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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Was glauben die anderen?

Ferienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim
24.04.-01.05.1984

Hinduismus

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Definition

Pfeiler des Hinduismus

   Kastensystem

   Reinkarnation

Götterlehre

   entwickelt

   Polytheismus

   Unverbindlichkeit

   Pantheismus

 

1. Der Hinduismus ist eine einheimische Religion Indiens, entstanden durch die Mischung der Religionen der dunkelhäutigen Ureinwohner und der hellhäutigen indogermanischen Arier, die im 2. Jahrtausend in Indien eingefallen sind.

2. Die beiden Pfeiler des Hinduismus sind:

a) Das Kastensystem, entstanden aus der dreiteiligen Gesellschaftsordnung der Eroberer und erweitert durch die verschiedenen untergeordneten Klassen der Urbevölkerung sowie durch die große Masse der als asozial geltenden Kastenlosen.

  Wehrstand (arisch)   Lehrstand (arisch)  
  Kshatriya   Brahmanen  
  Könige und Krieger   Priester  
  Mittelstand (arisch)  
  Vaishya   Händler & Handwerker  
         
  Nährstand (Urbevölkerung)  
  Sudra   Bauern  
  und viele andere Berufskasten  
         
  Paria (Kastenlose): Hilfsarbeiter, Tagelöhner  

Unterschiedliche Gesellschaftsschichten gab und gibt es bei jedem Volk; meist aber sind die einzelnen Klassen in einem gewissen Maße durchlässig. Auch bei uns sind die Bauern zum Beispiel eine "Kaste" für sich: Der Eintritt in die "Kaste" wird dadurch fast unmöglich gemacht, dass außer einem erheblichen Betriebskapital an Land, Gebäuden und Maschinen auch eine Menge Sachkenntnis und vor allem Interesse an einer Arbeit notwendig ist, auf die viele arbeitsrechtliche Regelungen wie Urlaub, Arbeitszeitbeschränkung nicht angewendet werden können. Als Bauer kann man eigentlich nur geboren werden. Auch der Einheirat in diese "Kaste" stehen große Erschwernisse im Weg. Dagegen ist der Austritt kein Problem. Damit endet also die Parallele zur indischen Kaste.

Diese ist eine abgeschlossene Gesellschaftsschicht, in die man hineingeboren wird, und aus der man nur durch den Tod oder unehrenhaften Ausschluss ausscheidet. Man wird dann kastenlos = asozial.

Wie kann man ein solches Eingesperrtsein aushalten? Das hängt mit dem zweiten Pfeiler des Hinduismus zusammen: 

b) Die Wiederverkörperungslehre (Reinkarnation): Die Seele des Menschen löst sich nach der gängigen Vorstellung im Tod vom Körper. Sie kommt aber nicht in das Totenreich oder in den Himmel, sondern bekommt gleich nach dem Tod einen anderen Körper zugeteilt. Sie erfährt also eine endlose Kette immer neuer Wiedergeburten.

 

Was hat das aber mit dem Kastensystem zu tun? Ganz einfach: je nachdem, wie der Mensch sich in seinem vorigen Leben verhalten hat, wird er einer höheren oder niederen Kaste zugeteilt, wobei die höhere Seinsweise eines Gottes genauso als Kaste gilt wie die niedere eines Tieres oder einer Pflanze. Ein Kastenwechsel ist also möglich, nämlich bei der Wiederverkörperung. Man ist also nicht in alle Ewigkeit in seiner Kaste eingesperrt. Die Seele kann auf der Stufenleiter je nach Verdienst oder Schuld von der Pflanze bis zu Gott auf und wieder absteigen.

Kastensystem und Wiederverkörperung sind also eng miteinander verknüpft. Man weiß nicht, ob die Wiederverkörperungslehre die Ausbildung von Kasten begünstigt hat, oder ob das Vorhanden sein von Kasten die Wiederverkörperungslehre erforderlich gemacht hat. Beide bedingen anscheinend einander.

Und beide sind wesentliche Elemente des hinduistischen Glaubens. Es fällt auf, dass bei den christlichen und muslimischen Indern nicht nur die Wiederverkörperungslehre, sondern auch das Kastenwesen keine Rolle spielt.

3. Demgegenüber scheint die Götterlehre keine so wesentliche Bedeutung im Hinduismus zu haben. Zwar kennt auch der Hinduismus eine eigene, von anderen Religionen unterscheidbare Götterlehre, aber

a) diese hat sich historisch entwickelt; moderne hinduistische Götter haben in den alt überlieferten Texten keine Rolle gespielt; umgekehrt sind einige der klassischen Götter in Vergessenheit geraten. Der Glaube an bestimmte namhafte Götter ist für den Hindu also nicht verbindlich. Es ist ihm noch nicht einmal verboten, nichthinduistische Gottheiten zu verehren und zum Beispiel außer Vishnu und Shiva auch Christus und Maria anzubeten.

b Auch der Vielgottglaube (Polytheismus) ist nicht verpflichtend. Der Hindu kann ebenso nur einen der vielen Götter allein anbeten (Henotheismus), die Existenz eines( einzigen Gottes behaupten (Monotheismus) oder die Existenz von Göttern oder eines Gottes überhaupt abstreiten (Atheismus).

c) Was hinduistischen Gottesglauben vom westlichen unterscheidet, ist also die Unverbindlichkeit des Glaubens und damit verknüpft die große Bereitschaft, andere Glaubensvorstellungen zu dulden (Toleranz).

d) Ein weiterer Unterschied zum westlichen Monotheismus (Juden, Christen, Muslims) besteht darin, dass Gott und die Welt nicht streng geschieden sind.

Für den westlichen Monotheisten steht Gott der Welt als Schöpfer gegenüber. Geburt und Tod, Natur und Arbeit, Krieg und Liebe sind in ihrem Wesen profane Angelegenheiten, die man wissenschaftlich erforschen und erklären kann, allerdings dem Willen und den Geboten Gottes unterstehen.

Für den Hindu dagegen sind Gott und die Welt eins, zwei Gesichtspunkte derselben Sache (Pantheismus), Geburt und Tod, Natur und Arbeit, Krieg und Liebe haben selbst göttliche Qualitäten, sind heilig und werden von bestimmten Göttern repräsentiert.

Die einzelnen Götter sind zugleich Personifikationen der einzelnen Grundgegebenheiten des Lebens und zugleich Erscheinungsformen des Göttlichen an sich. Es fällt daher gar nicht schwer, zugleich an viele Götter und an einen zu glauben: Die vielen Götter sind Erscheinungsformen des Einen, den man nicht an sich, sondern nur in Gestalt eines bestimmten Gottes erkennen kann.

Dies erinnert an die christliche Trinitätslehre: Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist sind ja auch nicht drei Götter, sondern drei Personen, drei Gesichter des Einen, obwohl es für einen Muslim so aussehen mag, als würden wir Christen an drei Götter glauben.

Ein hinduistischer Theologe hat das so formuliert: Wie das feste Eis aus demselben Stoff besteht wie das gestaltlose Wasser, so sind die Götter gestaltgewordene Ausdrucksweisen des unpersönlichen Göttlichen.

 

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1984 / 2007

Aktuell: 26.03.2016