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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Etymologie

Kaiser

nhd. 'oberster Monarch'

Email:

1. Der Name Caesar

2. Der Titel Kaiser

a) Imperator

b) Caesar > Kaiser, Zar

c) Augustus

d) Princeps, Fürst, Prinz

e) Selbstherrscher

3. Andere "Kaiser"

a) Der orientalische Großkönig und seine Nachfolger

b) Muslimische Herrscher

c) Der zentralasiatische Khaghan

d) Die ostasiatischen "Kaiser"

Exkurs:

Kaiserschnitt

 

1. Der Name Caesar

Caesar war Beiname der römischen Patrizierfamilie gens Julia, aus welcher der Alleinherrscher Gaius Julius hervorging. Der erste bekannte Namensträger Sextus Julius Caesar, war 208 v. Chr. Praetor in Sizilien.

Der Name deutet an, dass der erste Caesar durch seinen Haarwuchs oder seine Frisur auffiel.
Diskussion zur Etymologie

2. Der Titel Kaiser

a) Imperator

C. Julius Caesar hat den Titel rēx 'König' für seine Person abgelehnt, weil er die römischen  Aversionen gegen dieses Wort kannte. Stattdessen hat er sich mit einer Anhäufung von Ämtern begnügt. Sein wichtigster Titel war imperator 'siegreicher Feldherr', den u. a. auch sein Konkurrent Pompeius vom Senat verliehen bekam.

  • lat. impĕrare < in-parare 'befehlen, befehligen'.
    Das Simplex parare 'vorbereiten, sich anschicken etwas zu tun, erwerben' ist eine Ableitung von parĕre 'erzeugen, gebären, erwerben, verursachen'.

  • impĕrium 'Befehl, Befehlsgewalt, Regierung, Oberbefehl, Behörde, Staat, Reich'

    • Das römische Kaiserreich nannte sich Impĕrium Rōmānum 'römische Befehlsgewalt'.

  • impĕrator 'Befehlshaber, oberster Feldherr, siegreicher Feldherr', auch 'Sieger bei einem Brettspiel'

Von daher bekam imperator die Bedeutung 'Staatsoberhaupt, Kaiser', schon bei Caesar und Augustus, aber nicht so prägnant wie seit Tiberius. Heute noch gleichbedeutend mit Kaiser in den romanischen Sprachen:

  • it. imperatore, prov., span, katal., port. emperador, frz. empereur, rumän. împărat

  • lat. > alban. imperator, cymr. ymerawdwr, ymherodr [3], ir., gael. impire
    lit. imperãtorius [4]

  • arab. امبراطور imberāṭūr, pers. امپراتور emperāṭur) türk. imparator

  • frz. > engl. emperor

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

Sonderzeichen

Abkürzungen

 

[3] mit keltischer Elision des /p/, ein Zeichen, wie alt das Wort ist.

[4] wie die Betonung zeigt, mit sekundärer litauischer Endung

 

   

b) Caesar > Kaiser, Zar

Nach der Ermordung Caesars wurde schließlich sein Adoptivsohn  Octavianus Alleinherrscher. Durch die Adoption hatte er den vollen Namen seines Adoptivvaters, C. Julius Caesar übernommen. Den Beinamen Caesar erbten auch seine Nachfolger, sodass der Name bald die Bedeutung 'Staatsoberhaupt' (imperator, Augustus) bekam. Seit Hadrianus unterschied man zwischen dem regierenden Augustus und dem Kronprinzen Caesar.

Die Germanen, Griechen und Orientalen lernten den römische Monarchen unter dem Titel Caesar kennen, u. zw. noch in der klassischen Aussprache [kaisar]:

  • ahd. keisur, and. kêsur, aengl. cásere > nhd. Kaiser

    • deutsch > anord. keisari, norw. keiser, dän. kejser, schwed. kejsare

      • anord. > lit. kaíseris, finn. keisari

  • griech. κασαρ [kaîsar] > ngriech. [kʲɛsar]

    • got. kaisar, durch innergotischen Entwicklung gesprochen [khɛ:sar]

    • hbr. קיסר qêsar

    • arab.  قىصر qejṣar, pers. ḡejsar

  • Aus got. kaisar wurde durch innerslawische Entwicklung aslaw. цѣсарь cēsarĭ 'König' > modern-slaw. царь, caŕ, dt. Zar.

