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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Das Gottesbild
im Alten und Neuen Testament

Ferienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim 09.‑17.04.1983

Email:

f) Der Auferstandene

g) Der Kommende

2. Der Geist

a) Vorgeschichte der neutestamentlichen Lehre dem Geist

b) Der Heilige Geist bei Jesus

c) Der Tröster

d) Urchristentum

 

 

f) Der Auferstandene

Anders als über das Leiden und Sterben Jesu bieten uns die Evangelien keine einheitliche Ostergeschichte. Vielmehr enthalten die Evangelien und 1 Kor 15 folgende Einzelüberlieferungen:

Anknüpfend an Mk berichten alle Evangelisten nach dem Tod des Herrn von seiner Beisetzung in einem Felsengrab. Am übernächsten Tag (Sonntag) wollen ein paar Frauen das Grab besuchen und finden es leer. Dort erfahren sie, Jesus sei auferstanden. Diese Geschichte fehlt aber bei Paulus.

Mt erzählt weiter, die Juden hätten die Wächter bestochen, dass sie das Märchen in Umlauf setzen sollten, die Jünger hätten die Leiche gestohlen. Auf einem Berg in Galiläa sei der Auferstandene dann den übriggebliebenen elf Jüngern erschienen und habe ihnen befohlen, zu missionieren und zu taufen.

Das ursprüngliche Mk-Evangelium schloss mit der Entdeckung des leeren Grabs. Da der Schluss unbefriedigend war, hat ein späterer Herausgeber des Evangeliums eine Zusammenfassung der bekannten Ostergeschichten angehängt.

Lk, der Forscher unter den Evangelisten, erzählt nach der Grabesgeschichte das Erlebnis der Emmausjünger, eine Erscheinung vor allen Jüngern mit der Offenbarung des *Schriftbeweises sowie die Himmelfahrt bei Bethanien (so das Evg.) beziehungsweise auf dem Ölberg (Apg; Bethanien liegt am Ölberg).

Das ursprüngliche Johannesevangelium schloss mit Kap. 20. Darin wird nach der Grabesgeschichte ähnlich wie bei Lk von zwei Erscheinungen des Herrn im Jüngerkreis berichtet, verbunden mit der Geistverleihung. Kap. 21 ist ein Nachtrag, in dem von einer Erscheinung des Auferstandenen am See Genezareth [219] berichtet wird sowie von der Beauftragung des Petrus mit dem Hirtenamt.

Paulus weiß von mehreren Erscheinungen des Herrn in folgender Reihenfolge: 1. Petrus, 2. die "Zwölf", 3. mehr als 500 Brüder (= Pfingsten?), 4. Jakobus, 5. alle Apostel, 6. Paulus selbst. Die Erscheinungen haben sich also anscheinend über Pfingsten hinaus über mehrere Jahre hingezogen.

Dazu kommen, wie wir gesehen haben, noch die Verklärungsgeschichte sowie der wunderbare Fischzug des Petrus.

Das ist nun eine Fülle von teilweise widersprüchlichem Material, das eigentlich kaum Rückschlüsse über das tatsächliche Geschehen zulässt. Versuchen wir nun das Material zu ordnen, so ergeben sich folgende Typen von Geschichten:

1. Erscheinungen vor Petrus:

a. nur als kurze Erwähnung: 1 Kor15,5; Lk 24,34

b. der wunderbare Fischzug Lk 5 und Johannes 21

2. die Verklärungsgeschichte (mit Petrus, Johannes und Jakobus)

3. Erscheinungen vor den Zwölfen (Paulus)

a. in Galiläa:

angedeutet Mk 16,7

erzählt bei Mt

b. in Judäa

in einem Haus, erzählt bei Lk und Johannes (zum Teil mehrfach)

auf einem Berg (bei Bethanien oder Ölberg; Lk)

4. Erscheinungen vor anderen (Emmausjünger; Jakobus, Paulus)

5. Erscheinung vor vielen (500 Brüder = Pfingsten?)

6. das leere Grab.

Ich nehme an, dass Petrus tatsächlich der erste war, dem der Auferstandene begegnet ist. Petrus hat den anderen davon erzählt; weitere Erscheinungen vor einem größeren oder kleineren Kreis schlossen sich an. Dabei ist unklar, ob die Jünger zunächst nach Galiläa geflohen waren und aufgrund des Ostererlebnisses wieder zurückkehrten, oder ob sie sich zunächst versteckt hielten und aufgrund des Ostererlebnisses vorübergehend nach Galiläa zurückkehrten, oder ob ein Teil nach Galiläa geflohen, ein anderer Teil in Judäa geblieben war. Es ist wahrscheinlich nicht nötig, in die Fülle von Erscheinungen eine Systematik hineinzubringen, weil der Auferstandene irgendwelchen Freunden gleichzeitig in Judäa und in Galiläa erscheinen konnte.

Obwohl die Geschichte vom leeren Grab zuerst erzählt wird, scheint sie die jüngste Geschichte zu sein. Man muss sich fragen, wieso wir diese Geschichte kennen, wo doch die Frauen nach Mk 16,8 niemand etwas gesagt hatten. Ich nehme an, dass sie zunächst vor Angst nichts erzählt und die ganze Sache zunächst vergessen hatten, bis dann die Frage auftauchte: Wenn Jesus auferstanden ist, müsste man das damit beweisen können, dass das Grab leer ist. Aber wo wurde der Herr überhaupt beigesetzt? Man befragte Zeugen, und da kam die ganze Geschichte nachträglich doch heraus. Man fand auch das leere Grab und versuchte die Auferstehung damit zu beweisen. Die Gegner aber konterten: "Ganz einfach: Die Leiche könnte ja zum Zweck des Beweises gestohlen worden sein." Diesen Vorwurf suchte Mt mit der Geschichte von den Grabeswächtern zu entkräften. Antwort: "Die Wächter haben geschlafen." Darauf Mt: "Nein, ihr habt die Wächter bestochen, dass sie sagen sollten, sie hätten geschlafen."

