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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Biblische Wunder und Naturwissenschaft

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I. Was ist denn überhaupt ein Wunder?

1. Ein Wunder ist, worüber wir uns wundern.

2. Wunder sind Zeichen besonderer Macht.

a. im Alten Testament

b. Im Neuen Testamen

c. Hexenglauben und Naturwissenschaft

II. Wie gehen wir heute damit um?

1. Wir sind davon abgekommen, alles für erklärbar zu halten.

2. Kein allzu blinden Vertrauen zu der Wissenschaft.

3. Wunder "natürlich" zu erklären.

4. Nicht alle Wunder waren einmalig.

a. Literarische Parallelen …

b.  … tun der Bedeutung Jesu keinen Abbruch.

5. manche Ereignisse nur einmal geschehen.

 

Wenn wir heute in der Bibel lesen, dass Mose des Rote Meer gespalten hat, Elia Feuer vom Himmel fallen ließ oder Jesus auf dem See gewandelt ist, sagen die einen: "Das kann doch gar nicht sein, denn das widerspricht den Naturgesetzen." Andere dagegen sagen: "Bei Gott ist alles möglich und Gottesmänner wie Mose, Elia und Jesus konnten eben mehr als andere." Die einen berufen sich auf die Bibel und glauben an Wunder, die anderen auf die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft und glauben nicht an Wunder. Sie müssen dann entweder sagen: "Das Rote Meer spalten, Feuer vom Himmel fallen lassen und auf dem See wandeln geht nicht, also sind diese Geschichten Märchen", oder sie müssen diese Geschichten anders erklären.

I. Was ist denn überhaupt ein Wunder?

1. Ein Wunder ist, worüber wir uns wundern.

Sowohl die Gläubigen als auch die Ungläubigen vertreten die Meinung: "Ein Wunder ist ein Ereignis, das eigentlich gar nicht geschehen kann. In den Wundergeschichten werden Verstöße gegen die Naturgesetze berichtet." Stimmt's?

Nein es stimmt nicht! Ein Wunder ist seinem Namen nach ein Ereignis, über das wir uns wundern. Wir wundern uns nicht nur, wenn wir etwas nicht erklären können, sondern auch wenn wir mit etwas nicht gerechnet hätten oder wenn wir etwas "wunderbar" finden:

Die Israeliten zur Zeit von Mose haben nicht darüber nachgedacht, wie man das Wunder am Meer erklären konnte, sondern sie haben sich gewundert, weil sie nicht damit gerechnet hatten und auch nicht voraussehen konnten, dass die ägyptische Kavallerie im Meer versinken würde. – Die Leute auf dem Berg Karmel haben sich nicht gefragt: "Wie hat denn Elia das gemacht, dass Feuer vom Himmel gefallen ist?" sondern sie haben sich gewundert, dass das Gebet Elias in Erfüllung ging und das der Baalspriester nicht. – Die Jünger haben sich nicht gewundert, dass Jesus auf dem Wasser laufen konnte, sondern dass er zu ihnen kam, wo sie am wenigsten damit gerechnet hatten.

Die Menschen zur Zeit der Bibel kannten noch keine Naturgesetze, auch wenn sie ihre Vorstellungen hatten, was möglich ist und was nicht. Sie fragen nicht: "Wie kann man das erklären?", sondern: "Warum kann Mose, Elia, Jesus Wunder tun und wir nicht?"

Dass es Menschen gibt, die mehr können als wir, ist für uns auch heute noch ganz normal. Neulich hat mir ein Mädchen phantastische akrobatische Kunststückchen vorgeführt, die ich nie hingekriegt habe. Ich fragte da auch nicht: "Wie machst du das?", sondern wunderte mich, dass sie so was kann. Ich wundere auch über Leute, die stricken oder mehrstimmig Klavier spielen können. Das hat nichts mit Zauberei zu tun, aber ich habe das nicht gelernt und frage mich, wie andere so was können.

2. Wunder sind Zeichen besonderer Macht.

a. im Alten Testament

Mose und Elia setzen ihre Wunder ein, um sich damit zu legitimieren: Der Pharao soll erkennen, dass Mose von Gott gesandt ist, weil Mose die Macht hat, ein Stock in eine Schlange zu verwandeln. – Die Leute auf dem Karmel sollen erkennen, dass Jahwe und nicht Baal Regen machen kann und damit göttliche Macht hat, weil nur Jahwe des kurze Gebet Elias erhört, während Baal auf die lange Litanei der Baalspriester überhaupt nicht reagiert. Die höhere Kunst von Mose und Elia wurden als Zeichen dafür angesehen, dass die beiden mit Gott im Bunde standen.

