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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Predigten

2 Ptr 1,16-21

Datum: 21.01.2002 Anlass: Letzter So n. Ep.,
Gebet für die Einheit
Ort: Allmendfeld, Gernsheim

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    I. Unser Glaube hat einen gewissen Grund.
1. Der 2. Petrusbrief ist eine der jüngsten Schriften des Neuen Testamentes.
a) Das merken wir schon daran, dass sich der Verfasser auf eine Geschichte aus dem Neuen Testament berufen kann: die Geschichte von der Verklärung Jesu, die wir vorhin gehört haben.
b) Eins der Hauptthemen dieses Briefs ist die Frage, wie wir Christen uns denn im Gewirr der verschiedenen Meinungen zurechtfinden sollen. Damals wie heute gab es einen reichen religiösen Markt mit einer verwirrenden Fülle von Angeboten. Es waren nicht nur die traditionellen heidnischen Religionen und die jüdische Religion, die zum Mitmachen und Glauben einluden. Sondern es gab auch eine Menge neuartiger Gruppierungen, die christliches Gedankengut aufgenommen hatten und mit Vorstellungen anderer Herkunft vermengten.
c) Die Christen der damaligen Zeit waren nicht durch Heiden und Juden verunsichert, sondern von den vielen verschiedenen Formen von Christentum und fragten sich wie wir und heute: Was ist denn nun die Wahrheit, was sollen und dürfen wir glauben?
d) Der 2. Petrusbrief widmet ein ganzes Kapitel dieser Frage. Er macht das allerdings so, dass er uns darin kein Vorbild sein kann: Er beschimpft über seine Gegner mit den übelsten Worten, statt seine Leser mit vernünftigen Argumenten zu überzeugen. Ich habe mir schon überlegt, ob so ein Schreiben denn in die Bibel gehört.
e) Hier in unserem Abschnitt hat er uns aber Wertvolles zu sagen, und hat sich damit seinen Platz in der Bibel verdient. Man muß ja das anstößige 2. Kapitel nicht lesen und nicht alles glauben, was in der Bibel steht.
2. Bevor der Verfasser also über die Irrlehrer herzieht, zeigt er uns auf, was das Fundament unseres Glaubens ist:
a) Unserer Glaube beruht auf wirklichen Erfahrungen. Eine solche Erfahrung war für Petrus, Jakobus und Johannes die Verklärung Jesu, von der wir vorhin gehört haben.
b) Diese grundlegenden Erfahrungen sind schriftlich festgehalten im "prophetischen Wort", also in der Bibel. Da braucht also niemand "Fabeln" über Gott oder Jesus zu erfinden, sondern die wesentlichen Geschichten liegen bereits in schriftlicher Form vor. Diese Aufzeichnungen sind für uns maßgeblich. Jeder, der die Bibel kennt, kann selbst beurteilen, ob sich ein Prediger an die Bibel hält oder selbst erfundene "Fabeln" erzählt.
c) Da die Bibel von Menschen geschrieben wurde, die vom heiligen Geist erfüllt waren, kann sie nur von Menschen ausgelegt und verstanden werden, die ebenfalls vom heiligen Geist erfüllt sind. Das ist wie bei einem Schloss, das nur der öffnen kann, der den richtigen Schlüssel hat.
i. Die Bibel auslegen ist also nicht jedermanns Sache. Das gehört nicht nur Sachverstand dazu, sondern der Geist Gottes, sonst kann man aus der Bibel alles Mögliche heraus lesen.
ii. Damals wie heute sind Sekten dadurch entstanden, dass jemand gemeint hat, er könne die Bibel auf eigene Faust auslegen - ohne Sachverstand, ohne Anleitung durch andere Christen, ohne den Geist Gottes. Das war nicht nur ein Fehler derer, die eine neue Glaubensgemeinschaft gegründet haben, sondern auch oft eine Schuld der offiziellen Kirchen, die zu schnell wie der 2. Petrusbrief die "Irrlehrer" abgekanzelt hatten, statt sich mit ihnen wirklich auseinanderzusetzen, ihre Anliegen aufzunehmen und zu versuchen sie zu integrieren. Die Zeugen Jehovas bräuchte es nicht zu geben, wenn der damalige Pfarrer ein bisschen länger mit den Gründern dieser Sekte geredet hätte. Den Islam bräuchte es auch nicht zu geben, wenn die damaligen Christen oder Juden den Mohammed ernst genommen und versucht hätten, ihn für sich zu gewinnen.
iii. Die Gründer der Zeugen Jehovas und Mohammed hatten von der biblischen Tradition ja wirklich keine Ahnung. Sie waren Neulinge im Glauben und fanden keine qualifizierten Leute, die ihnen weitergeholfen hätten.
Dagegen waren Jesus und Martin Luther keine Laien, sondern Luther war Theologieprofessor und Jesus so was Ähnliches, Rabbiner, amtlich anerkannter Schriftgelehrter. Auch sie haben neue Glaubensgemeinschaften gegründet und damit eine Spaltung unter den Gläubigen herbeigeführt. Schuld waren in diesem Fall die damaligen Autoritäten, die ihre Machtmittel einsetzten, um diejenigen zum Schweigen zu bringen, die anderer Meinung waren. Bei Jesus und Luther ist ihnen das nicht gelungen.

