Diskussion Nudel

Befund | Theorien | Diskussion | Klärung | Erklärung

Befund

  • Schönsl  (1618 / 32)

    • Nudel / coliphia, orum, videntur vocari poſſe placenta, aut panis pugilum, solidi nutrimenti quod membris κώλοις [kṓlois], robur ῖφι [îphi] conciliet. Moretum, rauiolo Italis, nudl in eim brüesc. Pemmata quibuſdam, quam recte, viderint ipsi. waſſerNudl / hydropemmata, Iac. Pont. Nudlſuppe / lagana iurulenta, plur. ius vel inſculum laganarum si formes Apiciano more.

    • = Nudel (Schnitzel) scheint man Fladen- oder Brotbrocken nennen zu können, zusammengesetzt aus kṓlon 'Glied' und îphi 'Kraft'. Moretum mit Kräutern, it. raviolo. Nudel in Brühe (=?) Einige wollen solche Pasta, wenn richtig, selbst gesehen haben. Wassernudeln (Wasser-Pasta). Nudelsuppe (Pfannkuchenstreifen in Brühe) oder Pfannkuchensuppe, wenn man sie nach dem Kochbuch von Apicius zubereitet.

  • Stieler (1691/ 1968) 2,1356

    • Nudelen / pl. farctilia, turunda. propr. ſunt paſtilli, qvibus anſeres farciuntur & saginantur. = Nudeln, Material zum Stopfen, bes. Teigröllchen zum Stopfen und Mästen von Gänsen.

    • Sed Nudeln etiam sunt genus edulii ex pane vel farinâ, butyrô & lacte vel etiam aqvâ incoti,  nomine pemmata, coliphium. = Aber Nudeln sind auch was Essbares aus Brot oder Mehl, in Milch oder Butter oder auch in Wasser gekocht, namens Pasta, Schnitzel.

    • Inde Nudelſuppen / lagana jurulenta.  = Nudelsuppe, Pfannkuchenstreifen in Brühe

    • Dämpfnudeln / pemmata vaporata. = Dampfnudeln, gedämpfte Pasta

    • Waßernudeln / hydropemmata = Wassernudeln, Wasser-Pasta

    • Nüdelein / dim. pemmatia. = Nüdelein, Verkleinerung: kleine Pasta

    • Adject. Nudelicht / eſt id, qvod habet formam vel vaporem pemmatum. = Adjektiv nudelig, ist das, was Form hat oder gedämpft ist wie Pasta.

  • Adelung (1793-1801) 3,536

    • Die Nudel, plur. die -n, Diminut. das Nudelchen, Oberd. Nudelein,

    • ein Wort, welches verschiedene Arten, gemeiniglich eßbarer, runder oder rundlicher Massen bezeichnet.

    • In der Mark Brandenburg werden die Kartoffeln Nudeln genannt, S. dieses Wort und Erdapfel.

    • Dampfnudeln sind im Oberdeutschen eine Art in Milch gekochter Mehlspeise, welche aus unförmlichen Massen bestehet, welche großen Klößen gleichen, S. dieses Wort.

    • Längliche Stücken Teig von der Größe eines Fingers, womit man die Gänse und anders Federvieh stopfet, werden Nudeln und zum Unterschiede von den folgenden, Schopfnudeln oder Stopfnudeln genannt.

    • Am häufigsten ist dieses Wort von einem aus Mehl und Eyern bereiteten, und in Riemen, Fäden, oder Stücke von anderer Gestalt zerschnittenen Teige, welcher an andere Speisen gethan, oder auch für sich allein zubereitet wird. Man hat ihrer so fein wie Zwirnsfäden, welche alsdann Fadennudeln heißen. Die so beliebten Maccaroni der Italiäner sind nichts anders als Nudeln.

    • Anm. Im Böhm. Nudle.

  • SchlWein (1855) 45

    • Knûdel. st. f. Nudel, in übertragener Bedeutung auf einen dicken, runden Menschen; rhein. Knuddel; vgl. bair., österr. Knödel - knûdeln s. v. a. [so viel als] nudeln...

      • Rhein. Knuddel 'Klumpen', auch 'Mehlklumpen, Mehlkloß' und 'kleine, dicke Person'

  • Grimm (1889) 13,957 f

    • nudel, f. ein erst um die mitte des 16. jh. (s. die composita) aufkommendes wort...

