Diskussion Braut

Befund | Diskussion 2007 | Theorien | Diskussion 2014 | Klärung | Erklärung

Befund

  • germ. *brûðiż 'junge Frau aus der eigenen Familie, Braut'

    • i-Deklination, wgerm. mit i-Suffixen (> Umlaut) außer im Nom und Akk. Sg. KraheG 2,29

Diskussion 2007

  • Herkunft

    Die anderen idg. Sprachen bieten keine direkten Vergleichsmöglichkeiten.

    Diskutiert wird ein Zusammenhang mit lit. marti 'Schwiegertochter', apr. martan 'Braut'. [1] Grundlage wäre also idg. *mart- 'Mann', *martí  'junge Frau' mit einer germ. Nebenform *mrûtís > *brûþi > Braut.

    [1] Ein ähnliches Lautverhältnis finden wir beim Nebeneinander von lat. margo 'Rand, dt. Mark 'Grenzgebiet', air. mruig 'Ackerland' > mir. bruig 'Landstrich, Gehöft', ahd. bruoh 'Sumpf, Moor'

    Mit demselben Recht und wahrscheinlicher lässt sich auch ein Zusammenhang mit Bruder begründen:

    • idg. *bʰer- 'tragen, bringen'
      > germ.
      barn 'Sohn* und idg. *bʰréḫter > ahd. bruoder 'Bruder'.
      > vgerm.
      *bʰr-ū-tís 'Braut'.

    Cymr. priod

    Nicht dazu gehört das von Grimm 2,330 angeführte cymr. priod 'verheiratete Person'. Es ist offensichtlich von

    • lat. privatus 'einer einzelnen Person gehörig'

    abgeleitet. wie die folgende Aufstellung zeigt

    • cymr. priod 'eigen, privat, persönlich, Eigentum, verheiratet, verheiratete Person, Ehemann, Ehefrau', priodas 'Hochzeit', priodfab 'Bräutigam', priodferch 'Braut', priodi 'heiraten'

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 1,1168 f

    • Die Abstammung desselben hat die Wortforscher zu allen Zeiten sehr verlegen gemacht.

      • Siegmund Feyerabend und lange nach ihm Leibnitz legten diesem Worte eine ursprüngliche schmutzige Bedeutung bey;

      • Skinner leitete es von brüten ab;

      • Wachter und die meisten nach ihm von dem alten Scand. pryda, schmücken, zieren, Schwed. prud, geschmückt; doch schlägt Wachter auch die Zeitwörter betrauen und berathen vor.

    • Allein alle diese und hundert andere Ableitungen sind unnütz, so lange die erste eigentliche Bedeutung dieses Wortes nicht bekannt ist. Die heutige Bedeutung ist es gewiß nicht.

      • Bey dem Ulphilas bedeutet Bruth, so wie noch das heutige Franz. Bru, des Sohnes Frau, die Schnur, so wie das Griech. νýμφη [nýmpʰē] so wohl eine Schnur, als auch eine Braut, und das Latein. Nurus so wohl eine Schnur, als eine jede Person weiblichen Geschlechtes bedeutete.

      • In der Sprache der heutigen Bretagnier ist Priod nicht nur eine Ehefrau, sondern auch ein jedes Eigenthum, Priodas die Hochzeit, Priodwr und Priodufah ein Bräutigam, und Priaud eine Witwe.

      • Im alten Isländ. wird Brudur, und im Angels. Bryda von einer jeden Person des andern Geschlechtes gebraucht.

      • Bey dem Notker ist Prutsamina die Kirche, und Alliliche Prutsaminga die katholische Kirche,

        • Gemeint ist die Gemeinde als Braut Christi.

    • Brutloufti, Brautlöbde, bedeutet im Oberdeutschen von Ottfrieds Zeiten an sehr häufig die Hochzeit, von welchem Worte Schilters Glossar. und Frischens Wörterbuch nachgesehen werden können.

    • S. Bruder.

    • In einigen der folgenden Zusammensetzungen bedeutet Braut auch den Bräutigam.

    • Übrigens heißt eine Braut in den gemeinen Mundarten so wohl Oberdeutschlandes als Niedersachsens auch ein Gespons, und unter den Braunschweigischen Landleuten eine Nöthe, vermuthlich von Genossinn.

  • Grimm 2,331 (1860)

    • schon theil 1, 1051 wurde hingewiesen auf das skr. praudhâ, nupta, sponsa, welches Bopp unserm braut vergleicht. praudha ist part. pass. von pravah vehere currum, auferre, und schon das einfache vah = vehere drückt aus uxorem ducere, weil die braut oder junge frau heimgeführt wurde, durch praudhâ, die fortgeführte findet sich also die domum ductio treffend bezeichnet.

