Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Quellen | Bibelwissenschaft | Systematische Theologie | Religionswissenschaft | Praxis

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Theologie der Schöpfung

Email:

1. Vom Sinn der theologischen Arbeit

2. Vom Gegenstand einer Theologie der Schöpfung

3. Die Stellung des Menschen in der Heiligen Schrift

4. Was bedeutet die Rede vom Schöpfer

5. Gott liebt Seine gefallene Schöpfung.

Exkurs: Über die Wirksamkeit Jesu

6. Es gibt eine Kommunikation zwischen Schöpfer und Geschöpf.

7. Vom Sinn einer solchen Theologie der Schöpfung

8. Worin besteht meine Aufgabe als Theologe?

 

1. Vom Sinn der theologischen Arbeit

 

Theologische Arbeit darf nicht dazu dienen, ganz anders gearteten Interessen die religiöse Weihe zu geben. Sie hat vielmehr die Aufgabe, unser Denken, Reden und Handeln an den in der Bibel überlieferten Maßstäben Gottes zu messen und zu entsprechenden Folgerungen anzuleiten.

Dies gilt auch für den Umgang mit der Schöpfung. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, ökologische Erkenntnisse und Forderungen theologisch zu untermauern, sondern müssen unabhängig von allen anders gearteten Interessen nach dem Willen Gottes fragen.

Zwar kommt der Anstoß zur thematischen Fragestellung von außen (Verpestung von Luft und Wasser, Waldsterben, radioaktive Verseuchung u. ä.). Es wäre aber zu wenig, wenn wir bloß die Meinung vertreten würden, die Kirche dürfe zu diesen Dingen nicht schweigen. Es wäre auch zu wenig, ein paar passende Bibelworte zu zitieren, um unsrer Meinung Gewicht zu verleihen. Sondern wir müssen diesen Anstoß, der von außen kommt, dazu benutzen, um uns auf die Grundlagen unseres Glaubens neu zu besinnen. Besser noch wäre gewesen, wenn wir von diesen Grundlagen ausgegangen wären und es zu bestimmten Missständen gar nicht hätten kommen lassen. Es ist schon schlimm genug, wenn uns Naturbeobachter darauf aufmerksam machen müssen, dass mit unserem Denken und Handeln etwas nicht stimmt.

 

2. Vom Gegenstand einer "Theologie der Schöpfung"

 

Gegenstand einer "Theologie der Schöpfung" ist das Verhältnis zwischen uns Menschen und unserer natürlichen Umwelt. Es geht also nicht um unser Verhältnis zu anderen Menschen (soziale Umwelt), auch nicht um unser Verhältnis zu unserer kulturellen Umwelt, die von Menschen gestaltet ist. "Natur" ist also alles, was ohne menschliches Zutun entstanden ist (lat. natura < lat. nasci 'geboren werden' im Unterschied zu lat. cultura < colere 'anbauen').

Dabei wird uns bewusst, dass es zumindest in Mitteleuropa keine von Menschen unberührte Natur mehr gibt. Auch im tiefsten Wald befinden wir uns streng genommen nicht in der "Natur", sondern in "Kultur", in einem von Menschen geplanten, gepflanzten und gepflegten Bereich. Von Menschen angelegte Wege ermöglichen es überhaupt erst, in die Tiefen des Waldes vorzudringen. Die Zusammenstellung der Baumarten, die ich antreffe, ist von Menschen gewollt; wahrscheinlich haben Menschen sogar die Bäume gesetzt; auf jeden Fall spekulieren sie auf eine wirtschaftliche Nutzung. Der Förster hat schon, ohne dass mir viel davon bewusst wird, zu dicht stehende und kranke Bäume herausschlagen lassen. Der Jäger hegt  den Wildbestand, entscheidet also darüber, welche Tierarten in welcher Anzahl im Wald leben dürfen.

Selbstverständlich hat der Wald sein Eigenleben und entzieht sich in gewisser Weise der menschlichen Machbarkeit. Das unterscheidet ihn von der reinen "Kultur", wie wir sie z.B. in einem Hochhaus vorfinden. Hier funktioniert nichts ohne den Menschen, während ein Wald auch ohne menschlichen Eingriff leben kann - und vielleicht sogar besser.

Wenn wir also von "Natur" reden, meinen wir nicht einen Bereich der Welt, der vom Menschen gänzlich unberührt ist, sondern einen, der nicht ganz vom Menschen beherrscht und gestaltet werden kann.

Der Ausdruck 'Natur' ist missverständlich, weil er den Eindruck erweckt, als sei der Mensch als kulturschaffendes Wesen selbst kein Teil der Natur mehr. Er ist es aber doch, solange er geboren wird (lat. nascitur) und einen Leib hat, der den Wesen aus der "Natur" sehr ähnlich ist. Wir leben buchstäblich von der "Natur", deren Lebewesen wir essen, deren Wasser wir trinken und deren Luft wir atmen.

Der Mensch als solcher ist also Teil der Natur, und mag er sich noch so sehr in seiner Lebensweise von ihr entfernt haben.

Theologen gebrauchen lieber statt des Worts 'Natur' den Ausdruck 'Schöpfung'. Sie vermeiden damit nicht nur das Dilemma, zwischen Natur und Kultur unterscheiden zu müssen, sondern sie können dadurch den Menschen auf eine Stufe mit den anderen Geschöpfen stellen.

Damit ist es aber nicht getan. Der Ausdruck 'Natur' deutet nur an, dass dieser Bereich der menschlichen Machbarkeit entzogen ist - ohne Reflexion darüber, wie denn die Natur entstanden ist. Wenn wir dagegen von Schöpfung reden, wird uns klar, dass zur Schöpfung der Schöpfer gehört. Es gibt keine Theologie der Schöpfung ohne den Schöpfer! Schöpfungstheologie ist von ihrem Wesen her Theologie, die über den Schöpfer nachdenkt. Dazu weiter unten!

