Diskussion Watz / Wutz

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • keine älteren Sprachzustände, nur mda.

    Watz

    • Elsass Watz 'Schärfe, Trieb, Lebenskraft, Mut'

    • Lothringen Watz 'Eber'

    • Luxemburg Watz (Wild)Eber; großes, dickes Stück (cf. Batz I.)

    • Nassau Watz 'Eber' 440

    • nd-hess. Watz 'Zuchteber' 258

    • obh. Watz, Matz 'Eber' 896

    • Pfalz Watz 'schmutziger Kerl vom Land'- Zu dem heute in der Pf nicht mehr bezeugten Watz 'Eber'.

    • Rheinisch Watz 'Eber, bes. der Zuchteber, Stier'; (>) Ɵ 'Mensch'; 'etwas Dickes'

    • schwäb. Bätz 'kastriertes männliches Schwein, männliches Schaf' 60 

    • Schweiz

      • Watz, Watsch, Wāz, Wauz  'Schärfe, Gewetzsein; Mut, Unternehmungslust'

      • Watzeⁿ 'Kuh' (< rät. vatga 'Kuh' 260)

    • shess. Watz 'Eber'

    • Westerwald Watz 'Eber' 322

    Wutz

  • Grimm

    • (1922) 27,2606 watz, wetz, m. das unverschnittene männliche schwein, eber.

      • namentlich in Rheinfranken als watz üblich Follmann 533. Askenasy 171. Kehrein 440. Crecelius 896. Vilmar 443. Schmidt Westerwald 323. zeitschr. f. d. mda. 1911, 157 (Hunsrück). Wegeler 759. Schmeller 2, 1058 (Aschaffenburg, Nordfranken, auch wetz).

      • ferner wird wetz, wätz aus der Schweiz Stalder 2, 448. Hunziker 295, wêz, wäz aus Henneberg Reinwald 2, 141,

      • watz aus der Vogtei Hertel 254,

      • wetz aus Schlesien Weinhold 104 angeführt.

      • in Nassau auch übertragen 'geiler mensch'. mfr., Schweiz Wetz

    • (1960) 30,2554

  • (1960) 30,2554 f Wutz

    • wutz, wutze, wutsche, f. (n.), wutzerchen, dimin., 'schwein, ferkel'

      • wutz Coblenzer ma. 758; wutz, pl. wutze, f.,

      • dimin. wutzche, pl. wutzerchen Autenrieth pfälz. id. 154;

      • das und die wutz, dimin. das wudzî Crecelius Oberhessen 928; wutze (1889) und die kleinen wutzerchen Askenasy Frankfurt 171;

      • wûz, wutz, ... die wûzerchen, wutzerchen Vilmar Kurhessen 462;

      • wusch (vuš); wudje, wutje, wutsche (vūdšə), wutjer (vūdza) Mensing schlesw.-holst. 5, 745;

      • das wutz(el)chen sprach-Brockhaus (1935) 740b;

      • der dt. wortatlas 4, 31b verzeichnet vereinzeltes wutz.

      • im vergleich: besambelt (beschmutzt) als wie die wutze (1888) bei Askenasy Frankfurt 108; wutz, wutzi, wutzsau auch auf unreinliche menschen übertragen Heeger tiere im pfälz. volksmunde 1, 18; dau kla wudzjen sagt man zu kindern, die schmutzig sind Christa Trier 221b. dazu: wutzenstall, m., 'schweinestall': raus aus dem wutzenstall qu. a. d. j. 1937. vgl. noch 2wutzel 1.

Theorien

  • TH 2005 ff

    • Watz

      • Die wahrscheinlichste Erklärung: 'Jungtier'

        • Diese Erklärung hat den Vorteil, dass die Bedeutung 'Schwein' im Keltischen überliefert ist.

        • Dehnungsablaut wie ihn Hahn / Huhn?

          • oder Rundung des e wie in ahd. wehha > wohha 'Woche'

            • unwahrscheinlich

          • vgerm. *voćis > Watz / *ʊóćia > Wutzi

            • wie alb. voce 'Knabe, Mädchen'

            • wegen i > u (wie Gold > Gulden)

              • hätte Umlaut geben müssen, falsch

        • Schwierig ist, dass Watz sich allenfalls in mhd. Ortsnamen nachweisen lässt, aber direkt aus dem Idg. entwickelt sein müsste (Erbwort aus einer vgerm. Sprache).

        • japhet. *ʊeć- 'alt, jung, ein Tier'
          ć = heth. z [ts] = kelt. /ts > ss/ ist ein seltenes japhet. Phonem, das später von den Sprechern teils als /c > ś, k/, teils als /t/ (hier germ.) interpretiert wurde.

          • kelt. *vetsi 'Schwein'
            (= *ʊeći, nicht *ʊet-si)

          • alb. 620ff

            • vjeç 'alt (bei Altersangaben), jährig'

            • voce 'Knabe'

            • vóce 'Mädchen'

          • vgerm. *ʊać- 'Eber'

            • nhd. Watz 'Eber'

          • vgerm. *ʊāć- 'Sau'

            • mhd. *wůze > nhd. Wutz 'Sau'

      • Andere Möglichkeiten

        • 'männliches Tier'
          Auch hier ist die Bedeutung überliefert und die Lautung problematisch (Zusatzannahmen Ablaut und Koseform auf -tz).

