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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Leidensgeschichte Jesu

Anhänge

Der Lieblingsjünger

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1. Befund

a) der Jünger, den Jesus liebte, der andere Jünger

b) ein ungenannter andere Jünger

2. Beziehung zu Petrus

3. Wer war diese geheimnisvolle Gestalt?

a) Der vierte Evangelist?

b) Der Evangelist weiß nicht von Johannes

4. Alternativen

a) Der Evangelist war Johannes Markus

b) Der Lieblingsjünger war das bessere Ich des Petrus

c) Das wahre Ich des Petrus bleibt

d) Das 4. Evangelium ist im Geist des Petrus geschrieben

 

1. Befund

a) der Jünger, den Jesus liebte, der andere Jünger

  • Johannes 13,23 (Kennzeichnung des Verräters) ist erstmals von einem namentlich nicht genannten Jünger die Rede, den Jesus liebte (heute kurz "Lieblingsjünger" genannt, später heißt er oft der andere Jünger). Er liegt beim letzten Mahl an Jesu Seite und hat Zugang zu Informationen, an die Petrus nicht herankommt. Er wird auch an anderen Stellen der Passions‑ und Ostergeschichte erwähnt:

  • Johannes 19,26‑27: Der Lieblingsjünger steht mit einigen Frauen und der Mutter Jesu unterm Kreuz. Jesus habe zwischen ihnen ein Mutter‑Sohn Verhältnis gestiftet und damit den Lieblingsjünger zu seinem "Bruder" gemacht.

  • Johannes 20,1‑10 Maria Magdalena informiert Petrus und den Lieblingsjünger über das geöffnete Grab. Beide machen ein Wettrennen zum Grab; der Lieblingsjünger ist zwar schneller, lässt aber Petrus den Vortritt. Petrus inspiziert das Grab und stellt fest, dass es leer ist; ihm folgt der Lieblingsjünger und glaubt.

  • Johannes 21,1‑14 Petrus und andere beschließen, fischen zu gehen, haben aber keinen Erfolg. Ein Unbekannter schickt sie nochmals aus, und auf einmal fangen sie sehr viele Fische. Der Lieblingsjünger sitzt bei Petrus im Boot und erkennt in dem Unbekannten Jesus. Petrus springt ins Wasser und schwimmt den anderen voraus zu Jesus.

  • Johannes 21,15‑23 Jesus beauftragt Petrus mit der Gemeindeleitung und deutet seinen Märtyrertod an. Petrus interessiert sich für das Schicksal des Lieblingsjüngers. Jesus antwortet: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an?
    Der Verfasser von Kapitel 21, das allgemein für einen Nachtrag gehalten wird, deutet an, dass der Lieblingsjünger doch gestorben ist, obwohl man aus dem Jesuswort entnommen habe, er werde nicht sterben.

  • Johannes 21,24 Der Lieblingsjünger war der Verfasser des 4. Evangeliums.

b) ein ungenannter andere Jünger

An drei weiteren Stellen werden Jünger in wichtiger Position erwähnt, die ebenfalls nicht namentlich genannt werden und mit dem Lieblingsjünger eins sein könnten:

  • Johannes 1,35‑42 Zwei Johannesjünger werden von dem Täufer an Jesus verwiesen. Einer von ihnen ist Andreas, der seinen Bruder Petrus zu Jesus führt.

  • Johannes 18,15‑18 Petrus und ein anderer Jünger folgen Jesus in der Palast des Hohenpriesters. Der andere Jünger verschafft durch Beziehungen dem Petrus Einlass und bringt damit Petrus in die Verlegenheit, Jesus zu verleugnen.

  • Johannes 21 ist einmal vom Lieblingsjünger und kurz darauf von "dem andern Jünger" die Rede. Dies macht eine Gleichsetzung beider auch in Kapitel 18 wahrscheinlich.

