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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Leidensgeschichte Jesu

Anhänge

Das leere Grab

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1. Wie alt ist die Geschichte?

a) Paulus weiß nichts davon

b) Die Grabtücher

2. Woher wissen wir vom leeren Grab?

a) Ursprünglich kein Interesse an einem Grabkult

b) Das Grab war wichtig für die Passionsgeschichte.

c) Hat Magdalena auch die Geschichte vom leeren Grab aufgebracht?

3. Zusammenfassung

 

1. Wie alt ist die Geschichte?

Das Markusevangelium wird in die Zeit während des Jüdischen Kriegs (66‑70) oder kurz danach datiert; die anderen Evangelien sind noch jünger. Die Jerusalemer Christen waren während des Kriegs ins Ostjordanland geflohen. Nach der Einnahme der heiligen Stadt wurde Jerusalem gründlich zerstört; die Kreuzigungsstelle aber lag außerhalb der Stadtmauer, war also wohl von der Zerstörung kaum betroffen; es sind ja auch andere Gräber aus der Zeit vor 70 n. Chr. erhalten. Ist es denkbar, dass die Erzählung vom Grab erst in den 60er Jahren aufgekommen ist und die Christen nach dem Krieg bei den Trümmern von Jerusalem tatsächlich ein leeres Grab fanden, das sie für das Grab Jesu hielten? Dies würde erklären, warum Markus noch nichts von einem "neuen" Grab schreibt. Er kannte die Geschichte, wusste aber nichts von der Örtlichkeit.

a) Paulus weiß nichts davon

Ein Zeuge dafür, dass die Grabtradition wirklich erst spät aufgekommen ist, könnte Paulus sein, der in 1. Korinther 15,1‑5 zwar von Erscheinungen des Auferstandenen, nichts Näheres aber von seinem Grab weiß. Der 1. Korintherbrief ist in den 50er Jahren entstanden. Die Unkenntnis des Paulus ist noch erstaunlicher, wenn wir bedenken, dass Paulus ja mehrmals in Jerusalem gewesen ist. Man hätte ihm sicher bei einem seiner ersten Besuche das heilige Grab gezeigt, wenn man davon gewusst hätte. Dieses kann also in den späten 40er Jahren (Apostelkonzil) noch nicht bekannt gewesen sein. Nun wäre allerdings denkbar, dass die Grabgeschichte erst nach dem Apostelkonzil, also in den 50er Jahren aufgekommen ist, so dass Paulus im 1. Korintherbrief noch nichts davon wissen konnte. Das ist aber kaum vorstellbar, denn ein Vierteljahrhundert nach Ostern hatten doch noch Augenzeugen wie der Herrenbruder Jakobus in Jerusalem das Sagen, und die werden kaum zugelassen haben, dass zu den klassischen Ostergeschichten neue hinzukamen.

Die Grabesgeschichte ist also entweder so alt wie die Ostergeschichte selbst, oder kam erst nach dem Jüdischen Krieg auf.

b) Die Grabtücher

Nun muss man sich fragen, was es dann mit den Grabtüchern auf sich hat, die man Ende des Basisjahrhunderts (Johannesevangelium) anscheinend ebenfalls als Beweisstücke vorgeführt hat. Man kann sich kaum vorstellen, dass diese Tücher jahrzehntelang im Grab gelegen hätten, bis man sie dann schließlich bei der Entdeckung des Grabes gefunden hat. Es kann aber z.B. Matthäus von diesen Tüchern noch nichts gewusst haben, sonst hätte er sie ja in seine Argumentation mit eingebracht. Also werden die Tücher auch erst relativ spät aufgekommen sein – woher, lässt sich nicht sagen.

2. Woher wissen wir vom leeren Grab?

a) Ursprünglich kein Interesse an einem Grabkult

All das spricht also dafür, dass sich die ersten Christen um das Grab des Auferstandenen keine Gedanken gemacht haben. Ein Grabkult, wie wir ihn kennen, kam für einen Juden und Judenchristen ohnehin nicht in Frage, weil Gräber unrein sind. Da man sehr bald nach dem Karfreitag zu der Überzeugung kam, dass Jesus lebt, war das Grab als Gedenkstätte uninteressant. Wozu soll man einen Lebendigen im Grab verehren (vgl. Lukas 24,5)?

b) Das Grab war wichtig für die Passionsgeschichte.

Andrerseits hat man sich aber auch für die Leidensgeschichte interessiert. Diejenigen, die etwas davon miterlebt hatten, mussten immer und immer wieder davon erzählen, und sicher hat man auch alle möglichen Leute befragt. Wichtigster Zeuge für die Beisetzung Jesu scheint nun Maria Magdalena zu sein. Von ihr wird man Einzelheiten der Beisetzung und auch den Namen dessen gewusst haben, der die ehrenvolle Beisetzung veranlasst hatte. Denn die Nachricht, dass Jesus von Josef in einer Felsengruft beigesetzt wurde, kann nicht erst aufgekommen sein, als man nach dem Grab suchte. Auch Paulus scheint etwas davon gewusst zu haben (1. Korinther 15,4).

c) Hat Magdalena auch die Geschichte vom leeren Grab aufgebracht?

Markus 16,8b Sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich lässt vermuten, dass diese Ostergeschichte erst relativ spät bekannt geworden ist. Wieso sollte Maria aber die Grablegung erzählt und das leere Grab verschwiegen haben? Also ist eher anzunehmen, dass man Magdalena und die anderen Frauen in die Ostergeschichte eingetragen wurden, weil sie außer Josef die einzigen waren, die wussten, wo das Grab war.
Die Frauen haben also wirklich niemand etwas erzählt. Dass sie es waren, die das Grab entdeckt hatten, scheint eine spätere Schlussfolgerung zu sein.

3. Zusammenfassung:

1. Dass Jesus in einem Felsengrab ehrenvoll bestattet worden war, scheint alter Bestand der  Passionsgeschichte zu sein. Als wichtigste Zeugin dafür ist Maria Magdalena zu nennen.

2. Dass Magdalena am Sonntagmorgen zum Grab kam und das Grab leer fand, scheint dagegen erst spät bekannt geworden zu sein, wie Markus 16,8b andeutet. Es ist aus folgenden Gründen anzunehmen, dass die Geschichte erst aufkam, nachdem die Christen aus Jerusalem geflohen waren:

a. Eine neue Ostergeschichte kann man sich in der Jerusalemer Gemeinde nur vorstellen, nachdem ein Traditionsbruch eingetreten war, und dafür bietet sich am ersten der Jüdische Krieg an.

b. Paulus weiß zwar von einem Begräbnis, nichts aber von einem leeren Grab.

Markus kennt zwar die Geschichte vom Grab, weiß aber nicht wie die späteren Evangelien, dass das Grab "neu" war – ein Hinweis, dass er zwar die Geschichte, aber nicht das Grab selbst kannte. Dies muss also erst in dieser Zeit, d. h. nach dem Krieg entdeckt worden sein.

c. Da Magdalena wusste, wo das Grab ist, lag es nahe, sie zur Zentralfigur der Ostergeschichte zu machen.

   

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Datum: 1989 / 2015

Aktuell: 16.04.2017