Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Quellen | Bibelwissenschaft | Systematische Theologie | Religionswissenschaft | Praxis

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Was glauben die anderen?

Ferienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim
24.04.-01.05.1984

Buddhismus

Email:

 

 

Siddhatta Gotama war ein Fürstensohn, der um 500 v. Chr. im nördlichen Indien lebte. Er soll von zu Hause von allen Schattenseiten des Daseins abgeschirmt worden sein und nur die Schokoladenseite kennengelernt haben. Auf die Dauer ließ sich aber nicht vermeiden, dass er die brutale Wirklichkeit von Krankheit, Armut und Tod kennenlernte. Dies verursachte bei dem Prinzen einen furchtbaren Schock. Er verließ seinen Palast und zog sich als Büßer in die Einsamkeit zurück. Nachdem er erfolglos bei den verschiedenen hinduistischen Schulen nach einer Lösung seines Problems gesuchte hatte, fand er die Erleuchtung bei einer tiefen Meditation. Seither trägt Gotama den Ehrennamen Buddha 'der Erleuchtete'. Er sammelte Schüler um sich, gründete Klöster und verbreitete seine Lehre. Nachdem sich die Lehre Buddhas für einige Zeit auch in Indien durchgesetzt hatte, wurde diese nach Ostasien weitergetragen und wurde dort zur vorherrschenden Religion, während in Indien der Buddhismus heute fast ausgestorben ist.

Buddha hat die indischen Götter nicht geleugnet, aber für so unwesentlich gehalten, dass er seine Erlösung ohne sie fand. Der klassische Buddhismus ist also eine atheistische Religion: eine Weltanschauung, die sich zwar intensiv mit dem Jenseits beschäftigt und um Erlösung bemüht, aber ohne Götter auskommt.

Für den Hindu stellt das Leiden auf der Welt kein Problem dar: Er glaubt an die Seelenwanderung. Jede Seele hat die Möglichkeit, je nach Verdienst sich in der nächsten Existenz zu verbessern oder zu verschlechtern. Die Welt ist ewig und der Kreislauf der Geburten auch. Es ist ein ständiges Auf und Ab, so dass Freud und Leid dadurch relativiert werden: Auch das glücklichste oder miserabelste Leben ist nichts Endgültiges; das bisschen Glück oder Pech ist nicht alles, was der Mensch hat, sondern er hat noch viele Leben vor sich und wird noch ganz andere Schicksale erringen. Antrieb für diesen ewigen Kreislauf ist das selten ausgeglichene Verdienstkonto. Wie ein Girokonto weist es fast immer ein Plus und ein Minus auf; erst wenn beim Tod das Saldo auf Null steht, hört der Geburtenkreislauf auf.

In diesem Geburtenkreislauf sieht der Hindu nichts Schlechtes, wohl aber Buddha. Denn gleichgültig, wie es einem in der künftigen Existenz geht: Alles Leben ist Leiden (1. der vier edlen Wahrheiten).

Anders als im Christentum ist das individuelle Dasein für den Buddhisten also etwas Schlechtes, Entfremdung, Sünde:

 

Christentum

Buddhismus

 

 

 

Dasein

gottgewollt (Schöpfung)

Entfremdung vom Urgrund des Seins

Sünde

Absage an Gott

individuelles Dasein

Gegenteil

Zuwendung zu Gott

Erlöschen der Existenz

Ziel der Hoffnung

ewiges Leben bei Gott

nicht mehr sein

Gegenteil

ewiger Tod

ewiger Geburtenkreislauf

 

 

 

Der Buddhismus ist also von seinen Grundlagen her dem Christentum genau entgegengesetzt:

 

 

 

Gott

ja

nein

Leben

positiv

negativ

Wie aber kommt es zu diesem Leiden? Die 2. edle Wahrheit lautet: Die Ursache des Leidens ist der Lebenstrieb, der die Seele immer wieder dazu bringt, sich nach dem Tod eine neue Existenz zu suchen.

