Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Quellen | Bibelwissenschaft | Systematische Theologie | Religionswissenschaft | Praxis

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Jesus ist auferstanden.

Wie stellen wir uns das vor?

Email:

Wie stellen wir uns die Auferstehung Jesu vor?

1. Die Grabgeschichten

a. Argumente für eine körperliche Auferstehung

b. Gegenargumente

c. Was ist mit der Leiche geschehen?

d. Jesus und Paulus

e. Der geistliche Leib
2. Visionen

a. Paulus

b. Stephanus

Was sollen wir denn nun glauben?

 

Als einer der häufigsten Einwände gegen den Kern des christlichen Glaubens wird heute geltend gemacht: "Es mag ja sein, dass Jesus wieder lebendig aus dem Grab herausgekommen ist. Aber dann ist doch eher anzunehmen, dass er nur scheintot war, von jemand (z.B. Josef von Arimathäa) heimlich aufgepäppelt und aus dem Grab herausgelassen wurde."
Dagegen spricht allerdings der Bericht der Evangelien, wonach Pilatus die Leiche Jesu nicht ungeprüft freigegeben (Mk 15,44.45) und ein Soldat Jesus mit einem Speer die Seite geöffnet hatte (Jh 19,34 nach einem Augenzeugenbericht). Zugegeben: Eine sechsstündige Marter am Kreuz musste nicht unbedingt zum Tod führen; der Hauptmann kann sich bei seiner Toterklärung vielleicht getäuscht haben. Aber einen Speerstich, womöglich in den Brustkorb oder ins Herz, kann man nicht so einfach überleben. Und ein Mensch mit diesen Wunden (auch an den Füßen) ist doch am dritten Tag nicht schon wieder so fitt, dass er einen mehrstündigen Marsch nach Emmaus und zurück durchhält (Lk 24).
Dann wäre natürlich auch die Frage, was denn mit Jesus nach der Auferstehung passiert ist. Wer glaubt, Jesus sei nur scheintot gewesen, kann nicht glauben, dass Jesus von der Erde verschwunden und in den Himmel gefahren ist. Dann muss er nach Meinung der Zweifler irgendwo, vielleicht im Ausland oder in einem Versteck, eine Zeitlang weitergelebt haben und eines Tages wirklich und endgültig gestorben sein.

Wie stellen wir uns als Christen denn das mit der Auferstehung vor?

1. Herkömmlicherweise stellt man sich vor,

dass Jesus am Kreuz gestorben ist, wirklich tot in die Grabhöhle gelegt wurde, aber am Ostermorgen wieder lebendig aus dem Grab herauskam, 40 Tage lang mit den Jüngern Kontakt hatte und dann "in den Himmel fuhr". Der Streitpunkt ist heute: Ist Jesus körperlich aus dem Grab herausgekommen oder anders?

a. Für eine körperliche Auferstehung sprechen:

i. Das leere Grab

Es hat im Altertum niemand bezweifelt, dass das Grab Jesu leer war, sondern man hat sich alle möglichen andere Erklärungen überlegt (z.B. die Jünger hätten die Leiche in betrügerischer Absicht beseitigt, vgl. Mt 27,62-28,15). Es wurde also mit Sicherheit schon in der Mitte der 1. Jahrhunderts in Jerusalem das leere Grab Jesu als Beweis für die Auferstehung gezeigt.

ii. Die Grabtücher

Schon Lukas (24,12) und Johannes (20,6.7) scheinen etwas von den unversehrten Grabtüchern gehört zu haben. Man hat also anscheinend auch die Grabtücher als Beweisstücke vorgezeigt. Die Tücher machen noch mehr als das Grab selbst wahrscheinlich, dass die Leiche nicht lange im Grab lag, sonst wären die Tücher nämlich verrottet. Im Unterschied zu der einen Stoffbahn von Turin ist übrigens in den Ostergeschichten von mehreren Tüchern die Rede.

iii. Der Auferstandene kann essen und angefasst werden.

Die Evangelisten scheinen selbst an eine Art körperliche Auferstehung gedacht zu haben: Der Auferstandene konnte essen und angefasst werden (ganz deutlich Lk 24,38-43).

b. Andrerseits widersprechen manche Einzelheiten der Ostergeschichten einer allzu massiven Körperlichkeit:

i. Geisterhaftes

Der Auferstandene kann z.B. plötzlich verschwinden (Lk 24,31), durch verschlossene Türen gehen (Jh 20,19) und an verschiedenen Stellen gleichzeitig sein, wie die Emmausgeschichte nahe legt (Lk 24). Das ist doch eher so, wie man sich etwa einen Engel vorstellt: ein nicht materielles Wesen, das aber eine sichtbare Gestalt hat und mit materiellen Gegenständen hantieren kann.

ii. Himmelfahrt

Erst recht müssen wir bei der Himmelfahrtsgeschichte an eine mehr engelähnliche Beschaffenheit des Auferstandenen denken. Denn so naiv waren die ersten Christen wohl nicht, dass sie allen Ernstes geglaubt hätten, der wieder zu Leben erwachte Jesus wäre mit seinem zerschundenen Körper in den Himmel gefahren.

c. Das Dilemma: Was ist mit der Leiche geschehen?