2. Beziehung zu Petrus

Es fällt auf, dass an allen Stellen außer 19,26‑27 der Lieblingsjünger immer zusammen mit Petrus auftritt:

  • Nicht Petrus und Andreas waren die ersten Jünger, sondern der andere Jünger und Andreas.

  • Der andere Jünger hat es Petrus überhaupt erst ermöglicht, Jesus nachzufolgen und zu verleugnen.

  • Der Lieblingsjünger liegt beim letzten Mahl an der Brust Jesu; Petrus ist weiter weg.

  • Der Lieblingsjünger kommt in beiden Ostergeschichten eher zum Glauben, aber Petrus handelt (er läuft schneller oder schwimmt zu Jesus).

  • Petrus wird den Märtyrertod sterben, aber der Lieblingsjünger möglicherweise die Wiederkunft Christi erleben.

In Johannes 19,26‑27 macht Jesus den Lieblingsjünger zum Sohn der Maria und damit zu seinem Bruder. Der Lieblingsjünger tritt also in Konkurrenz zu den im vierten Evangelium mehrfach erwähnten Herrenbrüdern (2,12 Hochzeit zu Kana; 7,1‑10 Laubhüttenfest; die Brüder glauben nicht).

In allen Fällen handelt es sich um Traditionsgut, das uns auch von den Synoptikern bekannt ist, und in allen Fällen scheint der Lieblingsjünger nachträglich eingefügt worden zu sein.

3. Wer war diese geheimnisvolle Gestalt?

a) Der vierte Evangelist?

Der Endherausgeber behauptet 21,24, es handle sich um den Verfasser des Evangeliums, der also ein Jünger Jesu gewesen sein müsste.

b) Der Evangelist weiß nicht von Johannes

Nach der altkirchlichen Tradition war es der Apostel und Zebedäussohn Johannes.

  • Nun kommen aber die Zebedäussöhne erst in Kapitel 21 vor; der Evangelist selbst scheint also nichts von ihnen gewusst zu haben. Der ungenannte Jünger könnte Johannes sein, dann aber vermisst man Jakobus und fragt sich, warum ihn der Verfasser des Nachtrags nicht erwähnt hat.

  • Vor allen Dingen vermisst man die beiden unter den ersten Jüngern in Kapitel 1.

  • Im 4. Evangelium fehlen außerdem alle anderen einschlägigen Johannesgeschichten wie die Verklärung, den Rangstreit und die Schläfer von Gethsemane. Von einem Apostel Johannes sollte man aber erwarten, dass er wenigstens die Verklärungsgeschichte erzählt hätte.

Das 4. Evangelium hat also von Johannes und Jakobus wirklich nichts gewusst. Daher kann Johannes auch nicht der Evangelist sein.

4. Alternativen

Damit ist aber noch nicht das letzte Wort gesprochen. Es sollen in der Folge noch einige weitere, bisher nicht beachtete Möglichkeiten geprüft werden:

a) Der Evangelist war Johannes Markus

Nach der altkirchlichen Überlieferung hat ein Johannes Markus aus Jerusalem Petrus als Dolmetscher begleitet und nach dem Tod des Petrus dessen Erzählungen von Jesus aufgeschrieben. Dies soll allerdings die Grundlage des Markusevangeliums gewesen sein. Nun wäre ja denkbar, dass der Grund für diese Behauptung der Doppelname Johannes Markus war: Nachdem man das Johannesevangelium dem Apostel zugeschrieben hatte, bot sich diese Überlieferung für das Markusevangelium an. Die Beziehung zu Petrus und Rom könnte aber auch aus 1. Petr 5,13 (Babylon Deckname für Rom) erschlossen sein. Was spricht noch für diese Hypothese?

  • Der 4. Evangelist hat Ortskenntnisse von Jerusalem, und Johannes Markus stammt von dort.

  • Der 4. Evangelist hat deutlich einen semitischen Zungenschlag, was man bei einem Petrusdolmetscher erwarten müsste und vom Markusevangelium nicht behaupten kann.