Diese Lehre hat äußerlich einige Ähnlichkeit mit der christlichen und antiken Verdammung der Begierde als Sünde. Und dennoch besteht hier ein wichtiger Unterschied: Die Begierde im christlichen Sinn ist eine mögliche Lebenshaltung, eben die ständige Unzufriedenheit, das Trachten nach mehr Geld, Erfolg, Vergnügen usw. Das Gegenteil dieser Untugend ist die Genügsamkeit, die sich dankbar mit dem zufrieden gibt, was da ist. Dies schließt aber nicht die Lebensbejahung aus, die Freude am Dasein, die treue Pflichterfüllung. – Der Lebenstrieb im buddhistischen Sinn dagegen ist keine Untugend, die man lassen kann, sondern die grundsätzliche Lebensbejahung. Weil ich ja sage zum Leben, deshalb werde ich immer wieder von neuem geboren. Damit aber bin ich getrennt vom Urgrund des Daseins.

Die 3. edle Wahrheit ergibt sich damit von selbst: Die Wahrheit von der Aufhebung des Leidens besteht darin, dass der Lebenstrieb aufgehoben werden muss.

Die 4. edle Wahrheit zeigt den Weg zur Aufhebung des Leidens: Der Weg führt über ein einwandfreies moralisches Leben über die Versenkung zur Erleuchtung und damit zum unmittelbaren Erlöschen des Lebenstriebes.

Ziel dieser Bemühungen ist das Nibbana, [1] das 'Erlöschen': Wie eine Kerze erlischt, wenn das Wachs alle verzehrt ist, so erlischt der Lebenstrieb; der Kreislauf der Geburten hört auf; die Seele kehrt in den Urgrund des Seins zurück.

Dieses Nibbana ist nicht das, was wir uns unter der himmlischen Seligkeit vorstellen, sondern eher wie der Zustand, den wir vor unserer Geburt hatten: dunkel und unbewusst, aber doch als Möglichkeit vorhanden.

Das Nibbana ist also nicht einfach das Nichts; dieses wäre zu vergleichen mit der Seinsweise eine Drachen, den es nie gab, nicht gibt und nicht geben wird. Buddha erhofft also eine Rückkehr in eine Art vorgeburtliches Dasein, nicht das Aufhören der Existenz. Das ist etwa so, wie wenn man einen Becher Wasser aus dem Meer schöpft und wieder zurückgießt: Das ausgegossene Wasser löst sich nicht einfach in Nichts auf, sondern kehrt unter Verlust seine Individualität dahin zurück, wo es hergekommen ist.

Auch hier können wir den fundamentalen Unterschied zwischen christlicher und buddhistischer Auffassung erkennen: Zwar kann auch ein Christ sagen: Die Seele kommt von Gott und kehrt im Idealfall nach dem Tod zu Gott zurück – aber eben nicht in ein unpersönliches, namenloses Dasein, sondern als persönliches, namhaftes, Gott namentlich bekanntes Wesen.

Dies können wir uns in einem weiteren Bild deutlich machen: Aus einem Tiegel mit glutflüssigem Gold tropft etwas daneben. Der Buddhist wird dies als ein bedauerliches Missgeschick ansehen und sich bemühen, das daneben getropfte Gold wieder in den Tiegel zurückzubringen.

Der Christ dagegen ist der Ansicht, Gott habe absichtlich ein paar Tropfen abgegossen. Sie einfach wieder zurückzubringen ist gar nicht im Sinne Gottes, der vielmehr vorhat, daraus eine Münze zu prägen und diese seiner Sammlung einzuverleiben. Das Leben hat also für den Christen den Sinn, aus der formlosen Seele eines Ungeborenen eine Persönlichkeit zu machen, auf die Gott stolz sein kann.

Fragt man einen Buddhisten oder Hindu, was er sich unter 'Seele' vorstellt, so wird er freilich eine andere Antwort geben als ein Christ:

Hindu + Buddhist

Seele = unpersönliches Konto an Taten, das nach dem Tod herrenlos geworden und an einen anderen Menschen vererbt wird. Der "Neue" hat keine Erinnerung an den "Alten", weil er außer dem Konto nichts mit ihm gemeinsam hat.

