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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Auferstehung

Evg. Sonntagszeitung und Kirchenbote Pfalz 23.03.2008

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Der ungläubige Thomas wollte es schon mal gar nicht glauben und die anderen Jünger waren auch skeptisch: Das kann doch nicht sein. Tote stehen nicht mehr auf. Gewiss, es ließ sich nicht leugnen, dass Jesus an diesem Morgen nicht mehr im Grab lag. Sogar die Gegner Jesu haben das nicht bestritten, sonst hätten sie ja leicht das Gegenteil beweisen können.

Die neutestamentlichen Schriftsteller haben alles zusammengetragen, was ihnen zum Thema Auferstehung eingefallen ist. Hilfreich ist das nicht immer. Im Bemühen, Missverständnisse abzuwehren und Beweise zu finden, haben sie sich manchmal in Unstimmigkeiten verstrickt. Matthäus setzt sich mit dem Vorwurf auseinander, die Jünger hätten die Leiche gestohlen. Im Markusevangelium sagen die Frauen die Osterbotschaft nicht weiter. Lukas versucht zu beweisen, dass den Jüngern kein Geist erschienen ist. Nach Johannes durfte die Magdalena Jesus nicht anfassen, Thomas dagegen wird aufgefordert, seine Finger in die Wunden zu legen. Das passt nicht alles zusammen.

Visionen am Anfang

Die älteste Ostergeschichte steht nicht in den Evangelien, sondern bei Paulus (Mitte 50er-Jahre). Das wesentliche Erlebnis war nicht das am Grab, sondern eine Serie von Visionen, die die ersten Christen hatten und zuletzt Paulus. (1 Kor 15). Er selbst deutet dieses Erlebnis nur an, aber Lukas stellt es in Apg 9 und 22 breit dar: Auf dem Weg nach Damaskus sah er ein helles Licht, das ihn vorübergehend blind machte, und hörte, wie Jesus ihn zum Apostel berief. Vielleicht hat sich Lukas ja nur traditioneller Vorstellungen bedient, deutlich ist auf jeden Fall, dass es sich um ein inneres, visionäres und nicht um ein äußeres Erlebnis handelt. Ähnlich sieht Stephanus kurz vor seinem Tod Christus in seiner himmlischen Herrlichkeit (Apg 7,55.56). Davon handelt auch die Verklärungsgeschichte (Mk 9,2-8; 2 Ptr 1,16-18): Drei Jünger sehen auf einem hohen Berg (ein Bild für den Himmel) ihren Herrn im überirdischen Glanz. Johannes hat dieses Thema in der Offenbarung breit ausgeführt.

Das ursprüngliche Ostererlebnis war also nicht das der Frauen am leeren Grab, sondern die Vision des verklärten Christus. Wahrscheinlich hat man sich zunächst für das Grab gar nicht interessiert. Die Apostel hatten Wichtigeres zu tun als eine Gedenkstätte zu pflegen. Sie gingen in die Welt hinaus, um den Herrschaftsanspruch Christi zu proklamieren: Gott hat Christus "erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass … alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist." (Phil 2,9-11). Es geht beim Osterglauben nicht um historische Richtigkeiten, sondern wir sind gefragt, ob wir den Anspruch Jesu auf unser Leben anerkennen. Der Heidelberger Katechismus sagt, was das für uns bedeutet: "Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele, sowohl im Leben als auch im Sterben, nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre."

Nach Mk 16,8 sagten die Frauen niemand etwas von ihrer Entdeckung, auch nicht den Jüngern. Anlass für den Osterglauben kann das Erlebnis der Frauen also nicht gewesen sein. Vielleicht haben sie später doch was gesagt, als man sich dafür interessierte, wo denn Jesus begraben worden war. Das kann Jahrzehnte später gewesen sein. Das früheste Zeugnis für das Grab ist Markus. Paulus scheint es noch nicht gekannt zu haben.

Die Visionen könnte man auch anders erklären. Wenn uns jemand kurz nach seinem Tod erscheint, schließen wir nicht "Er ist auferstanden", sondern "Er ist gestorben" oder "Es gibt doch ein Weiterleben nach dem Tod."

Wie kam man aber auf die Auferstehung?

Da müssen wir ein Stück in die Geschichte zurück: Die frühen Israeliten teilten mit den Völkern der alten Welt die Vorstellung, dass die Toten in der Unterwelt ein freudloses Schattendasein führen. Totenopfer und Totenbeschwörungen wie ihre Nachbarn aber lehnte Israel ab. Es gibt keinen Kontakt zwischen den Lebenden und den Toten.

In den jüngeren Teilen des Alten Testaments kommt die Frage auf: Warum geht es den Guten oft so schlecht und den Bösen oft so gut? Ist das gerecht? So entstand der Gedanke, dass am Ende der Zeit ein Ausgleich hergestellt wird, beim Jüngsten Gericht. Damit allen Gerechtigkeit widerfährt und nicht nur denen, die zufällig noch leben, müssen alle Toten wieder auferstehen. Dann wird sich zeigen, wer in einer besseren Welt weiterleben darf und wer nicht.

Jesus und die ersten Christen haben diesen vorchristlichen Glauben geteilt. Jesus warnt aber davor, sich das ewige Leben allzu naiv als Fortsetzung der irdischen Verhältnisse vorzustellen: Die Auferstandenen werden sein wie Engel, geschlechtlose Geister (Mk 12,18-27). Paulus meint, sie hätten einen "geistlichen Leib" (1 Kor 15,45), sie behalten ihre Identität. Deshalb tragen auf mittelalterlichen Bildern die Märtyrer die Spuren ihrer Leiden auch im Himmel – als Ehrenzeichen, nicht als Makel.

Wenn also die ersten Christen Jesus nach seinem Tod in der himmlischen Herrlichkeit gesehen haben, dann schlossen sie daraus, dass Jesus auferstanden, zum ewigen Leben erwacht sein muss. Das Bild von der Himmelfahrt drückt dasselbe aus. Er ist im Himmel bei Gott, wie auch die anderen Toten bei Gott sind und wie ich selbst hoffe, zu Gott heimkehren zu dürfen. Das Besondere bei Jesus ist nicht, dass er jetzt bei Gott ist, sondern dass ihm Gott einen Ehrenplatz zu seiner Rechten gegeben hat.

Es gibt im Neuen Testament mehrere Vorstellungen von dem, was nach dem Tod kommt: nicht nur die Auferstehung, sondern auch "Abrahams Schoß" (Lk 16,22), die Erneuerung der Welt am Ende der Zeit (Offenbarung), ja sogar dass die Menschen eine Art Engel werden (Mk 12,25). Wir wissen nicht, wie es wirklich ist. Das alles lässt sich nur in Bildern ausdrücken. Auch abweichende Vorstellungen wie der primitive Gespensterglaube, die indische Seelenwanderung oder das buddhistische Nirvana sind nur Bilder. "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht" (1 Kor 13,12).

   

 

 

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Übersicht

 

Wie stellen wir uns die Auferstehung vor? | Wann ist Jesus auferstanden?

Etymologie Urständ | Sprachecke 06.04.2010

 

Datum: 2015

Aktuell: 26.03.2016