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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Was glauben die anderen?

Ferienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim
24.04.-01.05.1984

Islam

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Islam

Muslim

Mohammed

Koran

Hedschra

Medina

Bekenntnis zu dem einen Gott

Gebet

Wohltätigkeit

Fasten

Wallfahrt

Heilige Krieg

Andersgläubige

Staat

Tradition

Ehe

Leben nach dem Tod

 

Das Wort Islam bedeutet 'Hingabe (an Gott'); einen, der das tut, nennt man Muslim (Moslem, Muselman) 'der sich Hingebende'. Die Anhänger des Islam lehnen die Bezeichnung 'Mohammedaner' ab, weil sie nicht an Mohammed, sondern an Gott glauben. Aber die Hindus glauben ja auch nicht an den Indus, die Buddhisten nicht an Buddha und die Juden nicht an Juda, und wir gebrauchen diese Namen trotzdem.

Mohammed (571‑632) war ein Kaufmann aus der arabischen Stadt Mekka. Er fing eines Tags an, seinen heidnischen Landsleuten zu predigen: "Es gibt nur einen Gott und das Jüngste Gericht steht vor der Tür, darum bekehrt euch und glaubt an Gott."

Mohammed war zwar der Meinung, das sei die biblische Lehre; aber er hatte Juden und Christen nur flüchtig auf seinen Geschäftsreisen kennengelernt; dafür hatte er Kontakt zu heidnischen Arabern, die seit längerer Zeit die Meinung vertraten, dass es nur einen Gott gäbe. Dies sei der alte arabische Glaube gewesen, während die neue Vielgötterei den ursprünglichen Glauben entstellt habe.

Seine Bekehrung führt Mohammed auf ein Erlebnis zurück, bei dem ihm der Engel Gabriel erschienen sei. Weitere Offenbarungen folgten, die Mohammed alle schriftlich und in Versform niederschrieb. Diese Aufzeichnungen wurden später geordnet und im Koran, der heiligen Schrift des Islam, zusammengestellt.

Mohammed stieß zunächst auf Widerstand: Nicht nur dass sich Christen und Juden von seiner Lehre distanzierten; auch seine eigenen Landsleute lehnten ihn ab. So zog er es im Jahr 622 vor, in die Stadt Jathrib überzusiedeln, die ihn eingeladen hatte. Dieses Datum der Übersiedlung (Hedschra) wurde der Beginn der moslemischen Zeitrechnung; die Stadt Jathrib erhielt seitdem den Namen Madinat an‑Nabi (Medina) 'Stadt des Propheten'.

In Medina fand der Prophet Gehör und begann nun, seine eigene Religion zu gründen. Von hier aus begann er, Arabien zu erobern und die Araber zu bekehren, und schließlich gelang es ihm, seine Heimatstadt Mekka zurückzugewinnen. Bei seinem Tod war er der Herr von ganz Arabien, das nun vereint dem neuen Glauben anhing.

Mohammed musste seine ursprüngliche Idee in zweierlei Hinsicht abwandeln:

1. Als er durch die biblischen Religionen abgelehnt wurde, sagte er sich von Judentum und Christentum los. Er erkennt zwar die jüdischen Propheten und Jesus als Verkündiger des wahren Glaubens an, ist aber der Meinung, dass Kirche und Synagoge den Weg der wahren Religion verlassen hätten. Trotzdem macht er einen deutlichen Unterschied zwischen den 'Leuten des Buches' und den Anhängern anderer Religionen.

2. Er musste Zugeständnisse an seine Landsleute in Mekka machen. Sie hatten Mohammed vor allem deshalb Widerstand geleistet, weil sie fürchteten, ihr heidnisches Wallfahrtsheiligtum der Kaaba (lat. cubus 'Würfel') könnte seine Bedeutung verlieren und die Einnahmen der Stadt schmälern. Mohammed konnte ihre Befürchtungen zerstreuen, indem er die Kaaba von allen heidnischen Symbolen reinigte und sie zum Zentralheiligtum des Islam erklärte. Schon längere Zeit vorher hatte er nach seinem Bruch mit dem Judentum befohlen, künftig nicht mehr nach Jerusalem, sondern nach Mekka gebeugt zu beten. Und schließlich war Allah (al‑'lah 'der Gott') einer der vielen Götter Mekkas; natürlich bot sich dieser Name als Gottesbezeichnung geradezu an.

