen Handlanger des Teufels, der seine Macht nur hat, weil Gott nichts dagegen unternimmt.

Wir müssen uns angesichts solcher negativen Äußerungen fragen, ob das "Schwert", das der Staat führt, nicht ebenso unter das Verbot Jesu fällt, wie das Schwert des Jüngers, der Jesus verteidigt. Wenn Gewalt böse ist, auch in der Verteidigung, müsste das für die staatliche Gewalt und damit für den Staat überhaupt gelten wie für das private Leben. Denn das Wesen des Staates ist Gewalt, darauf kann auch ein moderner Rechtsstaat nicht verzichten, nicht nur weil es böse Menschen gibt, die die anderen nicht in Frieden lassen, sondern weil der Staat auf den guten Willen seiner Bürger nicht vertraut und weil auch in der Demokratie nicht jeder Bürger in jeder Angelegenheit gefragt wird. So geht vieles, was die Regierung tut, gegen den Willen der Bevölkerung, und die Regierung muss Zwangsmaßnahmen gebrauchen, um ihren Willen durchzusetzen. Aber sind diese Zwangsmaßnahmen des Staates wirklich anders zu beurteilen als Zwangsmaßnahmen eines Einzelnen? Hat der Staat vor Gott das Recht, Menschen zu töten, ihr Eigentum zu nehmen, sie einzusperren, wenn der einzelne Mensch dazu nicht das Recht hat? Es bleibt dabei: Wenn wir der Meinung sind, dass Gewalt böse ist, dann muss auch der Staat böse sein. Wir können uns da nicht mit herausreden, der Staat sei eine Notverordnung Gottes, um dem Bösen Einhalt zu gebieten. Denn problematisch ist nicht die Gewalt, die der Staat gegenüber Verbrechern ausübt, sondern die Gewalt, die er gegen seine eigenen Bürger einsetzt, um ihnen seinen Willen aufzuzwingen.

Kann ein Christ Soldat sein?

Die einzige Stelle im Neuen Testaments, die sich mit der Möglichkeit beschäftigt, dass ein gläubiger Mensch Soldat sein könnte, finden wir im Munde Johannes des Täufers bei Lukas 3,14; da empfiehlt der Täufer taufwilligen Soldaten:

Beraubt und erpresst niemand und seid mit eurem Sold zufrieden.

Johannes verlangt, also von den Soldaten nicht, ihren Beruf aufzugeben, genauso wenig wie er das von den Zöllnern verlangt. Er begnügt sich damit, dass die Soldaten auf unrechtmäßige Aufbesserung ihres Soldes verzichten. Johannes beurteilt also den Soldatenberuf, wie er ihn erlebt: sie sind staatlich angestellte Räuber. Und er meint, wenn sie ihr Räuberhandwerk aufgeben, könnten sie so sein, wie Gott sie haben will.

Damit hinterfragt Johannes nicht den Soldatenberuf. Er würde z.B. nichts dabei finden, wenn der Soldat im Krieg Menschen tötet, und er macht sich auch keine Gedanken darüber, ob das Kriegshandwerk sich mit dem Willen Gottes vereinbaren lässt. Das ist einer der schwachen . Stellen des Neuen Testaments, dass es da nicht weiter denkt. Zugegeben, Johannes ist noch kein Christ, seine Meinung ist für uns nicht verbindlich. Aber Jesus, Paulus und Petrus äußern sich auch nicht zu dieser Frage.

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Datum: 1981 / 2015

Aktuell: 26.03.2016