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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Auf den Spuren der Kelten

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Die Kelten sind wieder im Gespräch

Das keltische Erbe

Ortsnamen

Heutige Sprache
Lehn- und Fremdwörter
Mundart
Grammatik

Lautverschiebung
Grammatischer Wechsel
Anlautendes /h-/

Wortstellung

Kalender

Der christliche Glaube kam über die Kelten zu uns

 

Verschiedene Anlässe haben mich dazu gebracht, mich näher mit dem Volk der Kelten zu beschäftigen, die sich vor 2500 Jahren von Süddeutschland aus über ganz Westeuropa verbreiteten. Dann kamen die Römer, Germanen und schließlich der christliche Glaube und formten die westeuropäischen Sprachen und Kulturen um. Keltisch gesprochen wird aber heute noch in Wales und Irland und von Minderheiten in Schottland und der Bretagne.

Die Kelten sind seit einigen Jahrzehnten wieder im Gespräch:

durch die Gallier Asterix und Obelix, die in der Bretagne zu Hause sind. Diese Comic-Serie behauptet, ein einziges kleines Dorf in der Bretagne hätte damals den Römern Widerstand geleistet und sein Keltentum bewahrt. Tatsache aber ist, dass die bretonischen Kelten erst zu Beginn des Frühmittelalters von Britannien auf den Kontinent kamen; sie waren vor den Angelsachsen geflohen, die nach Abzug der Römer England eroberten.

In Frankreich und auf den britischen Inseln gibt es seit dem letzten Jahrhundert verschiedene religiöse Bewegungen, die sich auf die Kelten berufen. Manche begründen ihre Lehre angeblich auf die keltischen Priester im Altertum, die Druiden, die zugleich auch Naturwissenschaftler und Philosophen gewesen waren. Die Römer aber haben in Frankreich und Britannien die Druiden brutal ausgerottet und in Irland hat das Christentum die alte Kultur überlagert und umgeformt. Da die Druiden ihre Lehren nur mündlich weitergaben, wissen wir sehr wenig darüber und es ist unwahrscheinlich, dass sich etwas davon bis heute erhalten hat. Was also heute als "keltisches" oder "druidisches" Gedankengut auf dem esoterischen Markt verkauft wird, ist erst in unserer Zeit entstanden.

Dazu muss man wissen, dass der Volksglaube religiöse Vorstellungen immer wieder neu produziert. "Heidnisches" Gedankengut, der Glaube an Naturgeister, "abergläubische" Vorstellungen und Bräuche, die es ja auch bei uns gibt, gehen also nicht in vorchristliche Zeit zurück, sondern bilden sich immer wieder neu. Das hängt zum Teil damit zusammen, dass jeder Mensch eine religiöse Entwicklung durchmacht und irgendwann in seiner Kindheit ein "Heide" gewesen ist.

Andererseits werden diese Vorstellungen auch an andere weiter gegeben. Mittelalterlicher Aberglaube erhielt sich in entlegenen Dörfern bis in die heutige Zeit und wird auf einmal wieder salonfähig. Da diese Tradition aber nicht durch Druiden oder Schule und Kirche gepflegt und vermittelt wurde, hat sie sich von Generation zu Generation in ihren Inhalten verändert, nicht aber in ihrer grundsätzlichen Denkweise.

Großer Beliebtheit erfreuen sich in der Kirche zur Zeit die so genannten irischen Segenswünsche, die angeblich auf irische christliche Überlieferungen zurückgehen, was ich nicht nachprüfen kann. Theoretisch kann jeder schriftstellerisch Begabte nach dem bekannten Schnittmuster einen neuen "irischen" Segen formulieren.

Das keltische Erbe

Nach diesen ernüchternden Darlegungen gibt es allerdings doch noch eine Menge, was sich als keltisches Erbe bis in unsere Zeit gehalten hat:

Ortsnamen 

Auch in Südhessen gibt es eine Reihe Ortsnamen, die wohl noch auf die keltische Zeit zurückgehen:

  • Tromm, ein Berg im Odenwald = gaelisch druim 'Rücken'. Das Wort kommt auch in schottischen Bergnamen vor.

  • Im Namen des Rossbergs, häufiger Bergname, auch im Odenwald, steckt das keltische Wort ross 'Vorgebirge', das in den einzelnen keltischen Sprachen unterschiedliche Sonderbedeutungen entwickelt hat.

  • Trebur entspricht dem walisischen Namen Trefor auf Anglesey und enthält das walisische Wort tref 'Dorf'

Heutige Sprache 

Keltisches Erbgut hat sich auch in unserer Sprache erhalten:

Lehn- und Fremdwörter

Wir unterscheiden normalerweise zwischen deutsche Wörtern und Lehn- und Fremdwörtern. Deutsch ist z. B. Burg, das so oder ähnlich in allen germanischen Sprachen vorkommt; ein Lehnwort ist dagegen Pfalz 'kaiserliche Burg', das zwar von lat. palatium stammt, aber nach süddeutscher Sprachgewohnheit mit /pf/ und /z/ gesprochen wird. Ein Fremdwort ist schließlich Fort, das unverändert aus dem Französischen übernommen wurde.