Mohammed fasst in der 2. Sure des Korans die wichtigsten Pflichten eines Muslims in dem Katechismus der 5 Säulen des Islam zusammen:

1. Das Bekenntnis zu dem einen Gott: " Es ist kein Gott außer Allah, und Mohammed ist der Gesandte Gottes." Mohammed lehnt damit als radikaler Monotheist die christliche Dreieinigkeitslehre ab. Gott hat keinen Sohn und keinen Geist, der sich als selbständiges Wesen von Ihm abspaltet. Der Vater, der Sohn und der Geist sind für Mohammed drei Götter, nicht einer. Er lehnt auch jeden Personenkult für sich selbst ab. Er versteht sich als Prophet wie Abraham, David oder Jesus; aber er ist der letzte und größte der Propheten.

2. Das Gebet. Fünfmal täglich, beim Aufstehen, am Mittag, am Nachmittag, am Abend und beim Schlafengehen verneigt sich der Gläubige nach genau vorgeschriebenem Ritual nach Mekka und betet insgesamt 1 Stunde täglich. Das Gebet beginnt mit den Worten "Allahu akbar ‑ Gott ist der Größte", die mehrfach wiederholt werden. Es enthält einen Lobpreis Gottes, Fürbitte für alle Moslems und einen Friedensgruß für die Mitbeter.

Die Gebetszeiten werden nicht wie bei uns durch Glocken, sondern durch einen Gebetsausrufer (Muezzin) bekanntgegeben. Am Freitagvormittag versammeln sich die Gläubigen zum gemeinsamen Gebet in der Moschee (arab. masdschid 'Versammlungshaus'); das Gebet wird von einem nebenberuflichen Vorbeter (Imam) geleitet, der auch eine Art Predigt hält. Eine organisierte "Kirche" gibt es nicht. Religiöse Gemeinde und bürgerliche Gemeinde sind eins.

3. Die Wohltätigkeit. Der Gläubige ist verpflichtet, einen Teil (2,5‑10 %) seines Einkommens den Armen zu geben ‑ eine Regelung, die der Islam vom Judentum übernommen hat. Diese Almosen sind also nicht ins Belieben des Gebers gestellt, sondern der Arme hat einen Anspruch auf die Güter der Welt, die Gott allen Menschen und nicht nur den Reichen zur Verfügung gestellt hat.

4. Das Fasten im Monat Ramadan. Solange die Sonne am Himmel steht, hat sich der Gläubige des Essens, des Trinkens und des Beischlafs zu enthalten. Indem er diese Einschränkungen auf sich nimmt, macht er sich dabei bewusst, dass er Gott gegenüber verpflichtet ist. Da der moslemische Kalender ein reiner Mondkalender ist und das Jahr nur 354 Tage hat, verschiebt sich der Fastenmonat ständig und ist mit keinem christlichen Monat zu identifizieren.

5. Die Wallfahrt nach Mekka. Nach Möglichkeit wenigstens einmal im Leben soll der Moslem eine Wallfahrt zu den heiligen Stätten in und bei Mekka unternehmen.

Nicht direkt als 6. Säule des Islam gilt der Heilige Krieg (Dschihad) der im Koran unmittelbar in diesem Zusammenhang genannt wird. Der Ausbreitung des Glaubens unter den Ungläubigen ist heilige Pflicht; notfalls sollen sie mit Feuer und Schwert zur Bekehrung gezwungen werden. Christen und Juden sind davon ausgenommen. Wenn sie sich unterwerfen und Steuern zahlen, dürfen sie ihren Glauben beibehalten. Umgekehrt ist der Abfall vom Glauben bei Todesstrafe verboten. Der Islam ist also eine sehr aggressive Religion, der dem Christentum seine ältesten Gebiete im Orient und Nordafrika abgewonnen hat und in Schwarzafrika große Missionserfolge; andrerseits ist christliche Mission unter Moslems so gut wie unmöglich.

Das arabische Wort dschihad bedeutet allerdings nicht 'Krieg', sondern 'Eifer, Anstrengung'. Man kann also auch Allah dien

Das Verhalten Andersgläubigen gegenüber scheint einer der wichtigen Unterschiede zwischen Christentum und Islam zu sein:

 

 

Christentum

Islam

Mission

 

geboten

geboten

Krieg

Theorie

nicht in Betracht

geboten

 

Praxis:

Kreuzzüge

selten Bekehrungskrieg

Gewalt

Theorie

verboten

von Staats wegen geboten

 

