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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Etymologie

Geisel

 dt. 'Opfer einer Erführung'

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Geisel im Mittelalter

Etymologie

Germanische Entsprechungen

Uralische Verwandte

Baltische Verwandte

Synonyme in anderen Sprachen

   Keltisch

   Lateinisch

   Griechisch

   Slawisch

   Sonstiges

 

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870-71 nötigten die deutschen Befehlshaber angesehene Ortsbürger mit ihnen zu ziehen, um sich gegen Partisanenüberfälle zu schützen. Dafür griff man das bereits veraltete Wort Geisel, franz. otage auf.[1] Sicher hat man diese Methode auch in anderen Kriegen angewandt.

Das moderne Verbrechen der Freiheitsberaubung im Frieden, um Ansprüche durchzusetzen (Geiselnahme), wurde erst in den 1970er-Jahren üblich (erstmals wohl 1972 bei den olympischen Spielen in München).[2]

 

Die Geisel im Mittelalter war etwas ganz Anderes:

  • Sie haftete mit ihrer Freiheit für Schulden und begab sich in den Gewahrsam des Gläubigers, bis die Schuld bezahlt war. Dafür steht lat. vas 'Bürge'. Ein Bürge aber haftete und haftet heute noch nur mit seinem Vermögen. Die stellvertretende Personhaftung scheint eine Eigenart des germanischen Rechts gewesen zu sein. Alte deutsche Synonyme waren Leibbürge, Leistbürge, Pfandmann.[3] Die Geisel musste an einem bestimmten Ort Einlager halten, d.h. Quartier beziehen (mlat. obstagium).[4]

  • Sie haftete mit ihrem Leben für die Treue des Vertragspartners. Im Kriegsfall mussten die Unterlegenen eine Anzahl Geiseln stellen. Dafür steht lat. obses 'kriegsgefangener Friedensbürge'. Das war ein alter Brauch, der sich bis ins vorchristliche 1er-Jahrtausend zurückverfolgen lässt.

  • Das Mnd. unterscheidet gîse 'militärischer' und gîsel 'ziviler Leibbürge'.

Germanische Entsprechungen

  • anord. gísl 'Geisel, Bürge; Wächter (einer, der für Sicherheit sorgt)'
    isl. gísl, dän. gidsel, norw. gissel, schwed. gisslan 'Geisel'
    Die skandinavischen Varianten erwecken den Eindruck, als seien sie wie im Dänischen aus *gid-sel entstanden.

  • and. gîsal 'Geisel, Bürge', mnd. gîse 'Kriegsgeisel' und gîsel 'ziviler Leibbürge'

  • mndl. g(h)îsel, ghîselair, ndl. gijzelaar 'Geisel'

  • afries. jêsel 'Geisel'

  • aengl. gís(e)l 'Geisel'

Etymologie

Es gibt folgende ernst zu nehmende Erklärungsversuche:

  • Geisel 'Leibbürge' / Geißel 'Peitsche'[5]

    • im Mittelalter durch Ablaut und Geschlecht unterschieden

      • ahd. gîsal, gisil m. 'Leibbürge für Schulden oder Sicherheit'
        ahd. geisila f. 'Stecken, Peitsche'

      • mhd. gîsel m., n. 'Leibbürge, Kriegsgefangener'
        geisel f.,

    Die heutige Unterscheidung Geisel / Geißel ist künstlich. Sie wurde nötig, weil altes langes /i/ zu /ei/ geworden war.

    Es gibt sicher Gedankenverbindungen zwischen Geisel und Geißel. Normalerweise aber nimmt man an, dass ähnlich klingende Wörter unterschiedlichen Ursprung haben.

  • 'einer, der haftet'

    • idg. *gʰais- 'am Fortkommen gehindert sein'

    Dafür spricht die doppelte Funktion einer Geisel, die sich in "Haft" befand und mit ihrer Person für Ansprüche "haftete". Dies scheint mir die plausibelste Erklärung.

  • ein Lehnwort aus dem Keltischen
    Der antike Kriegsbrauch der Geiselnahme (lat. obsidium) ist deutlich zu unterscheiden vom germanischen Rechtsinstitut der Leibbürgschaft (Geiselschaft).

