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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Frei predigen

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Wenn man die Predigt  nicht gerade vom Blatt ablesen will ...

 

... kann man sie schriftlich ausarbeiten und solange memorieren, bis man sie auswendig kann

Das ist die schwerste und umständlichste Methode.

1) muss man sich überlegen, was man sagen will,

2) ein Konzept schreiben,

3) das Konzept überarbeiten und ausfeilen,

4) das Konzept in ein lesbare Form bringen,

also am besten noch einmal abschreiben,

5) den Text mehrmals laut lesen,

6) den Text memorieren und memorieren ...,

7) auf die Kanzel steigen und den Text rezitieren und

8) dabei darauf achten, dass die Gemeinde nicht merkt, dass der Pfarrer nicht predigt, sondern die Predigt aufsagt.

 

... kann man der Einfachheit halber auf das Memorieren verzichten und entweder

1) nur mit einer Gliederung auf die Kanzel gehen, oder

2) den ausgearbeiteten Text durch Unterstreichen gliedern und als Predigtvorlage benutzen.

Diese Methode ist zwar einfacher, aber immer noch zeitraubend genug, weil sie einen ausgearbeiteten Predigtentwurf voraussetzt.

 

... kann man schließlich auch auf den Entwurf verzichten und gleich eine Gliederung anfertigen.

Je nach Arbeitslust und Einfallsreichtum braucht man dazu 1-2 Stunden.

Wie macht man das?

 

1) Oberster Grundsatz: rem tene, verba sequentur. Wer weiß, was er sagen will, dem fallen die passenden Worte dazu ein. 

2) Als erstes nicht ein Papier in die Schreibmaschine spannen, sondern sich was einfallen lassen: Unter welchen Gesichtspunkt könnte ich den Text betrachten? Was will ich der Gemeinde sagen?

 3) Dann nimmt man einen Schmierzettel und schreibt auf, was einem zu dem gewählten Thema einfällt. Gleichzeitig versucht man die Gedanken grob zu gliedern: Einleitung - Hauptteil 1 - x; Schluss.

 4) Damit ist die Predigt fast fertig; man braucht nur noch die Gliederung etwas genauer ausarbeiten und dabei gleichzeitig ins reine zu schreiben.

a) Auf zwei DIN-A-5-Seiten lässt sich eine umfangreiche Predigtskizze unterbringen samt genau ausgearbeiteten wichtigen Formulierungen. Dabei spart man viel, wenn man geläufige Gedanken nur mit wenigen Stichwörtern festhält und bei weniger geläufigen Gedanken im Telegrammstil schreibt. Die Predigt gewinnt dabei viel an Lebendigkeit, wenn man gezwungen ist, auf der Kanzel auch noch ein bisschen zu denken. 

b) Könner bringen den Entwurf sogar auf einer DIN-A-5-Seite unter, indem sie wirklich nur die genau gegliederten Hauptgedanken aufschreiben und die genaue Ausformulierung auf der Kanzel vornehmen. Dabei wird auch die notwendige Redundanz gewährleistet, die bei fertig ausgearbeiteten Entwürfen meist zu kurz kommt. Denn wer es wagen würde, wirklich nur auf die auf dem Konzept verzeichneten Hauptgedanken vorzutragen, wäre in zwei Minuten mit seiner Predigt  fertig. Das aber wäre bei aller Liebe zur Kürze zu wenig und bei aller Kürze trotzdem zu viel.

5) Was viele daran hindert, es mit möglichst wenig Geschriebenem zu versuchen, ist die Angst, die Phantasie würde einen auf der Kanzel verlassen. Wer es trotzdem versucht oder dazu gezwungen ist, z.B. aus Zeitmangel oder weil er sein Konzept vergessen hat, wird feststellen, dass freies Predigen gar nicht so schwierig ist. Und wer seine Predigt auswendig lernt und versucht, ohne Konzept aufzusagen, muss noch viel mehr und berechtigter Angst haben, dass er stecken bleibt und nicht mehr weiterweiß.

6) Nicht zu verachtender Nebeneffekt: Wenn man nach einiger Zeit Gelegenheit hat, seine Predigt ein zweites oder drittes Mal zu halten, ist man oft mit dem damaligen Entwurf nicht ganz zufrieden oder möchte einiges ändern, was nicht in die Situation der neuen Predigtgemeinde passt. Dann ist es gar kein Problem, die entsprechende Stelle zu finden und durch wenige Stichworte abzuändern. Ein fertiges Konzept dagegen macht es oft erforderlich, die entsprechende Stelle völlig neu zu formulieren.

7) Auch für die Predigt gilt, leicht abgewandelt: Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

 

Ich habe dreißig Jahre nach dieser Methode gepredigt und dabei gelernt, sogar ganz frei, ohne Konzept zu sprechen.

   

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Datum: 1972 / 2015

Aktuell: 26.03.2016