Diskussion Mühle (Spiel)

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • deutsch

    • 14b" zwickmul

    • 15° fickmül(en)

    • 17b" Mühle

  • 'Mühle'

  • merellus

    • frz. mérelle

      • SacVil

        • 566 marelle: 1. ehem. Art Brettspiel; Brett dazu. 2, ~ (assise) Mühlenspiel. 3. ~ (à cloche-pied) Himmel-und-Hölle-Spiel.

        • 579 méreau† Metallmarke,  (milit.) Stundenabzeichen der Ronde

    • katal. marró de nou 'Neuner M.'

    • engl.

    • ndl. morris

  • andere
    • bulg. дама dama 'Dame'

    • port. trilha 'Pfad' #

    • rum.

      • ţintar (ţintă 'Ziel' #; 'Nagel, Stift, Zielscheibe' 168)

      • car 'Wagen'

    • türk. dokuz taş '9 Steine'

Überlieferung und Theorien

  • Adelung (1793-1801) 3,301f

    • Mühle ... 2) In dem Mühlenspiele, hat man eine Mühle, wenn man drey Steine in einer geraden Linie hat. Die Mühle zumachen, eben daselbst, durch Einschiebung des dritten Steines eine gerade Linie bekommen. Seine Mühle aufmachen, durch Wegnehmung des einen Steines die gerade Linie zerreißen. Die Zwickmühle, eine solche Stellung der Steine, wo man durch Öffnung der einen Mühle immer die andere schließen kann; wo die erste Hälfte aus zwey entstanden zu seyn scheinet, eine gedoppelte Mühle zu bezeichnen, die es wirklich ist. Der Grund der Benennung dieses ganzen Spieles ist mir unbekannt.

  • Grimm

    • (1954) 32,1122ff (Zwickmül 1472 'zwei Optionen')

      • Die zitierte Stelle gebraucht bereits die übertragene Bedeutung, setzt also eine ältere wörtliche Bedeutung voraus und ein noch älteres Mühle '3 eigene Steine in einer Reihe' und als Spielname.

      • Die fachsprachliche Bedeutung fehlt auch in vielen modernen fremdsprachigen Wörterbüchern (z. T. wohl Produktnamen des gekauften Spiels).

    • (1862) 3,1519 Fickmül (Keiserberg 15° 'zwei Optionen'):

      • vom hin und her schieben, ficken der steine

    • (1885) 12,2638 Mühle (Amaranthes 1773)

  • Pfeifer (1995 / 2005) 895

    • wahrscheinlich weil die Spielsteine des Gegners durch die Mühle genannte Spielfigur gleichsam zerrieben werden; vielleicht ein älteres Spiel voraussetzend

      • Der Gegner muss nicht in die geöffnete Mühle hinein oder durch sie hindurch.

  • Nine Men's Morris - Wikipedia, the free encyclopedia (29.06.2017)

    • It has been speculated that its name may be related to Morris dances, and hence to Moorish, but according to Daniel King, "the word 'morris' has nothing to do with the old English dance of the same name. It comes from the Latin word merellus, which means a counter or gaming piece." = Man hat vermutet, dass der Name des Spiels im Zusammenhang steht mit den Moriskentänzen, und daher zu den Mauren. Doch nach Daniel King, "hat das Wort morris nichts mit dem alten englischen Tanz mit dem selben Namen zu tun. Es kommt von dem lateinischen Wort merellus, das Rechen- oder Spielstein bedeutet."

      • Du Cange

        • merellus 'Marke mit einem Symbol'

        • merelli 'Spielfiguren bei Schach und merellis'

        • merellus 'Rechenstein'

      • Siehe oben.

  • TH

    28.05.2015 Tanz

    • Auf Englisch heißt das Spiel "Nine Men's Morris", Neun-Männer-Moriske' (Art Tanz), die drei Steine aber "mill".

      Beim Tanz sind offenbar mehrere Personen neben- und hintereinander aufgestellt, wie bei http://en.wikipedia.org/wiki/Morris_dance  zu erkennen, eine Art britischer square dance?

      • Tanzfigur, bei der sich vier Personen an den erhobenen Händen fassen und im Kreis drehen wie eine Windmühle TIn

        • ein naheliegender Vergleich, der kaum für das Spiel Pate gestanden hat.

    • Moriskentanz – Wikipedia

      • historischer Hintergrund des Tanzes unklar.

      • viele Tanzvariationen, sodass meine ursprüngliche Vermutung "Square Dance" nicht haltbar ist.

      • wohl auch kein historischer Zusammenhang mit muslimischen Mauren und christlichen Morisken.

      • Dass das Mühlespiel aus Nordafrika stammt, ist rein aus dem engl. Namen erschlossen.

    • Überlegungen gegenstandlos, siehe oben.

    28.06.2015

    29.06.2015

    • lat. moles 'Masse' (auch 'Steindamm > Mole)', mlat. mola 'Damm' (nur 1 Beleg); nlat. 1837 mola lusoria 'Mühlespiel' (nicht: molendinum 'Mühle'!) Helfer 287

  • 30.06.2015

    • nach der Radmühle mit Speichen, bei dem bei einer "Mühle" ein Stein in der Mitte liegt.

Diskussion

  • Grundsätzlich:

    • Seit wann Mühle als Name des Spiels gebräuchlich ist, konnte ich nur im Dt. feststellen, nicht im Engl., Ndl., Frz., It., Span.