    • Letztere hat Parallelen im Keltischen:

      • gall. PN Con-geistlus, Con-cêstlus = cymr. cyn-gwystl 'Pfand, Preis'
        air. gíall 'Geisel', gell- 'sich verpflichten, versprechen', ad-gell- 'versprechen, schwören', giall- 'dienen, gehorchen'
        ir. giall 'Geisel', geall 'Wette, Versprechen, Einsatz, Pfand', gael. giall 'Geisel, Pfand', geall 'Pfand, Wette, Hypothek', Manx giall 'versprechen, gewähren'

        • Kelt. *geistlos < idg. *ƺʰeis-los < japhet. ƺʰe- 'greifen'
          Die Geisel wäre also eine in Gewahrsam genommene Person oder ein anvertrautes Pfand.

      • cymr. gwystl 'Pfand, Anzahlung, gefangene Geisel', corn. gwystel, bret. gwestl 'Pfand'

        • Britann. /gw/ entspricht sonst idg. /ʊ/, daher kommt das Wort eher von idg. edʰ-tlón. Das Britannische benutzt also für den keltischen Rechtsbegriff das mitteleuropäische *ʊedʰ- 'führen, anvertrauen'.

    Die Kelten haben also nicht unterschieden zwischen sachlichem "Pfand" und leiblicher "Geiselschaft". Die keltischen Wörter haben eine starke verbale Komponente ('versprechen, sich verpflichten, schwören, dienen'), die im Germanischen fehlt. Der keltische Begriff ist also umfassender und allgemeiner.

    Von daher könnte man annehmen, dass das engere germanische Bedeutungsfeld auf einer Entlehnung aus dem Keltischen beruht. Das ist aber aus den oben genannten Gründen wenig wahrscheinlich.

    • Von den überlieferten Bedeutungen her ist es ganz unwahrscheinlich, dass Geisel ursprünglich einen Kriegsgefangenen bezeichnet hat. Das Wort stammt aus dem Zivilrecht.

    • Genauso unglaubhaft ist die Erklärung Pokornys mit idg. *ƺʰeidʰ- 'begehren, begierig sein' (> dt. Geiz, ursprünglich 'Habgier'). Geiselnahme war kein Akt der Habgier, sondern ein legales Verfahren zur Sicherung berechtigter Ansprüche.

  • Uralische Verwandte:

    • germ. gisla- > urfinn. *kisla 'Rechtsakt, der durch ein Unterpfand bekräftigt wird'

      • suomi kihlaus 'Verlobung', kihla-kunnanoikeus 'Gerichtsbezirk'

      • eesti kihlus 'Verlobung', kihl-vedu 'Wette'

      • liv. kīl 'Pfand, Geisel; verpfänden, verloben', kīled 'Verlobung',

    • ung. hisz 'glauben', hit 'Glaube', hitel 'Kredit, Vertrauen'
      eine Wortsippe, die keine Parallelen im Uralischen hat, also wohl entlehnt ist.

    Merkwürdig ist, dass die uralischen Wörter in ihrer Bedeutung stark vom Germanischen abweichen. Das könnte ein Hinweis sein, dass auch bei den frühen Germanen das Grundwort wie bei den Kelten eine viel weitere Bedeutung hatte. Da die Germanen neben gisla- (später 'Leibbürge') auch das konkurrierende wadj- (später 'dingliches Pfand') hatten, haben sie den beiden Wörtern speziellere Inhalte gegeben. Das könnte dafür sprechen, dass gisla- nicht von den Kelten entlehnt, sondern Erbwort ist. Am wahrscheinlichsten dünkt mir dann die Erklärung als 'einer, der haftet'.

  • Baltische Verwandte, offenbar aus einer finnischen Sprache

    • lit. į́-kaitas 'Geisel'
      < lit. į́ 'in' + liv. ka̤iž / ka̤d- 'Hand'

    • lett. ķīlnieku 'Geisel-' (Adjektiv)  < liv. kīl 'Pfand, Geisel'

    Da die Balten schon in römischer Zeit Nachbarn der Germanen waren, haben sie die Wörter wohl erst nach der Völkerwanderung und dem Abzug der Ostgermanen von den Finnen übernommen.