So gibt es auch einige Lehnwörter aus dem Keltischen wie Amt (von gallisch ambactos 'Bote') oder Glocke (= irisch clog). Das Wort wurde mit der Sache von irischen Missionaren übernommen). Ein Fremdwort ist Menhir 'Hinkelstein' (von bretonisch men hir 'langer Stein').

Mundart

Ich habe aber in unserer Mundart ein paar Sonderausdrücke entdeckt, die auffallende Parallelen in den keltischen Sprachen haben, aber weder Lehn- noch Fremdwörter sein können. Paradebeispiel: hessisch Mock (so schon in 1338) 'Mutterschwein' = irisch muc 'Schwein'.

Das ist kein Fremdwort oder Lehnwort, denn warum hätten unsere Vorfahren von den Iren oder Walisern einen Fachausdruck aus der Schweinezucht übernehmen sollen? Es wird sich vielmehr um ein Erbwort handeln, das die einheimischen Schweinezüchter schon immer benutzten und das letztlich bis in die Zeit zurück geht, in der man in Südhessen noch keltisch oder lateinisch  sprach.

Ähnlich gibt es auch Erbwörter aus dem Lateinischen, z. B. viele Fachausdrücke aus dem Weinbau. Wein (aus lateinisch vinum) ist streng genommen, kein Lehn- sondern ein Erbwort:. Wein wird in Süddeutschland seit den Römern angebaut. Die Germanen, die sich hier niederließen, übernahmen von den Ureinwohnern nicht nur die Technik, sondern auch die Fachausdrücke. 

Grammatik

Vermutlich wurde sogar die deutsche Grammatik von der Sprache der keltischen Vorbewohner beeinflusst:

Lautverschiebung

Im Deutschen wurden im Unterschied zu anderen germanischen Sprachen /p,t,k/ zu /pf (f), z (ß), k (ch)/, vgl. englisch pound, ten, apple, foot. make mit deutsch Pfund, zehn, Apfel, Fuß, machen. Auch in den keltischen Sprachen gibt es ähnliche Erscheinungen, vgl. lateinisch rectus 'richtig' mit air. recht 'Gesetz' = dt. Recht.

Im Deutschen wurden natürlich die keltischen Regeln nicht genau übernommen, sondern die "ersten Deutschen" haben Germanisch mit keltischem Akzent gesprochen und dadurch ihre Sprache nach und nach verändert.

Grammatischer Wechsel

Dass stimmlose Konsonanten in der Vortonsilbe stimmhaft werden, ist eine allgemeine germanische Regel (z.B. ziehen / zog / gezogen).
Im Altalemannischen fand ein Wechsel zwischen harten und weichen Konsonanten auch im Anlaut statt, u. zw. als Angleichung an den Auslaut des vorhergehenden Wortes. Dies kommt aber nur bei Notker in der Schrift zum Ausdruck: Tes kóldes - unde dem gólde 'des Goldes - und dem Gold'.
Auch in den modernen keltischen Sprachen wechseln verschiedene Varianten des Anlauts. So kann cymr.
pren 'Baum auch bren, phren oder mhren geschrieben werden, je nachdem, welches Wort vorher kommt.

Anlautendes /h-/

Im Althochdeutschen findet sich manchmal ein anlautendes /h-/, das etymologisch nicht begründet ist, z.B. her = er (Tatian), hurolob = urloub (Lorscher Bienensegen), helina = elina (Walahfrids Körperteilglossen), ebenso in manchen altüberlieferten Namen wie hErmanaricus, hErmiones, hErmunduri. Umgekehrt fällt in der Mundart manchmal anlautendes /h-/ aus wie enaus, eraus < hinaus, heraus.
Ähnlich wird in den modernen keltischen Sprachen im Anlaut manchmal ein /h-/ eingefügt, allerdings nach festen grammatischen Regeln, z.B. nach Pronomina oder Präpositionen , z.B. ir.
a h-ainm, cymr. ei-henw 'ihr Name' (ainm, enw 'Name') oder ir. ó áit go h-áit 'von Ort zu Ort'.

Wortstellung

Das hat sich wohl auch auf die Wortstellung im Satz ausgewirkt. Das Englische z. B. hat die einfache Wortstellung: "He has heard the song" (Subjekt, Prädikat 1, Prädikat 2, Objekt). Im Deutschen dagegen sagen wir "Er hat das Lied gehört" (Subjekt, Prädikat 1, Objekt, Prädikat 2). Im Irischen ist es angeblich genauso.