 

3. Die Stellung des Menschen in der Heiligen Schrift

 

Nach Gen 1 war alles, was Gott im einzelnen geschaffen hatte, gut, wie Gott am Ende jedes Schöpfungstages ausdrücklich bestätigte. Aber erst nach der Erschaffung des Menschen "zum Ebenbild Gottes" ist die Welt vollkommen, "sehr gut".

Die Welt ohne den Menschen ist also unvollkommen. Der Mensch hat eine von Gott gewollte Bedeutung, die die Schöpfung erst vollkommen macht. Anders ausgedrückt: Die Schöpfungsgedanken Gottes kommen in der außermenschlichen Schöpfung nur unvollkommen zum Ausdruck. Der Mensch ist dazu geschaffen, dass er das, was in der Schöpfung nur ansatzweise zu erkennen ist, zur Vollendung bringen soll. Die menschliche Kultur ist also nicht schöpfungswidrig, sondern der Schöpfung gemäß, weil sie den Schöpfungsakt Gottes fortsetzt und vollendet.

Dies können wir uns an einem einfachen Beispiel klarmachen: Die Idee des Kreises bzw. der Kugel kommt zwar überall in der Natur ansatzweise zum Ausdruck: in der kugelförmigen Gestalt der Erde und der Himmelskörper und ihren annähernd kreisförmigen Bahnen, in der kugelrunden Form der Früchte, im zylinderförmigen Wuchs von Bäumen usw. Die reine Form des Kreises oder der Kugel dagegen kommt in der Natur nicht vor: es blieb dem Menschen vorbehalten, sie zu erkennen und zu verwirklichen.

Es blieb auch dem Menschen vorbehalten, das Rad zu erfinden, das in der Natur auch nicht ansatzweise zu erkennen ist. Und doch muss es im Schöpfungsplan Gottes mitbedacht gewesen sein, sonst hätte der Mensch es nicht "er-finden" können ("er-finden" < finden!). Erst durch den Menschen und nicht schon durch die Natur kommt die Schöpfung zur Vollendung.

Der Mensch ist also nicht nur Geschöpf, sondern hat Teil an der Schöpfertätigkeit Gottes. Dies wird in der Bibel nicht ausdrücklich gesagt; sie sagt aber, dass Mensch Anteil an der Schöpferruhe Gottes hat. Indirekt ist das eine Bestätigung der obigen These.

Die Bibel macht auch die ambivalente[1] Bedeutung der herausgehobenen Stellung des Menschen deutlich: In Gen 1 war es die Absicht Gottes, den Menschen "zu Seinem Bilde" zu schaffen - nach Gen 3 ist es eine teuflische Absicht, so zu sein wie Gott. Man muss die Worte schon arg pressen, wenn man einen wesentlichen Unterschied sehen will zwischen dem "Bild Gottes" und dem "Sein wie Gott".

Tatsächlich hat alles, was der Mensch erfunden und geschaffen hat, diese ambivalente Bedeutung: Das Rad erleichtert ihm das Leben, kann aber auch dazu dienen, ihn für gewalttätige Aktionen mobiler zu machen - egal ob mit dem Streitwagen oder mit dem Panzer. Technik, erfunden in den besten Absichten und zum Segen der Menschheit, konnte zu ihrem Fluch verwendet werden oder erwies sich hinterher als Fluch. Umgekehrt konnte kriegerische Technik für Aufgaben zum Segen der Menschen eingesetzt werden. Die Ursache für diese Ambivalenz liegt nicht in der Technik, sondern im Wesen des Menschen selbst.

 

4. Was bedeutet die Rede vom Schöpfer?

 

a. Der Schöpfer hat einen Willen

 

aa. Er hat die Welt nicht nur gemacht oder verursacht, sondern gewollt und geplant. Die Schöpfung hat also nicht nur einen Ursprung, sondern auch einen Sinn und einen Zweck. Dies gilt nicht nur für die Welt als ganze, sondern für jedes einzelne Geschöpf. Denn ohne Gottes Willen fällt noch nicht einmal der unbedeutendste Spatz zur Erde. Der Schöpfer sorgt für Pflanzen und Tiere genauso wie für die Menschen. Er zählt sogar die Sandkörner am Meer und registriert, wie viele Haare einer auf dem Kopf hat.

Abzuwehren ist also die Behauptung, die Welt sei ein Produkt des Zufalls.

Es müsste erst einmal definiert werden, was Zufall überhaupt ist: im strengen Sinne das Zusammentreffen zweier Ereignisse ohne erkennbaren ursächlichen Zusammenhang. Wenn z.B. A die Uhr zwölf schlägt und B das Gartentürchen aufgeht, so scheint zwischen beiden Ereignissen kein ursächlicher Zusammenhang zu bestehen. Weder verursacht das Ereignis A das Ereignis B noch umgekehrt. Es könnte aber sein, dass A und B eine gemeinsame Ursache haben (dass z.B. jemand punkt 12 durchs Gartentürchen geht). Dann wäre das Zusammentreffen von A und B kein Zufall. Über die Hintergründe und die wahren Zusammenhänge wissen wir leider viel zu wenig. "Zufall" ist nicht mehr als eine Verlegenheitsantwort.

Wer behauptet, die Welt sei ein Produkt des Zufalls, der leugnet, dass die Welt einen Schöpfer hat, der sie bewusst, absichtlich geplant und gemacht hat. Er behauptet damit zugleich, dass er die wahre Ursache der Weltentstehung nicht kennt. Wenn man aber davon ausgeht, dass die Welt wirklich geworden ist (und nicht etwa schon immer da war), so muss man sich doch die Frage nach der Ursache, der prima causa[2] stellen. Die prima causa muss nicht Gott sein, wie die alten Philosophen meinten. Aber dass der Zufall diese prima causa sein könnte, ist nur eine Verlegenheitsantwort statt dem ehrlicheren "Ich weiß es nicht und will es nicht wissen."