Synonyme in anderen Sprachen

  • Lateinisch obses/ -idis 'Geisel, Bürge, Unterpfand'

  • Griechisch μηρος hómēros 'Bürgschaft, Pfand, Geisel, blind'

    • verwandt mit ὁμαρτή homartḗ 'zusammen', ὁμαρτεῖν homarteîn 'sich anschließen, begleiten'.
      Die Geisel ist eine Person, die man mitnimmt und die einem auf dem Rückweg begleitet. Offenbar ist die persönliche Bedeutung ('Geisel') älter als die dingliche ('Pfand') oder abstrakte ('Bürgschaft').

      • Die Bedeutung 'blind' ergibt sich wohl daraus, dass ein Blinder einen Begleiter braucht, der ihn führt.
        Die Sage, der Dichter Homer sei blind gewesen, beruht auf der Mehrdeutigkeit seines Namens.

  • Slawisch

    • Russ. заложник zalóžnik 'Geisel'

      • aslaw. лєжати ležati, russ. ложить ložíť 'legen'

        • aslaw. заложити za-ložiti, russ заложить založíť 'hinterlegen'

          • aslaw. залогъ zalogŭ, russ.  залог zalóg 'Pfand'

            • russ. залойник zalóžnik 'Geisel'

        Eine Geisel ist also eine Art (-nik) Pfand, ein Pfand ein Gegenstand, der beim Gläubiger "hinterlegt" wurde.

      • wie russ.: bulg., maked. заложник zalóžnik 'Geisel'

    • kroat. tạlac, serb. талац tȁlac, sln. talec 'Geisel'

      • < idg. *tël- 'aufheben, wägen > entsprechen'

    • tschech. rukojmí, slowak. rukojemník 'Geisel'

      • < ruka 'Hand' + aslaw. имати imati 'haben, nehmen', tschech.  jímati 'erfassen'
        wohl im Sinne von 'in die Hand / in Gewahrsam genommen'

    • poln. za-kładnik 'Geisel'

      • < kłaść 'legen'
        Bedeutungsentwicklung wie im Russischen (Lehnübersetzung oder Polonisierung)

  • Sonstiges

    • alb. peng 'Geisel'

      • < pengoj 'hindern'
        wohl zu dt. fangen

    • iran. *gir- 'nehmen'

      • pers. گرو geroû 'Pfand'
        گروگام
        geroû-gân 'wandelndes Pfand, Geisel'

      • kurd. girêw 'Pfand'
        girtyar 'Geisel'

    • n'armen. պատանդ patand 'Geisel'

      • < a'armen. պատան patan 'Binde, Band'
        vgl. griech. πέδη pédē '(Fuß)fessel'

    • türk. tutu 'Pfand', tutak 'Geisel'

      • < atürk. tut-, türk. tutmak 'fassen, festhalten'

        • > ung. túsz 'Geisel'

    • suomi pantti-vanki 'Geisel'
      wörtlich 'Pfand-Gefangener' (beides < germ.)

    • bask. bahituri 'Geisel'
      < bahi 'Pfand, Hypothek' < wgot. *waggji, got. wadi 'Pfand'
      Das bask. /b/ ist ein Zwischenlaut zwischen /b/ und /v/

    • arab. رهتن rahîn 'abhängig von, gebunden an, Geisel'

      • رهن rahana 'verpfänden, wetten'; rahn 'Pfand, Hypothek, abhängig von'
        رهان rihân 'Wette'
        Die Bedeutung 'abhängig, gebunden' ist abgeleitet von der Bedeutung 'Geisel'.

        • < ägypt. rhn 'sich stützen, sich verlassen auf, vertrauen'

      Die arab. Wortgruppe hat also die Grundbedeutung 'Mittel der Vertrauensbildung'.

    • hbr. בן התעובות bän ha-taʕarubôt 'Geisel'
      eigentlich 'Sohn der Bürgschaften', einer, der Bürgschaft leisten muss
      in 2Kö 14,14; 2Ch 25,25 von Kriegsgefangenen

      • < ערב ʕárôb 'bürgen, verantwortlich sein für jem., verpfänden, Tauschhandel treiben', hitʕáréb 'eine Wette eingehen'

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

Sonderzeichen

Abkürzungen

[1] Meyers Konversationslexikon 1876 7,536

[2] Wikipedia

[3] Adelung "Geißel" 1
[4] Grimm, Deutsches Rechtsaltertümer 2,172

[5] Grimm 5,2608 ff

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2006

Aktuell: 09.11.2016