    • Grund: Der Spielname ist nur ein Sonderfall von Mühle 'Mahlmaschine'. In vielen Wörterbüchern ist der Spielname überhaupt nicht eigens ausgewiesen.

  • Man kann wohl ausgehen von der engl. Unterscheidung von Morris (Spielname) und mill 'drei eigene Steine nebeneinander'.

    • Dann wäre die Grundbedeutung von Mühle 'etwas, was man öffnen und schließen kann'.

      Dafür sprechen auch die älteren Namen Fick- und Zwickmühle, wo "Mühle" doch wohl die besondere Anordnung der Steine ist.

      • Mahlmaschine ???

      • Maul auf, Maul zu:

        • mnl. mule [my:le] 'Maul' leicht zu verwechseln mit änhd. mül 'Mühle'.

        • Erklärt aber nicht die weite Verbreitung des heutigen Namens.

        Grundsatzfrage: Ist der Name romanisch oder germanisch?
        Nine Men's Morris - Wikipedia, the free encyclopedia

        • schon in Rom bezeugt (Name nicht überliefert)

        • im mittelalterlichen England sehr beliebt

        • für germ. spricht, dass  die Namen im Germ. einheitlich sind. (Das Schwed. hat kein anderes Wort.)

          Solange ich nichts anderes weiß, muss ich annehmen, dass 14b" zwickmul das älteste Zeugnis ist. Also eine germanische Prägung.

      • mlat. mola 'Damm':

        • Ein Damm hält Wasser zurück. Man kann durch ein Wehr den Abfluss regulieren (auch beim Mühlbach).

        • Lat. moles 'Masse' bedeutet nach Georges 2,975 auch 'Wehr, Damm', gemeint ist aber wohl eher eine Schutzvorrichtung als eine Abflussregulierung (Schleuse, cataracta 1,1029)

      Diese "Mühle" ist aber keine Sperre für den Gegner, eher eine Falle. Der Spieler kann wahllos einen Stein des Gegners wegnehmen.

    • Die Figur der Radmühle erinnert an Mühlrad und Mühlstein, würde also problemlos den Namen des Spiels erklären.

      • Zweifel an der Durchführbarkeit: Radmuster, Forum Archaeologiae 63/VI/2012

        • dagegen: selbst ausprobiert, spielbar, aber nach wenigen Minuten zu Ende, da es mit 9 Positionen und 6 Steinen nur wenige Optionen gibt.

        • Es geht darum, möglichst schnell eine "Mühle" zu bilden. Es werden keine Steine weggenommen. Der Reiz des Spiels ist, dass es nur drei freie Felder gibt und dass man einen Stein des Gegners dadurch blockieren kann, dass man zwei eigene Steine neben ihn  setzt. Hat man so zwei seiner Steine festgesetzt, muss er den aus der Mitte herausnehmen, sodass man selbst eine Mühle bekommen kann.

        • Die kurze Spieldauer lässt vermuten, dass die Partien beliebig oft wiederholt wurden, also ein Spiel um Einsätze / Pfänder oder als schnelles Ausscheidungsspiel bei einem Turnier mit einer größeren Anzahl von Teilnehmern.

        • Die runde oder quadratische Dreiermühle scheint eine vereinfachte, schnelle Version der Neunermühle zu sein.

      • Die bei Mühle (Spiel) – Wikipedia angegebenen lateinischen Namen sind nicht römisch, sondern Neulatein. Das Mühlespiel ist in der antiken Literatur nicht ausdrücklich erwähnt. Pauly 1,943, aber vielleicht angedeutet:

        • Ovid Ars. am. 3,365-8 erklärt nur kurz ein Spiel, nennt aber den Namen nicht. Beim "Soldatenspiel" 2,207f deutet er ihn wenigstens mit seinen Worten an (latrocinium 'Raub', miles 'Soldat'). Wenn er es hier auch tut, ist es für uns nicht zu erkennen (etwa lapilli statt calculi 'Steinchen' wie in 2,207)

          • Lapillus ist als 'Spielstein' bei Georges 2,559 nicht aufgeführt, also ungewöhnlicher Ausdruck (kann auch aus metrischen Gründen gewählt sein).

            • Lapillus kann auch 'Edelstein' bedeuten. Wurde damit gespielt sodass der Gewinner die Juwelen des Mitspielers bekam? War es deshalb wichtig, dass ein Mädchen spielen konnte?

              • Der erotische Reiz ("beim Spielen entsteht oft Liebe") deutet eher auf ein Pfänderspiel.

            • Ovid warnt in den folgenden Versen vor den üblen Folgen des Spiels (ira 'Zorn', lucri cupido 'Profitgier', rixae 'Streit').
              Es wurde also um Einsätze gespielt.

            • Beim englischen ninepenny marl nahm man offenbar Münzen als Spielsteine (und Einsätze).

          • Den römischen lapilli gleich welcher Art entspricht der roman. Sprachgebrauch (merellus 'Rechenstein') und türk. dokuz taş '9 Steine'.

      • An eindeutigen Fotos von Radmühlen habe ich nur eins gefunden (Römershop), leider ohne Herkunftsangabe.) Das dürfte als Beweis genügen, dass es runde Mühlen gab.

Erklärung

  • Mühle < Radmühle.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 07.04.2016