    • 1) ein durch walgern, kneten, pressen, schneiden in verschiedene formen (walzen-, laib-, klosz-, röhren-, riemen-, fadenförmig) gebrachter teig aus weizenmehl, roh oder als speise gekocht;

      • die besonderen arten der nudeln werden durch adjectiva (grosze, kleine kleine nudeln ..., lange nudeln ...), durch participia (geschnittene nudeln ..., gedrehte, gestutzte, gehefelte, aufgegangene u. s. w. nudeln ..., gefüllte nudeln ...) oder durch composition näher bestimmt, s. dampf-, druck-, farben-, finger-, gerben-, haus-, hefen-, kessel-, kirchtag-, kitzer-, kraut-, laibel-, milch-, rohr-, schmalz-, schott-, schupf-, schutz-, steck-, topfen-, zwetschgennudeln ...; wassernutteln ... —

      • lexicalisch zuerst verzeichnet bei Schönsleder (1618) q 2c, sodann bei Schottel (nur in der zweiten bedeutung) und Stieler...: krapfen und nuteln (vorher nutteln) machen...., notteln ..; gut nudl und küchel so viel er begehrt. ...; die nudel ein teig von mehl in einer blechern röhre oder in einem tuch gekocht zur speise (dampfnudel). ...

    • 2) gerollte teigstücke zum stopfen des federviehs, stopfnudel: nudel, turunda, farctilia, so man den mastgänsen einstikkt. ...; nudeln oder wolgern vor gänse seind ein von mehl und wasser derb vermischter teig, in lange schmale stücklein zertheilet, rund gewolgert und auf dem ofen gedörret.

    • 3) etwas nudelförmiges:

      • die kartoffel ... (Ukermark). vergl. knödel 5;

      • die nabelwurz, polygonum bistorta ... (Augsburg);

      • penis ...

      • die dünneren holzklötze vom gipfel der bäume ...;

      • ein kind oder ein weibsperson mit vielem elastischweichen fleisch. ...

  • Schweizerisches Idiotikon digital - Band IV, 676

    • Nudel f. im Rückstand von ausgelassener Butter gebackene Mehlnudeln'
      Nudleⁿ, f. -ū- 1. (gew. Pl.) wie nhd. Teignudeln... - 2. eine Art länglicher Kartoffeln - 3. kleiner Schwaden von halbdürrem Gras - 4. fette Person

  • Ndl. knoedel 'Teigballen, Mehlklumpen, Pl. Art Mehlspeise (LT 837 'Nudel'); Knäuel, Haarknoten; kleine gedrungene Person'

  • Wfries. knûdel 'Stummel; Pl. Klöße'

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 3,536

    • Man könnte dieses Wort zu nähren rechnen, welches schon im Lat. nutrire ein t angenommen hat; allein, es scheinet vielmehr mit Knote, Knödel, und dem Lat. Nodulus Eines Geschlechtes zu seyn, und eigentlich eine jede rundliche Masse zu bezeichnen. Nudel, Nocke, ein großer Kloß, Nuß u. s. f. sind nur im Endlaute verschieden und gehören mit Naht; Nuth und andern insgesammt zu nähen, so fern es ursprünglich nahe bringen, verbinden bedeutet hat.

  • Grimm (1889) 13,957 f

    • nudel, f. ein erst um die mitte des 16. jh. (s. die composita) aufkommendes wort,

      • dessen volle form im schlesischen knudel ... erhalten zu sein scheint,

      • so dasz es zu knote und dem dazu abgeleiteten knödel (mehlklosz) gehören würde, wofür im flämischen gebiete auch noedel vorkommt ...

      • neben nudel hat Fischart auch die formen nutel, nuttel, notel, nottel (s. auch die composita). vergl. Frisch 2, 23a ('es scheint nodulus sei das wort wovon nudel kommt') und gramm. 2, 240, wo es in nuoh-adala aufgelöst wird.

      • das franz. nouilles stammt aus dem plur. des deutschen wortes Diez4 648.

  • Kluge 2002

    • Nudel (16. Jh.).

    • Wohl eine Lautvariante zu Knödel, Knuddel (knuddeln) u.ä.

    • Anders Kramer: aus grödner. menùdli "viereckige Teigplätzchen in der Suppe" mit Abfall der unbetonten Erstsilbe. Dieses aus einem dolomitenladinischen Fortsetzer von l. minutulus "zerkleinert, winzig".

  • Etymologie de NOUILLE

    • NOUILLE, subst. fém. Étymol. et Hist. 1. 1765 noudle, nudeln «pâte alimentaire» (Encyclop., s.v. noudle); 1767 nouilles (Malouin, Descriptions et détails des arts du meunier, du vermicelier, vol.1, p.323); 2. 1931 style nouille (Morand, 1900, p.235); 3. 1932 «personne molle et sans énergie» (Lar. 20e). Empr. à l'all. Nudel «pâte alimentaire» (mil. du xvies. ds Kluge20), d'orig. incertaine.

