Diskussion quer

Befund

  • germ. *þweraħ 'hemmend; seitlich zur Blickrichtung; verkehrt'

    • got. þwairhs 'zornig' 474

    • anord. þwerr Adj. 'senkrecht / schräg zur geraden Richtung; ablehnend, abweisend, unzugänglich'; Ad v. 'quer, seitlich; ganz im Gegensatz zu etwas' 793

    • aengl. þweorh 'quer, krumm; widrig, ablehnend, zornig; verkommen, entartet' 367

    • afries. Adv. thweres 'quer' 113

    • and. thwerh 'quer' 80

    • ahd. 58

      • dwer 'schräg'

      • dwerah 'quer, seitwärts'

      • Adv. dweres 'quer, seitwärts'

      • mhd.

        • twer 'quer' 1,1598

        • dwerch, twerch, querch 'auf die Seite gerichtet, verkehrt, schräg, quer' 1,1599

        • fnhd. zwerch 'quer' 240

          • nhd.

            • quer, zwerch 'seitlich zur Blickrichtung'

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 3,893

    • quer,  Anm. Auch dieses Wort ist so wie Quehle ein merkwürdiger Beweis von dem Übergange der Consonanten in einander. Die Niederdeutschen sagen zwar auch quer, wie die Hochdeutschen, doch ist bey ihnen dweer, dwars und dwas üblicher. Im Oberd. lautet dieses Wort mit angehängtem Hauchlaute querich, noch häufiger aber zwerch, welches in einigen Fällen auch im Hochdeutschen gangbar ist, bey den Schwäbischen Dichtern twerh, bey dem Ulphilas thvairh, im Angels. thweor, thwyr, im Schwed. tvär, im Engl. queer und thwart, im Isländ. tuer.

    • Wachter leitet es von dem Celtischen gwyr, krumm, Lat. curvus, her, und erkläret es überhaupt, von der geraden Linie abweichend. Es kann seyn, daß es mit diesem Worte verwandt ist, allein alsdann stammet es mit demselben von einem ältern gemeinschaftlichen Stamme her, welcher das alte queren, drehen, (S. Quern, eine Handmühle,) ist, von welchem vertere, verrere, varus für transversum, und vara, ein Querholz, werren, wirren, nur durch den weggelassenen Gaumenlaut, kehren aber durch den unterdrückten Blaselaut, unterschieden sind. S. Querlen.

    • Daher kommt es denn auch, daß im Nieders. Dwerlicht ein Irrlicht bedeutet, und es stehet dahin, ob nicht irren und errare selbst hierher gehören. Wenigstens muß man das bey den Tischlern und Holzarbeitern noch übrige überhöre, oder vielmehr über höre, hierher ziehen, indem es gleichfalls in die Quere, oder überquer, überzwerch, bedeutet. Das Holz überhöre arbeiten, in die Quere, nicht nach den Faden des Holzes. s. Quere, Quieren und Zwerch. In einigen der folgenden Zusammensetzungen scheinet quer, Nieders. dwer, aus zwey, zwier, Nieders. twe, entstanden zu seyn. S. Queraxt, Quernacht und Quersack.

  • Grimm

    • 13,2355 (1889)

      • quer, adj. und adv., früher auch gedehnt queer, quehr, transversus, transverse;

      • md. und elsäss. im 14. jh. quer (Lexer 2, 1598), mit übergang des tw in qu aus mhd. twër, abgeleitet vom verb. twërn (drehen, umdrehen, rühren, mischen), wozu auch quirl (mhd. twirl, ahd. dwiril) gehört.

      • die zu grunde liegende wurzel twer (woraus auch griech. τορύνη, lat. trua, rührkelle, -löffel, vgl. Curtius3 209. Kluge4 269b) erweitert sich durch k-suffix zu twerk, worüber näheres bei zwerch (vgl. querch und gramm. 2, 314). 

    • Grimm 32,1084 (1954)

      • zwerch, adj. und adv. ,

      • gemeingermanisches wort. got. þwairhs 'zornig', ahd. dwerah, twerah (über den lautwandel dw- > tw- vgl. Braune ahd. gr. § 167, anm. 8), mhd. twerh, ags. þweorh, an. þverr, schwed. tvär, norw. tver. seltener mit verlust des -h: in ahd. tweren bei Notker 1, 759, 15 P. (und im abstractum tuuiri ahd. gl. 2, 233, 63 St.-S., alemann. des 9. jh.), vgl. Schatz ahd. gr. § 242, mhd. twer (dwer), z. b. bruder Wernher in: minnes. 2, 231b v. d. Hagen; mnd. dwer; nhd. zwer L. Ercker mineral. ertzt (1580) 6b; vgl. dazu quer teil 7, 2355. im adverbiellen genetiv ahd. tueres (Notker), mhd. tweres, twerhes, mnd. dwers, afries. thweres, dwers, ags. þwéores, an. þvers, schwed. tvärs; vgl. mundartlich (Straszburg) zwergs Arnold pfingstmontag (1816) 103. die form des adv. ist im mnl. dwers und holl. dwars, dwers zum adj. geworden.

