Diskussion Leber

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • idg. *ıĕǩŏњ 'Leber'

    • aind. यकर yakára 'Leber'

    • awest.  yākar- 'Leber' 1282

      • pers. جگر ǧegar 'Leber (Speise) 59

    • griech. ἧπαρ hēpar 'Leber (Sitz von Leben, Empfindungen, Leidenschaften)' 682

    • lat.

      • iĕcŭr / iĕcŏris (iĕcĭnŏris) 'Leber'

      • iŏcŭr / iŏcĭnŏris 'Leber'

    • balt.

      •  alit. jekanas pl. 'Leber'

        • lit. jẽknōs 'Leber'

      • lett. aknas 'Leber' 17 

      • apreuß. lagno 'Leber' 86 

        Schreibfehler oder Bindeglied zu den Formen mit l?

  • japhet. *ly- 'mit Fett beschmieren' > gr. λιπαρός liparós 'fett' : vgl. aind. riprá- n. 'Schmutz', alb. laparós 'beschmutze, stinke' > vgerm. lirá  'Leber'

    • germ. *liƀərō 'Leber'

      • anord. lifr 'Leber' 383

      • aengl. lifer 'Leber'

      • afries. livere 'Leber' 67

      • mnl. levere 'Leber'

      • mnd. lever 'Leber' 204

      • ahd. lebara 'Leber' 213

        • nhd. Leber

    • *lipard > arm. լյարդ ljard 'Leber' 252

Theorien

  • Adelung (1793-1801)

    • Anm. In der zweyten engern Bedeutung im Oberd. Läber, im Nieders. Lewer, im Dän. Lever, im Angels. Lyfer, im Engl. Liver, im Schwed. Lefver, im Isländ. Lifur. Schon Wachter sahe es ein, daß dieses Wort mit liefern, geliefern Eines Geschlechtes sey, doch nur so fern dasselbe in der weitesten Bedeutung erhaben, fest werden, bezeichnet; ob ihm gleich die erste allgemeine Bedeutung des Wortes Leber, welche diese Verwandtschaft außer allen Streit setzet, unbekannt war. S. Lab und Kleben, welche gleichfalls zu dessen Geschlechtsverwandten gehören. Das Griech. ƞπαρ scheinet auf ähnliche Art mit Haufe verwandt zu seyn.

  • DWB (1885)

    • dasz das wort, das keine sicheren etymologischen bezüge zu urverwandten sprachen hat, mit lab coagulum (sp. 3) und mit dem unten folgenden verbum libbern, lifern zusammenhängt,

      • libbern, verb. gerinnen, zu einer schwammigen masse zusammenlaufen

      ist längst ausgesprochen; liegt diesen wörtern die vorstellung der scheidung und sonderung des flüssigen vom festen zu grunde, so läszt uns das subst. leber in eine uralte medizinische vorstellung einsicht gewinnen, derzufolge der leber obliegt, dasjenige von den speisen, was der erhaltung des körpers dient, von den hefen zu trennen und beides richtig zu leiten,

  • Kluge (1894) 229

  • Pokorny (1959/2002)

    • i̯ē̆kʷ-r̥(t-), Gen. i̯ekʷ-n-és

    • Schwierig ist das vielleicht tabuistisch entstellte arm. leard, Gen. lerdi 'Leber'

    • Hingegen gehören anord. lifr f. 'Leber', ags. lifer, engl. liver, ahd. libera, lebara zu gr. λιπαρός 'fett', indem das ursprüngl. Beiwort der (gemästeten) Leber ebenso das alte Wort für Leber verdrängt hat, wie lat. jecur ficātum zu ital. fegato usw. geführt hat.

    • Eine uridg. Grundform *li̯ekʷr̥t scheint mir zu gewagt.

  • Pfeifer (1995 / 2005)

    • Leber f. den Stoffwechsel regelndes Drüsenorgan (der Wirbeltiere), ahd. lebara (8. Jh.), mhd. leber(e), mnd. mnl. lēver(e), nl. lever, aengl. lifer, engl. liver, anord. lifr, schwed. lever.

    • Herkunft ungeklärt.

      • Man versucht (nicht überzeugend), das germ. (im Got. nicht belegte) Wort mit der ie. Bezeichnung der Leber aind. yákṛt, Genitiv yaknáḥ, lat. iecur (Genitiv iecoris und iecinoris), lit. (j)ẽknos, (j)ãknos zu verbinden, und erschließt (bei Annahme eines ursprünglichen Anlauts li̯-) ie. *li̯ēku̯ṛt, das zur Wurzel ie. *leiku̯- ‘lassen, zurück-, übriglassen’ gestellt und als ‘das beim Opfer den Göttern überlassene Organ’ gedeutet wird.

      • Meist wird jedoch für die germ. Formen Verwandtschaft mit Wörtern angenommen, die wie ↗Leim, ↗Schleim, ↗bleiben (s. d.) auf die auch s-Anlaut aufweisende Wurzel ie. *lei- ‘schleimig, klebrig, durch Nässe glitschiger Boden, ausgleiten, worüber hinschleifen oder -streichen’ zurückgehen, falls es sich bei Leber um Verselbständigung eines ursprünglichen Attributs (‘die Klebrige, Fettige’) handelt, das das alte ie. Wort für Leber verdrängt hat.