  • Johannes Markus hat Paulus auf der 1. Missionsreise nach Zypern begleitet und dort einen Zauberer Elymas / Bar Jesus kennen gelernt. Er kehrte mit Barnabas nach Zypern zurück, nachdem ihn Paulus nicht mehr mitnehmen wollte. In solchen Kreisen, zu denen Elymas wohl gehörte, aber wucherten Spekulationen, die dann in die Gnosis mündeten, mit denen sich sowohl Paulus als auch Johannes auseinandersetzen, die aber für das Markusevangelium kein Thema sind.

  • Die offenkundige antijüdische Haltung des 4. Evangelisten, seine Geringschätzung der Beschneidung (Johannes 7,22‑23: nicht von Mose), seine Gegenüberstellung von Gesetz und Gnade (Johannes 1,17) könnte von Paulus beeinflusst sein.

  • Johannes Markus scheint jünger gewesen zu sein als Paulus und Petrus. Wenn wir annehmen, dass er zur Zeit der 1. Missionsreise (um 47) etwa 20 war, dann könnte er als Kind die Passion noch miterlebt haben, und es wären damit auch ein paar grobe Erinnerungsfehler erklärt. Und vor allem könnte man sich vorstellen, dass er das Ende des 1. Jahrhunderts noch erlebt hätte – er müsste damals in den siebziger Jahren gewesen sein.

  • Seine Mutter hieß Maria wie die Mutter Jesu (Apg 12,12). Damit ließe sich einleuchtend erklären, wo die Idee herkam, der Verfasser des 4. Evangeliums habe die Mutter Jesu zu sich genommen und als ihr Sohn gegolten.
    Von dieser Frau gibt es übrigens mindestens 2 Gräber, eins in Jerusalem am Ölberg und eines in Ephesus – letzteres sicherlich bedingt durch die Beziehung des Sehers (= Zebedaiden?) Johannes zu dieser Stadt.

  • Johannes berichtet von einer besonderen Berufung des Petrus (aber erst im Anhang), der angebliche Petrusschüler Markus nicht. Dieser bringt auffallenderweise auch das Wort vom Felsen nicht, auf den Jesus die Gemeinde bauen will (Mt 16,17‑19).

Dass Johannes Markus der Urheber des Johannesevangeliums ist, ist möglich, aber durch die altkirchliche Tradition nicht gedeckt.

b) Der Lieblingsjünger war das bessere Ich des Petrus

Vielleicht muss man die Verfasserfrage und die Frage nach dem Lieblingsjünger voneinander trennen.

Es ist nämlich nicht auszuschließen, dass mit dem Lieblingsjünger eine Art Doppelgänger des Petrus, seine verkörperte Seele oder sein Engel gemeint ist. Dass man Petrus einen eigenen "Engel" zuschrieb, erfahren wir Apostelgeschichte 12,15.

Wenn die Deutung von Mark 14,51.52 stimmt, dass der fliehende Jüngling ein doketistisches Symbol für den Gottessohn Christus ist, der sich vor der Passion von dem Menschen Jesus trennt, dann wäre der "Jüngling" ja auch eine Art Doppelgänger oder Engel von Jesus.

Vielleicht bekommt dadurch das Nebeneinander von Petrus, dem anderen Jünger und dem Lieblingsjünger einen Sinn: Es handelt sich um die zwei Seelen, die in der Brust von Petrus wohnen und die das Handeln von Petrus vorbereiten:

  • Der Jünger, den Jesus lieb hat an der Brust Jesu und in der Ostergeschichte ist der glaubende Petrus, der in Wahrheit Jesu Bruder ist (Johannes 19,26.27) und schneller erkennt, während der "äußere Petrus" handelt.

  • Mit der Szene unter dem Kreuz könnte zusätzlich zweierlei gesagt sein:

  1. Petrus hat sich zwar in irgendein Versteck verkrochen, aber er ist im Geist bei seinem Herrn. Dann käme Petrus auch an dieser Stelle vor.

