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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Etymologie

λαβύρινθος labýrintʰos

 griech. 'großer Palast'

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Sage

Wort

Form

Grundbedeutung

Herkunft

Palast

nicht 'Haus der Doppelaxt'

Ort der Herrschaft

Ort des Lorbeerbaums

Ort des Minotaurus

Tempel

Labyrinthfigur

Zusammenfassung

 

 

Sage

Die antike Sage enthält folgende wichtige Elemente:

  • Dädalus ersann einen Reigen für Ariadne. [1]

  • Er baute den Labyrinth für den Minotaurus.

  • Theseus tötete das Monster und kehrte nach Athen zurück. Zur Erinnerung tanzt man den Kranichtanz.

Wort

  • Linear B da-pu2-ri-to-jo [2] po-ti-ni-ja [3] = δαβυρίνθοιο πότνια daburintʰoio pótnia 'Herrin des Labyrinths'

  • klass. griech. λαβύρινθος labýrintʰos

    • großer Palast (Kreta, Ägypten u. a.)

    • Irrgarten, Irrweg; verworrene Gedankenführung

    • Art Schnecke ('gewunden')

    • Fischreuse ('gefangen ohne Ausweg')

Das lateinische Lehnwort labyrinthus bedeutet 'großes Gebäude'. In Pompeji [4] ist zusätzlich die Bedeutung 'Bild eines Wegs, der ins Innere, aber nicht hinaus führt' belegt. [5]

Form

- ινθος -intʰos findet sich in vorgriechischen Ortsnamen (Κόρινθος Kórintʰos) und ist wohl ein Lokalsuffix: 'Stätte von ...'.

Der Wechsel von /l/ und /d/ ist wohl dadurch bedingt, dass man den Laut auch im Anlaut je nach Stellung im Satz unterschiedlich aussprach, etwa nach Konsonant [d-], nach Vokal [l-]. ähnlich heute noch im Hebräischen und  in den keltischen Sprachen.

Grundbedeutung

Nach Sprachgebrauch und Sage kommen folgende Möglichkeiten in Frage:

Die Bedeutung 'Tanzplatz' ergibt sich nur aus der Sage und ist durch den Sprachgebrauch nicht gedeckt. Tanz und Gebäude sind in der Sage nicht durch den Namen Labyrinth verbunden, sondern durch den Erfinder Dädalus und die Insel Kreta.

Die Bedeutung 'Ort, an dem man sich verlaufen kann', lässt sich dadurch erklären, dass man sich in einem großen Palast eben verlaufen kann. Der minoische Ausdruck 'Herrin des Labyrinths' (wohl Beiname einer Göttin wie Athene oder Aphrodite) bezieht sich auf einen geographischen Ort, nicht auf eine Einrichtung wie Tanzplatz, Irrgarten oder gezeichnetes Muster.

Griechen und Römer nannten mehrere große Bauwerke Labyrinth und hielten das im ägyptischen Fajjum für das älteste (Totentempel des Pharao Amenemhet III., um 1800). [6] Tatsächlich aber gehört der Name Labyrinth nach Kreta, wie die mykenische Namensform zeigt. Die Übertragung auf andere Gebäude scheint zu bestätigen, dass die ursprüngliche Verwendung des Wortes 'großes Haus', nicht 'Labyrinth' im heutigen Sinne ist.

Herkunft

Palast

Man sollte also an den Palast von Knossos denken.

nicht 'Haus der Doppelaxt'

Herkömmlich hat man den Namen erklärt als 'Haus der Doppelaxt', weil dieses Gerät in Knossos abgebildet ist.

kein griechisches, sondern ein lydisches, also kleinasiatisches Wort. [8] Die Griechen sagen dafür πέλεκυς pélekys. Die Axt diente nicht nur als Werkzeug und Waffe, sondern auch als Herrschaftssymbol bei Königen und Göttern. Labyrinth müsste man dann genauer übersetzen als 'Haus der Macht, Königspalast'. Es ist aber nicht nachgewiesen, dass man im alten Kreta die Axt lábrys genannt hat.

Ort der Herrschaft

Eher wahrscheinlich ist eine Beziehung zu heth. tapar- 'leiten, regieren', tapari- 'Herrschaft, Macht, Befehl', taparna- 'Herrscher', dazu mit anderem Anlaut Labarnas (hethitischer Königsname). Auch hier also der Wechsel /t/ und /l/. Das Wort ist nur hethitisch nachweisbar und wohl nicht indogermanisch.

aber: messap. tabara 'Priesterin'

Ort des Lorbeerbaums

Das auffallende Nebeneinander von mykenisch da-pu2-ri-to- und griechisch λαβύρινθος labýrintʰos erinnert an griech. δάφνη dápʰ und λάφνη lápʰnē 'Lorbeerbaum' und lässt vermuten, dass Labyrinth 'Ort des Lorbeerbaums' bedeutet hat. Der Lorbeerbaum ist ein typisches Gewächs der Mittelmeerländer. Dass man einen Wohnsitz nach einem Baum benennt, ist ja nicht gerade ungewöhnlich.

Ort des Minotaurus

Nach der Sage aber war der Labyrinth kein Wohngebäude, sondern ein Gefängnis des Minotaurus. Die Bedeutung 'Ort, aus dem man nicht herausfindet' mag aus der Erfahrung mit großen, unübersichtlichen Gebäuden heraus entwickelt sein. Es gib auch andere Überlieferungen, nach denen die Opfer nicht von dem Monster gefressen wurden, sondern umkamen, weil sie den Ausweg nicht fanden, oder dass Dädalus selbst darin gefangen gehalten wurde. Das scheinen mir spätere Entwicklungen zu sein, die von der Unübersichtlichkeit des großen Palastes ausgehen.