Wie die Evangelien zeigen, ist das leere Grab jedenfalls nicht der Grund für den Osterglauben gewesen.

Für uns ergeben sich nun folgende Fragen, die jetzt nicht nur den historischen Hergang, sondern den Glauben selbst betreffen:

i. Welche Bedeutung hat der Auferstehungsglaube für die Jünger gehabt?

Wir haben gesehen, dass der Glaube an die Möglichkeit einer Totenauferstehung kein jüdisches Allgemeingut war; die *Pharisäer zum Beispiel glaubten dran und die *Sadduzäer nicht. Jesus und seine Leute dagegen teilten die Meinung der Pharisäer. Dieser Glaube bezog sich allerdings nicht auf einzelne Auferstehungen irgendwann, sondern auf die allgemeine Totenauferstehung beim *Jüngsten Gericht. Nun halten wir uns folgendes vor Augen:

1. Jh und Jesus haben übereinstimmend gepredigt, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist. Im Klartext heißt das: Das Ende der Welt steht nahe bevor samt dem Gericht und der Totenauferstehung. So haben es jedenfalls die Jünger verstanden.

2. Die Jünger teilten wohl auch unabhängig davon den Volksglauben an die allgemeine Totenauferweckung am Jüngsten Tag.

3. Nun wurde Jesus gekreuzigt, nach zuverlässigen Zeugenaussagen (Mk 15,47) begraben und erschien zwei Tage später wieder seinen Jüngern als lebendig. Wenn uns das widerfahren würde (und es gibt ja genug Geschichten, wo erzählt wird, ein soeben Gestorbener sei kurz nach dem Tod den Angehörigen erschien), würden wir draus schließen: Es gibt doch ein Leben nach dem Tod.

Die Jünger waren aber so von dem Auferstehungsglauben beseelt, dass sie zu einem ganz anderen Ergebnis kamen: Jesus ist auferstanden. Und sie mussten diese Auferstehung natürlich in Zusammenhang bringen mit der allgemeinen Totenauferweckung. Sie folgerten dann weiter:

Jesus ist auferstanden

• also stimmt das mit der Totenauferstehung

• also steht das Weltende und das Reich Gottes unmittelbar bevor

• also hat der Herr doch recht gehabt.

In dem alten Lied, das oben schon einmal zitiert wurde, [220] wird Christus genannt der "Erstgeborene von den Toten", das heißt: er war der erste, der von den Toten auferstanden ist; seine Auferstehung ist Beweis und Garantie für unsere Auferstehung (vergleich auch die Argumentation von Paulus in 1. Kor 15: "Wenn es keine Totenauferstehung gibt, dann kann Christus auch nicht auferstanden sein.") Wir würden heute einen Unterschied zwischen dem Glauben an die Auferstehung Jesu und dem an die allgemeine Totenauferstehung machen. Für die ersten Christen gehörte beides untrennbar zusammen.

ii. Wie ist Christus auferstanden, leibhaftig oder geistig?

Dass das Grab leer gewesen ist, bedarf keiner Diskussion. Ein Gegenbeweis wäre einfach gewesen; es wurde aber noch nicht einmal das Gegenteil behauptet. Also müsste Christus leibhaftig auferstanden sein? Merkwürdigerweise hat auch niemand angezweifelt, dass das leere Grab wirklich das richtige Grab gewesen ist. Das verwundert angesichts der modernen Diskussion. ob das Grab in der Grabeskirche oder das sogenannte Gartengrab das richtige Grab ist. Es hätte immerhin sein können, dass die ortsfremden Frauen das richtige Grab nicht mehr wiedergefunden und ein leeres Grab für das Grab des Herrn hielten. [221] Das Grab beweist also auch heute überhaupt nichts.

Wir sind daher auf die Erscheinungsberichte der Evangelien angewiesen.

• Da versucht uns nun Lk Hilfe zu geben, verwickelt sich aber scheinbar in Widersprüche: Zwei Jünger verabschieden sich von den anderen in Jerusalem und gehen heim nach Emmaus. Unterwegs begegnet ihnen der Auferstandene, den sie aber nicht erkennen, geht mit ihnen und verschwindet in Emmaus plötzlich. Die beiden treten unverzüglich den Rückweg an und erfahren in Jerusalem: "Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen." Dies könnte unter normalen Umständen nur zwischen dem Abmarsch in Jerusalem und dem Zusammentreffen mit dem Auferstandenen oder nach seinem plötzlichen Verschwinden geschehen sein. In beiden Fällen müsste Jesus gerannt sein (mit Löchern in den Füßen kaum möglich) und hätte für Petrus doch nicht viel Zeit gehabt. Es ist also einfacher, anzunehmen, der Auferstandene sei Petrus in derselben Zeit erschienen wie den beiden anderen Jüngern. Das aber kann nur ein Geistwesen.

• Andrerseits will Lk aber in der folgenden Geschichte den Eindruck vermeiden, als sei der Auferstandene eine Art Gespenst; deshalb schreibt Lk, Jesus habe sich anfassen lassen und etwas gegessen. Ähnlich auch die Thomasgeschichte bei Johannes.

