Diskussion Spuk

Befund | Theorien | Diskussion | Klärung | Erklärung

Befund

  • mnl. 14b" spoke 'Zauberei, Wahrsagerei'

    • ndl. spook '†Vorzeichen; Geistererscheinung''

  • mnd. 370

    • spōk, spūk 'Geistererscheinung, Gespenst'

    • spōken 'spuken, Zauberei treiben'

  • mhd. 12b" gespüc 'Spukerei' N202

  • fnhd. 105

    • gespug 'Schrecknis'

    • gespugnis 'Trugbild, Verlockung'

    • spugnis 'Trugbild, Verlockung' 206

  • nhd. 'Spuk 'Geistererscheinung'

  • Vergleichbar bei Pokorny

    • 100 b(e)u- bh(e)u- aufblasen, schwellen , Sprenglaut der aufgeblasenen Backen

      • anord. pūki m. 'Teufel', ags. pūca, pūcel, engl. puck 'Kobold' (aus dem Germ. stammt ir. pūca 'Gespenst', vielleicht auch lett. pūk'is 'Drache')

    • 149 bheu-, bheu̯ǝ- (bhu̯ā-, bhu̯ē-) : bhō̆u- : bhū- 'wachsen, gedeihen'

      • lit. pabū̃klas 'Instrument, Gerät; Erscheinung, Gespenst'

        • wörtlich 'in der Wohnung, in Anwesenheit (būklà)'

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 249 erwägt

    • alten Oberdeutschen Paga, Zank, Streit, bagen, zanken

    • spähen, sehen, Lat. specio, so daß Spuk eigentlich eine Erscheinung bedeuten würde

    • Angels. paecan, betriegen

    • im Engl. aber ist Powke, Ißländ. Puke, der Teufel

    alles unbefriedigend

  • Pfeifer (1995 / 2005) 1335

    • ... Vielmehr dringt nd. Spuk über norddeutsche Schriftsteller in die Literatursprache ein (17. Jh.).

    • Alle bisherigen Erklärungsversuche sind unbefriedigend, z. B.

      • Verbindung mit lett. spīgana ‘Geistererscheinung, Drache, Hexe’, spīgainis ‘Irrlicht’, lit. spingė́ti ‘flimmern, flackern, glitzern’

        • wieso i statt o / u?

      • oder mit  aengl. pūca, engl. puck ‘Kobold’, anord. pūki ‘Teufel’, schwed. (mundartlich) puke ‘Kobold’.

      • de Vries Nl. 682 erwägt daher Herkunft des nd. nl. Wortes aus der Substratsprache eines Hünengräbervolkes.

        • Kaum wahrscheinlich, dass diese Sprache sp- hatte.

Diskussion

  • Form: mnl. spoke = mnd. spōk, spūk = fnhd. spug-

    • Vokal:

      • ndl. oo [o:] < au (ooge, oor 'Auge, Ohr) :: oe [u:] < ō (voet 'Fuß)

      • mnd. ō > ou > au (oge > Ooge 'Auge) :: < ō (vōt > vout > Foot 74 / Faut 77 'Fuß')

      • Lehnwort?

        • ndl. spoke / mnd. spōk > hdt. missdeutet als *spuok > Spūk

        • hdt. spūg =  *spūch > ndt. missdeutet als *spuoch > spōk > ndl. spoke (nicht spoeke)

    • Endkonsonant:

      • mhd. 12b" gespüc 'Spukerei' kann = fnhd. gespug 'Schrecknis' sein

        • mit Auslautverhärtung c < g = [x]

          vgl. Tag = mhd. tac / tages [tak / ta:ɣəs]

        • mhd. *[spu:x] = ndt. [spu:k] müsste aber *spūch sein.

      genetischer Zusammenhang unklar (spoke kann auch sekundär gedehnt sein)

  • Wegen der späten Bezeugung (nicht vor 12b" mhd.) und die Begrenzung aufs Sgerm. braucht man nicht nach einer idg. Wurzel zu suchen.

  • Dazu kommt die völlig abweichende mnl. Bedeutung 'Zauberei, Wahrsagerei'.

  • Spuk im modernen Sinn ('Gespenstererscheinung') kann ausgelöst werden, in dem man Geister beschwört, als Helfer beim Zaubern oder als Offenbarungsquelle beim Wahrsagen. Es kann auch ein spontan erschienener Geist Geheimnisse offenbaren oder magische Kräfte verleihen. Es lässt sich also nicht sagen, welche Vorstellung älter ist.

  • Ableitungsversuche:

    • mnl. speken 'sprechen' > *spoke *Bespechung, Beschwörung*

      • engl. spoke = mnl. spraken / sproken 'sie sprachen' (mit langem Vokal, wie in spraecti 'sprachst du' mit Dehnungszeichen e angedeutet).

    • zu spucken: Speichel diente auch bei magischen Praktiken.

      • fnhd. 14" spūgen, spūchen // mnd. spūk 'Spuk'

      • Spucken und spuken könnten dasselbe Wort sein.

    • spuken = ś + mhd. phūchen 'fauchen'

      • Geistern schreibt man ungewöhnliche Geräusch zu.

    • Pokorny 638f kek̂-, kōk̂-, kek̂-s- 'erscheinen; sehen; zeigen'

      • hauptsächlich arisch; slaw. mit abweichender Bedeutung

        kommt nicht in Frage

  • Bedeutung:

    • Mhd. gespug 'Schrecknis', vor dem man ausspuckt?

    • 'Zauberei, Wahrsagerei' :: 'Geistererscheinung, Gespenst'

    • 'Trugbild, Verlockung'

    • pūk- 'Teufel, Gespenst' *Poltergeist* < pochen, Pauke

Klärung

  • speken > spoke 'sprechen / Spruch'

    +

    • Zaubersprüche, Weissagungen / Geisterstimmen

    -

    • spoke ist nur Verbalform, kann nicht = Sprache, ndl. spraak sein, da im Ndl. ā nicht > o wurde.

  • spucken

    +

    • identische Lautform

    • spucken, um Böses abzuwehren ("Zauberei")

    • Spucke im Märchen als Stellvertreter

    • shess. sputzen 'spucken' / Sputzen 'verrückte Ideen' (> "Hirngespinst")

    • mhd. gespug 'Schrecknis', vor dem man ausspuckt?

    -

    • Spuk (12b") ist früher überliefert als spucken (14")

      • <> spucken als Wort der "gemeinen Rede" 17,208 vielleicht nicht eher aufgezeichnet

  • s-fauchen

    • demgegenüber unwahrscheinlich

Erklärung

  • Die meisten Argumente sprechen für Spuk < spuken.

  • Bedeutungsentwicklung:
    Da spucken nur hdt. ist, kann die Bedeutungsentwicklung nur vom Hdt. ausgegangen sein.

    • mhd. 12b" gespüc *scheußliches Erlebnis, vor dem man ausspuckt*

      • > mnd. spōk, spūk 'Geistererscheinung, Gespenst'

      • > mnl. 14b" spoke (*Geisterkram* >) 'Zauberei, Wahrsagerei'

  • Lauteinwicklung:

    • hdt. *spūch > *gespǖch > gespüc

      • ndt. *spūch, eingelautet spūk

        • missdeutet als *spuoch, eingelautet > spōk

        • > ndl. spoke

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 07.04.2016