Diskussion Kittchen

Befund

  • nhd. Kittchen 'Gefängnis'

  • Rotwelsch

    • Train (1833) 64

      • Kitt, n. Haus

      • Kitte, f. Arrest, Gefängniß, Gewahrsam, Haft, Küche, Schergenhaus

      • Kittgen, n. Arrest, Gefängniß, Gewahrsam, Haft, Küche, Schergenhaus, Zuchthaus

    • Polzer (1922) 44

      • Kitt(e) 'Haus, Herberge, Gefängnis, öffentliches Haus, Zuchthaus'
        Kittchen 'Gefängnis, Strafanstalt, Gefängniszelle'

Theorien

  • Kluge 2002

    • Kittchen "Gefängnis" (19. Jh.) Stammwort. Im Rotwelschen bezeugt seit dem 18. Jh. Vermutlich eine Kreuzung aus fnhd. keiche, keuche, "Gefängnis, Kerker" und rotw. Kitt(e) "Haus", später auch "Gefängnis", das wohl zu Kate gehört.

    • Grimm 11,434 (1873)

      • keiche, keuche, f., gefängnis, ein hauptsächlich dem bair. sprachgebiete gehöriges wort, mhd. kîche, schwachf.: carcer, kerker, keuchen, gefängnis. Frischlin nom. c. 73, keuch c. 154. 487 (Frisch 1, 512c); keichen Schönsleder, Megiser dict. quatuor lingu. H 1b (er gibt auch als windisch kaiha); ...es gilt noch bair., tirol., östr., kärnt., auch als schlechtes, finsteres gemach, loch (Schmeller, Schöpf 309). auch ostschwäbisch, in Augsburg, keuche und kauche Schmid 306. Es ist offenbar von keichen schwer atmen, im grunde eins mit dem vorigen, ort der einem den atem benimmt, erschwert (s. bes. keichenstock); daher auch die nebenform keuche (die Schöpf auch aus Tirol belegt), und kauche, denn keichen, keuchen und kauchen sind alte nebenformen éines wortes. Wichtig und alt scheint 'cimbrisch' kaicha falle, schlinge Schmeller 133b, deutlich vom einengen des atems.

        • eher zu Grimm 11,306 kauchen, kauern, sich ducken, sich einziehen

      • Kauche wäre dann die niedrige und enge Zelle, in der man kauern muss. Keuche ist Umlaut.

Diskussion

  • Für eine Verbindung mit Kate gibt es keinen Anhaltspunkt. Diese Wörter haben kein i.

  • Kauche, Keuche, Keiche 'Gefängnis' muss außer Acht bleiben, wenn die Herkunft des Wortes gefunden werden soll.

  • Das Diminutiv Kittchen deutet an, dass nicht die große Strafanstalt gemeint war, sondern die örtliche Arrestzelle, in der die Verhafteten erst mal in Gewahrsam genommen wurden, bevor sie verurteilt und ihrer Strafe zugeführt wurden.

  • griech. κοίτη koítē 'Lager, Bett' > mhbr. קיתה qîṭâ 'Lager, Teppich' Dalman WB 474

    • Dann Bedeutungsübertragung 'Schlafplatz > Haus' > Gefängnis. Unwahrscheinlich, da dieses Wort nur literarisches Hbr., nicht jidd.

  • Die älteste Bedeutung von Kitte scheint aber 'Gefängnis' zu sein, 'Haus' ist eine Verallgemeinerung.

    • Dann zu Kette 'Fessel' bzw. zum mhd. Verb ketten, kyeden, kydden 'binden' Dief 107

      • wegen fehlender Belege nicht verifizierbar, also unwahrscheinlich.

  • Die ebenfalls überlieferte Bedeutung 'Küche' lässt vermuten, dass Grundlage engl. kitchen ist, das zu 'Haus' verallgemeinert und dessen -chen als Diminutiv missdeutet wurde.

    • Dann wäre Kitt(e) eine Rückbildung.

      • im 19" Jh. unwahrscheinlich

  • pgerm. = griech. κοίτη koítē 'Lager, Bett'

    • Ndl. kit verächtlich 'Haus', wfries. kitte 'Kneipe, Bordell' (ost- und nfries. nicht nachweisbar) INL GTB

    • mnl. kête, ndl. keet 'Schuppen, Bude, Baracke, Hütte' INL GTB

    • anl., mnl. kot 'armseliges Häuschen' INL GTB, ndl. kot 'Hütte, Kittchen, Verschlag'

    • mnd. kitzen, ketzen 'ein kleines, an ein anderes Haus oder Zimmer angebautes Gemach, Nebenwohnung'

      Meyer-lübke 174

    • ond. Kiez, alt 'Fischersiedlung, Schäferei' Grimm 11,699 f, neu 'Stadtteil, abgelegener Ort, Vergnügungsviertel'

      deutsch, nicht slawisch Pfeifer 653

      • Auch das Ndt. hat Wörter mit [ts]: butze 'Kämmerchen', klunz / klunt 'Klumpen', petzel 'Schirmmütze'

Erklärung

  • ganz deutlich = ndl. kit, keet, wfries. kitte, mnd. kitzen

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 16.04.2017