• Der Streit über die leibliche oder geistige Auferstehung ist so alt wie der Auferstehungsglaube selbst. Von seinen Ursprüngen her [222] ist natürlich an eine leibliche Auferstehung gedacht, und diese Auffassung hat sich lange durchgehalten. Christlich ist sie jedenfalls nicht; das sehen wir an folgenden Schriftstellen:

• Jesus verteidigt seinen Auferstehungsglauben gegen die Sadduzäer, die zwar eine Auferstehung leugnen, sich diese aber gleichwohl als eine Fortsetzung der irdischen Verhältnisse vorstellen. Dagegen Jesus: Nach der Auferstehung werden die Menschen sein wie die Engel im Himmel, also Geistwesen. [223]

• Paulus redet von einem "geistlichen Leib" im Unterschied zum "natürlichen Leib" [224] – scheinbar ein Kompromiss, in Wirklichkeit aber eine eindeutig geistige Vorstellung. Paulus kann sich halt nicht wie die Griechen einen Menschen ohne Körper vorstellen; aber wenn er von einem geistlichen Leib redet, meint er doch wohl dasselbe wie die Griechen, die von einer Seele ohne Körper sprachen.

• Wem aber bereits Jesus von einer geistigen, keiner leiblichen allgemeinen Totenauferstehung spricht, und wenn die christliche Vorstellung davon eindeutig ebenfalls die geistige Auferstehung ist, dann darf man das doch wohl auch von der Auferstehung des Herrn behaupten.

Hier kann uns nun die Verklärungsgeschichte nach Petrus weiterhelfen. [a] Da fasst der Apostel sein Erlebnis mit den Worten zusammen: "Wir haben seine Herrlichkeit selbst gesehen" (so fast wörtlich übereinstimmend auch Johannes [225]).

Was mindestens Petrus, Jakobus und Johannes gesehen haben müssen, war demnach weder ein Mensch mit irdischem Körper noch ein Geistwesen, sondern Christus in seiner himmlischen Herrlichkeit, seinem himmlischen Lichtglanz. Daran erinnert auch die Bekehrungsgeschichte des Paulus: Paulus sieht ein helles Licht vom Himmel und hört die Stimme Christi. [226]

Eine etwas andere Darstellung gibt uns der Bericht von der *Vision des *Märtyrers Stephanus:

Siehe, ich sehe den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen. [227]

Da Jesus vor dem Hohen Priester dies voraussagt, können wir annehmen, dass das Schauen des Menschensohns mit zu den Ostererlebnissen gehört hat.

Das heißt also: Wie wir aus verschiedenen Andeutungen entnehmen können, war das älteste Ostererlebnis eine Offenbarung, bei der Petrus und andere ihren kürzlich gekreuzigten Meister als Menschensohn zur Rechten Gottes sahen, umgeben von Gottes Lichtglanz.

Darauf weist auch das alte Lied aus Philipper 2: Weil Christus sich selbst gehorsam erniedrigt hat,

darum hat ihn auch Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist. [228]

Hier ist also nicht von der Auferstehung, sondern von der Erhöhung Christi die Rede, ein Ausdruck, den übrigens auch Johannes in seinem Evangelium verwendet, allerdings bezogen auf die Kreuzigung.

Es gab also mindestens zwei Deutungen der Ostererlebnisse: 1. Auferstehung, 2. Erhöhung.

Bei Lk sind nun beide Deutungen zu einem zeitlichen Schema miteinander verbunden: Am dritten Tag ist Christus auferstanden, hat dann 40 Tage mit seinen Jüngern in Verbindung gestanden und ist dann am 40. Tag in den Himmel gefahren. Dazu kommt als drittes Datum die Geistverleihung, die nach Lk am jüdischen Pfingstfest, also 50 Tage nach Ostern stattfand.

Auch die Geistverleihung war ursprünglich ein Erlebnis, das unmittelbar mit Ostern zusammengehört: Am Abend des 1. Tags in der Woche erscheint der Auferstandene zum ersten Mal seinen völlig verängstigten Jüngern, sendet sie aus zur Mission, verleiht ihnen den Geist und bevollmächtigt sie zur Sündenvergebung. [229] Von einem Missionsbefehl des Auferstandenen weiß auch Mt. [230] Ein Missionsbefehl war auch verbunden mit der *Bekehrungsvision des Paulus.

Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten und der Missionsbefehl gehören unmittelbar zusammen und sind wohl zeitlich nicht so voneinander zu trennen, wie es Lk darstellt.

Es kann sein, dass Lk oder seine Vorlage bereits dabei ist, einen christlichen Festkalender zu schaffen, indem er dem jüdischen Pfingst- oder Wochenfest einen christlichen Sinn gibt. Diese Tendenz lässt sich schon im Mk-Evangelium erkennen, wo die einzelnen Abschnitte der letzten Tage Jesu auf die verschiedenen Tage der Karwoche verteilt werden und wo das jüdische Passamahl mit dem christlichen Abendmahl, das jüdische Fest der ungesäuerten Brote mit dem christlichen Auferstehungs- oder Osterfest in eins gesetzt wird. Hier schimmern nicht nur "historische Erinnerungen", sondern auch Ansätze zu einem christlichen Festkalender durch.

iii. Wie ist das mit der Auferstehung am dritten Tag gemeint ist?

Der dritte Tag nach dem Freitag ist selbstverständlich der Sonntag; gemeint ist also nicht "drei Tage später".

Die Auferstehung am dritten Tag ist mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Alten Testament erschlossen:

Er macht uns lebendig nach zwei Tagen; er wird uns am dritten Tage aufrichten, dass wir vor ihn leben werden. [231]

Wie wir aus den Leidensankündigungen wissen, hat Jesus nicht nur sein Leiden, sondern auch seine Auferstehung "am dritten Tag" vorhergesagt; und er hat dabei sicher ebenso alttestamentliche Vorbilder im Auge gehabt wie bei der Ankündigung des Leidens.

Dass Jesus am dritten Tag auferstanden ist, wissen wir also aus dem Alten und nicht aus dem Neuen Testament! Bei der Auferstehung war niemand dabei. Die Datierung hat also nichts damit zu tun, dass die Frauen am Morgen des dritten Tags das leere Grabe gefunden haben – da war er ja bereits auferstanden.