    • als der sprachgebrauch den sinn der benennung verloren hatte, behielt er sie dennoch bei, ohne sie gleich den lebendigen wörtern der lautverschiebung zu unterziehen. denn die skr. partikel pra ist sonst goth. fra und skr. vah vigan, so dasz eine verständliche übertragung von praudhâ goth. zu lauten hätte fraviganô. zu praudhâ aber stimmen die anlaute von priod, pried.

    • Wollte man von praudhâ absehn und skr. prî amare, sl. prijatel, ahd. friudil amicus vergleichen, da braut auch freundin, liebste bedeutet, so schiene jenes armor. priédélez für ehe sehr nahe, aber auch hier entfernte sich goth. frijôn amare und unser freund amicus von dem anlaut in braut.

    • in beiden fällen ist also das B zu fassen, wie in bairgahei neben fairguni, in bregeln neben fregeln u. s. w. bruder, bruodar, frater steht von braut ab.
      Bedeutungen des nhd. braut.

  • Pokorny (1959/2002) 128. 169

    • 1. bher- 'tragen, bringen usw. (auch Leibesfrucht tragen)

      • Specht will auch (Dekl. 148) mit -i und u-Formans, ags. bri-d, bird 'junger Vogel', germ. brū-tis 'Frau, Braut', ai. bhrūṇá- 'Embryo', lett. braũna, čech. brnka (*bhru-nka) hierherstellen.

        • tschech. brnka / brinka / brynka 'Nachgeburt' nicht nachweisbar

  • Köbler (1995)

    • Etymologie ungeklärt, vgl. idg. *mru-, V., 'sprechen'?,

  • Pfeifer (1995)

    • außergerm. Verwandte dagegen fehlen, so daß die Etymologie trotz zahlreicher Herleitungsversuche letztlich ungeklärt bleibt; ...

    • Bezeugungen (seit 3. Jh.) von lat. brūtes, brūta, spätgriech. brū́tis (βρούτις) auf Inschriften und in Glossaren Dalmatiens erklären sich als Entlehnungen aus dem Got.

    • Die Bedeutung ‘Verlobte’ stammt aus dem Omd. und wird seit Luther allgemein gültig

  • Kluge 2002

    • Semantisch muß das Wort ursprünglich bedeutet haben "eine Frau, die (ihrem Mann am Tag ihrer Hochzeit) ihre Jungfräulichkeit geopfert hat und damit zu seiner "rechtmäßigen Gattin" geworden ist". Nur dieser Ansatz, der in naturrechtlichen Vorstellungen einer Reihe von indogermanischen Völkern seine Begründung findet, kann die verschiedenen Bedeutungen in den Einzelsprachen, die von "Jungfrau" bis "(längst verheiratete) rechtmäßige Gattin" reichen, erklären. Als Ausgangsbedeutung ist bei einem solchen Befund in der Regel "Jungfrau" anzusetzen.

    • Formal ist von ig. *mr-ū-t(i)- auszugehen, das in dieser Form nicht vergleichbar ist. Auf der Grundlage *mr- vergleichen sich l. marītus "beweibt, verheiratet" und lit. martì "Braut".

    • Vermutlich gehen die Wörter auf eine Bedeutung "Junge - Mädchen" und diese auf eine adjektivische Bedeutung "jung, frisch" zurück, die etwa in ahd. muruwi "zart, frisch" vertreten ist.

  • TH 2007

    • zu Bruder?

Diskussion 2014

  • Adelung

    • nicht zu cymr. priod, da < privatus

  • Grimm

    • Die Vorgänger kennen noch nicht die Lautverschiebung germ. b < bʰ

    • Grimm versucht eine Ausnahme zu machen bei seinem Vergleich mit skr. praudha.

      • aind. प्रौढ prāuḍha 'erwachsen, entwickelt, üppig, keck, frech, groß, stark, heftig, voll von', zusätzlich Cologne Digital Sanskrit Lexicon: 'verheiratet; verheiratete Frau zwischen 30 und 55' (= nupta, sponsa 'Verheiratete, Verlobte')

      • 'Erwachsen > verheiratet' ist nachzuvollziehen, aber damit ist nicht gesagt, dass andere Sprachen denselben Schritt vollzogen haben.

      • Das Hauptargument dagegen ist aber idg. p > germ. f.

