Diskussion Himmel

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • germ.

    • got. himins, anord. himinn 'Himmel'

    • and. hevan, mnd. hêven 'Himmel'

    • aengl. heofon, engl. heaven 'religiöser Himmel'

    • and. himil, mnd. hemmel 'Himmel'

    • ahd. himil, mhd. himel, nhd. Himmel 'was über uns ist'

    • mnl. hêmel, ndl. hemel 'Himmel'

    • afries. himul, himel 'Himmel'

Theorien

  • Stieler (1691/ 1968) 1,839

    • Derivatum esse hanc vocem Himmel indicat, quod est bissyllaba, & in terminationem finalem el exit = Dass dieses Wort Himmel abgeleitet ist, erkennt man daran, dass es zweisilbig ist und mit dem Suffix -el endet.

    • sunt, qui à Heim / domus, ducunt, quasi Heimel / quia sit vera patria Christianorum & habitaculum aeternum = Manche leiten Himmel von Heim ab ("Heimel"), weil er die wahre Heimat der Christen und ewige Wohnung ist.

    • Alii primigenium esse contendunt, olimq[ue] dictum Amal... Verum & hoc Amal / quia dissyllabum est, prima radix non est. = Andere behaupten, das sei ein ursprüngliches Wort und habe einst Amal geheißen... Aber auch dieses zweisilbige Amal kann nicht die ursprüngliche Wurzel sein.

      • Eine Wurzel ist einsilbig.

    • Investiganda igitur illa diligentiùs erit. = Es ist daher folgendes noch sorgfältiger zu untersuchen:

      • Hüven & Hefen majoribus nostris dictum est aether, & Angli coelum inde appellant Heaven/ quod nihil aliud est, quam nostrum Hie oben = Der Himmel wurde von unsern Vorfahren Hüven und Hefen genannt, und die Engländer sagen daher heaven, was nichts anderes ist als unser "hie oben".

      • Saxonicè effertur He, quod etiam Thuringi mei ita pronunciant: Ideoq[ue] Hemel à Höhe / duci mihi certè persuadeo... = Die Sachsen sagen Hemel und so sprechen es auch meine Thüringer aus... Daher bin ich fest davon überzeugt, dass Himmel von Höhe kommt.

      • Quemadmodum igitur à schön est schimmer/ & Schimmel; sic à Höhe/ Höhn est Hömmel / sive Himmel. = Wie also Schimmer und Schimmel von schön kommt, so auch von Höhe / Höhn "Hömmel" bzw. Himmel.

        • Hemel < Hömmel

  • Adelung (1793-1801)

    • Anm. Bey dem Ulphilas und im alt Schwed. Himin, im Isidor, bey dem Kero, Ottfried, Willeram u.s.f. schon Himil, Himile, im Dän. und Schwed. gleichfalls Himmel.

    • Wachter war in Ansehung der Ableitung dieses Wortes sehr unbeständig. Anfänglich pflichtete er dem Dieterich von Stade bey, der es von heimen, bedecken, abstammen ließ; hernach sahe er das Vorwort [Präposition] um als das Stammwort an, und endlich fiel er gar auf das Zeitwort hammeln, verstümmeln, und erklärete die Benennung des Himmels aus der albernen Fabel von dem Saturn, der den Cölum verschnitten haben soll.

    • Frisch leitete es von ha, hoch und heben her, nach einer nicht seltenen Verwandelung des b in m, wie die Holländer Hemel für Hebel, Sauerteig, sagen.

      nicht verifizierbar

    • Allein da dieses Wort ehedem von einer jeden Decke, besonders von einer gewölbten und hohlen Decke gebraucht wurde, so ist die Ableitung von dem alten heimen, decken, bedecken, immer noch die wahrscheinlichste. S. Hemd.

    • Die Endsylbe -el ist weiter nichts als die Ableitungssylbe, welche ein Werkzeug, oder ein handelndes Ding bedeutet, so daß Himmel nichts anders ist, als eine gewölbte Decke, welches mit dessen scheinbaren Beschaffenheit sehr gut überein kommt.