Es wäre freilich denkbar, dass die Welt überhaupt keine prima causa hat. Was ist dann aber an ihre Stelle zu setzen? Ist Kausalität[3] mehr als eine Anschauungsform unseres Denkens, das uns viele Zusammenhänge erklärt, aber bei weitem nicht alle? Auch dann wäre "Zufall" nur eine Verlegenheitsantwort.

 

Wenn Gott die Welt gewollt und erschaffen hat, dann sind auch die Regeln, nach denen die Welt funktioniert, Gottes Wille - selbst dann, wenn wir zugeben müssen, dass in der Schöpfung der Wille des Schöpfers nur unvollkommen verwirklicht ist, und dass ferner die Schöpfung für uns immer gefallene Schöpfung ist.

 

Folgerungen:

 

* Mathematik und Naturwissenschaft gewinnen dadurch religiöse Bedeutung. Der Naturwissenschaftler erforscht nicht einfach die Natur, sondern er sinnt den Schöpfungsgedanken des Schöpfers nach. Der Mathematiker arbeitet mit den Regeln, die der Schöpfer in die Welt eingegeben hat. Beide werden, wenn sie ihre Arbeit so verstehen, dies mit derselben Ehrfurcht tun, wie ein Jude seine Thora[4] studiert.

 

* Die Regeln des menschlichen Zusammenlebens sind nicht in unser Belieben gestellt, sondern zugrunde liegt wiederum der Wille des Schöpfers. Denn Gott hat den Menschen als soziales Wesen geschaffen und muss darum das menschliche Miteinander gleich mitbedacht haben.

 

* Der Wille Gottes gilt nicht nur für das, was sich in gemeingültigen Geboten erfassen lässt. Er hat auch einen Willen für mein ganz persönliches Leben und stellt mir Aufgaben, die für mich ganz persönlich gelten. Er hat meinen Lebensweg vorgesehen - auch wenn Er mir die Freiheit gibt, davon abzuweichen.

 

ac. Ich bin also nicht meinen Mitgeschöpfen, sondern dem Schöpfer gegenüber verpflichtet. Entscheidend ist nicht das vermeintliche Wohl des anderen, sondern der ausdrückliche Wille des Schöpfers.

Abzuwehren sind also Meinungen wie "Wir haben die Erde von unseren Enkeln geliehen" und wären also ihnen Rechenschaft schuldig. Auch ein Nationalist oder Rassist denkt an seine Enkel, aber auf Kosten der anderen.

 

b. Die Schöpfung ist gefallene Schöpfung.

 

ba. Die Schöpfung, wie ich sie vorfinde, ist nicht so, wie sie Gott gewollt hat. Wir leben nicht mehr im Paradies. Das hat nichts damit zu tun, dass die erfahrbare Natur nur unvollkommen die Absicht des Schöpfers darstellt, sondern dass zu ihrer Vollendung der Mensch eingreifen muss. Dass wir nicht im Paradies leben, ist vielmehr eine Folge des Falls, als der Mensch sich gegen Gott auflehnte und sein Schicksal selbst in die Hand genommen hat. Die Folgen dieses Falls musste die ganze Schöpfung tragen: aus dem paradiesischen Garten Eden wurde der Acker mit Disteln und Dornen. Die göttliche Vernunft im Kopf des Menschen wurde oft genug zu einem Werkzeug des Teufels, das unübersehbaren Schaden angerichtet hat.

 

bb. Weil die Schöpfung nicht mehr so ist, wie sie der Schöpfer gewollt hat, kann ich aus der Schöpfung nicht auf den Schöpfer schließen oder Gott in der Natur finden - in unserer von Menschen gestalteten Kulturlandschaft schon gar nicht. Dort kann ich Gott allenfalls nur erahnen; um Ihn aber wirklich zu erfahren, bin ich auf Offenbarung angewiesen.

 

bc. Da die Schöpfung nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand ist, können wir nicht mehr ohne weiteres den Willen des Schöpfers aus der Natur ablesen. Es ist z. B. sehr schwer, in der Natur ein Prinzip des Barmherzigkeit zu erkennen; was wir aus ihr herauslesen können, ist der gnadenlose Kampf der Stärkeren gegen die Schwächeren. Barmherzige Liebe, die Schonung des Schwächeren, entspricht nicht der Natur, aber dem Willen Gottes. Wir wissen davon nicht aus der Natur, sondern durch Offenbarung.

 

c. Die Schöpfung ist nicht mit dem Schöpfer identisch.

 

Auch im Paradies hätte man den Schöpfer nicht in der Natur finden können, sondern Schöpfer und Geschöpf standen auch im Paradies getrennt einander gegenüber. Gott geht nicht in der Welt auf, sondern ist transzendent[5].

Es hat also keine ursprüngliche Einheit vor dem Fall zwischen Gott und Welt gegeben. So wie der Künstler etwas von sich selbst in sein Kunstwerk, der Redner etwas von sich selbst in seine Worte hineinlegt, so hat Gott natürlich auch etwas von sich selbst hinein in Seine Schöpfung gelegt (vgl. das Bild vom "Lebensodem" in Gen 2.) Aber er ist nicht in der Schöpfung aufgegangen, genauso wenig, wie ein Künstler in seinem Werk oder ein Redner in seinen Worten aufgeht. Durch die Erschaffung ist die Schöpfung ein selbständiges Wesen geworden, so wie Kinder durch die Geburt sich nicht nur räumlich und leiblich von der Mutter trennen, sondern eigenständige Wesen werden.