In die Ostergeschichten ist schließlich noch etwas ganz anderes eingeflossen. Wir lesen: Die Jünger versammelten sich am Abend des ersten Tags der Woche, wo ihnen Jesus erschien und sie lehrte. Acht Tage später, als sie sich versammelt hatten, erscheint ihnen Jesus wieder. Er belehrt die Emmausjünger unterwegs über den Sinn seines Leidens und bricht mit ihnen schließlich das Brot. Dabei wird uns klar, dass hier eigentliche keine Geschichte erzählt wird, was am 3. und 5. April 33 geschah, sondern dass da schon christlicher Gottesdienst mit Abendmahl und Verkündigung stattfindet.

Die Evangelisten wollen uns darum sagen: Die ersten Christen hatten uns gar nichts voraus, denn das, was sie erlebten, können wir in jedem Gottesdienst bei jeder Schriftauslegung, bei jedem Abendmahl auch erfahren: Der Herr ist bei uns, und er hat seine Verheißung erfüllt:

Wo zwei oder drei versammelt sind in Meinem Namen, da bin Ich mitten unter ihnen. [232]

g) Der Kommende

Paulus hat uns ein Stück aus der aramäischen urchristlichen Liturgie überliefert:

Maranatha!

'Unser Herr, komm!'

was Johannes übersetzt mit:

 

Amen, ja komm, Herr Jesus! [233]

Dieser Ruf steht anscheinend in festem Zusammenhang mit der Fluchformel "Wenn jemand den Herrn Jesus nicht liebhat, der sei ausgeschlossen" und dem Gruß "Die Gnade… sei mit euch." Wir können daraus schließen, dass dieses Stück am Ende des öffentlichen Wortgottesdienstes stand, an dem auch Ungetaufte und Neulinge teilnehmen durften und sollten, und dem Abendmahlsgottesdienst, zu dem nur Getaufte zugelassen waren. Die Fluchformel war also eine Art feierlich-rigorose Aufforderung an die Ungetauften, nun nach Hause zu gehen. Der Gruß "Die Gnade sei mit euch" war zugleich Abschiedssegen für die Gehenden und Eingangsgruß des Abendmahlsgottesdienstes. Wenig später wurde dafür die Formel "Der Herr sei mit euch – und mit deinem Geist" eingeführt, die noch heute am Anfang des Abendmahlsgottesdienstes gebräuchlich ist.

Welchen Sinn hat in diesem Zusammenhang der Ruf Maranatha? Er kann doch nur die Bedeutung haben, dass Christus gebeten werden soll, bei dem nun folgenden Abendmahlsgottesdienst anwesend zu sein, etwa in dem Sinn des Tischgebets "Komm, Herr Jesu, sei Du unser Gast…"

Warum setzen aber dann Paulus und Johannes diese Bitte an das Ende ihres Schreibens? Weil der Brief an Stelle einer freien Verkündigung im ersten Teil des Gottesdienstes verlesen werden soll. Wir haben also hier einen interessanten Einblick in die urchristliche Gottesdienstordnung gewonnen.

Nun aber steht ja der Ruf trotzdem nicht am Anfang, sondern am Ende eines Briefs, und in der Offenbarung sogar am Ende des Neuen Testaments. (Deshalb hat auch Johannes die Fluchformel verändert: "Wehe dem, der den Wortlaut dieses Buchs ändert!"). Der Ruf bekommt dadurch den zweiten Sinn, wie es in der Offenbarung besonders deutlich wird: "Komm, Herr Jesu, zum *Jüngsten Tag!"

Wir halten also zunächst einmal fest, dass die Urgemeinde das Kommen des Herrn nicht nur am Jüngsten Tag, sondern auch zu jedem Gottesdienst erwartet hat.

Fachausdruck für dieses Kommen ist das griechische parousía 'Anwesenheit, Ankunft', ein Wort, das in eigenartiger Weise Gegenwart und Vergangenheit zugleich ausdrückt. Das lateinische adventus 'Ankunft' (daher unser Advent) und das deutsche Wiederkunft erfasst also nur eine Seite der Sache. Die "Parusie des Herrn" schließt seine Anwesenheit im Gottesdienst und "alle Tage bis an der Welt Ende" ebenso ein wie sein Kommen am Jüngsten Tag.

i. Was hat Jesus selbst über sein Kommen gesagt?

Wenn sich Jesus selbst Menschensohn nennt, so setzt dieser Titel das Kommen am Jüngsten Tag voraus. Denn nach Dan 7 ist der Menschensohn einer, der

kommt mit den Wolken des Himmels. [234]

Das bestätigt Jesus selbst in seinem Bekenntnis vor dem Hohen Rat. [235] Und er hat dieses Kommen auch an anderen Stellen angekündigt, zum Beispiel in seiner Rede über die Endzeit. [236]

Wenn Jesus seine Jünger beten lehrt:

Dein Reich komme,

so sagt er damit aus, dass das Reich Gottes noch nicht da ist, sondern erst kommen muss. – Andrerseits aber verkündigt Jesus auch:

Das Reich Gottes ist zu euch gekommen. [237]

und:

Das Reich Gottes ist unter euch. [238]

Es ist also da und wird noch erwartet; es hat schon angefangen und steht noch aus. Wir werden uns mit diesem Widerspruch noch beschäftigen müssen.

Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen den *Synoptikern und dem Johannesevangelium besteht darin, dass dieses die Gegenwart, jene aber die Zukunft des Heils betonen. Beispiel:

• Jesus setzt als selbstverständlich voraus, dass am Jüngsten Tag die Gerechten von den Toten auferstehen werden. [239]

• Jesus wehrt den Glauben Marias an eine künftige, Auferstehung ab und sagt:

Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt …" [240]

und noch deutlicher:

Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben, [241]

nicht erst in Zukunft, sondern heute schon.