      • Himmel als "hohles" Gewölbe verstanden

      • heimen kann 'hehlen, einheimsen' bedeuten.

      • hehlen ≲ hohl

    • Auf eben die Art nannten ihn die Griechen κοιλος [koîlos 'hohl'], und die Lateiner coelum ['Himmel'], welche beyden Wörter mit hohl sehr genau verwandt sind.

    • Bey den alten Schweden war Himin die Gehirnhaut,

      • Guta-Lagh, das ist, der Insel Gothland altes Rechtsbuch. In der Ursprache 199

        • Note 166. Die Haut des Gehirns. - Zuvörderst ist die des gothländischen Textes nachzutragen, welcher lautet: Sis a himin eþa hinna, þa ir byt at tueim marc Silſs. - Demnächst s. denn über die gothländischen Worte: himin eþa hinna, d. i. Überdecke, oder Hirnhaut

          • anord. himna 'Bauchfell'; hinn 'Haut, Hirnhaut, Bauchfell' 253

    • so wie das Griech. ὑμην [hymḗn] eine jede pergamentartige Haut bezeichnet. Die Niedersachsen nennen den Himmel Hefen, (Engl. Heaven,)

      • entweder von heben, dessen Höhe zu bezeichnen,

      • oder auch noch wahrscheinlicher von der scheinbaren gewölbten Beschaffenheit desselben, da denn dieses Wort zu Hafen, ein hohles Gefäß, Lat. cavus ['hohl'], gehören würde.

    • Aus eben dieser Ursache heißt er bey den Bretagnern und Wallisern Nef, Nefo, S. Napf. Im Oberd. wird himmlitzen häufig für blitzen gebraucht. S. auch Himmeln.

  • Grimm (1877)

    • himmel, m. caelum. goth. himins, altnord. himinn; alts. himil, fries. himul, niederl. hemel, schwed. dän. himmel; ahd. himil, mhd. himel.

    • diesem worte gegenüber, das goth. und altnord. nur im ableitenden suffixe von den andern genannten dialecten verschieden ist, steht, im altsächsischen beginnend, im angelsächsischen und englischen, auch in einigen heutigen niederdeutschen mundarten allein gebräuchlich ein anderes wurzelhaft nicht verwandtes, alts. he[v]an, niederd. heben, ags. heofon, engl. heaven; auch im altnord. begegnet ein seltenes hifinn.

    • wie dies auf die wurzel hab heben, halten (sp. 46. 721) zurückführt, und den himmel als umschlieszer, halter der erde bezeichnet, so ist nach der von Grimm gegebenen, wolberechtigten etymologie himmel von der wurzel ham decken ausgehend (vgl. sp. 980) und hat die eigentliche bedeutung einer decke oder eines daches der erde. daneben hat sich auch eine übertragene gebildet.

  • Kluge (1894)167f


      • anord. geime 'Ozean' nicht verifizierbar

  • Databases

  • Kluge (2013)

    • Himmel Sm std. (8. Jh.), mhd. himel, ahd. himil, as. himil Stammwort.

    • Wie afr. himel, himul durch Suffix-Ersatz (oder Dissimilierung) aus älterem g. * himena- m. "Himmel" entstanden. Dieses zeigt sich in gt. himins, anord. himinn; während ae. heofon, as. he␢an das m dissimilatorisch zu v (stimmhafter bilabialer Reibelaut) weiterentwickelt haben.
      Der etymologischen Deutung stellt sich folgendes Problem entgegen:

      • Die Bedeutung "Himmel" tritt in verschiedenen indogermanischen Sprachen bei Wörtern auf, die sonst "Stein" bedeuten - völlig sicher ist dies nur bei iranischen Wörtern (avest. asman- m. "Stein, Himmel", apers. asman- m. "Himmel"), bei der altindischen Entsprechung (ai. áśmā "Stein") ist es umstritten; die griechische Entsprechung (gr. ákmōn) bedeutet normalerweise "Amboß", doch fällt in der Theogonie des Hesiod (722) ein chálkeos ákmōn vom Himmel (ein "eherner Amboß" ? oder ein Meteorstein ?).

