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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Etymologie

Kummer

nhd. 'Gram'

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Sorgen sind quälende Gedanken, die wir uns um die Zukunft machen: ob wir das Getreide ernten können, bevor es regnet – ob das Geld reicht – ob Frieda wieder gesund wird und Erwin eine Stelle bekommt. Kummer haben wir, wenn etwas geschehen ist, was uns nicht gefällt, dass Andreas angefangen hat zu trinken, ein Vorhaben gescheitert ist usw.

Wenn ich mich um etwas kümmere, dann nehme ich mich der Sache an. Ich kümmere mich darum, dass für das Fest ein Zelt zur Verfügung steht. Das ist mit Umständen verbunden, ich weiß ja zunächst nicht, wer solche Zelte ausleiht, ich muss Preisvergleiche einholen, vielleicht klappt das alles nicht und wir müssen eine andere Lösung suchen. Wenn ich dagegen ein Zelt besorge, dann gehe ich weg und hole eins.

Kümmern hat durch das -er einen iterativen Beiklang, obwohl die Anfügung ja Bestandteil des Wortes ist; es gibt nur Kummer, nicht Kumm. Iterativ ist z.B. stochern 'mehrmals stechen' (zu gestochen). Sich kümmern klingt also nach geschäftig hin und her laufen und Hektik. Sorgen dagegen hört sich nach ruhigem, zielstrebigem Handeln an.

"Ich bin besorgt" und "ich bin bekümmert" drückt einen ähnlichen Seelenzustand aus. Aber versorgen 'betreuen und mit dem Notwendigen ausstatten' und verkümmern 'schlecht gedeihen' (sich so entwickeln, dass man Kummer hat) sind fast das Gegenteil: Wer nicht richtig versorgt wird, verkümmert.

"Sei unbesorgt" heißt 'mach dir keine Gedanken'. Das Besorgtsein muss man manchen Leuten regelrecht verbieten, weil sie sich auch um Dinge sorgen, für die sie keine Verantwortung haben. Unbekümmert ist jemand, der fröhlich in den Tag hinein lebt und gar nicht auf die Idee kommt, dass man sich Gedanken machen müsste. Sie sind zu sorglos. Aber nicht "kummerlos" – dieses Wort gibt es nicht.

Kümmern und ndl. bekommeren sind nicht "Geschwister". Denn das ndl. Wort ist ohne Umlaut direkt vom Nomen abgeleitet (und erhält seine kausative Bedeutung durch be‑, das dt. dagegen ist eine Kausativbildung mit Umlaut 'Kummer machen'. Bekümmern ist eine sekundäre Ableitung von kümmern.

Kummer, kommer gibt es nur im Dt. und Ndl. Es geht mit frz. en-combrer 'überfüllen, versperren' auf ein keltisches *com-ber- = lat. conferre 'zusammenbringen' zurück. Grundbedeutung von Kummer, kommer ist 'Hindernis, Schwierigkeiten'. Mlat. combrus war bei Gregor von Tours (vor 600) eine Wegsperre, später in Kloster-Urkunden auch ein Wehr an einem Teich. Wenn dieses Wort aus dem Galloromanischen stammt, erklärt sich auch, warum es nur ab mnl. mnd. und mhd. bezeugt ist.

 

Sonderzeichen

Schrift: ARIAL UNICODE MS

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Datum: 2010

Aktuell: 19.08.2016