Dabei kam es den Zeugen und den Erzählern dieser Wunder nicht drauf an, dass da etwas Unerklärbares oder Unmögliches geschah, sondern dass Mose oder Elia etwas taten, was die Zuschauer nicht konnten. Es wäre auch keiner auf die Idee gekommen, von einem "faulen Trick" zu reden, obwohl sich das Schlangen- und das Feuerwunder durchaus auch mit "Tricks" bewerkstelligen lassen. [1] Das hat aber nur dann überzeugt, wenn sonst niemand dieses Kunststück konnte.

Das können wir an der Mosegeschichte erkennen: Mose kann mit dem Schlangenwunder dem Pharao nicht imponieren und auch nicht damit, dass er Wasser in Blut verwandelt. Die ägyptischen Zauber konnten das auch. Der Pharao lässt sich von Mose nicht beeindrucken, nicht weil Mose als Schwindler entlarvt worden wäre, sondern weil die ägyptischen Zauberer offensichtlich dieselbe Macht besitzen wie Mose, der also gar nicht so einzigartig sein kann, wie er tut.

b. Im Neuen Testament

Jesus hat Beglaubigungswunder abgelehnt. Er wusste inzwischen, dass diese "Zeichen" missverständlich sind. Inzwischen waren die Menschen auch kritischer geworden und brachten nicht in jedes höhere Können mit Gott in Verbindung. Inzwischen konnten sie sich auch einen Teufel vorstellen, von dem weder Mose noch Elia noch der Pharao und König Ahab etwas wussten. Sie folgerten: Wenn einer mehr weiß und mehr kann als andere, dann könnte er seine Macht ja auch vom Teufel und nicht von Gott haben. Also verdächtigte man Jesus, er stehe mit dem Teufel im Bund und würde den "Teufel mit dem Beelzebub austreiben."

c. Hexenglauben und Naturwissenschaft

Diese Art zu denken hat im christlichen Abendland furchtbare Folgen gehabt: Wer mehr konnte und mehr wusste als die anderen, die verdächtigte man gleich, sie hätten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, und stellte sie als Hexen und Hexer auf den Scheiterhaufen.

Das naturwissenschaftliche Denken, das wir heute pflegen, kam auf in der Zeit, als der Hexenwahn seinen Höhepunkt erreichte. Während draußen überall die Scheiterhaufen loderten, wurde in stillen Studierstuben und in den Hörsälen die moderne Naturwissenschaft geboren. Man suchte für die Vorgänge in der Natur natürlich Erklärungen, "als ob es Gott nicht gäbe". Man brauchte den lieben Gott nicht mehr, um zu erklären, wie Blitz und Donner entstehen, und man brauchte den Teufel nicht mehr, um zu erklären, wieso Benjamin Franklin den Blitz einfangen und unschädlich machen konnte. Alles in der Natur ließ sich natürlich erklären, vorausberechnen und technisch nutzbar zu machen.

Damit geriet aber der biblische Wunderglaube in eine Krise. Man verstand die Wunder nicht mehr als Beweis besonderer Macht, sondern als unerklärliche Ereignisse, die im Widerspruch zu den erst kürzlich erkannten Naturgesetzen stehen. Die Naturgesetze lassen aber keine unerklärlichen Ereignisse und Wunder zu. Also, schloss man, kann es keine Wunder geben, und kann es auch keinen Gott geben, der diese Wunder bewirkt hat.

II. Wie gehen wir heute damit um?

1. Wir sind davon abgekommen, alles für erklärbar zu halten.

Die Natur tut uns nicht immer den Gefallen, den von Menschen aufgestellten Gesetzen zu folgen. Die "Naturgesetze" sind keine Regeln, nach denen sich die Natur richtet, sondern gewisse Gesetzmäßigkeiten und Regelmäßigkeiten, die wir beobachten und voraussagen können. Zudem ist Vieles, was gestern der letzte Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis war, heute überholt, und ständig müssen die Lehrbücher umgeschrieben werden.