Gott ist also nicht in der Natur zu finden; abzuwehren ist also eine Vergottung der Natur. Gott finden wir auch nicht von Natur aus in unserem Inneren, sondern allein durch Offenbarung. Nur weil Gott von Sich aus die Verbindung zu uns aufgenommen hat, können wir von Ihm wissen; nur weil Er Seinen Geist in uns gegeben hat, können wir Ihn in unserem Inneren erfahren.

 

5. Gott liebt Seine gefallene Schöpfung.

 

Die Rede von Schöpfung und Fall darf nicht isoliert stehen bleiben. Zu ihr gehört als andere Hälfte der Wahrheit die Rede von der in Christus geschehenen Erlösung.

 

a. Gott gibt die gefallene Welt nicht verloren.

 

Das muss gegen die Schwarzmalerei der heutigen Zeit gesagt werden: Auch ohne Christus oder vor Christus müsste einer, der an Gott den Schöpfer glaubt, damit rechnen, dass Gott die Welt nicht einfach sich selbst überlässt. Zum Glauben an Gott den Schöpfer gehört der Glaube an Gott den Erhalter.

Merkwürdigerweise ist die Vorstellung vom "Uhrmacher-Gott", der die Welt erschuf und sich dann selbst überließ, auf christlichem Boden entstanden - wenn auch einige Primitive den Mythus[6] kennen, dass sich der Schöpfer nach einer Art Sündenfall beleidigt in den Himmel zurückgezogen habe.

Nun aber ist christlicher Glaube nicht in erster Linie Schöpfungs-, sondern Erlösungsglaube: Gott hat die Welt nicht verloren gegeben, sondern sogleich nach dem Fall bzw. sogar schon bei der Grundlegung der Welt ein Programm zur Rettung entwickelt; davon zeugt die gesamte im Alten Testament dargestellte Heilsgeschichte.

Es gibt allerdings Stellen im Neuen Testament, die den Eindruck erwecken, als sei die Welt abgrundtief verdorben und weiter nichts wert, als dass sie zugrunde geht (Apokalyptik[7], besonders in der Johannes-Offenbarung). Beim näheren Zusehen zeigt sich aber, dass auch die Apokalyptik nicht den Weltuntergang und trostlose Verzweiflung predigt. Die Schilderung der nicht enden wollenden Zyklen von Katastrophen, in die die gottlose Welt hineintreibt, ist weiter nichts als die dunkle Folie, von der sich die eigentliche Botschaft des Buchs umso leuchtender abhebt: Gott hat das letzte Wort und wird Seine Gemeinde durch alle Wirren der Endzeit und das Endgericht hindurchtragen und in eine neue Schöpfung hinüberretten.

Erlösung, das zeigt also gerade die Johannesoffenbarung deutlich, erspart der Welt nicht das Gericht und den Untergang. Fürchterliche Katastrophen, die über die Welt hereinbrechen, widersprechen nicht der Liebe Gottes und sind erst recht kein Zeugnis Seiner Ohnmacht. Wer den richtenden, zornigen Gott vergisst, nimmt Gott nicht ernst. Christus hat uns nicht so mit Gott versöhnt, dass Er Gott gebändigt und gezähmt hätte. Paulus redet davon, dass wir "durchs Feuer" gerettet werden: Alles, was nicht gut war in unserem Leben, muss im Feuer des Gerichts verbrennen; wir selbst aber werden gerettet werden (1. Kor. 3,12 ff). Gott erweist Seine Gnade im Gericht und nicht ohne das Gericht.

 

b. Ich kann und brauche die Welt nicht zu erlösen.

 

Es gibt heute viele ernstzunehmende. Menschen, die die Meinung vertreten: "Rettet, was zu retten ist, sonst ist unsere schöne Welt unwiederbringlich verloren. Frieden und eine heile Umwelt sind machbar, das liegt ganz an uns. Wir schaffen eine neue Welt."

"Wir schaffen eine neue Welt" - das hat man zur Zeit des Fortschrittsoptimismus auch gesagt. Und was hat man damit erreicht? Eigentlich doch nur, dass der Optimismus mit guten Gründen in Pessimismus umgeschlagen ist, weil der Optimismus dermaßen viel Schaden angerichtet hat, dass er sich selbst überflüssig machte. Was wird man in einem Vierteljahrhundert über uns sagen?

Wir glauben dass Gott es ist, der eine neue Welt schafft - nicht durch eine friedliche Entwicklung, wie wir hoffen möchten, sondern durch Katastrophen und den Untergang hindurch. Wobei wir natürlich nicht das Recht haben, die Erneuerung der Welt dadurch beschleunigen zu wollen, indem wir bewusst den Untergang herbeizuführen versuchen oder nichts dagegen tun.

Wir können und brauchen die Welt nicht zu erlösen, weil Christus bereits das Wesentliche getan hat. Das macht uns gelassen und bewahrt uns vor einem hektischen Aktivismus.

 

c. Ich darf als Erlöster ein Stück Paradies vorwegnehmen.

 

Es ist also nicht so, dass wir die Hände in den Schoß legen und tatenlos zusehen dürften, wie die Welt in Stücke bricht. Wir können zwar nichts tun, um sie zu retten. Aber als Erlöste haben wir einen derart realen Anteil an der zukünftigen neuen Welt, dass wir ein Stück davon in diese gegenwärtige Welt hineinnehmen dürfen.