II. Wir beten heute für die Einheit der Christenheit.
1. Wir sollten dabei die Sekten, die Muslime und die Juden nicht vergessen und müssten eigentlich für die Wiedervereinigung aller Gläubigen beten.
2. Zunächst aber geht's um was Einfacheres: um die Einheit der großen Kirchen, um die Wiedervereinigung der Evangelischen, Katholiken, Anglikaner, Orthodoxen und anderer Sondergruppen. Das ist schon schwer genug.
3. Dabei wird uns deutlich:
a) Keiner ist verantwortlich für die Fehler unserer Vorfahren. Die heutigen Katholiken haben weder die Evangelischen auf ihrer Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen noch haben sich die heutigen Evangelischen von der heutigen katholischen Kirche losgesagt und ihren eigenen Verein aufgemacht. Wir haben die Kirchenspaltung nicht verschuldet, sondern sie wie eine Hypothek von unseren Vorfahren geerbt.
b) Beide Kirchen haben sich in den vergangenen Jahrhunderten weiterentwickelt. Die Verhältnisse sind heute nicht mehr so wie zur Zeit Luthers. Beide haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und sind sich in dieser Hinsicht sogar näher gekommen. Und beide habe inzwischen wieder neue Fehler gemacht, die eine Wiedervereinigung erschweren.
c) Wir haben es also heute mit zwei selbständigen Kirchen zu tun, die versucht haben, die Bibel ernst zu nehmen und das beste aus ihrem überlieferten Glauben zu machen. Man kann keiner der beiden Kirchen vorwerfen, sie habe das ursprüngliche Anliegen Jesu verraten und durch selbsterfundene "Fabeln" ersetzt. Wenigstens im großen und ganzen. Ich weiß nicht, was Jesus dazu sagen würde. Mit Sicherheit entspricht keine einzige heutige Glaubensgemeinschaft dem, was Jesus gewollt hat.
4. Vielleicht ist die Kirchenspaltung eine Strafe Gottes für die Sünden unserer Väter. Aber Gott ist kein Mensch, der draufhaut, wenn ihm was nicht passt. Er will uns nicht wehtun, sondern uns weiterhelfen. So hat die Kirchenspaltung ja auch was Gutes: In den verschiedenen, zum Teil gegensätzlichen Meinungen der Gläubigen kommt doch auch die ganze Fülle des Evangeliums zum Ausdruck. Kein einzelner Mensch und wohl auch keine einzelne Glaubensgemeinschaft ist in der Lage, diese ganze Fülle überhaupt zu erkennen oder sogar bei sich selbst zu verwirklichen. Von daher halte ich es für gut, dass es mehrere verschiedene Kirchen gibt.
5. Wie könnten wir und eine Wiedervereinigung der getrennten Kirchen vorstellen?
a) An unserer Phantasielosigkeit braucht es nicht zu liegen. Ich konnte mir vor 12 Jahren auch keine Wiedervereinigung von Deutschland vorstellen. Und auf einmal war das gar kein Problem. Gott weiß Möglichkeiten, wo wir schon längst zu hoffen und zu glauben aufgehört haben und tut heute noch Wunder, die uns nie in den Sinn gekommen wären. Das können wir an der deutschen Wiedervereinigung lernen.
b) Möglich geworden war die politische Wiedervereinigung durch ein politische Wende, die ein einzelner Mann (Gorbatschow) eingeleitet hatte. Die Neuorientierung eines Einzelnen hat damals ein gewaltigen Erdrutsch ausgelöst, so daß auf einmal fast über Nacht alles anders war.
c) Ein solcher Erdrutsch wäre nach menschlichem Ermessen auch nötig, um die getrennten Kirchen wiederzuvereinigen. So ein Erdrutsch war vor 40 Jahren das 2. Vatikanische Konzil, das die katholische Kirche reformiert und erneuert hat. Möglich geworden war diese Wende und in der Folge die ökumenische Zusammenarbeit wiederum durch einen einzelnen Mann (Papst Johannes XXIII.). Nun scheint es aber in den letzten Jahrzehnten die Ökumene nicht recht weiter zu kommen.
d) So lasst uns heute darum beten, dass Gott uns einen neuen Aufbruch schenkt und endlich die uralten Risse in der Christenheit wieder heilt, damit wir alle eins werden.
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Datum: 2002 / 08

Aktuell: 26.03.2016