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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Was glauben die anderen?

Ferienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim
24.04.-01.05.1984

Religion, Sprache, Klima

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Die Zersplitterung des christlichen Glaubens ihn unzählige Kirchen, Sondergemeinschaften und Sekten hat ihr Vorbild in der babylonischen Sprachenverwirrung, in dem Nebeneinander verschiedener Religionen und schließlich auch in ähnlichen Vorgängen in den anderen Religionen.

Einer der wichtigsten Faktoren scheint bei diesem Auseinandersplittern die Existenz verschiedener Sprachen zu sein: Man kann sich nicht miteinander verständigen, entwickelt verschiedene Gedanken und Überlieferungen, so dass man sich am Ende kaum noch verstehen kann, weil jeder ganz anders denkt.

Beispiel: Friede

Als das Christentum zu Beginn des 4. Jahrhunderts vom römischen Staat zunächst anerkannt und später zur alleinigen Staatsreligion erhoben wurde, war das römische Reich dabei, in zwei Teile auseinanderzubrechen:

Osten

Kultursprache Griechisch

Hauptstadt Byzanz

Westen

Staatssprache Latein

Hauptstadt Rom

Die Christen in den beiden Reichshälften beherrschten zwar am Anfang teilweise noch beide Sprachen (Paulus schrieb an die Römer einen griechischen Brief); aber immer mehr ging die Kenntnis der anderen Sprache verloren, so dass es sehr bald ein rein lateinisches und ein rein griechisches Christentum gab. Die Verständigung zwischen den Christen beider Reichshälften wurde immer schwieriger; beide Parteien entwickelten andere Bräuche und Vorstellungen und konnten am Ende nicht mehr miteinander reden:

 

Osten

Westen

Ostern

Frühlingsvollmond

Sonntag nach Frühlingsvollmond

Weihnachten

25. Dezember

6. Januar

Bilder

werden verehrt

nicht verehrt

Oberhaupt

Patriarchen

1 Papst

So brach auch seit dem 4. Jahrhundert die Christenheit in eine östliche und eine westliche Gruppe auseinander. Trotzdem blieb die Kirchengemeinschaft noch jahrhundertelang erhalten, bis sie im Jahr 1054 endgültig aufgehoben wurde (Schisma 'Kirchenspaltung').

Osten

griechisch

orthodoxe Kirche

'rechtgläubig'

Westen

lateinisch

katholische Kirche

'universal'

Beide Glaubensrichtungen breiteten sich unter den bisher noch heidnischen Europäern aus, und zwar naturgemäß die orthodoxe im Nordosten, die katholische im Nordwesten:


Weltanschauung in Europa

Das Verbreitungsgebiet der heutigen orthodoxen Kirche deckt sich also im südlichen Teil mit dem oströmischen Reich, das der katholischen Kirche mit dem weströmischen. Soweit kann man das auch noch verstehen.

Das Erstaunliche ist nun, dass das reformatorische Christentum fast ausschließlich auf die germanisch sprechenden Länder beschränkt ist, wie wir auf der Karte leicht erkennen können:

Weltanschauung in Mitteleuropa

Es sieht fast so aus, als habe sich im germanisch sprechenden Bereich eine eigene christliche Konfession herausgebildet, obwohl in diesem Fall nur schwer ein Zusammenhang zwischen germanischem und evangelischem Denken nachweisbar ist. Was dagegen eine Rolle spielt, ist das deutsche Nationalbewusstsein und das Fremdheitsgefühl den romanischen Sprachen gegenüber.

Im Vergleich zum reformierten Calvinismus war Luther mit seinen Reformen verhältnismäßig zahm; er änderte nur, was unbedingt geändert werden musste. Die Reformierten waren da radikaler; sie schafften, so hat man den Eindruck, zunächst einmal alles ab und ordneten dann das gesamte Kirchenwesen an Hand der Bibel neu.

Interessanterweise ist der Calvinismus im romanisch‑germanischen Grenzraum entlang des Rheins entstanden; Zwingli war Deutsch‑Schweizer, Calvin war Franzose. Man hat fast den Eindruck, als sei der Gegensatz zwischen beiden Völkern in diesem Grenzgebiet weitaus schärfer im Bewusstsein geblieben und habe daher auch zu gründlicheren Reformen geführt. Luther im sächsischen Wittenberg war weit von der Sprachgrenze entfernt.

Natürlich ist diese räumliche Aufteilung nur grob skizziert; es ist dabei auch nicht berücksichtigt, dass die Verbreitung der Reformation im 16. Jahrhundert von den zufälligen Launen der Fürsten und deren zufälliger Machtkonstellation abhing und die heutige konfessionelle Streuung erst durch die wiederum zufälligen Ergebnisse der Gegenreformation zustande kam. Dennoch haben wir heute den Eindruck:

Katholiken

 ehemalig römisches Reichsgebiet

Reformierte

romanisch-germanische Kontaktzone

Lutheraner

germanisches Kerngebiet.

Die slawischen Völker wurden verhältnismäßig spät missioniert und schlossen sich je nach Herkunft der Missionare dem katholischen oder orthodoxen Glauben an. Obwohl es unter Jan Hus eine eigene slawische Reformation (Böhmische Brüder) gab, konnte sich die Reformation in Osteuropa nicht durchsetzen, was mit dem Gegensatz zwischen Deutschen und Slawen zusammenhängen mag.