Der Name des Monsters, Μινώταυρος Minṓtauros bedeutet 'Stier des König Minos'. Nach der Sage war er ein Sohn von Frau Minos und einem Stier. Man stellt sich ihn vor als Mensch mit Stierkopf, ähnlich wie die ägyptischen Götter: Anubis konnte man abbilden als Schakal oder als Mensch mit Schakalskopf. Seine Priester trugen eine Schakalsmaske. Der stierköpfige Minotaurus könnte also eine Erinnerung an einen Priester mit Stiermaske sein. Nach den erhaltenen Bildern spielte der Stier bei den Minoern eine wichtige Rolle, es gab einen Wettkampf, bei dem man über einen Stier springen musste. Die zeitgenössischen Semiten dachten sich den Wettergott in Stiergestalt, [10] auch Zeus nahm Stiergestalt an, als er Europa nach Kreta entführte. Ein regelrechter Stierkult ist aber für die Minoer nicht nachzuweisen. Mag sein, dass da spätere Vorstellungen eine Rolle spielten, etwa durch phönikischen Einfluss. [11]

Tempel

Der Labyrinth könnte auch ein Heiligtum gewesen sein, in dem ein Priester mit Stiermaske tätig war. Vielleicht hat er die jungen Leute aus Athen geopfert, vielleicht auch nur einen Initiationsritus an ihnen vollzogen und sie dann wieder nach Hause geschickt. Zur Initiation in einen Mysterienkult gehörten ein symbolischer Tod und eine symbolische Wiedergeburt. Der Neuling, der sich diesem Ritus unterzog, wurde auf eine harte Probe gestellt, vielleicht gehörte der Sprung über den Stier dazu oder ein ähnliches Abenteuer.

Sprachlich lässt sich das kaum beweisen, weil wir über die Sprache der Minoer fast gar nichts wissen. Ihre Aufzeichnungen in der Schrift Linear A sind hauptsächlich Lieferscheine und Rechnungen. Über ihre Kultur und Religion können wir nur Vermutungen anstellen an Hand ihrer archäologischen Hinterlassenschaften. Wir wissen aber nicht, was sie wirklich dachten und glaubten.

Die Labyrinthfigur

Eine Labyrinthfigur ist auf kretischen Münzen aus der Zeit 467-430 v. Chr. abgebildet. Das zeigt, dass man zu dieser Zeit die Figur mit dem Namen Knossos verbunden hat,  beweist aber nicht, dass man in mykenischer Zeit diese Figur Labyrinth nannte.

Die Labyrinthfigur ist nicht nur eine Verzierung, sondern stellt einen Weg dar, den man gehen soll. Von daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie graphischer Ausdruck einer Bewegung, vielleicht eines Tanzes ist. Es ist aber nicht überliefert, dass das antike Wort diese Bedeutung gehabt hätte. Labyrinthus für die Figur ist erst in der römischen Kaiserzeit nachweisbar. [4]

Zusammenfassung

Die Grundbedeutung des Namens ist nach dem antiken Sprachgebrauch eindeutig 'großes Bauwerk', ursprünglich als Name des Palastes von Knossos. Bezieht man lat. taberna 'Hütte' mit ein, dann lässt sich Labyrinth als 'großes Haus' verstehen, dazu heth. taparna-, Labarnas 'Baumeister > Herrscher'

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

Sonderzeichen

Abkürzungen

[1] Homer, Ilias 18,591 Einen Reigen (χορόν kʰorón, Akk.) …, jenem gleich, wie vordem der weitbewohnete Knossos Dädalus künstlich ersann der lockigen Ariadne.

[2] KN Gg 702,2, Marie Reding, Legende(s)  Cretoise(s) S. 21. Dort auch die Erklärung, dass /d/ in manchen Dialekten mit /l/ wechselt.

[3] Der Kleine Pauly 1,543

[4] Der Kleine Pauly 3,433, Begleittext "Labyrinthus. Hic habitat Minotaurus", Labyrinth, hier haust der Minotaurus', Bild

[5] Ein ähnliches etruskisches Muster mit Pferden davor trägt den Namen Truia 'Troja' (nicht Labyrinth, Pauly ebd.). Gemeint ist der so genannte Troiae lusus, eine Art Turnier für Jungen zu Pferd. (Pauly 5983).
Die gezeichneten Muster finden sich zwar schon auf kretischen Münzen mit der Beischrift Knossos (467 - 430 v. Chr.), der Name Labyrinth wird aber erst in der Kaiserzeit damit verbunden.

[6] Der Kleine Pauly 3,414

[7] Die meisten Äxte in der Ägäis waren Doppeläxte. Wenn man eine einfache Axt meinte, wie wir sie kennen, musste man das extra betonen. Es ist daher nicht nötig, über eine symbolische Bedeutung dieses Geräts zu spekulieren.

[8] Plutarch, mor. 302a Λυδοὶ γάρ λάβρυν τὸν πέλεκυν ὀνομάζουσι 2.302a. "Denn die Lyder nennen die Axt lábrys."

[10] Vgl. das goldne Kalb in der Bibel.

[11] Die von Zeus entführte Europa war Phönikierin

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Übersicht

 

Sprachecke 26.09.2006

 

Datum: 2005

Aktuell: 07.04.2016