Die *Synoptiker und Johannes haben also anscheinend jeweils einen Gesichtspunkt der Verkündigung Jesu aufgegriffen und den anderen vernachlässigt: die Synoptiker die Zukunft (mit Augen der *Apokalyptik) – Johannes die Gegenwart des Heils.

ii. Wie hat nun Jesus Gegenwart und Zukunft des Heils miteinander verknüpft?

Das zeigt er am schönsten im Gleichnis vom Senfkorn: [242] Die Gegenwart, das ist ein winziges Senfkorn; aber das Reich Gottes hat schon angefangen. Die Zukunft, das ist ein großer Baum; die Vollendung steht noch aus.

Ähnlich lässt sich Paulus über das Schon-jetzt und Noch-nicht aus:

Wir sind wohl gerettet, aber auf Hoffnung. [243]

Der Geist, den uns Gott gegeben hat, ist die Garantie für unsere zukünftige Auferweckung. [244] Gott hat uns als "Anzahlung" auf die künftige Herrlichkeit den Geist gegeben. [245]

Im christlich-jüdischen Gespräch der Gegenwart wird immer wieder uns Christen vorgehalten: "Jesus kann nicht der Erlöser sein, weil die Welt ja offensichtlich nicht erlöst ist." Dieses Argument verkennt ganz die oben geschilderte Spannung zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen dem Senfkorn in seiner gegenwärtigen Unscheinbarkeit und dem Baum, der draus erwachsen wird.

Diese Erkenntnis könnte uns frei machen dafür, den jüdischen Geschwistern einen Schritt entgegenzukommen, indem wir sagen: Jesus hat sich selbst nicht als *Messias bezeichnet. Das hätte bedeutet, dass er augenblicklich für Ordnung gesorgt und alles Leid auf der Erde beseitigt hätte. Das hat aber Jesus nicht getan, sondern auf sein noch ausstehendes Kommen als *Menschensohn verwiesen. Wir hoffen genau wie unsere jüdischen Brüder auf unsere Erlösung. Aber wir haben als "Anzahlung" den Geist und können stückweise ein bisschen Erlöstheit in unserem eigenen Leben verspüren – sie haben die Erwählung und die Verheißung und können ebenso an der endgültigen Erlösung Anteil bekommen. Das Ziel ist dasselbe – der Weg dazu verschieden.

2. Der Geist

a) Vorgeschichte der neutestamentlichen Lehre dem Geist

In unserem deutschen Wort Geist hat zwei verschiedene Bedeutungen:

1. eine menschliche Fähigkeit, (etwa zu denken und zu empfinden) oder ein Bestandteil von uns (gleichbedeutend mit Seele). Diese Bedeutung nennen wir dynamistisch (zu griechisch dynamis 'Kraft').

2. ein unsichtbares Wesen ohne Körper, zum Beispiel ein Engel oder Gespenst. Diese Bedeutung nennen wir animistisch (zu lateinisch anima 'Seele').

Auch im Alten Testament kennen wir beide Bedeutungen des Wortes 'Geist'.

An dieser Stelle sei kurz erwähnt, dass hebräisch ruach, das wir mit 'Geist' übersetzen, ähnlich wie griech. pneûma, lat. spiritus eigentlich 'Hauch, Wind' bedeutet, während unser Geist ursprünglich eine besondere Gemütsbewegung kennzeichnete (entgeistert 'entsetzt', begeistert 'entzückt'). Die dynamistische Bedeutung überwiegt also im Alten Testament.

1. Ein dynamistisches Geistverständnis finden wir zum Beispiel in den Richtergeschichten, wo immer wieder erzählt wird, wie der "Geist Jahwes" über einen Menschen kam, der dann die Fähigkeiten besaß, die er als Heerführer und Retter seines Volkes brauchte. Ähnlich bei den *Propheten. Geist ist hier also eine Art göttliche Kraft, die einen Menschen überkommt.

2. An einigen Stellen hat aber das Wort Geist fast die Bedeutung von 'Engel', so in der Fabel des Micha ben Jimla. [246] Hier herrscht also das animistische Verständnis. Der Lügengeist in der Fabel Michas ist ein relativ selbständiges Wesen, das Gott zwar untergeordnet ist, aber eigenständig handeln kann.

Der dynamistisch verstandene Geist Gottes dagegen ist ein Teil von Gott selbst, so wie mein Geist ein Teil von mir ist.

Nun gibt es aber auch schon in alter Zeit daneben den Gedanken, dass sich eine Eigenschaft oder ein Teil von Gott verselbständigt und als eigenes Wesen auftritt. Das sehen wir an der Geschichte von der Volkszählung, in der Jahwes Zorn David verführt. [247] Das können wir so verstehen, dass sich Gott geärgert hat oder dass der "Zorn" eine Art Dämon ist. Später verstand man die Stelle so, dass hier der Satan am Werk ist, also ein selbständiges Wesen. [248]

Etwas Ähnliches ist es mit dem "Engel Jahwes", der weiter nichts ist als eine Offenbarungsform Gottes.

In späterer Zeit kann auch das Wort oder die Weisheit Gottes als ein solches selbständige Wesen auftreten.

Dies müssen wir streng unterscheiden vom animistischen Geistverständnis. Denn ob Engel Zorn, Wort oder Weisheit Gottes, und wenn sie noch so personhaft dargestellt, sind keine selbständigen Wesen, sondern Personifikationen von Eigenschaften Gottes. Solche Personifikationen kennen wir auch, wenn wir zum Beispiel die Justitia (Gerechtigkeit) als Frau mit verbundenen Augen und Waage oder den Frieden als Engel mit Palme oder als Taube darstellen.

Zusammenfassend stellen wir also fest:

• Animistisch gedacht ist es zum Beispiel, wenn es heißt: der

Du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern. [249]

Hier werden Naturkräfte geschildert wie lebende Wesen, als ob sie eine Seele hätten. Animistisch gedacht ist es auch, wenn die *Heiden etwa im Gewitter das Wirken des Wettergotts sahen.