    • = Nouille 'Nudel' Subst. f. Etymologie und Geschichte:

      • 1. 1765 noudle 'Nudeln'

      • 1767 nouilles

      • 2. 1931 style nouille 'Nudelstil' (scherzhaft für Jugendstil)

      • 3. 1932 dicke, träge Person'

      • < dt. Nudel, Herkunft unbekannt

  • Online Etymology Dictionary

    • noodle (n.) "narrow strip of dried dough," 1779, from German Nudel, which is of unknown origin. West Flemish noedel and French nouille are German loan-words. The older noun meaning "simpleton, stupid person" (1753) probably is an unrelated word, as is the slang word for "head" (attested from 1914).

    • = noodle 'schmaler Streifen aus getrocknetem Teig', 1799 < dt. Nudel, unbekannter Herkunft. Wfläm. noedel und frz. nouille  sind dt. Lernwörter. Die ältere Bedeutung 'Einfaltspinsel, dumme Person' (1753) ist wahrscheinlich nicht verwandt, wie das Slangwort für 'Kopf' (bezeugt 1914)

      • LT 342 (1963) noddle 'Schädel' < nodellus

Diskussion

  • Kramer < grödnerisch menudli 'Teigplätzchen'

    • unwahrscheinlich.

  • Frz. nouille (mit Verlust des Dentals wie in natalis > Noel 'Weihnachten') setzt eine längere frz. oder roman. Geschichte voraus und kann nicht 17" < Dt. übernommen sein.

    • eher lat. *nodellus 'Knötchen' (Meyer-lübke 5943) > afrz. noiel, noyel, nuiel, nuial, noel, nouiel, nouyau, neuiel, neel 'Knopf, Schnalle, Spange'

      • mfrz. noiel, noel, 12e" noyau 'Kern'

      • mlat. nodellus = mhd. eyn kleyn knöpflin, knoepchen. Dief 382

        • bezeugte, nicht nur erschlossene Form!

    • lü von schwäb. Knöpfle 'Knödel, Klößchen, runde Mehlspeise', auch 'Spätzle' SchHWb 265; Elsass Knöpfle 'Knödel, Klöße'

  • CaRhaet (1887) 103

    • Nudel m. Teigkloß, m. (in Wasser oder Butter gekocht)

      • eher < dt.

      • Rät. u statt o z. B. in curnal 'Kornelkirsche' (41), dumeingia  'dominica, Sonntag' (47)

      • kein überzeugender Beweis für nodellus

      • CarRaet (1892) 197 nodus > nuv 'Knopf'

  • Engl. noodle 'einfältiger Dummkopf' ist vorgeprägt durch die schon bei Grimm aufgebührte Bedeutung 'dicke Person'.

  • Gn- > n- ist im Lateinischen die Regel: gi-gnere 'erzeugen, hervorbringen' > *gn- > nātus 'geboren'

    • It. mit präklusivem g: gnocco :: bair. Nocken 'Klößchen', gnudo < lat. nudus 'nackt' Etimologia : gnocco

    • Germ kn- / n-:

      • gnagan > nagen (Dissimilation?)

      • engl. knock [nɔk] 'klopfen' usw. ist jüngere, regelmäßige Lenition.

      • Nudel / Knudel:

  • Da nodellus tatsächlich überliefert ist, kann Nudel auch davon kommen

    • Die Nudel ist aus der Pluralform rückgebildet, vgl. die Kartoffel < (shess. der) < it. tartufol, die Brille (shess. der) < beryllus. Das würde auch bei einer Ableitung von der Knödel gelten.

  • Nudel 'Penis' und knûdel 'Stummel' erinnern an

    • die längliche Nudelform

    • shess. Schnuddel 1. 'Mund, Kuss; Sauger für kleine Kinder (auch: Nuddel); Zipfel'

Klärung

  • Nudeln sind gekochter Teig, unabhängig von der Form (Ballen, Streifen aus flachem Teig, Röllchen). Die flache Form wird schneller gar.

  • lat.

    • coliphia < griech. κωλήφιον, -ύ- kōlḗpʰion, -ý-, schlechter Ausdruck für κωλήν kōlḗn 'Schinken (Pape 1,1542 f) wird von Georges erklärt als 'vielleicht Hüftenstückchen als Athletenkosten', also 'Gulasch, Geschnetzeltes'?