Christ

Seele = Kern der Persönlichkeit, sozusagen die Daten eines Menschen, die im "himmlischen Computer" unauslöschlich gespeichert sind. Es handelt sich dabei nicht nur um das, was aus dem Menschen geworden ist, sondern es ist ebenso der Entwurf, die Idee für diesen Menschen gespeichert. Bei der Auferstehung ruft Gott einfach diese Daten wieder ab und lässt unter Berücksichtigung des Entwurfes den Menschen von damals wieder erstehen.

Buddhist

Der Mensch ist die Summe seiner ererbten und selbst vollbrachten Taten.

 

Mensch Z = Taten von ... V + W + X +Y + Z

Christ

Der Mensch ist das Produkt aus dem Entwurf Gottes und dem, was der Mensch draus gemacht hat.

 

Mensch Z = (Entwurf Gottes) x (eigener + fremder Leistung)

Im Buddhismus kann es also auch keine "Vergebung" geben, denn keiner kann das Lebenskonto eines Menschen durch Schuldenerlass oder Hinzufügung der benötigten Summe so ausgleichen, dass es am Ende Null zu Null aufgeht. Für einen Ausgleich kann nur der Betreffende selbst sorgen, indem er:

  1. verhindert, dass neue Schulden entstehen, und

  2. durch Abtöten des Lebenstriebs dafür sorgt, dass kein neues Guthaben entsteht -

also: Guthaben aufbrauchen, nichts mehr aufs Konto tun und keine Schulden machen.

Buddha hat seinen Anhängern zweimal fünf Gebote gegeben, die ihnen zeigen sollen, wie sie verhindern können, dass sie neue Schulden machen:

I. Grundgebote: 1. nicht stehlen, 2. nicht töten, 3. sich sexuell nicht gehen lassen, 4. nicht lügen, 5. sich nicht berauschen

Das sind wie im Christentum nicht nur Verbote, sondern auch positive Gebote. Das 2. Gebot schließt auch die Tiere mit ein, und vor allem lassen sich alle fünf im Gebot der Liebe zusammenfassen: "Der Edle, der für alle Lebewesen im Herzen Erbarmen hegt, schafft sich unendliches Verdienst."

Zwar ist diese Liebe im Sinne der buddhistischen negativen Weltanschauung mehr eine passive Sympathie mit allen Lebewesen, die ihnen ein Daseinsrecht zugesteht und keinem was Böses tut. Aber wir haben hier doch eine auffallende Parallele zur Lehre Jesu:

Buddha

Jesus

 

 

Vernichtung des Lebenstriebes zur Befreiung vom nichtigen Dasein

Selbstverleugnung in der Nachfolge zur Selbstverwirklichung und Selbstfindung.

Das Eigentliche, das Absolute findet man indem man sich selbst aufgibt.

Alle Gebote können im Gebot der Liebe zusammengefasst werden.

Liebe = passive Sympathie.

Liebe = bereit sein, andere zu (er‑)leiden.

Verzicht auf Gewalt

Verzicht auf Widerstand

Es ist nicht ausgeschlossen, dass zur Zeit Jesu buddhistische Ideen über Persien nach Palästina und in bestimmte vorchristliche Kreise eingesickert sind, so dass wir es hier nicht nur mit zufälligen Parallelen, sondern mit echten Berührungspunkten zu tun haben. Das zeigen auf auffallende Parallelen zwischen neutestamentlichen und buddhistischen Geschichten wie "das Scherflein der Witwe" oder "der Seewandel Jesu".

Eine gewisse Ähnlichkeit besteht auch in der weltverleugnenden Tendenz des frühen Christentums, das trotz eindeutiger alttestamentlicher Bibelstellen dazu neigte, sich aus der bösen Welt in die Askese und die Einsamkeit zurückzuziehen und allen weltlichen Lüsten zu entsagen – Tendenzen, die freilich auch sonst im Altertum zu finden sind. Jedenfalls wird überliefert, dass Jesus (anscheinend) nicht verheiratet gewesen sei und irdischem Reichtum sehr skeptisch gegenüber stand – nicht aus sozialethischen, sondern aus religiösen Gründen.