      • umstrittener und unsicherer herkunft: nach Zupitza gutturale 71, Persson beitr. 122 zu einer (sonst nicht bezeugten) anlautsvariante mit t- von idg. terk- 'drehen' in lat. torqueo u. s. w., nach Walde-Pokorny 1, 736 ist vorgerm. terk- kontamination von terk- mit ter- (ahd. dueran), nach andern (Walde-Pokorny 1, 751 fragend; Holthausen aengl. etym. wb. 373) gehört zwerh als 'geschnitten' zu avest. θwarəs- 'schneiden', griech. σάρξ 'fleisch'.

    • Pokorny (1959/2002) 1071

      • terk-, trek-, (tork-, trok-) 'drehen', wohl Erweiterung von 3. ter- reiben, drehend reiben'

      • ... Eine Bedeutung 'verdreht, quer' zeigt die mit tu̯- anlautende Sippe von ahd. dwerah, dwerawēr 'schräg, quer', nhd. zwerch, quer und mhd. twerge 'Quere', zwerg 'quer', ags. ðweorh 'verkehrt', aisl. þverr 'quer, hinderlich', got. þwaírhs 'zornig';

      • der Anlaut tu̯- ist vielleicht durch Kreuzung mit *tu̯er- 'drehen' zu erklären.

      • (fehlt bei Indo-European Etymology)

    • Pfeifer (1995 / 2005) 1069

      • quer Adj. ‘schräg, die gerade Richtung kreuzend’, ahd. thwerah (9. Jh.), mhd. twer, dwer, quer (auch twerch, dwerch, querch), nhd. (obd.) zwerch, (md.) quer, asächs. thwerh, mnd. dwēr, dwēr(e)s, nd. dwer, mnl. dwe(e)rs, dwars, nl. dwars, aengl. þweorh, þwerh, þvēr (auch ‘zornig, ärgerlich’), anord. þvērr (auch ‘unwillig’), schwed. tvär, got. þwaírhs ‘zornig’, germ. *þwerha-.

      • Außergerm. sind vergleichbar aind. tarkúḥ ‘Spindel’, griech. átraktos (ἄτρακτος) ‘Spindel’, lat. torquēre ‘drehen, winden, martern’, ir. trochal ‘Schleuder’, aruss. torokъ, russ. toroká (торока) Plur. ‘Sattelriemen’.

      • Heranziehen lassen sich ferner die unter drechseln, Drechsler (s. d.) angeführten dehnstufigen Bildungen, so daß von der dort genannten gutturalen Erweiterung ie. *terk-, *trek- ‘drehen’ zur Wurzel ie. *ter(ə)- ‘reiben, drehend reiben, (reibend) durchbohren’ (s. drehen) auszugehen ist.

      • Der für die Wortformen von quer vorauszusetzende Anlaut tu̯- ist wohl durch Kreuzung mit der unter Quirl (s. d.) angegebenen Wurzel ie. *tu̯er- ‘drehen’ entstanden.

      • Das im Nhd. geltende quer entspricht md. Lautentwicklung, wo seit dem 14. Jh. anlautendes mhd. t- (meist aus ahd. th- bzw. d- entstanden) vor w zum Guttural (geschrieben qu-) weiterentwickelt wird (s. Quark, Quarz, Quirl, quasseln), während dafür im Obd. (im Schwäb. bereits im 13. Jh.) zw- eintritt (s. Zwerchfell, Zwerg, zwingen).

      • – querfeldein Adv. ‘wahllos durch die Felder, über Stock und Stein’ (17. Jh.), älter querfeld einher, hinein, über (16. Jh.), vgl. obd. über zwerches feld (16. Jh.).

      • Querflöte f. ‘Flöte, die beim Blasen quer (waagerecht) zu halten ist’ (Anfang 16. Jh.); vgl. auch Quer-, Zwerchpfeife (16. Jh.).

      • Querschnitt m. ‘waagerechter Schnitt, repräsentativer, die wichtigsten Komponenten berücksichtigender Überblick’ (18. Jh.).

      • Quertreiber m. ‘wer notorisch den normalen Ablauf eines Vorgangs behindert, Spielverderber, Querulant’, wohl nach nd. Dwarsdrīver ‘wer sein Schiff nicht richtig steuert, anderen in die Quere kommt’, übertragen ‘Querkopf’ (18. Jh.); vgl. nl. dwarsdrijver (17. Jh.); Quertreiberei f. (19. Jh.).

Diskussion

  • Man kann quer 'seitlich zur Blickrichtung' verstehen als

    • 'um 90° gedreht' (wie oben)

      • Bei japhet. *ťër- 'drehen, quirlen, wirbeln' denkt man an eine rotierende Bewegung, nicht an eine 90°-Wendung.

    • abklingend zu durch, das man verstehen kann 'in Blickrichtung auf die andere Seite von etwas, sich nach beiden Seiten (quer) erstreckt'

    • 'den Weg versperrend'

      • zu japhet. *ťër- 'einfassen, einzäunen' > 'Zaun > Hindernis'

Erklärung

  • Die alten Nebenbedeutungen 'unzugänglich, abweisend, widrig, zornig' (anord, aengl.) bestätigen die Grundbedeutung 'den Weg versperrend'

  • Aengl. 'krumm, verkommen, entartet' erklärt sich dadurch, dass der Weg vor einem Hindernis abbiegen muss ("krumm") und dann als 'nicht geradeaus, nicht richtig' ("entartet").

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 09.02.2019