      • Nicht auszuschließen ist ferner die Annahme, die Leber sei als „Sitz des Lebens“ Ableitung von dem unter ↗leben behandelten Verb.

  • Kluge (2013)

    • Leber Sf std. (8. Jh.), mhd. leber(e), ahd. lebara, lebera, mndd. lever, mndl. lever(e) Stammwort. Aus g. * librō(n) f., auch in anord. lifr, ae. lifer, afr. livere.

    • Das Wort bedeutet vermutlich ursprünglich "die Fette" (vielleicht eigentlich "die gemästete Leber", vgl. it. fegato m. "Leber" aus l. iecur fīcātum n. "gemästete Leber"). In diesem Fall vergleicht sich gr. liparós "fett" zu gr. lípos n. "Fett, Öl, Salbe" und weiter die unter bleiben angeführte Wortsippe.

    • Es ist allerdings nicht völlig ausgeschlossen, daß das germanische Wort das indogermanische Wort für "Leber" (ig. * jekʷṛ, vgl. l. iecur n. usw.) fortsetzt, da bei diesem auch sonst lautliche Entstellungen auftauchen (z.B. ein Anlaut l- im Armenischen, falls das armenische Wort zugehörig ist).

  • Databases (2019)

    • noach. *lVṗV ? 'Milz'

      • idg. *lepr- 'Leber'

      • Altai *li̯ap- 'Milz'

      • Ural *läpp- 'Miz'

      • afroasisch *la/ipʔ- 'Organ'
        *li/ubb- 'Herz'

        • sem. libb- 'Herz'

        • ägypt ỉb 'Herz'

      • austrisch *limpa' Milz (?)

    • idg. *yekʷ- 'Leber' (bzw. i̯ē̆kʷ-r̥(t-), Gen. i̯ekʷ-n-és )

      • aind. yákrt, gen. yaknáḥ Leber'

      • iĕcŏ

      • agriech. hē̂par, gen. hḗpatos n. 'Leber'

      • balt. *jekan-, *jekn- 'Leber'

        • alit. jekanas pl. 'Leber'

          • lit. jẽknōs, ẽknōs, (j)ãknōs pl. 'Leber'

        • lett. akna, akne, pl. aknas, aknes, aknis, dial. (Dond.) pl. jęknas 'Leber'

        • apreuß. lagno 'Leber'

      • lat. iecur, gen. iecoris/iecineris n. 'Leber'

Diskussion

  • zu Lab, libbern 'gerinnen' (Adelung, DWB)

  • l = j (Kluge (1894), Kluge (2013) - nein: Pfeifer)

    • Wechsel zwischen hellem Ŀ und dunklem Ľ auch im Ndl. (wild 'wild' :: woud 'Wald') und Slaw. (poln. stol Tisch' :: stół 'Stuhl')

    • roman. blanco > it. bianco 'weiß'

    • armen. lėzu = aslaw. jęźĭkŭ 'Zunge'

    • sem. l = äg. j 53 

      • libb- = jb 'Herz'

      • arab. launun = jwn 'Farbe'

    ist also doch "überzeugend"

  • p < ǩ (Kluge (1894), Pfeifer)

    • z. B. im Kelt., Griech., nicht im Germ.

    • daher nicht zu *leiǩ- 'lassen' (Pfeifer) >> dt. leihen

  • zu liefern, libbern, Lab (Adelung, DWB), gr. λιπαρός liparós 'fett (Pokorny, Kluge (2013)), *lei- ‘schleimig, klebrig' oder leben (Pfeifer)

    • gr. λιπαρός liparós 'fett' (Pokorny): vgl. aind. riprá- n. 'Schmutz', alb. laparós 'beschmutze, stinke'

    • vgl. ahd. lebado 'Fleck, Fehler, Mal',  lebarmeri 'geronnenes Meer', lebaroht 'geronnen' 252, lässt sich verstehen als 'erstarrt' (vom Schmalz)

      • Leberfleck auf der Haut

        • Die Farbe von Leber und Herz unterscheiden sich kaum.

        • Übersetzung von medizin.-lat. macula hepatica , also keine verdeutlichende Zusammensetzung ("Leber = Fleck")

  • arm. liard 'Leber'

    • nicht tabuistisch entstellt (Pokorny), sondern < *li/p\ard

  • noach. Wort = sem. libb- = ägypt. jb 'Herz' (Databases)

  • zwei Stämme:

    • *ıĕǩŏњ 'Leber'

      • vgl. türk. yağ 'Fett, Öl, Schmiere' 477, mong. ögekü(n) 'Fett'

    • *leip- 'beschmieren'

      Benennungsmotiv: Schlachtleber hat kein Muskelgewebe und ist daher nicht fest, sondern weich, wie Fett.

      • Zu sem. libb- = ägypt. jb 'Herz' gehören:

        • sem. *li/apiʔ- 'fettiges, fleischiges Gewebe'

          • akk. lipû 'Fettgewebe, Fett, Talg; Mark'

          • hebr. לפלוף liplûp 'Sekret des Auges' 219Wb 

Erklärung

  • 2 Wurzeln

    • idg. *ıĕǩŏњ 'Leber' = Altai *ıagi- 'Fett'

    • Leber = sem. *li/apiʔ- 'fettiges, fleischiges Gewebe'

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Heinrich Tischner

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Aktuell 05.03.2019