Ob wir an eine körperliche oder geistige Auferstehung Jesu denken, bleibt die Frage ungeklärt: Was ist denn mit der Leiche Jesu geschehen?
Eine körperliche Auferstehung würde erklären, warum Jesus nicht mehr im Grab lag. Aber wo ist dann sonst der Körper Jesu hingekommen? Doch sicher nicht in den Himmel?
Eine geistige Auferstehung würde zwar die Himmelfahrt erklären. Aber wieso war dann das Grab leer?

d. Wie hat sich denn Jesus selbst die Auferstehung vorgestellt?

i. Jesus zur Sadduzäerfrage

Darüber erfahren wir in seiner Diskussion mit den Sadduzäern (Mk 12,18-27). Diese erzkonservative Priesterpartei lehnte die damalige volkstümliche Auffassung einer Rückkehr der Toten ins körperliche Leben ab und begründete das vor Jesus mit dem Argument: "Eine solche Wiederherstellung der irdischen Verhältnisse gibt unlösbare Probleme, wenn z.B. eine Frau mehrmals verheiratet war." Dagegen Jesus: "Ihr geht von falschen Vorstellungen aus. Wer sagt denn, dass die Auferstandenen heiraten? Sie werden vielmehr sein wie die Engel", also geschlechtslos, ohne körperlichen Bedürfnisse und offenbar auch ohne Körper im uns bekannten Sinn.

ii. Paulus

Noch genauer äußert sich Paulus, der in 1. Kor 15,35-45 von einem "geistlichen Leib" schreibt. Da Paulus die Auferstehung Jesu als einen Sonderfall der Totenauferstehung am Jüngsten Tag ansieht, hat er wohl auch an eine "geistlichen Leib" des auferstandenen Jesus gedacht.

e. Der geistliche Leib

i. hat nicht eine "feinstoffliche Substanz"

Spiritisten sind Leute, die versuchen, mit Toten im Jenseits Kontakt aufzunehmen ("Tischrücken") und können mitunter auch einen  Toten sichtbar machen (wie die "Hexe von Endor" den Samuel, 1 Sam 28 und Odysseus den Seher Teiresias). Man stellt sich das so vor, dass die Toten zwar sichtbar sind, aber keine feste, sondern eine nebelhafte ("feinstoffliche") Substanz haben.
Eher ist anzunehmen, dass es sich bei den Totenerscheinungen um virtuelle Bilder handelt, die in unserem Gehirn entstehen.

ii. sondern eine geistige Gestalt

Wir können uns auch aus einem längst Verstorbenen ein Bild machen, auch wenn nichts Materielles mehr übrig ist. Ich weiß nicht nur, wie meine Eltern ausgesehen haben, sondern ich verbinde mit ihnen viele andere Erinnerungen, an Erlebnisse mit ihnen wie auch an ihre Charakterzüge. Auch von Jesus habe ich meine Vorstellungen.
Der "geistliche Leib" besteht nicht aus Atomen, die einen sichtbaren Körper formen, sondern aus Informationen, die sein Wesen kennzeichnen. Der Tote behält auch im Jenseits seine Individualität. Es ist nicht so, wie wenn man ein Glas Wasser ins Meer schüttet, so dass sich die einzelnen Wassermoleküle bald ganz verlieren. Das Jenseits ist nicht wie das Meer eine unstrukturierte Masse, sondern enthält Strukturen. Die Bibel braucht dafür das Bild vom "Buch des Lebens", in dem unsere Namen (und Erinnerungen) aufzeichnet sind.

2. Visionen

a. Paulus

schreibt in 1 Kor 15,3-8 nichts vom leeren Grab, sondern dass Jesus von vielen Christen "gesehen" worden ist. Das wesentliche scheint mir auf jeden Fall nicht das leere Grab zu sein, sondern diese Erscheinungen, etwa wie in Jh 21: Petrus hatte nach Karfreitag ein Erlebnis mit dem Auferstandenen, das aus dem verzweifelten Verleugner einen tapferen Bekenner gemacht hat. Anderen Urchristen ging es ähnlich. Sie schlossen nicht daraus: "Aha, es gibt doch eine Auferstehung oder ein Weiterleben nach dem Tod!" oder: "Jesus ist jetzt im Himmel", sondern: "Gott hat den scheinbar Gescheiterten bestätigt, ihn zu sich in den Himmel geholt und ihm einen Platz zu seiner Rechten angewiesen" (ähnlich Stephanus in Apg 7,55-56).

b. Von Stephanus

lesen wir, er sei "voll des heiligen Geistes gewesen", er habe also eine Vision gehabt (Apg 7,54-60). Eine Vision ist, wenn unter gewissen Voraussetzungen (z.B. Sterbestunde wie bei Stephanus) ein inneres Ereignis so erlebt wird, als sei es ein äußeres. Viele äußere Wahrnehmungen sind nur Schein und führen zu falschen Schlüssen; umgekehrt führt eine Vision zu richtigen, tieferen Erkenntnissen.

Was sollen wir denn nun glauben?

Worauf es bei unserem christlichen Osterbekenntnis ankommt, ist nicht das Stichwort "Auferstehung", das missverständlich ist und zu falschen Schlüssen führen kann. Was die ersten Christen an diesem ersten Ostertag erfahren haben und was jeder Gläubige bis heute bestätigen kann, ist was Anderes: "Jesus lebt, ihm ist das Reich über alle Welt gegeben" und "Jesus lebt, mit ihm auch ich" (Ev. Gesangbuch 115).

   

nach oben

Übersicht

 

Leben nach dem Tod | Auferstehung

Etymologie Urständ | Sprachecke 06.04.2010

 

Datum: 1994 / 2015

Aktuell: 16.04.2017