Praxis

blutige Verfolgungen

Abfall mit Tod bestraft

Duldung Anderer

 

oft blutig verfolgt

Christen + Juden meist geduldet

Während Jesus und die frühe Christenheit in einem geordneten Staat lebte, an dessen Praxis lediglich Korrekturen anzusetzen waren, gab es im vorislamischen Arabien lediglich miteinander rivalisierende Stämme und Städte, jedoch keine Zentralgewalt. Während nun der Islam einen von Anfang an mit seinen Normen übereinstimmenden Staat schuf, wurde das Christentum jahrhundertelang vom Staat unterdrückt und hatte gar keine Möglichkeit, eine politische Ethik zu entwickeln. Die Frage ist natürlich, ob Jesus eine solche überhaupt beabsichtigt hatte. Denn er lehnte einerseits die gesetzliche Moral der Pharisäer ab, war andrerseits an der Schaffung eines christlichen Staatswesens nicht interessiert, obwohl er als "König der Juden" gekreuzigt wurde. Statt exakte Vorschriften für alle Lebenslagen zu erlassen, wie es Mohammed tat, begnügte sich Jesus mit der ethischen Grundregel der Gottes‑ und Nächstenliebe, und hinterließ einige Fallbeispiele, wie so etwas aussehen könnte (z.B. zum Thema Gewalt, Feindesliebe, Scheidung, Sabbat).

 

Christentum

Islam

Staat

an Römer delegiert

Staat auf Grundlage des Islam

Moral

Grundregel (+ vorhandene Gesetze)

Einzelvorschriften

Verfassung

Glaubensgemeinschaft einer Minderheit

Gottesstaat und Staatsreligion

Typisch für beide Religionen ist, dass Jesus höchstens drei Jahre, Mohammed dagegen über zwanzig Jahre gewirkt hat. Trotzdem blieb das geistige Erbe Jesu nicht unvollendet; die Grundregel der Liebe war und blieb vollkommen, und es blieb jedem einzelnen überlassen, wie er sie von Fall zu Fall anwendete. Als Mohammed starb, hatte er zwar eine Menge von Vorschriften hinterlassen. Für seine Nachfolger ergaben sich aber zusätzliche Probleme, die Mohammed nicht geregelt oder vorhergesehen hatte.

Nun begann man zu fragen: Was hat der Prophet dazu mündlich überliefert? Wie hat er sich in diesem Fall verhalten oder wie hätte er sich dazu verhalten? Zur schriftlichen Überlieferung des Korans kam also noch die mündliche der Sunna, aus der man wiederum mit Hilfe bestimmter Auslegungsregeln neue Vorschriften ableitete. Diese Methode hat der Islam mit dem Judentum, nicht aber mit dem Christentum gemeinsam. Wenigstens in der Theorie gelten im Christentum keine Einzelvorschriften der Bibel oder Jesu, sondern allein das Liebesgebot. Aktuelle Verhaltensmaßregeln werden wenigstens in der Theorie nicht aus der Lehre Jesu oder der Tradition, sondern aus dem Liebesgebot abgeleitet. In der Praxis sieht's freilich anders aus; hier gilt vielfach, "was üblich ist", und die Tradition spielt weniger für die Ethik als vielmehr für die Dogmatik eine wichtige Rolle.

 

Christentum

Judentum

Islam

maßgebliche Tradition

Bibel

1.‑5. Mose

Koran

moralisch Norm

Liebesgebot

1.‑5. Mose

Koran

maßgebliche Auslegung

‑‑‑

AT, Talmud

Sunna

Im religiösen Leben der Muslime spielen Waschungen und Speisetabus (Schweinefleisch, Alkohol) eine wichtige Rolle. Sakramente sind unbekannt; es gibt aber Vorschriften über die rituelle Schlachtung (Halsader durchschneiden) u.a. Wie im Judentum ist es üblich, neugeborene Buben zu beschneiden.

Die Ehe ist kein Sakrament, sondern ein Vertragsverhältnis, das wieder gelöst werden kann. Die Vielweiberei hat Mohammed nicht eingeführt, sondern versucht einzuschränken, indem er höchstens vier Frauen erlaubt hat. Sowenig wie im Christentum wurde die Sklaverei abgeschafft; anders als im Christentum galt ein sexuelles Verhältnis zu Sklavinnen als erlaubte Nebenehe. Die unbegrenzte Vielweiberei der Fürsten war ein Recht, das sie sich herausgenommen hatten und hat mit der erlaubten Vierfachehe nichts zu tun. Im heutigen Islam scheint die Einehe die Regel zu sein.

Die Vorstellungen vom Leben nach dem Tod sind von den biblischen Religionen übernommen: Am Jüngsten Tag wird Christus wiederkommen und den Islam als wahre Religion ausrufen. Die Toten werden auferstehen und über eine messerscharfe Brücke über einen Abgrund ins Paradies gehen. Nur die Gerechten kommen hinüber. Die Ungerechten dagegen geraten in die Hölle, die genauso realistisch beschrieben wird wie das Paradies. Trotz der realistischen Beschreibung der Freuden und Qualen hat sich zumeist eine abstrakte Deutung wie im Christentum durchgesetzt: Paradies = bei Gott sein, Hölle = von Gott getrennt sein.

 

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1984 / 2007

Aktuell: 17.11.2016