Heute (1984) dagegen hat man den Eindruck, als gäbe es nun auch eine eigene slawische Weltanschauung: den Marxismus, der allerdings in Deutschland bzw. England entstanden ist und erst durch die russische Revolution in Osteuropa Fuß fassen konnte. Dass heute alle slawischen Völker marxistisch regiert werden, mag mit den zufälligen Ergebnissen des letzten Kriegs zusammenhängen; im Hintergrund müssen wir aber die panslawische Bewegung um die Jahrhundertwende sehen, die alle slawischen Völker zu einem Staat zusammenfassen wollte, sowie der russische Weltmachtsanspruch, dem diese Bewegung und die Idee einer kommunistischen Weltrevolution gerade gelegen kam.

Können wir ähnliche Beobachtungen auch bei anderen Religionen machen? Das zeigt ein Blick auf die Karte:

Das Christentum ist fast ausschließlich eine Religion der Europäer und ihrer Abkömmlinge in der neuen Welt (Amerika, Australien). Zur weißen (europiden) Rasse gehören aber auch die Bewohner Nordafrikas und Westasiens. Sie sind keine Christen, sondern Muslime, also ebenfalls Anhänger einer monotheistischen Religion. Mit Ausnahme der heidnischen Bewohner Nordsibiriens und eines Teils der Inder sind also alle Europiden Monotheisten.

Vergleichen wir nun die Religions‑ mit der Klimakarte, so stellen wir fest, dass die Christen vor allem in der wasserreichen gemäßigten Zone leben, in der Ackerbau möglich ist, die Muslime dagegen im Steppen‑ und Wüstengürtel des nördlichen Wendekreises. Im Hinblick auf die Geschichte erscheint uns dies als kein Wunder, ist doch der Islam die konsequente Weiterführung des radikalen Monotheismus, entwickelt in der Nomadenzeit Israels und weitergebildet im Nomadenland Arabien.

Ähnliche Beobachtungen können wir auch bei den polytheistischen Religionen machen:

Der Hinduismus ist eine Mischung aus dem Glauben der dunkelhäutigen Ureinwohner des Subkontinents und dem der hellhäutigen europiden Arier, die im vorchristlichen 1er-Jahrtausend Indien eroberten. Diese indische Volksreligion nimmt grundsätzlich die Existenz vieler Götter an. Ihr Charakter als Volksreligion hat von Anfang an die Mission und die Ausbreitung in andere Länder verhindert.

Eine Glaubensrichtung des Hinduismus, der Buddhismus, dagegen, der sich in seinem Entstehungsland nicht behaupten konnte, hat dagegen ganz Ostasien missioniert. Alle Angehörigen der gelben Rasse (Mongoliden) also sind Buddhisten. Nun ist die Lehre Buddhas freilich keine Religion, die mit Göttern rechnet, sondern eine Art Philosophie, die das Bekenntnis zu einer Religion nicht ausschließt. Die meisten Buddhisten sind also gleichzeitig Anhänger der jeweiligen polytheistischen Nationalreligion.

Typisch ist hierbei China: Die chinesische Volksreligion war immer mehr eine Sache der Praxis gewesen; die Theorie überließ man philosophischen Systemen wie dem Taoismus (das Tao ist der rechte Weg des Himmels, dem man folgen soll), der Lehre des Konfuzius (ein Moralsystem), dem Buddhismus oder neuerdings dem Marxismus.

Das uralte Kulturland China hat übrigens wie sein Kolonialgebiet Südostasien und. wie Indien Monsunklima (Sommer nass, Winter trocken) und ist wie Indien ein vorzügliches Ackerbaugebiet. Bemerkenswert, dass der religiöse Einfluss Indiens sich wiederum hauptsächlich auf ein Gebiet mit ähnlichem Klima erstreckt!

Von China aus missionierte der Buddhismus die verwandten Völker im Norden (Mongolen), Westen (Tibetaner), Osten (Japaner) und Süden (Vietnamesen u.a.). Die Malaien dagegen erschlossen sich dem Islam.

Werfen wir nun einen Blick auf Afrika, so stellen wir fest, dass Schwarzafrika genauso wenig eine Hochkultur wie eine höher entwickelte Religion hervorgebracht hat und ist daher wie alle Rückzugsgebiete der Welt ein Kontinent der Naturreligionen, die Zug um Zug dem kulturell überlegenen Islam und Christentum weichen müssen.

Ähnliche Beobachtungen machen wir bei den Ureinwohnern beider Amerika und Australiens. Immer sind es die farbigen Naturvölker, die in klimatisch benachteiligten Gebieten leben (tropischer Regenwald, Wüste, arktische Tundra) und einer Naturreligion mit mehr Geistern als Göttern anhängen.

Wir können also folgende grobe Zuordnungen vornehmen:

Feuchte gemäßigte Zone

Europäer

Christen

Trockenzonen

sonstige Europide

Muslime

Monsunklima

Gelbe

Buddhisten

 

Schwarze + Weiße

Hindus

Arktis und Tropen

Schwarze + Rote

Naturreligionen

 

 

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Datum: 1984 / 2007

Aktuell: 26.03.2016