Das Johannesevangelium setzt mit seiner präsentischen Eschatologie[8] ein Gegengewicht gegen die futurische Eschatologie der Johannes-Apokalypse[9]: Wer an Christus glaubt, der hat das ewige Leben, hier und heute, und nicht erst bei der Auferstehung am jüngsten Tag (Joh. 11,24-26). Ich bin der Meinung, dass Johannes in seinem Evangelium damit ein wesentliches Moment der Verkündigung Jesu aufbewahrt hat, dessen Predigt von der Gegenwart des Heils von den Hörern apokalyptisch[10] missverstanden wurde. Aber wir müssen ihnen zugutehalten, dass Jesus sich immerhin einer apokalyptischen Sprache bedient hat und apokalyptische Bilder benutzte. So sauber lassen sich Gegenwart und Zukunft des Heils nicht trennen.

Bei Paulus kommen der zukünftige und gegenwärtige Aspekt des Heils in gleicher Weise zur Geltung: Wir sind gerettet, doch auf Hoffnung (Röm 7,24 - gegen die jüdische Meinung, wo das Heil nicht sichtbar und offenkundig da sei, könne man von keiner Erlösung reden. Die endgültige Erlösung der Welt stehe noch aus.) Andrerseits ist das Heil aber auch nicht bloß eine Sache der Zukunft: Gott hat uns als Anzahlung für das zukünftige Heil den Geist gegeben (1. Kor. 5,5 u. ö.). "Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder." (Röm 8,14) und leben anders als Menschen, die den Geist nicht haben; sie bringen "Früchte des Geistes" hervor (Gal 5,22 ff). Sie leben anders und schaffen damit eine Oase des Heils, in der man etwas von der zukünftigen Herrlichkeit der Kinder Gottes ahnen kann.

Folgerungen: Wir brauchen also nicht in Panik zu geraten und vor lauter Panik genau das falsche zu tun. Wir werden aber auch nicht untätig die Hände in den Schoß legen, weil die Welt ja doch nicht zu retten ist und zugrunde gehen wird. "Wer da weiß Gutes zu tun und tut's nicht, dem ist's Sünde." (Jak 4,17). Unser Handeln an der Umwelt bleibt damit ein innerweltliches Handeln, ohne eschatologische Dimensionen. Wir können und brauchen die Welt nicht zu erlösen. Aber es wäre dumm und unser eigener Schaden, wenn wir nicht das täten, was wir für richtig erkennen.

Wer glaubt, muss auch in seinem praktischen Handeln mit Gott rechnen. Es genügt daher nicht zu wissen, was Gott von uns verlangt; sondern wir müssen damit rechnen: "Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl." Es wäre überheblich zu meinen, das Schicksal der Welt, ob zum Guten oder zum Bösen, liege allein in unseren Händen.

Beide Erkenntnisse, das alles, was wir tun können, innerweltliches Handeln ist, und dass "Gott im Regimente sitzt" und nicht wir, geben uns eine Gelassenheit, aus der heraus wir allein richtig handeln können.

 

d. Wir hoffen auf eine neue Schöpfung und nicht auf eine innerweltliche Entwicklung zum Guten.

Wenn es wahr ist, dass die Schöpfung gefallene Schöpfung ist, dann können wir Menschen, die ja Teil der gefallenen Schöpfung sind, die Welt nicht erlösen. Wir können zwar mehr oder weniger gut und richtig handeln; aber all unser Handeln bleibt innerweltlich und kann die Welt nicht dauerhaft zum Besseren führen. Auch unsere besten Absichten sind sündig, dem uralten Zwiespalt unterworfen, den Paulus empfindet, der das Gute kennt und will und das Böse tut, obwohl er es nicht will (Röm 7,15-20).

Unsere Hoffnung ist daher nach Jes 65,17; 66,22; 2. Petr. 3,13; Offb. 21 "ein neuer Himmel und eine neue Erde", ein Werk Gottes und nicht der Menschen.

Abzuwehren ist also der überhebliche Anspruch, als könnten und müssten wir eine neue Welt schaffen. Alle Reformen und Bewegungen, die unter diesem Anspruch aufgetreten sind (z. Französische und Russische Revolution, das 3. Reich, Mao Tse Tung[11], aber auch der Fortschrittsglaube) haben zwar gewaltige Veränderungen bewirkt, einige Misslichkeiten abgestellt, die Welt aber keineswegs verbessert, sondern neue Probleme geschaffen oder sogar den Teufel mit dem Beelzebub[12] ausgetrieben. Auch die Reformation ist nicht anders zu beurteilen; sie konnte und wollte nicht das Reich Gottes auf Erden aufrichten. Wer mit diesem Anspruch aufgetreten ist, musste scheitern. Allein diese Erfahrungen, die die Geschichte lehrt, sollten uns nachdenklich machen.

 

Exkurs: Über die Wirksamkeit Jesu

 

Der historische Jesus scheint mit dem Anspruch aufgetreten zu sein, der von Gott versprochene Erlöser zu sein, der die Welt erneuert. Dieser Anspruch wird vom Judentum bestritten, weil Jesus die Welt nicht sichtbar erlöst habe. Als Messias hätte er sichtbaren politischen Erfolg haben müssen; statt dessen wurde Er gekreuzigt und sei daher gescheitert.

Wie hat Jesus Seine Tätigkeit selbst verstanden?

* Er grenzt sich ab gegen die Zeloten[13], die das Reich Gottes in einem freien, von Rom unabhängigen Israel sahen. Jesus hat nicht zum Widerstand gegen Rom aufgerufen. Die Geschichte vom Zinsgroschen[14] zeigt, was Er meinte: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist (= die Steuer), und gebt Gott, was Gottes ist" (= Ehre, Anerkennung, Gehorsam). Die Welt wird nicht besser durch eine andere Regierung, sondern dadurch, dass wir uns anders verhalten: "Kehrt um, das Reich Gottes steht vor der Tür."