  • Specht

    • zu *bher- 'tragen, bringen'

      • ai. bhrūṇá- 'Embryo', čech. brnka (*bhru-nka) 'Nachgeburt' mit u

      • hat Pokorny 169. unter bhreu- bhru-  'schneiden, abschaben', germ. 'zerschlagen, brechen'.

      • passt aber besser zu 'tragen'

  • Köbler

    • vgl. idg. *mru-, V., 'sprechen' ist nicht nachvollziehbar. Abschreibfehler?

  • Kluge

    • "Formal ist von ig. *mr-ū-t(i)- auszugehen" - muss nicht aber kann

      • regulär: *bʰrūtis (wie *bʰréḫ-ter > Bruder)

      • Sonderfall mrūtis

        • vgl. japhet. *mërëƺ- 'Rand, Grenze' > gall. brogae 'Feld' .

        • Pokorny 733-751 hat nur ein Beispiel für mer > germ. br: 740 ahd. bruoh 'Moorboden, Sumpf', das man auch anders erklären kann.

        • Idg. mr̥- wird germ. regelmäßig mur-, mor-

        Lit. martì 'Braut, Jungfer' hat Vollvokal, evtl. < o. Keins der verwandten idg. Wörter hat mr-.

      • *Mr-ū-t(i)- kommt also nicht in Frage.

    • noch weniger ahd. muruwi "'zart, frisch' = nhd. mürbe (noch nicht oder nicht mehr fest)

  • TH 2007

    • germ. -rūð/þ- nur noch in Kraut und traut, beide unsicherer Herkunft

      • traut < LW < idg. *dëru 'Holz'

      • Pfeifer (1995 / 2005) 728 Kraut zu griech. βρύειν brýein 'sprossen, strotzen, keimen' < *geru- 'Stange, Spieß' Pfeifer 479

    • zu Bruder?

      • sachlich:

        • Die idg- Verwandtschaftsbezeichnungen sind asymmetrisch:

          • Vater / Mutter, aber Tochter :: Sohn, Bruder :: Schwes(t)er.

          • Die Entsprechung zu Schwester ist Schwieger (jung / alt),

          • also auch Bruder / Braut?

      • lautlich: *bʰréḫ-ter :: ... bzw. *bʰrāter :: *bʰrūtis passen im Vokal nicht zusammen.

        • Braut < *bʰrëh-u-tis?

        geht nicht

    • Alternativen:

      • Pokorny (1959/2002) 169 ff

        • bhreu-, bhreud-, bhreus- 'sprießen, schwellen'

          • von Pflanzen, (bhreus-) Bauch, Brust

            • könnte PPP *bʰrutós 'gesprosst' sein.

              • Ablaut eu / au /u, nicht ū

        • 1. bhreu-, bhru- (lang und kurz) 'schneiden, abschaben', germ. 'zerschlagen, brechen'

          • u. a. 'Embryo, weibliche Scham, Nachgeburt' (Adelungs "ursprüngliche schmutzige Bedeutung"?)

          Bedeutung passt nicht.

        • 2. brhū-, bhrēu- 'Balken, Prügel. Brücke'

          • Der Stock ist ein Bild für Penis und Knabe. Ursprünglich *bʰreu- 'Junge'?

          kaum wahrscheinlich

      • zu idg. *mreƺʰʊis 'kurz'

        • > lat. brevis und brūma (hat ū)

        • KraheG (1965-67) 1,83

          • Idg. ĝh ... Im Germ. steht gw nach Nasal, g (g) vor dunklen Vokalen und Konsonanten, w vor hellen Vokalen (einschließlich a).

        • Also *mreƺʰʊ-is > *breѯʰis > (pgerm.?) *bréwis > brew-tís > brūtis 'die Kurze, Kleine > Braut'?

        Dagegen: KraheG 1,61 Idg. deukō = lat. dūcō (alat. noch 3. Sg ab-doucit)

        • Betrifft zwar nicht ev [*ɛw],

        • trotzdem auch wegen 'kurz > klein > Braut' unwahrscheinlich.

      • zu Specht mit aind. bhrūṇá- 'Embryo zu *bʰer- 'tragen, gebären, Kind'

        • Es gab offenbar auch eine "schwere" Ableitung*bʰër-ü-.

          • Die Basis ist aber reichlich klein.

      • Germanische Neubildung mit absichtlicher Metathese: *bʰr̥tís

        • ursprünglich Verbalsubstantiv 'das Tragen Führen, Bringen'

          • *bʰr̥tís > *bŭrþiż 'Geburt'

          • *brūtís > *brūðiż 'Heimführung'

            • Das müsste dann auf die 'Heimgeführte' übertragen worden sein.