2. Das macht uns vorsichtig gegenüber einem allzu blinden Vertrauen zu der Wissenschaft.

Das hat aber nicht zur Folge, dass da jetzt irgendwo vielleicht doch noch ein Freiraum für Wunder und offensichtliche Verstöße gegen die Naturgesetze entstanden wäre. Denn wir kennen noch lange nicht alle Gesetzmäßigkeiten und können viele komplexe Vorgänge weder nachvollziehen noch voraus berechnen, z. B. beim Wetter und in der Medizin.

3. Es widerspricht grundsätzlich nicht dem Charakter einer biblischen Wundererzählung, wenn wir versuchen, sie "natürlich" zu erklären.

Es tut dem Können von Mose, Elia oder Jesus keinen Abbruch, wenn wir erklären könnten, wie sie das gemacht haben.

Das Problem ist nur: Wir können auch bei der einleuchtendsten Erklärung nicht nachprüfen, ob sie stimmt. Es ist uns weder der Stock des Mose noch der Altar Elias erhalten noch haben die Jünger die genaue Position ihres Bootes bei der Begegnung mit Jesus auf einer Seekarte eingetragen. Wir haben weiter nichts als die biblische Geschichten.

4. Nicht alle Wunder waren einmalig.

Totenauferweckungen werden nicht nur von Jesus und nicht nur in der Bibel erzählt. Kranken heilen kann heute noch jeder Arzt und mancher Doktor oder Sanitäter hat auch heute Tote – wenn nicht "auferweckt", so doch "wieder belebt". Das Speisungswunder wird von Jesus zweimal berichtet und eine ähnliche Geschichte steht schon in Alten Testament. Auch ein Schüler Buddhas soll auf dem Wasser spaziert sein.

a. Literarische Parallelen …

Die Literaturwissenschaftler haben viele solcher Zusammenhänge entdeckt. Aber wie sollen wir sie deuten? Hat da einer beim anderen abgeschrieben? Wollten die ersten Christen die Helden des Alten Testaments und konkurrierende buddhistische Missionare in den Schatten stellen?

Sicher wollten die biblischen Schriftsteller mit ihren Wundergeschichten weitaus mehr ausdrücken als nur den Tatbestand, dass auch Jesus ein Wundertäter war. Wenn Jesus wenig Brot an viele verteilte und Wasser in Wein verwandelte, so ist da ganz deutlich ein Hinweis aufs Abendmahl zu erkennen. – Wenn Jesus den Jüngern anschließend zumutet, allein über den See zu fahren oder in einem Sturm nicht zu verzagen, so ist unverkennbar, dass diese Erzählungen fast zu Gleichnissen geworden sind, die uns helfen wollen, mit den Problemen unseres Alltags zurecht zu kommen.

b.  … tun der Bedeutung Jesu keinen Abbruch.

Wenn die Wunder Jesu in der Bibel und der gesamten Literatur gar nicht so einzigartig dastehen, so tut das der Bedeutung Jesu keinen Abbruch. Denn es wird deutlich, dass die eine oder andere unglaubliche Geschichte vielleicht doch geschehen sein könnte. Wenn heutige Ärzte Kranke gesund machen und Gestorbene wieder beleben können, warum soll Jesus keine Kranken geheilt und Toten auferweckt haben? Wenn die ägyptischen Zauberer Stöcke in Schlangen und Wasser in Blut verwandeln konnten, warum soll das Mose nicht auch gekonnt haben?

5. Schließlich könnte ja sein, dass manche Ereignisse so selten eintreten, dass wir sie in dem uns überlieferten Zeitraum nur einmal erlebt haben.

Wenn das Rote Meer durch eine natürliche Ursache, die wir nicht kennen, sich wirklich nur alle 10.000 Jahre spalten würde, dann könnten wir das nicht nachprüfen. Aber wir können es auch nicht ausschließen. Dann hätten Mose und seine Leute eben Glück gehabt, dass es gerade da passierte, als die Ägypter hinter ihnen her waren. Und dann könnten wir die wirkliche Bedeutung des Wunders auch ermessen: Nicht dass Mose des Meer gespalten hat, ist das wahre Wunder, sondern dass das Ereignis gerade da eintrat, als die Israeliten es brauchen konnten.

 

[1] Wenn man die Schlange an einer bestimmten Stelle packt, verfällt sie angeblich in Schreckstarre und wird steif wie ein Stock.
Wenn man Karbid unter die Steine mischt und fleißig Wasser drauf gießt, entsteht ein prächtiges Feuer. Mose und Elia hatten eben bessere biologische und chemische Kenntnisse als die anderen.

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Datum: 1997 / 2015

Aktuell: 16.04.2017