* Jesus grenzt sich aber auch ab gegen die Pharisäer[15], die sehr wohl der Meinung waren, dass es allein auf richtiges Verhalten und nicht auf politische Veränderungen ankäme. Ihr Fehler war nicht die Gesetzlichkeit, die "Mücken seiht und Kamele verschluckt" (also Unrecht tut, obwohl sie sich bemüht, auch in den kleinsten Kleinigkeiten Recht zu tun, weil sie das Ganze aus dem Auge verliert). Ihr Fehler war vielmehr, dass sie die Erneuerung der Welt Gott allein überließen und ihrem eigenen Tun keine andere Bedeutung zumaßen als die, dass sie dadurch bei Gott "lieb Kind machten", um Ihn zu zwingen, jetzt endlich den ersehnten Erlöser zu schicken.

Jesus vertritt dagegen die Meinung: "Wenn ich die bösen Geister durch den Geist Gottes (und nicht durch den Beelzebub) austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen." (Matth. 12,28). Indem also Jesus oder ein Jünger Jesu im Sinne Gottes handelt, ist das Reich Gottes schon da - zwar nicht gleich in seiner vollen Größe, wie wir es wünschen, aber wie ein Senfkorn, in dem der riesengroße Baum schon angelegt ist. Das Reich Gottes muss aus kleinen Anfängen heraus wachsen.

Wir können allerdings nun den historischen Jesus nicht von dem trennen, was aus Ihm geworden ist bzw. was Gott aus Ihm gemacht hat:

* Die Idee eines politischen Messianismus[16] ist für uns ein für allemal mit Jesus am Kreuz gestorben. Indem wir daran festhalten, dass Jesus der - wie auch immer verstandene - Messias war, müssen wir jeden messianischen Anspruch ablehnen, der uns in unserer Zeit begegnen sollte. Es kann für uns nicht nur keine Heilbringer mehr geben; wir müssen uns auch bewusst werden, dass auch im Reich Gottes auf der Erde nur "kleine Brötchen" gebacken werden, dass es nur punktuelle Verbesserungen und keine großen Lösungen geben kann.

* Wir glauben, dass Gott den gekreuzigten Christus zu sich geholt und Ihm den Platz zu Seiner Rechten gegeben hat, und dass Christus am Jüngsten Tag wiederkommen wird, um die Welt zu vollenden. Diese Hoffnung auf die noch ausstehende Vollendung der Welt eint uns mit dem Judentum. Es kann keine innerweltliche endgültige Verwirklichung des Reiches Gottes geben - wohl aber punktuelle Verbesserungen, Oasen des Heils in einer heillosen Welt.

Abzuwehren ist nicht nur der Anspruch, wir könnten die neue Welt selbst schaffen, sondern auch die Meinung, als sei das Ziel der christlichen Hoffnung weiter nichts als ein Weiterleben nach dem Tod in einem blassen Jenseits. Nein, wir halten daran fest, dass wir hoffen auf einen neuen Himmel u n d eine neue Erde.

Hier müssten wir uns fragen, was "Jenseits" eigentlich ist: Doch die Tatsache, dass Gott in unserer geschaffenen Welt nicht vorkommt, weil Er ihr als Schöpfer gegenübersteht. Gott ist mehr als die erschaffene, erfahrbare Welt. Gott hat Gedanken und Ideen, die in der Schöpfung noch nicht verwirklicht wurden und auch durch menschliche Tätigkeit nicht verwirklicht werden können.

Nach Off. 21,3 (und den gängigen Jenseitsvorstellungen!) besteht das Wesen der neuen Welt darin, dass "Gott bei ihnen wohnen wird", dass also der Schöpfer und die neue Schöpfung eins sind. Jene unio mystica[17], die es seit Anbeginn der Schöpfung nicht gegeben hat und auch nicht geben konnte, weil Schöpfung bedeutet, dass der Schöpfer sich Seines Werks entäußert, wird in der neuen Welt Wirklichkeit werden. Eine solche neue Welt ist unvorstellbar, weil uns dafür die Anschauung fehlt. Die eschatologische Einheit von Gott und Welt ist etwas völlig Neues, noch nie Dagewesenes.

Und trotzdem darf der Gläubige auch hier ein Stück Zukunft vorwegnehmen: Gott ist zwar noch nicht eins mit der Welt - aber der Gläubige darf jetzt schon eins sein mit Gott. Gott hat ihm Seinen Geist gegeben - nicht nur als Vorgeschmack auf die Zukunft, sondern als reales Geschenk, als Anzahlung in gültiger Währung, die wir jetzt schon einlösen können. Die eschatologische unio mystica kann folgerichtig vom Mystiker[18] schon vorausgenommen und erfahren werden. Aber auch ohne unsere Erfahrung (nicht jeder hat ein Gespür dafür!) dürfen wir wissen, dass Gott bei uns ist und wir bei Gott sind. "Er in uns und wir in Ihm" - das ist nicht nur Wirklichkeit für einige Auserwählte, sondern für jeden, der glaubt.

Die Alternative "Jenseits oder neue Schöpfung" ist also falsch, weil die neue Welt unvorstellbar, unanschaulich, totaliter aliter[19] ist. Die neue Welt kann nicht darin bestehen, dass die Schöpfung wieder ins ursprüngliche Chaos zurücksinkt, dass die vorhandene Welt sich wieder im Nichts auflöst, dass der Mensch durch den Tod zurückkehrt in das ursprüngliche Stadium des Nichtseins. Wie der Schöpfer eins werden kann mit Seiner Schöpfung, ohne Sein Werk rückgängig zu machen, entzieht sich unserer Anschauung.