      • Das germanische Wort für den Himmel entspricht diesen Wörtern in den Konsonanten, aber nicht im Vokalismus und in der Stellung des Wurzelvokals - allerdings taucht dasselbe Problem auch bei dem Wort Hammer auf, das mit einiger Sicherheit in diese Sippe gehört (und das diese Besonderheit auch im Slavischen zeigt).

    • Bei diesem Stand der Dinge ist keine Sicherheit zu gewinnen, zumal der Bedeutungszusammenhang zwischen "Stein" und "Himmel" alles andere als klar ist (nach Maher eigentlich "Gewitterhimmel" im Gegensatz zu * djēu- "Taghimmel", benannt nach den "Donnerkeilen" = "Steinen", die aus ihm kommen, vgl. den Hammer des Donnergottes Thor, Ausgangsbedeutung wäre "scharf").

    • Andererseits ist eine Etymologie, die auf diese möglichen Zusammenhänge keine Rücksicht nimmt (und das Wort Himmel etwa zu ig. * ḱem- "bedecken" stellt) unbefriedigend, weil sie potentiell aufschlußreiche grundsprachliche Zusammenhänge außer acht läßt. Adjektiv: himmlisch.

  • Duden Etymologie (2015)

    • Himmel: Die Deutung des gemeingerm. Wortes mhd. himel, ahd. himil, got. himins, engl. heaven, aisl. himinn ist umstritten.

      • Am ehesten handelt es sich um eine Substantivbildung zu der unter Hemd dargestellten idg. Wurzel *k̑em- »bedecken, verhüllen«, wonach der Himmel als »Decke, Hülle« benannt worden wäre.

      • Andererseits kann die Benennung des Himmels auf die uralte Vorstellung des Himmels als Steingewölbe zurückgehen. Dann bestünde Verwandtschaft mit der Wortgruppe von Hammer (ursprünglich »Stein«) und weiterhin wohl Zusammenhang mit aind. ás̓man- »Stein; Himmel«, griech. ákmōn »Amboss; Meteorstein; Himmel« usw.

  • Übersicht:

    • Stieler

      • Himmel ist zweisilbig, also Ableitung

      • Referat:

        • zu Heim

        • zu Amal, das ebenfalls zweisilibig ist und nicht die Wurzel sein kann

      • Stieler:

        • Hüven, Hefen, heaven < hie oben

        • Hemel < Höhe

    • Adelung

      • < 'gewölbte Decke' heimen 'bedecken' ≲ hohl

    • Kluge (1894)

      • n ǂ l wie bei Esel, Igel

      • zu 'Heim'

      • Verwandtschaft zu lat. coelum 'Himmel' zweifelhaft

    • Kluge (2013)

      • fragwürdig: Beziehung zu

        • awest. asman- 'Stein Himmel'

        • ḱem- 'bedecken'

    • Duden

      • genauso, bevorzugt 'bedecken'

    • Databases

      • stellt die germ Wörter mit heth. kammara 'Rauch' zu einem "Borean" = noach. *h¤km- 'Wolke, Rauch' und distanziert sich von 'Stein'

Diskussion

  • Dissimilation

    • 2 n oder ...m in einem Wort > l...n/m der m/n...l

      • ahd. samanōn > sammeln

  • Kluge (1894)

    • hevan, heofon 'Himmel', poetisch geva, geofon 'Meer' scheinen Parallelbildungen zu sein.

      • Dann würde heƀan auf haben, heben bezogen werden und geva auf geben (als Gegensatz).

      • Naheliegend: Himmelsgewölbe / Meeresmulde

      aber fragwürdig, weil Etymologie von geva unbekannt.