Dynamistisch dagegen gedacht ist der Satz "Gottes Zorn entbrannte gegen…" oder

Die Liebe Christi ist ausgegossen in unser Herz. [250]

Zorn und Liebe sind hier keine selbständigen Wesen, sondern Eigenschaften Gottes. Wir könnten stattdessen auch sagen: "Gott wurde zornig gegen …" oder "Wir sind tief bewegt, weil Christus uns so lieb hat." Dynamistisch gedacht ist es auch, wenn wir im Gewitter eine elektrische Entladung sehen oder die Israeliten ihre *Bundeslade für einen heiligen Gegenstand hielten.

• Eine Personifikation dagegen liegt vor, wenn bei Daniel oder in der Offenbarung die verschiedenen Weltmächte als Tiere dargestellt werden, oder wenn heute auf Karikaturen Großbritannien als Löwe oder Russland als Bär gezeichnet ist. [251]

b) Der Heilige Geist bei Jesus

Jesus selbst redet nach den *Synoptikern auffallend wenig vom Heiligen Geist. Es gibt bei den Synoptikern überhaupt nur wenige Stellen, die vom Heiligen Geist reden. Dabei sind alttestamentliche Zitate von vorneherein auszuschließen; ferner sind die Stellen nicht zu berücksichtigen, an denen der Evangelist erzählt und nicht Jesus oder sonst jemand spricht.

Versuchen wir nun einmal, bei den einschlägigen Jesuszitaten das Wort Geist zu umschreiben, so ergibt sich folgendes Bild:

• Prophetische Eingebung:

Ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet. [252]

• Gott selbst:

Die Lästerung gegen den Geist [253] kann nicht vergeben werden. [254]

• Kraft Gottes:

Jesus treibt böse Geister aus "durch den Geist Gottes". [255] Die entsprechende Stelle bei Mk redet vom "Finger Gottes", was wohl der Originalwortlaut Jesu ist; Mt hat den ungewöhnlichen Ausdruck vermieden.

• Göttliche Eingebung eines biblischen Schriftstellers:

Der Psalmdichter David "spricht durch den Heiligen Geist…" [256] Jesus glaubt also an die göttliche *Inspiration der Bibel.

• Denkungsart:

Wisst ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid? [257]

Geistes Kind" wird semitisch gedacht sein. Der Satz müsste also umschrieben werden: "Wisst ihr nicht, welchem Denken ihr verpflichtet seid?" Der "Geist" ist hier nicht der Heilige Geist, sondern die Gesinnung der Liebe, die göttliche Kraft, die den Christen erfüllt: Wenn schon ein irdischer Vater seinen Kindern nichts Schlechtes gibt,

wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten. [258]

Die Formulierung stammt von Lk. Nach Mt 7,11 hatte Jesus nur gesagt: "Gutes geben".

Jesus redet also gut alttestamentlich vom Geist im dynamistischen Verständnis. An keiner Stelle ist überzeugend nachzuweisen, dass der "historische Jesus" etwas von einer Geistverleihung an alle Christen gesagt hat. An keiner Stelle ist nachzuweisen, dass der Heilige Geist von Jesus als eine selbständige Wesenheit bezeichnet worden wäre. [259]

Nun kommen aber bei den *Synoptikern noch ein paar interessante Stellen dazu, die aber nicht von Jesus stammen:

• Die jungfräuliche Empfängnis Marias durch den Heiligen Geist, eine erst *heidenchristliche Entdeckung. Geist wird hier im Sinne von 'Kraft', also dynamistisch verstanden.

• Bei der Taufe Jesu schwebt der Geist nach allen Evangelisten wie eine Taube auf Jesus herab, wobei der Vogel ein uraltes Symbol für Seele oder Geist ist. Das Bild soll wohl sichtbar machen, wie Jesus vom Geist Gottes erfüllt wird.

Anders als die Johannestaufe ist später die christliche Taufe mit der Geistverleihung verbunden, was aus der christlichen Umdeutung des Täuferworts: "Der nach mir kommt, wird euch mit [Geist und] Feuer taufen" hervorgeht.

• In der Versuchungsgeschichte [260] wird gesagt, der Geist habe Jesus zur Versuchung in die Wüste getrieben; ähnlich an anderen Stellen zu anderen Unternehmen. Damit soll gesagt werden, dass Jesus nicht von sich aus, sondern auf Befehl Gottes handelt.

Auch hier ist Geist immer im *dynamistischen Sinn eine Kraft, die die jungfrauliche Empfängnis Jesu bewirkt, durch die Taufe auf Jesus herabkommt und Jesus veranlasst, so und nicht anders zu handeln.

Trotz des Taubensymbols und trotz des Zusatzes von Lk, die Taube sei in leiblicher Gestalt auf Jesus herabgekommen, ist auch hier nirgends von einem Geist als selbständigem Wesen die Rede.

c) Der Tröster

Johannes lässt aber mehr als die anderen Evangelisten seinen persönlichen Glauben in sein Evangelium einfließen. In den Reden, die Jesus hält, spiegelt sich also mehr die theologische Erkenntnis des Evangelisten über das Geheimnis der Person Jesu als die Meinung des "historischen Jesus".

Nach Johannes kündigt Jesus in seinen Abschiedsreden schon die Geistverleihung an; dabei benutzt er aber weniger das Wort Geist als das Wort Tröster.

Mit Tröster übersetzt Luther das griechische Wort paráklētos. Luther lehnt sich damit zwar an die *altkirchliche Überlieferung, nicht aber an den griechischen Sprachgebrauch an, nach dem das Wort 'Rechtsbeistand (lat. advocatus), Fürsprecher, Beistand' bedeutet. 1. Jh 2,1 dagegen übersetzt Luther dasselbe Wort richtig mit 'Fürsprecher'.