 

6. Es gibt eine Kommunikation zwischen Schöpfer und Geschöpf.

 

Dass ich als Geschöpf mit meinen Mitgeschöpfen kommuniziere[20], ist selbstverständlich. Mit anderen Menschen kann ich reden, mit Tieren auch, und manche behaupten sogar, man könne auch mit Pflanzen reden. Kommunikation ist deswegen möglich, weil ich meinen Mitkreaturen gegenüber stehe und nicht mit ihnen identisch bin.

Eine Art Kommunikation ist es auch, wenn ich mit einem Teil meiner Umwelt nicht geistig, verbal, sondern materiell, mit Hilfe von Technik in Verbindung trete. Wenn ich ein Loch grabe, dann kommuniziere ich mit der Erde. Ich zwinge ihr meinen Willen auf, indem ich ein Loch da haben will, wo sie bisher keins hatte, und die Erde antwortet mir dadurch, dass sie mich entweder gewähren lässt oder meinem Bemühen Widerstand entgegensetzt, indem sie hart oder steinig ist und mir die Arbeit sauer macht. Ich kann mit der Erde in Eintracht leben, indem ich meine Löcher an der Stelle grabe, an denen die Erde nichts dagegen hat; ich kann auch mit ihr in Zwietracht leben und sie mit Hilfe der Technik mir mehr oder weniger brutal gefügig machen.

Diese Brutalität ist keineswegs ein Kennzeichen des modernen Menschen. Auch der Primitive hat versucht, sich die Erde gefügig zu machen - nur mit anderen Mitteln, nicht materiell technisch, sondern geistig-verbal, durch Magie[21].

Ich kann umgekehrt auch technisch mit Lebewesen kommunizieren, wobei ich diese "technische Kommunikation" normalerweise als für Menschen unangemessen ansehe (Ausnahmen z.B. Haarschneiden oder Operation). Je weniger eins meiner Mitgeschöpfe einem Menschen ähnlich ist, um so eher halte ich den technischen Umgang für angemessen, und um so weniger bin ich zu einer geistigen Kommunikation bereit. Wir reden noch mit Tieren und notfalls mit Pflanzen, aber nicht mehr mit leblosen Materialien und betrachten Magie als eine unangemessene Art, sich mit der Welt zu beschäftigen. Primitive legen da mitunter andere Maßstäbe an, indem sie an die Beseeltheit auch lebloser Wesen glauben.

Da nun Gott der Welt gegenübersteht und nicht mit ihr identisch ist, ergibt sich von selbst, dass ein Geschöpf auch mit seinem Schöpfer kommunizieren kann - wobei die Möglichkeiten durch den Sündenfall natürlich eingeschränkt sind. Mit seinem Feind redet man nicht.

Nun aber hat uns Christus neu die Möglichkeit erschlossen, mit unserem himmlischen Vater zu reden, eben im Gebet. Er hat uns zugesagt, dass es kein vergebliches Bemühen ist, kein Selbstgespräch oder Reden gegen die Wand, sondern dass Gott uns hört und unsere Bitten erfüllt. Wir dürfen mit Ihm reden wie Kinder mit ihrem Vater.

Wenn wir das ernst nehmen, haben wir noch ganz andere Möglichkeiten, auf unsere Umwelt einzuwirken als durch direkte geistige oder materielle Beeinflussung: Wir haben das Recht, für unsere Mitwelt, für andere Menschen, für unser soziales und ökologisches Umfeld zu beten. "Denn des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist." (Jak. 5,16 b). Konkret im Sinne von Jakobus: Ich kann für einen Kranken noch mehr tun, als ihn technisch-medizinisch zu behandeln oder geistig-verbal zu trösten: Ich kann, darf und soll für und mit ihm beten.

 

7. Vom Sinn einer solchen Theologie der Schöpfung

 

Diese Überlegungen haben gezeigt, dass eine Theologie der Schöpfung etwas ganz anderes sein muss als eine simple ökologische Ethik. Es geht nicht einfach darum, Fehler in unserem Verhalten zu erkennen und zu korrigieren oder bestimmte politischen Veränderungen anzustreben. Die Theologie lehrt mich folgendes:

a. Ich muss den Schöpfer mit bedenken.

b. Ich weiß dass die Schöpfung eine gefallene Schöpfung ist.

c. Ich glaube an die Erlösung und hoffe auf eine Erneuerung der Schöpfung.

d. Ich darf auf Gott rechnen und mit Ihm reden.

 

8. Worin besteht meine Aufgabe als Theologe?

 

a. Als Christ: zur Mitte finden und aus der Mitte heraus handeln.

 

In meinem täglichen Leben werde ich mit den verschiedensten Problemen konfrontiert, die nach einer Lösung schreien. Ich kann mich aber nicht allen Fragen in gleicher Weise widmen, die auf mich einstürmen. Denn erstens fehlt mir die fachliche Kompetenz; ich kann nicht alles mit Fachverstand beurteilen und fachlich richtig machen. Und zweitens braucht die Behandlung jeder Frage Zeit. Ich muss mich also, wenn ich mich einer Sache besonders widme, andere, ebenso wichtige Dinge vernachlässigen.

Ich stehe also vor der Gefahr, dass ich mich vom Zufall inspirieren lasse und wahllos einen bestimmten Themenbereich aufgreife und mich so intensiv mit ihm beschäftige, dass ich das Ganze aus dem Auge verliere und zum Fachidioten werde.

Andrerseits stehe ich in Gefahr, dass ich mich in tausend kleinen Aktionen verzettele und doch nichts Gescheites zustande bringe.

Ich muss mich also konzentrieren - aber worauf? Sicher nicht auf ein Teilchen, weil ich sonst das Ganze aus dem Auge verliere. Das Ganze kann ich aber nicht erfassen, sondern immer nur Teile davon.