      • Bedeutungsübertragung auf 'Teigklümpchen, Nudeln, Spätzle'

    • insculum = griech. ζωμίδεον zōmídeon 'Süppchen' (JaSei 665)

    • laganum (Georges 2,543) < griech. λάγανον láganon 'in Öl gebackener Fladen' (JaSei 940)

    • pemma, Pl. pemmata (Georges 2,1546) < griech. πέμμα pémma 'Backwerk, Nachtisch' (JaSei 1283)

      • hier im Sinn von 'Teigware, Pasta'

      • > nhd. Bemme 'belegtes Brot'?

  • Schönsleder (1618 / 31), gedruckt in München, kennt die (flachen?) Nudeln scheint's nur vom Hörensagen, also offenbar eine Neuerung. Die Nudelsuppe scheint der schwäb. Flädlesuppe zu entsprechen mit in Streifen geschnittenen Pfannkuchenresten,

  • Den "Wassernudeln" entsprechen wohl die shess. Wasserspatzen, von TIr Spätzle genannte formlosen Klumpen :: schwäb. Spätzle 'vom  Brett geschabte dünne Stäbchen'

  • Stieler (1691)

    • nennt an erster Stelle die länglichen Stopfnudeln für die Gänsemast.

      • Sachinformation bei Krünitz 16,39 f

        • Die Methode, welche in Thüringen, Obersachsen, und andern Provinzen Deutschlandes, bey dem Mästen der Gänse eingeführt ist, da man nähmlich diesen Thieren ganz und gar nicht die Freyheit läßt, ob sie Lust zum Fressen haben, oder nicht, sondern das geschrotete Getreide mit Wasser in einen Teig knetet, eine Art von Nudeln (Schöpf=oder Stopf=Nudeln), oder kleinen fingerslangen und daumendicken Cylindern daraus machet, sie etwas trocken werden läßt, und den Gänsen täglich in gewisser Quantität in den Hals stopfet, ist wohl unstreitig die sicherste und vortheilhafteste. Bey diesem Verfahren müssen sie fett werden, sie mögen wollen oder nicht; und der Eigenthümer weiß gewiß, daß er sein Korn nicht umsonst verfüttert. Wie vortheilhaft das Nudeln der Gänse sey, erhellet schon daraus, daß eine solche Gans oftmahls 15 bis 18 Pfund wieget, und eine Leber hat, welche so groß ist, wie eine Kälberleber, die schon allein ein Gericht ausmachet, und wegen ihres Fettes und schönen Geschmackes eine von den herrlichsten Delicatessen ist.

      • Da Krünitz auch andere Methoden erwähnt, war das ostdeutsche "Stopfen" dem süddeutschen Schönsleder wohl nicht bekannt.

  • Erst Stieler erwähnt die ballenförmigen Dampfnudeln (shess. Hefeklöße); bei Schönsleder muss man sich die Nudeln eher länglich-flach vorstellen.

    • Das schlesische Knûdel kann also kaum die Urform des Wortes sein, sondern ist Bedeutungsübertragung von Knödel 'Kloß > Pasta'. Dasselbe ist offenbar auch im Ndl. geschehen.

    • Die Nudel scheint eine Neuerung zu sein und stammt doch wohl aus Italien. Das würde erklären, warum die älteste Erwähnung aus Süddeutschland stammt.

    • Vorausgegangen sind wohl gekochten Mehlklümpchen, die zu den schwäbischen Spätzle, hessischen Wasserspatzen, (kleinen) Riwwel, opreuß. in der Klunkersuppe führten. Dann könnte man mlat. nodellus 'Knopf' sehr wohl voraussetzen.

  • Knudel < Knoten < *gn-eu-t- Pokorny 372 und lat. nōdus 'Knoten' < *ned-

    Walde-Hofmann 172 f, Pokorny 758 sind nicht verwandt.

    • Es ist aber nicht einzusehen, wieso

      • lat. nōdus  'Knoten; Gürtel, Haarknoten: Knöchel, Gelenk; Zungenband; Knorren am Holz; Knospe; einigendes Band, Verbindung, Fessel; Verbindlichkeit, bindender Eid; Verwicklung, Schwierigkeit, Hemmnis' LS 757

      einen anderen Ursprung haben soll als

      • ahd. knōd' Knospe', knodo 'Knöchel, Knoten' KöblerA  202f

  • lat. o > dt. u in Lehnwörtern: z. B. boletus > buliz 'Pilz'; conucla > Kunkel; cocina > chuhhina > 'Küche'; monicus > munih 'Mönch'; moneta > munizza 'Münze'

    • meist ahd. Umlaut vor i

      • Nudel < *nodilus, das doch wohl auch in frz. nouille vorausgesetzt wird.

Erklärung

  • von *nodilus 'Knötchen, Klümpchen', Parallelbildung: Knödel

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 16.04.2017