          • Im Ahd. sind folgende Zusammensetzungen mit und ohne i bezeugt: KöblerA 45

            • eindeutig 'Frau' ?

            • eindeutig 'Hochzeit' 8

              • brūtbetti | brūtbitil | brūtboto, -botega / brūtiboto | brūtikamara |

              • brūtikemināta | brūtilob | brūtisang | brūtlouft

              • brūten 'vermählen, trauen'

                schwaches, also abgeleitetes Verb

                • "mit dero (stola) sie cum sponso bruten sulen = sollen sie mit der Stola mit dem Verlobten vermählen" Graff 3,294

            • unklar

              • brūtgāba, -geba / brūtigeba | brūtgomi / brūtigomo | brūthūs |  brūtlīh

              • brūtsamama, -samanunga 'Kirche' | brūtsun(u) 'Christ'

              • brūtistuol kann gehören zu anord. brúða 'geschnitzte Pfosten zu beiden Seiten der Stuhllehne; Rückenlehne' Baetke 72, wohl zu *bʰrṻ- 'Balken, Prügel' < *bʰrü- 'schneiden' Pokorny 173: 169.

              Die Befunde sprechen für eine Grundbedeutung 'Hochzeit'.

            • Aus den Formen mit und i lassen sich keine Schlüsse ziehen:

              • Älteres i kann geschwunden sein (Bräutigam ist archaisch)

              • Bei brūt-betti, brūt-louft(i) kann man das i im ersten Glied unterdrückt haben (Dissimilation).

              • Man kann vielleicht unterscheiden zwischen *brūtus m. 'Heimholung' und *brūtis f. 'die Heimgeholte', daher der Unterschied zwischen dem umlautlosen Brautlauft und dem umgelauteten Bräutigam. KraheG 3,151

      • pgerm. zu japhet. *ğër- 'schwer' Pokorny 447

        • cymr. braisg 'dick, stämmig, schwanger' SpWelsh 51

        • lat.

          • osk.-umbr. > brūtus 'schwerfällig, stumpfsinnig, dumm' LS 139

          • gravis 'schwer', gravidus 'schwanger' LS 498

        • lett. grūts 'schwer' AlmLett 74, grūsnējs 'schwanger' 444

         

      • Zum lat. GN Frutis, Beiname der Venus Walde 331

        • verehrt in Lavinium Vinalia Urbana | The Honest Courtesan

          • kaum zu frutex 'Strauch', wie Walde 331

          • lat f- <

            Außer bʰ- frutex kommt nur in Frage  Pokorny 256 (dher-:) dhor-: dher, das aber 'springen, bespringen' bedeutet und nicht passt.

        • zum GN Aphrodite?

          • Die männliche Form Ἀφρόδιτος Apʰróditos lässt sich verstehen als verneintes Partizip Perfekt Aktiv *n̥-bʰer-ʊots 'nicht getragen habend' (// got. berusjos 'Eltern'). Die weibliche Form wäre aber *n̥-bʰer-usıa. KraheI 2,88

            • geht nicht, da Vollvokal zu erwarten wäre.

        • zu Braut

          • logisch unmöglich. Es geht nicht an Frutis mit 'Braut' zu erklären, wenn Braut selbst erklärt werden muss und Frutis zum Vergleich herangezogen wurde. (Zirkelschluss)

Klärung

  • zu japhet. *bʰër- tragen, bringen, erheben, gebären, Frucht bringen, Kind'.

    • Die auch im Aengl. und Anord. erkennbare Grundbedeutung 'Hochzeit' lässt vermuten, dass Braut aus Wörtern wie Brautlauf, Bräutigam rückgebildet ist. Das ursprüngliche Wort war Schnur.

    • +

      • erklärt 'Hochzeit' in den Zusammensetzungen

    • -

      • unerklärtes ū

      • keine überzeugende Anbindung von 'heimholen' an *bʰër-

      • komplizierter Gedankengang

  • pgerm. zu japhet. *ğër- 'schwer'

    • +

      • erklärt das bisher rätselhafte ū

      • 'schwanger' ist belegt

      • erklärt warum es keine m. Form von Braut gibt.

    • -

      • und hat nicht die zu erwartende germ. Lautung mit q-, k-

        • pgerm. Fremdwort

        • nicht das einzige "germ." Wort ohne Lautverschiebung

Erklärung

  • 'Die Schwangere' ist die einfachste Erklärung

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 16.02.2018