Ich muss also zur Mitte finden. 'Konzentrieren' heißt ja: zur Mitte hin ausrichten. Das Ganze erfasse ich, wenn ich die Mitte gefunden habe. Dann kann ich meinen Standort bestimmen und mich dem einen oder anderen Teilstück der Peripherie[22] zuwenden.

Gott ist die Mitte. Als erstes muss ich zu Ihm finden, dann kann ich von Ihm aus handeln. Dann weiß ich, dass mein Tun und Handeln, mein Leben und Sein einen Sinn, einen Platz im Ganzen haben. Ohne Gott ist alles, was ich bin, will und tue, ein Fragment, ein verlorener Bruchteil.

 

b. als Geistlicher: die Mitte repräsentieren.

 

Als Geistlicher, als ordinierter Theologe, bin ich Fachmann für Theologie, also für die Sinnfrage, für die Suche nach der Mitte, für die Frage nach Gott.

Als solcher muss ich nicht nur selbst die Mitte finden, sondern ich muss für andere sichtbar die Mitte repräsentieren. Dies kann ich nur, wenn ich meinen Standpunkt nicht irgendwo an der Peripherie, sondern in der Mitte suche.

Natürlich bin ich nicht nur Geistlicher, sondern zugleich auch Ehemann und Vater, Verkehrsteilnehmer, Verbraucher, Steuerzahler, Nachbar, Steckenpferdreiter usw., kurzum, ich spiele viele verschiedene Rollen, in denen ich mich aber immer irgendwo an der Peripherie bewege; als Geistlicher aber muss ich mich mehr als andere nach der Mitte ausrichten und in jeder Rolle von der Mitte her denken und handeln.

 

c. Als Gemeindepfarrer: zur Mitte hinführen.

 

Ich kann von diesem Verständnis her nicht einfach Multiplikator[23] für irgendwelche Ideen oder Sprecher irgendwelcher Anliegen sein. Meine Aufgabe ist in erster Linie eine missionarische: andere Menschen auf die Mitte hinweisen und zur Mitte hinführen.

Dabei soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die Kirche noch andere Aufgaben hat, die nicht vernachlässigt werden dürfen, und die ich z. T. als Pfarrer auch tun muss: Seelsorge und Diakonie, Friedens- und Umweltarbeit und die lästige Verwaltung. Aber "es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen." (Apg 6,2).

Dies spricht für eine kirchliche Arbeitsteilung, wie sie schon in der Urgemeinde praktiziert wurde. Bestimmte Arbeitsbereiche müssen ausgegliedert und Spezialisten übertragen werden, die im Dienst Gottes und im Auftrag der Kirche diese Aufgaben wahrnehmen. Aber das Wort Gottes, die Hinführung zur Mitte, muss das zentrale Anliegen der Kirche bleiben und darf nicht zugunsten peripherer Aufgaben vernachlässigt werden.

Ich sehe meinen Auftrag als Gemeindepfarrer darin, aus der Mitte zu leben und zur Mitte hinzuführen, und muss deshalb andere Aufgaben vernachlässigen, denen sich andere kirchliche Mitarbeiter mit gutem Recht widmen müssen - ohne freilich die Mitte aus dem Auge zu verlieren.

 

[1] ambivalent 'doppelwertig, gut und schlecht zugleich'

[2] prima causa 'erste Ursache'

[3] Kausalität 'eins verursacht das andere'

[4] 1.-5. Mose, das jüdische "Gesetz"

[5] transzendent 'jenseits der geschaffenen Welt '

[6] Mythus 'alte religiöse Erzählung'

[7] Apokalyptik, ein Buch, angeblich über die künftige Weltgeschichte mit Weltuntergang, im Wesentlichen aber Geschichtsdeutung aus Sicht der damaligen Gegenwart mit Ausblick in die Zukunft

[8] Es-chatologie 'Lehre von den letzten Dingen' (Wiederkunft Christi, Auferstehung, Gericht, Weltuntergang und Neuschöpfung)

futurische Eschatologie: wie klassisch erst beim Weltuntergang

präsentische Eschatologie: Wir haben schon heute Anteil am Heil.

[9] Offenbarung

[10] apokalyptisch: im Sinn von Weltuntergang und Neuschöpfung

[11] chinesischer Revolutionsführer (1893-76), heutige Schreibung Mao Zedong

[12] anderer Name des Teufels (Mark. 3,22)

[13] jüdische Freiheitskämpfer

[14] Matth. 22,15-22

[15] jüdische Richtung, die die Thora sehr ernst nahm, aber nicht auf Biegen und Brechen am wörtlichen Verständnis festhielt

[16] Messias im Sinn der damaligen Erwartung war ein starker Mann, der als "Fürst Israels" bzw. "König der Juden" das Königreich Israels wiederherstellte. Falls Jesus so etwa vorhatte, ist er kläglich damit gescheitert. Die griechische Übersetzung Christus meint etwas ganz anderes.

Messianismus 'Hoffnung auf einen künftigen Messias

[17] unio mystica 'Vereinigung mit Gott in der Meditation'

[18] Mystiker 'wer durch Meditation mit Gott eins wird'

[19] totaliter aliter 'ganz anders', stammt aus eine Legende von zwei Mönchen, die unterschiedliche Vorstellungen vom Jenseits hatten. Sie vereinbarten, wenn einer gestorben ist, solle er zurückkommen und dem anderen nur sagen "taliter" (so) oder "aliter" (anders). Die Antwort aber war "totaliter aliter" (ganz anders).

[20] kommunizieren, Kommunikation im deutsche Sinn 'miteinander reden, Gespräch'

[21] Magie 'Zauberei'

[22] Peripherie 'weniger wichtige Randbezirke'

[23] wer fremde Gedanken unters Volk bringt.

 

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 1986 / 2017

Aktuell: 29.07.2017