  • TH 02.2018

    • germ. Beispiele, wo -m- > -f- wurde:

      • germ. nama(n) > anord. nafn 'Name'

      • anord. himneskr / hifneskr 'himmlisch' 252f

      Also hevan, heofon < *hiƀn- < *himn-

    • Wie die i-Lautung (Himmel) zeigt, liegt /e/ zugrunde, nicht /ä/.

    • zu griech. καμάρα kamára 'Gewölbe, Himmelbett, bedeckter Wagen'

      • ⒢ erklärt so wenig e > i wie noach. *κamaњ 'Stein, Schlagstein' oder Hammer

    • Für 'bedecken' vgl.

      • aind. शामूल śāmūla 'wollenes Hemd'

      • sem. *šamaj- 'Himmel', ägypt. sjm 'Nebel' 666

      • japhet. *śkü- 'bedecken, umhüllen', anord. ský 'Wolke' > mengl. skie 'Wolke, Himmel', engl. sky 'meteorologischer Himmel'

      • japhet. nebh-, embh-, m̥bh- 'feucht, Wasser; Dampf, Dunst, Nebel, Wolke'

        • air. nem, nir. neamh, cymr. corn. nef 'Himmel'; abg. nebo 'Himmel'; hitt. ne-pi-iš 'Himmel'

      also nicht 'Himmelszelt', sondern 'mit Wolken bedeckt'

      • Alternative:

        • *śkim-in-iż zu anord. skimi 'Glanz'; aengl. scima 'Strahl, Licht, Helligkeit, Glanz, Dämmerung'

          • -iż erforderlich, da sonst *hem-.

          • würde Himmel erklären, aber nicht hevan < *hefn- < *hemn-.

            • e kann Umlaut < i vor a sein. 1,57

          zu viele Zusatzannahmen.

    • 'Bedeckt' = vgerm. *cém-n-ós ist einfacher.

      • idg. Verbaladjektiv auf -no- (griech. τέκνον téknon 'geboren, Kind')

      • Vgl. griech. τέμνειν tém-n-ein 'schneiden'; τέμενος tém-en-os 'abgegrenztes Stück Land' (mit Gleitlaut zwischen m und n)

      • got. himins,  anord. himinn ist Part. Prät., wie got. fulgins 'verborgen', anord. bundinn 'gebunden' :: ahd. gibuntan 'gebunden'  2,105 

      • Da nur im Got. e generell > i  wurde, 1,57

        • ist Himmel entweder gotisches Missionswort

          • Dafür spricht

            • Himmel ist vor allem hd.

            • :: and. anord. himinn

            • ndt. hevan > heven 'natürlich, himmel christlich Kluge (1894)

              • spät missioniert

        • oder das 1. n in sgerm. himil ist umgelautet infolge des 2.

          • Dafür spricht scheinbar heƀan mit e vor a.

          • Dann aber muss man sich wundern, dass in den hd. Dialekten nur himil, himel überliefert ist. 4,938f

            • Auch die Friesen wurden spät missioniert. Himul ist eher Rekonstruktion aus himel als ursprünglich.

  • Databases

    • haben den Vorteil, dass sie die idg. Himmelwörter in einen weiteren Zusammenhang stellen.

    • Fragwürdig ist aber die im Germ. nicht bezeugte Bedeutung 'Wolke', die sich nur im räumlich wie zeitlich weit entfernten heth. 'Rauch' wiederfindet und im Altanatolischen keine Parallelen hat.

    • Dagegen spricht auch

      • das Doppel mm in kammara, kann sein < nm, mn, Labial + Nasal

        • kaum zu griech. καπνός kapnós 'Rauch', das wäre heth. !kʊammara

      • dass die außeridg. Vokabeln u-/w-Lautung haben.

    kommt nicht infrage.

Erklärung

  • germ. *ħem¤naż 'bedeckter Himmel'

zurück

 

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Email:

Aktuell: 10.02.2019