          • noach. *aʊir 'männlich'

            • japhet. *ʊër- 'männlich; männliches, starkes Tier'

              • idg. *ʊer- 'männliches Tier'

                • aind. वराह varāhá 'Eber, Schwein', lat. verres 'Eber'

                • ablautend mit dt. -tz > Watz 'Eber'

                • mit Anlauterhärtung

                  • änhd. Ber 'Eber'

                  • hess. Bar 'Ochse'

                  • ablautend germ. bairaż > änhd. Bêr 'Eber'

                    • mit dt. -tz > schwäb. Bätz 'verschnittener Eber, Widder'

          Bei den beiden nächsten Deutungen stimmt die Lautung, aber die Bedeutung ist nicht überliefert. Da die beiden Wurzeln gleich lauten, lässt sich auch kaum eine vorziehen. Diese Deutung kommt deshalb kaum in Frage, weil beide Wurzeln auch mit /ss/ weiterleben. Ich kenne aber kein Wort für 'Eber', das Wass lautet.

        • 'der Feuchte = Samenspritzer'?

          • germ. wat 'nass, Beiwort zu Wasser

            • änhd. wass 'triefend, nass'

        • 'der Scharfe = Angriffslustige'

          • germ. ƕat 'scharf' Grimm

            • ahd. wass, wahs, waz 'scharf'

            • anord. hvass, 'scharf, angriffslustig (Pferd), hvatr 'scharf'

            • änhd. wass 'scharf' und watz, rückgebildet aus wetzen'.

      • Namen

        • Personennamen

          • Wate (Kudrun, niederdeutsche Form. Man kann den Namen auch auf andere Wörter beziehen.)

        • Siedlungsnamen

          • Im deutschen PLZ-Verzeichnis stehen 26 Namen auf Watz-, darunter 5 bayrische Watzing, die sicher von einem Personennamen abgeleitet sind

          • 1141 Wazenburne > Watzenborn-Steinberg, Oberhessen 'am scharfen, schnell fließenden / nassen Brunnen' oder zu einem PN Wazo

        • Bergname

          • Watzmann 'spitzer Mann'

      • TH 17.04.2016 ff

        • nach dem Lockruf, der das Grunzen nachahmt

        • nach dem "Wetzen" (Hin und Herbewegen der Kiefer) des kampfbereiten Ebers

        • tz kann auch affriziertes dentaliertes cƙs sein, dann zu Wacke 'Steinbrocken'

          • ergibt sich aus Luxemburg Watz 'Eber; großes, dickes Stück'

          oder abklingend zu Mocke 'Mutterschwein'

          • wie obh. Watz = Matz

        • abklingend zu Batz, Butz

        • wie Spatz < sparo aus idg. *ḫʊër 'männliches Tier' > lat. verres 'Eber'

          • ähnlich Grimm|27,2196: Warz 'Tamariske', auch bartz, batzwurtz

  • Grimm 

    •  (1922) 27,2606 Watz

      • Schmeller knüpfte an anord. hvatr 'scharf, mutig' an, das auch als 'männlich' (von thieren) vorkommt, so jetzt isländ. und norw. kvat Aasen 401; für das deutsche müszte das adj. watz zu grunde gelegt werden, das ja auch als 'geil' vorkommt, aber nur im alemann. lebendig ist.

      • vielleicht ist eher von dem verb. wetzen auszugehen, das sehr häufig vom eber gebraucht wird, s. Lexer 3, 811, * wetze also 'der die zähne wetzt', die form watz ist z. th. lautlich daraus zu erklären, z. th. mag falsche bildung vom plur. aus erfolgt sein (wie z. b. pfälz. fusch von die fisch).

    • (1960) 30,2554 f Wutz

      • wutz, wutze, wutsche, f

      • benannt nach dem laut wutz, den es hervorbringt:

  • Lothringen vgl. ahd. huaʒ scharf, schweiz. watz sein auf etwas = drauf losgehen.

  • Rheinisch Wutz das Wort, mit dem Watz u. Wutsch II zu vgl. sind...

  • Nassau Wutz 'Schwein' hängt mit Watz zusammen, vgl. auch den Lockruf wutz wutz! wutzi wutzi! 450

  • Westerwald Watz 'Eber' ... gehört vielleicht zu Bätz 'der Bär' 322

Diskussion

  • Grundsätzlich: Gehören Watz und Wutz zusammen?

    • + dasselbe Tier

      • Wutz wäre Zugehörigkeitsbildung

    • - unterschiedliche Sprachstufen: Standard Watz, familiär Wutz (:: Sau usw.)

  • im Einzelnen:

    • Jungtier

      • + kelt. 'Schwein', alb. 'Kind'

      • + würde den PN Wazo erklären ('Kind, nicht 'Eber')

      • vdt. ć würde auch die Affrikata von Schleswig-Holstein wutsche (vūdšə), wutjer (vūdza) 'Sau' erklären.

    • männliches Tier, Samenspritzer, Angriffslustig, Wetzen

      • - schließen Wutz und die Bedeutung 'Kind' aus

        • kein Argument, wenn Wutz Zugehörigkeitsbildung ist.

    • Lockruf

      • kann auch aus dem Wort abgeleitet sein.

      • eher ungefähre Nachahmung des Grunzens:

        • Stolze: "Wutz! Wutz! So duhn ich grunze"

        Das Grunzen klingt aber nicht wie "wutz". Der Lockruf erklärt sich problemlos durch den Tiernamen.

    • Wacke, Batz, Butz, Bätz

      • - angesichts der Vielfalt von Formen und Bedeutungen nicht zu beweisen.

Erklärung

  • Wutz 'Sau' = kelt. *vetsi 'Schwein'

    • Dehnungsablaut *ʊoćis / *ʊōćıa > *wats / *wuotsa > Watz / Wutz

      • ursprüngliche Länge noch in alem. wuz und ndt. wutsche (vūdšə)?

      • sonst vor Doppelkonsonant gekürzt

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 01.09.2016