Jesus verkündet in der Geschichte vom reichen Jüngling wie Buddha eine doppelte Moral: 1. Willst du das ewige Leben haben, so halte die Gebote – 2. willst du vollkommen sein, so lass deinen Reichtum und sei mein Jünger.

Auch Buddha hat eine solche doppelte Moral verkündigt: 1. für alle die oben genannten 5 Grundgebote, 2. für die auserwählte Mönchsgemeinde:

II. Mönchsgebote: 1. nichts essen nach Mittag, 2. keine Betten, 3. keine Körperpflegemittel, 4. kein Geld, 5. keine Lustbarkeiten.

Nun hat Jesus nicht zur Gründung von Mönchsorden aufgerufen und nur zwölf Menschen in Seine unmittelbare Nachfolge berufen. Buddha dagegen war es schon daran gelegen, dass möglichst viele nicht nur seine Lehre annahmen, sondern selbst Mönche wurden. Er hat sich trotzdem aber keine Illusionen gemacht: Mönch sein kann man nur, wenn es daneben auch noch Laien mit bürgerlichen Berufen gibt, die durch ihre Arbeit den Mönchen ihre Vorbereitung aufs Nibbana ermöglichen. Aber das war für Buddha grundsätzlich kein Problem, weil ja jeder Laie in einer seiner nächsten Existenzen die Möglichkeit hatte, zur Erkenntnis zu gelangen und ins Nibbana einzugehen.

Das hat auch dazu geführt, dass Buddha nach gut hinduistischer Tradition keinen Absolutheitsanspruch gestellt hat, und dass der Buddhismus friedlich neben anderen Religionen steht oder sich mit ihnen vermischt hat.

Den modernen Buddhismus lernen wir in drei Konfessionen kennen:

1. Den Theravada‑Buddhismus (Lehre des Ältesten; auch Hinayana 'kleines Fahrzeug', weil bei ihm nur wenige das Heil finden). Er hat sich am wenigstens von der ursprünglichen Idee Buddhas entfernt und hat sich in Sri Lanka und in Hinterindien erhalten. Buddha ist nach dieser Lehre durch seine Erleuchtung zu einer Art Gott geworden; außerdem gibt es noch eine Reihe von Heiligen (Bodhisattvas), die auf ihre sofortige Erlösung verzichtet haben, um anderen behilflich sein zu können. Der Theravada hat trotzdem daran festgehalten, dass Erlösung nur auf dem Weg strenger Weltabkehr nach den Regeln Buddhas möglich ist. In einigen Ländern wird das so gehandhabt, dass man einige Jahre im Kloster verbringt bevor man eine bürgerliche Existenz gründet.

2. Der Mahayana‑Buddhismus (das 'große Fahrzeug', weil in ihm viele erlöst werden können) in China, Korea und Japan. Er führt sozusagen durch das Hintertürchen doch wieder Götter ein: neben verschiedenen 'Buddha' genannten Ausprägungen des Göttlichen eine Vielzahl von heiligen Boddhisattvas, die man alle wie Götter anbeten und mit Opfern verehren kann. Der Gläubige wird nicht mehr durch eigene Anstrengung, sondern durch göttliche Gnade erlöst.

3. Der Vajrayana‑Buddhismus ('das Diamantfahrzeug') in Tibet und der Mongolei ist eine Mischung aus Mahayana‑Buddhismus und den alten Volksreligionen.

Der Buddhismus ist zwar eine Erlösungsreligion; aber nach der ursprünglichen Idee ist Buddha kein Erlöser, sondern nur der erste Erlöste, der die Methode entdeckt und an anderen weiter gegeben hat. Buddha vermittelt nur das Know how; erlösen muss sich jeder selbst.

 

[1] So heißt das Wort in der Pali‑Sprache Buddhas; das bekanntere Nirvana stammt aus dem Sanskrit, der klassischen Sprache Indiens; Verhältnis wie Italienisch zu Latein

 

 

nach oben

Übersicht

 

Sprachecke 15.04.2014

 

Datum: 1984 / 2007

Aktuell: 11.04.2016