Kalender

Die Kelten haben sich wahrscheinlich auch in unserem Kalender verewigt: Die heutige Monatseinteilung  einschließlich der 12 Monatsnamen haben wir von den Römern übernommen. Dazu gehören auch vier Fixpunkte des Sonnenlaufs: Sonnenwende (21.06.; 21.12.) und Tag- und Nachtgleiche (21.03.; 23.09.) Diese vier Termine waren unseren Vorfahren schon in vorrömischer Zeit bekannt, wie sich jeder am Alsbacher Hinkelstein leicht überzeugen kann. Dazu kommen die christlichen Feste, die sich teilweise am jüdischen Mondkalender orientieren (von Rosenmontag bis Fronleichnam). Merkwürdigerweise spielen aber seit alter Zeit zwei weitere Feiertage eine wichtige Rolle, nämlich der 1. Mai (Walpurgisnacht) und ein Tag im November: Allerheiligen (01.11.) oder Martinstag (11.11.), wobei der Martinstag im Volksbrauch eine wichtigere Rolle spielt. Noch heute endet das landwirtschaftliche Pachtjahr mit dem 11. November.

Auch bei den Iren haben diese Tage eine wichtige Bedeutung, u. zw. ursprünglich wohl als Beginn des Sommer- und Winterhalbjahrs. Beide Tage liegen in der Mitte zwischen Sonnenwende und Tag- und Nachtgleiche. Ihnen entsprechen zwei weitere Termine im Februar und August, die sich aber nicht so eindeutig herausarbeiten lassen, etwa Fastnacht und Mariae Himmelfahrt (15.08.). Der Fastnachtstermin lässt sich schlecht im Kalenderjahr  festlegen, da er mit Ostern bis zu 6 Wochen hin- und her schwankt. Aber im bäuerlichen Arbeitsjahr war auch der Frühlingsbeginn ein wichtiges Datum. Es galt z.B. die Regel, dass bei uns zwischen Martinstag und Mariae Lichtmess (02.02.) bei Licht gearbeitet werden darf. Die Karnevalszeit, die nach heutiger Auffassung am 11.11. anfängt und am Aschermittwoch endet, war ursprünglich die Zeit des Winters. Der Augusttermin ist bei uns wohl den örtlich verschiedenen Kerb-Terminen zum Opfer gefallen, die in den meisten Dörfern ursprünglich als Fest zur Beendigung der Ernte gefeiert und als "Kirchweihtag" verkirchlicht wurden.

Mir ist aufgefallen, dass sowohl der walisische als auch der irische Kalender in unterschiedlicher Weise acht keltische und vier lateinische Monatsnamen  enthält. Es sieht also aus, als habe der vorchristliche keltische Kalender nur acht Zeitabschnitte gekannt: die zweigeteilten vier Jahreszeiten. Dieses System wurde dem christlichen Kalender angepasst, der Beginn des Sommer- und Winterhalbjahrs auf den 1. Mai und 1. November festgelegt und die keltischen Zeitabschnitte durch die römischen Monate ersetzt. Iren und Britannier haben die alten Namen beibehalten und durch römische Monatsnamen ergänzt, sind dabei aber verschiedene Wege gegangen.

Der christliche Glaube kam über die Kelten zu uns.

Keltische Mönchen von den britischen Inseln und aus Gallien haben schließlich in weite Teile von Deutschland das Christentum gebracht. Südhessen macht dabei wohl eine Ausnahme, denn im Einflussbereich der römischen Städte Mainz und Worms gab's wohl schon in römischer Zeit auch auf dem Land Christen, ferner sollen die Burgunder bereits Christen gewesen sein, als sie im 5. Jahrhundert sich links und rechts des Rheins niederließen.

Die irische und gallische Kirche und damit auch die Kirche in Deutschland war bis ins 8. Jahrhundert weitgehend selbstständig. Erst Bonifatius hat die Kirche im Frankenreich dem Papst unterstellt. Vorher hatten die westeuropäischen Christen Gottesdienstordnungen, die von der römischen abwichen, und Bischöfe, von denen der Papst nichts wusste. Erst Bonifatius hat im fränkischen Reich die Ehelosigkeit der Priester durchgesetzt. Auch im Glauben und in der Gestaltung des täglichen Lebens gab es vor Bonifatius beträchtliche Unterschiede zu Rom.

Von dem "Apostel der Iren", Patrick, zeichnen die alten irischen Sagen ein Bild, das gar nicht zu den Vorstellungen passt, die wir von der mittelalterlichen Kirche haben: Patrick habe sich für die alten irischen Geschichten interessiert und sie aufschreiben lassen, und so mancher der alten Sagenhelden habe seine Abenteuer dem Heiligen persönlich erzählt. Einer dieser "heidnischen" Krieger sei sogar aus dem Jenseits zurückgekommen, um einen König von der Wahrheit des Christentums zu überzeugen, und sei deshalb auf Fürsprache des Heiligen samt seinen Mitstreitern in den Himmel aufgenommen worden.

Das klingt einerseits nicht besonders glaubwürdig; aber andrerseits wird die Sage von einem fanatischen Fundamentalisten, der keine andere Meinung als seine eigene zugelassen hat, keine solche Geschichten erzählen. Patrick scheint also in der Tat ein offener und toleranter Mann gewesen zu sein, der seinen Glauben sehr behutsam weitergab und die guten Ansätze der Volksreligion anerkannte. Er hat es trotzdem geschafft, die Iren zu bekehren. Von daher kann er uns ein Vorbild  geben.

   
   

nach: "Kirche am Ort" 1986-11

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1986 / 2015

Aktuell: 26.03.2016