Jesus nennt also in den Abschiedsreden den Geist einen "Beistand" oder "Fürsprecher".

Nach Jh 14,16 ist der "Geist der Wahrheit" der "andere Beistand". Der "erste Beistand" ist Jesus.[261] Da er jetzt zu seinem Vater geht und die Jünger allein wären, schickt er ihnen den Geist als Ersatz:

Denn wenn ich nicht hingehe, so kommt der Beistand nicht zu euch; wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. [262]

Obwohl Johannes noch nicht die Dreieinigkeitslehre kennt, deutet er doch schon an, dass der Geist für ihn nicht nur eine göttliche Kraft, sondern eine Größe ist, die man mit dem Vater und dem Sohn vergleichen kann.

d) Urchristentum

Nach Jh hat der Auferstandene seinen Jüngern bei der ersten Erscheinung den Geist verliehen (hier nicht als "Beistand" bezeichnet). [263] Lk stellt in der Apg die Geistverleihung etwas anders dar: nicht an Ostern, sondern erst an Pfingsten (Anfang eines christlichen Festkalenders, Umdeutung des jüdischen Pfingstfestes, nicht unbedingt historische Erinnerung).

Johannes und Lukas sind sich jedenfalls darüber einig, dass für die Christen nach Ostern etwas Neues begann, dass sie nämlich mit dem Heiligen Geist ausgerüstet wurden. Für diejenigen, die schon vorher dabei waren, also die Jünger im weiteren Sinn, geschieht die Geistverleihung pauschal an Ostern oder Pfingsten, für diejenigen, die später dazukamen, durch die Taufe.

Auch hierin sind sich Jh und Lk einig:

Jesus erklärt dem Nikodemus sein Rätselwort von der Wiedergeburt:

Es sei denn, dass jemand wiedergeboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. [264]

Durch die Taufe und die Geistverleihung wird man also als neuer Mensch wiedergeboren, meint Johannes.

• Bei Lukas gehören zwar Taufe und Geistverleihung zusammen, sind aber doch getrennte Akte, die in Einzelfällen sogar zeitlich voneinander getrennt stattfinden können:

Der Evangelist Philippus missioniert erfolgreich in Samaria und tauft dort viele Menschen. Als die Apostel von diesem Erfolg hörten, kamen sie nach Samaria und verliehen den Getauften durch Handauflegung den Heiligen Geist. [265] Die Geistverleihung war noch nicht erfolgt, weil Philippus nur auf den Namen Christi Jesu getauft hatte. Hat Philippus einen Formfehler begangen (also nicht "auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes"), oder war die Geistverleihung nur den Aposteln vorbehalten? Für letzteres gibt es keine Begründung in einem Befehl Christi.

Petrus legt dem heidnischen Hauptmann Cornelius die christliche Lehre dar, und ehe es zur Taufe kommt, werden Cornelius und seine Angehörigen vom Heiligen Geist erfüllt. Petrus betrachtet das als ein Zeichen, dass nun einer Taufe nichts mehr im Weg steht. [266] Hier findet die Geistverleihung ausnahmsweise vor der Taufe statt. Sie ist also nicht an eine Handlung eines Apostels gebunden, sondern kann auch spontan erfolgen.

Bei zwölf Männern in Ephesus ist durch einen Formfehler die Geistverleihung unterblieben: Die waren nämlich nur "auf die Taufe des Johannes" getauft, also Johannesjünger, die Christen geworden waren. Paulus holt das Versäumte durch Handauflegung nach. [267]

Lk hat uns leider nur Ausnahmen, aber keinen Regelfall überliefert, bei dem wir ersehen könnten, ob und wie Taufe und Geistverleihung miteinander verbunden waren. Bei den ausführlicher berichteten Taufen des Kämmerers oder des Kerkermeisters ist von einer Geistverleihung keine Rede.

Auch Paulus setzt voraus, dass Taufe und Geistverleihung zusammengehören:

… durch welchen ihr auch, da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung. [268]

Die Versiegelung ist ein geläufiges Bild für die Taufe.

Gott machte uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes. [269]

Welche Folgen hat aber der Geistbesitz der Christen? Wie wir aus den Paulusbriefen wissen, hat der Geist verschiedene Gnadengaben verteilt, die die Christen zu besonderem Tun in der Gemeinde befähigten: *Zungenreden, *Prophetie, Weisheit, Unterscheidungsfähigkeit, Wunder tun usw. Wobei die Korinther das Zungenreden, Paulus aber die Liebe als höchste Geistesgabe einschätzten. [270] Der Geistbesitz hat also Folgen, die auch Außenstehende feststellen können. Wiederum können wir auch im Urchristentum ein dynamistisches Geistverständnis erkennen.

Eine besondere Bedeutung hat nun aber Röm 8. Hier ist der Geist einerseits eine Gabe Gottes. [271] Andrerseits handelt er aber auch ziemlich selbständig: er wohnt in uns (ähnliches kann in den Evangelien von den Dämonen gesagt werden). Er treibt Menschen, die Gottes Kinder sind – er bezeugt unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind – er hilft unsrer Schwachheit auf und vertritt uns in unserer Unfähigkeit zu beten vor Gott mit unaussprechlichem Seufzen. – Der Geist hat also eine Art Mittlerstelle zwischen unserem Geist und Gott. Er vertritt Gottes Stelle bei uns und tritt vor Gott für uns ein. Hier ist Geist also fast ein personhaftes Wesen.

Im selben Zusammenhang verwendet Paulus das Wort Geist aber auch als Gegenwort zu Fleisch, wobei Fleisch die sündige, todverfallene menschliche Natur meint. Geist ist also hier etwas ganz Anderes als das, was wir bisher über ihn erfahren haben, nämlich so etwas wie eine Sphäre Gottes. Man kann fleischlich gesinnt, also gegen Gott, und dem Tod verfallen sein; man kann aber auch geistlich gesinnt und auf der Seite Gottes stehen und damit das Leben und den Frieden ererben.

