Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Etymologie

heucheln

'sich verstellen' - andere Deutungen

Email:

 

 

Heuchler 'Simulant' erscheint ohne erkennbare Vorstufe bei Luther, der es statt des vorher üblichen Gleisner gebraucht, das inzwischen an gleißen 'glänzen' angeschlossen und als 'scheinheilig' verstanden wurde. Luther wird ein damals volkstümliches Wort aufgegriffen haben, das ihm für die Bibelübersetzung passender schien.

  • Deutungsversuche:

    • zu änhd., mda. hauchen 'sich ducken, gebückt gehen, auf dem Boden kauern'

      • Grimm geht von hauchen 'sich ducken, schleichen' aus und kommt über 'sich kriecherisches verhalten' zu 'mit falschem Herzen schmeicheln'. Er führt zwei Belege an, die diese Deutung stützen sollen:
        • (Von einer Hündin): se wedelte su mit em Zale, wenn ich hem kam..., se hüppte, se sprang, se heuchelte mer, se that aß wen se mich wollde wilkummen heßen. (Gryphius 16", schlesisch)

          Wenn ein Hund sich freut, sieht es manchmal aus, als würde er lachen. Er öffnet sein Maul, lässt die Zähne sehen und atmet kurz und stoßweise. Das ist verbunden mit den beschriebenen Gesten wie Hüpfen und Schwanzwedeln. Dieses Heucheln ist Iterativum von hauchen, also 'beim »Lachen« kurz und stoßweise atmen'.

        • (Gott), der eh wir bitten, hilft, uns liebt, doch uns nicht schmeichelt, ja, träf ihn unser Zorn, nicht unsern Lüsten heuchelt (Gellert 17")

          Das junge Zitat setzt das heutige heucheln voraus und bedeutet wohl 'auch angesichts unsres Zorns bei seiner Meinung bleibt und nicht gegen seine Überzeugung handelt'. Zu bedenken ist, dass heucheln hier Reimwort ist und sich für die Erhebung einer Bedeutung kaum eignet.

        Beide Zitate beweisen also nichts.

    • Kluge 24. Aufl., Pfeifer Et. Wn. 517 f  erwägen eine Ableitung von ahd. *hiwihhōn 'scheinen'. 

      • Got. hiwi ist im einzigen Beleg 2 Tim 3,5 tatsächlich im Sinn von 'Heuchelei' gebraucht: "Sie haben den Anschein von Frömmigkeit, leugnen aber deren Kraft", d.h. sie tun nur so, aber es steckt nichts dahinter.
        Da hiwi ein Übersetzungswort ist, ergibt sich seine Bedeutung aus dem Kontext der Bibel. Wir wissen nicht, wie das Wort im täglichen Leben gebraucht wurde. Als Beleg für ein germ. Grundwort kommt hiwi nicht in Fragte.

        Die anderen germ. Wörter bedeuten eher 'Farbe'. Auch bedeutet heucheln nicht 'den Anschein haben', sondern 'den Anschein erwecken'. Diese kausative Bedeutung könnte durch die Anfügung -ihhōn ausgedrückt sein - nur ist dieses Wort nicht überliefert.

    • änhd. heuchen 'tonlos reden'
      Das Wort ist nach dem Zusammenhang ein spontan gebildetes Reimwort: er stammlet, er lammlet, er keuchet, er heuchet (Abele 16"). Es kommt also als Grundwort von heucheln nicht in Frage.

Luther gebraucht heucheln außerhalb der Bibel im Sinn von 'sich bei jemand einschmeicheln, unterwürfig in seinem Sinn handeln, ihm nach dem Mund reden'. Henisch (1616) stellt nebeneinander:

  • fuchsschwänzeln, heuchelen, adulari, assentari

    • Fuchsschwänzeln ist erweitert aus schwänzeln, wie ein Hund bettelnd mit dem Schwanz wedeln'

    • lat. adulari meint dasselbe

    • lat. assentare 'zustimmen', auch im Sinn von 'jemand nach dem Mund reden'

Andreas Gryphius hat in dem obigen Zitat wahrscheinlich den ursprünglichen Sprachgebrauch festgehalten: 'wie ein Hund seinen Herrn begrüßen'

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

Sonderzeichen

Abkürzungen

 

 

Grimm 10,1279

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

ein einziger Beleg bei Grimm 10,1282

 

 

 

 

Grimm 10,1279

nach oben

Übersicht

Systematik

 

Begriffe: Glaube. Unglaube, Andersglaube | sich verstellen | Wahrheit und Lüge

Sprachecke 11.09.2007

 

 

Datum: 2007

Aktuell: 07.04.2016