  2. Der glaubende Petrus und nicht der noch ungläubige Jakobus ist der wahre Herrenbruder. Vergleiche dazu Mark 3,35 "Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder..."

  • Die andere Seele des Petrus ist der andere Jünger, nicht der geistliche Bruder Jesu, sondern der leibliche Bruder des Andreas (Johannes 1,40‑41). Er hat dem Petrus Einlass verschafft in den Palast des Hohenpriesters, hat ihn mit der Türhüterin bekannt gemacht, die Petrus dann dazu gebracht hat, zu verleugnen. Es ist bezeichnend, dass an dieser Stelle nicht vom Lieblingsjünger geredet wird.

c) Das wahre Ich des Petrus bleibt

Dem scheint der Schluss der Beauftragungsgeschichte Johannes 21,18‑23 zu widersprechen: Jesus deutet Petrus den Märtyrertod im Alter an ("führen, wohin du nicht willst") und sagt vom Lieblingsjünger "Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht's dich an?" Die Christen hätten daraus entnommen, dass der Lieblingsjünger nicht sterben wird, aber das habe Jesus nicht gemeint.

Man hat also den Lieblingsjünger später für eine historische Person gehalten, den Verfasser des Evangeliums, der Ende des 1. Jahrhunderts gestorben ist, und sich dann über das Jesuswort gewundert, das man auf das leibliche Leben bezogen hat.

Was könnte das Jesuswort aber gemeint haben? Bleiben im Johannesevangelium bedeutet außer im profanen Sinn 'sich aufhalten' im geistlichen Sinn 'glauben' (= bei Jesus bleiben) oder 'ewigen Bestand haben', an keiner Stelle aber 'leben und nicht sterben', wird auch in der Lazarusgeschichte Johannes 11 nicht verwendet, wo es um leibliches und ewiges Leben geht (Johannes 11,25.26). Wenn wir das Jesuswort im Sinne von Johannes verstehen, so müssen wir umschreiben: "Wenn ich will, dass er im Glauben ewigen Bestand hat..." Petrus hat sich also nicht nach dem Schicksal eines Mitjüngers, sondern seiner eigenen Seele erkundigt und Jesus deutet ihm an: "Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt, und wer da lebt und glaubt an mich, wird nimmer mehr sterben." (Johannes 11,25.26).

Dazu kommt als Hintergrund ein Problem, das die Christen in Thessalonich beschäftigt hat: Man rechnete zunächst mit einer baldigen Wiederkunft des Herrn in wenigen Monaten oder Jahren. Dann aber starben die ersten Christen, ohne die Wiederkunft erlebt zu haben. Haben sie damit was Wichtiges versäumt?
Paulus tröstet die Christen mit der Auskunft: Christus wird die Verstorbenen bei seiner Wiederkunft auferwecken, dann erleben sie die Erfüllung ihrer Hoffnung doch noch. (1. Thess.
4,13‑18).
Johannes dagegen tröstet nicht mit der Hoffnung auf die Auferstehung, sondern auf das ewige Leben; das findet am Ende des Evangeliums noch einmal seinen Ausdruck.

Wenn wir der obigen Deutung folgen, war der Lieblingsjünger niemand anders als Petrus selbst, seine personifizierte Seele oder sein Engel.

d) Das 4. Evangelium ist im Geist des Petrus geschrieben

Was hat es dann aber mit der Bemerkung Johannes 21,24 auf sich, der Lieblingsjünger sei der Evangelist gewesen? Das kann doch nur bedeuten: Der "Geist des Petrus" durchweht das Evangelium, es ist in seinem Geist geschrieben. Ein Hinweis, dass Johannes Markus, der angebliche Petrusdolmetscher der Verfasser ist?

   

 

 

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Datum: 1989 / 2015

Aktuell: 26.03.2016