Im späteren Sprachgebrauch hat geistlich die Bedeutung von 'kirchlich' angenommen. Das hängt aber nicht mit diesem Sprachgebrauch von Paulus zusammen, sondern entstammt einem anderen Gedankengang: Wie oben gezeigt, galt zur Zeit von Paulus die Fähigkeit zur kirchlichen Mitarbeit als Gabe des Heiligen Geistes. Da aber

der Geist weht, wo er will, [272]

ist er nicht frei verfügbar, und man kann ihn auch nicht verplanen – zum Nachteil einer Kirche, die sich mehr auf ihre Organisation als auf den Heiligen Geist verlässt.

Man ging daher schon zur Zeit von Paulus dazu über, kirchliche Funktionen zu regelrechten Ämtern zu machen, in die man offiziell eingesetzt werden kann. Schon das Apostelamt scheint ein solches festes Amt gewesen zu sein, ebenfalls die Ämter der Ältesten (Art Kirchenvorsteher) und des Bischofs (Art Gemeindevorsteher; Pfarrer). In späterer Zeit wurde dieses System noch weiter ausgebaut. Und vor allem, und das ist das Fatale an der Sache, wurden mit dem Ausbau der Ämter die spontane Mitarbeit in der Gemeinde ganz zurückgedrängt. Das einfache, geistbegabte Gemeindeglied hatte nichts mehr zu sagen. Wer etwas gelten wollte, musste sich um ein Amt bewerben, in das er feierlich eingesetzt wurde. Selbst der Geistbesitz wurde an das kirchliche Amt gebunden. Man nennt daher den kirchlichen Amtsträger einen Geistlichen. Zur Zeit von Paulus galten alle Christen als "geistlich". [273]

Natürlich stand hinter dieser Entwicklung auch eine innere Notwendigkeit. Denn das musste schon Paulus erfahren: wenn sich jeder auf den Geist beruft, kann es zu einem heillosen Durcheinander kommen. Alles spricht durcheinander und keiner nimmt Rücksicht auf den anderen. Später trat erschwerend hinzu, dass nur ein gut ausgebildeter Bischof dafür gerade stehen konnte, dass das, was in seiner Gemeinde gepredigt wurde, der apostolischen Lehre entsprach. Viele Köche verderben den Brei, und viele Lehrer die kirchliche Lehre. [274]

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[219] vergleiche Lk 5

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[220] Kol 1,18

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[221] Aber was sollte das für einen Grund gehabt haben, für teures Geld ein Felsengrab machen zu lassen und dann doch nicht zu benutzen? Dass man das Grab, in dem Jesus lag, aus Pietät nicht mehr belegte, ist leichter einzusehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[222] Hes 37 Auferstehung der Totengebeine

 

 

 

 

[223] Mk 12,18-27
 

[224] 1 Kor 15,44

 

 

 

 

 

 

 

 

[a] 2 Petr 1,16-18

 

[225] Jh 1,14

 

 

 

 

 

[226] Apg 9,3+4

 

 

 

 

[227] Apg 7,55

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[228] Phil 2,9

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[229] Jh 20,19-23

[230] Mt 28,19

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[231] Hos 6,2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[232] Mt 18.20

 

 

 

 

 

 

[233] 1 Kor 16,22 (ähnlich Offb 22,20)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[234] Dan 7,13

 

[235] Mk 14,62

[236] Mt 24+25 = Mk 13 = Lk 21

 

 

 

 

 

 

[237] Mt 12, 28

 

 

 

[238] Lk 17,21

 

 

 

 

 

 

 

[239] Lk 20,34-36, ähnlich Mt 24,31 ("Sammeln der Auserwählten")

 

 

[240] Jh 11,24-26

 

 

 

[241] Jh 3,36

 

 

 

 

 



 

[242] Mk 4,30-32

 

 

 

 

[243] Röm 8,24

 

[244] Röm 8,11

[245] Röm 8,23, 2. Kor 1,22

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[246] 1 Kön 22

 

 

 

 

 

 

 

 

[247] 2 Sam 24,1

 

[248] 1 Chron 21

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[249] Ps 104,4

 

 

 

 

 

 

[250] Röm 5,5

 

 

 

 

 

[251] Der deutsche Michel oder Uncle Sam dagegen sind keine Personifikationen, sondern typische Vertreter ihres Landes.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[252] Mt 10,20

[253] der Abfall vom Glauben

[254] Mt 12,31, wohl kein Wort des "historischen Jesus", sondern des Auferstandenen.

[255] Mt 12,28

 

 

 

 

 

[256] Mk 12,36

 

 

 

[257] Lk 9,55

 

 

 

 

 

[258] Lk 11,13

 

 

 

 

[259] Der Taufbefehl Mt 28,19 ist hier auszuklammern, da eindeutig ein Wort des erhöhten Herrn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[260] Mk 1,12

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[261] 1 Jh 2,1

 

 

[262] Jh 16,7

 

 

 

 

 

 

 

[263] Jh 20,22

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[264] Jh 3,5

 

 

 

 

 

 

 

 

[265] Apg 8

 

 

 

 

 

 

 

[266] Apg 10

 

 

 


 

[267] Apg 19,1-12

 

 

 

 

 

 

 

[268] Eph 1,13

 

 

 

[269] Tit 3,5

 

 

 

 

 

[270] 1 Kor 12+13

 

 

 

[271] Röm 8,23

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[272] Jh 3,8

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[273] Gal 6,1

 

 

 

 

 

 

[274] Jak 3,1

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1983 / 2007

Aktuell: 26.03.2016