    • aslaw. > ung. czászár

Seit 340 gab es zwei römische Kaiser, in Rom und in Konstantinopel. Nach dem Ende des weströmischen Reiches (476)  trug Karl der Große ab 800 den Kaisertitel und nach ihm die deutschen Könige bis 1806, danach die Herrscher über Österreich und seit 1871 die Oberhäupter des Deutschen Reiches. 1918 mussten der deutsche und der österreichische Kaiser zurücktreten.

Schon vor dem Fall Konstantinopels (1453) übernahmen der russischen König 1547 diese Würde und nannte sich slawisch Zar. Auch dieser wurde 1918 abgesetzt.

Die deutschen Kaiser und die russischen Zaren waren also die Nachfolger von Caesar und Augustus.

 

Caesar  >

  Westrom   >   Deutschland:  

Kaiser

Ostrom >   Russland:   Zar

 

Auch Napoléon Bonaparte verstand sich als Nachfolger des Gallieneroberers und nannte sich seit 1804 empereur 'Kaiser' (bis zu seiner Abdankung 1814) und nach ihm sein Neffe Charles Louis Napoléon Bonaparte (1852-1870).

 

Es ist eigenartig, dass die zeitweise doch so mächtigen Könige von Spanien und England keinen Wert auf die Kaiserwürde legten. Wahrscheinlich wollten sie ihrem Kollegen, dem Römischen Kaiser, den ererbten Titel nicht streitig machen.

 

Kaiser und Caesar

Im späteren Latein wurde [kaisar >  tçɛ:sar], daher die moderne Aussprache des historischen Namens, deutsch [tsɛ:zar], it. [tʃɛzaˑrɛ], frz. [sezar] > engl. [si:zə].

Im Deutschen und Französischen machen wir den künstlichen Unterschied zwischen den römischen Cäsaren (frz. les Césars) und den späteren mittelalterlichen und neuzeitlichen Kaisern (frz. les empereurs).

 

Der Stadtname Caesarēa

Vier Städte im Altertum waren zu Ehren des Imperators Caesarēa, griech. Καισάρεια Kaisáreia genannt, dazu Caesarobriga, Caesarodunum, Caesaromagus. Der Name hat sich anscheinend nicht in modernen Stadtnamen fortgesetzt.

 

Der Personenname Caesar

Caesar kommt auch als moderner Personenname vor (z.B. it. Cesare [tʃɛzaˑrɛ], frz. César [sezar], dt. Caesar, Cäsar).

 

   
   

c) Augustus

Caesars Nachfolger bekam vom Senat den Titel Augustus 'der Erhabene' verliehen. Dem entspricht griech. Σεβαστός Sebastós 'der göttlich Verehrte'. So nannten sich auch die späteren Kaiser, so dass dieser Titel die Bedeutung 'Kaiser' annahm. Seit Hadrianus bezeichnete Augustus den regierenden Monarchen, Caesar den Kronprinzen.

Trotzdem hat sich dieser Würdename bei Nachfolgern der Römer nicht durchgesetzt. Man begnügte sich mit Caesar oder imperator.

 

Der Stadtname Augusta, Sebaste

Auch nach Octavianus Augustus sind eine Reihe Städte genannt:

  • Augusta Taurinorum (Turin)

  • Augusta Treverorum (Trier)

  • Augusta Vangionum (Worms)

  • Augusta Vindelicorum (Augsburg)

  • Augustodunum (Autun)

  • Augustonemetum, Augustoretum;

  • Caesara Augusta > Zaragoza (Spanien)

  • Colonia Raurica Augusta (Kaiseraugst bei Basel, ursprünglich nur Augst)

Σεβαστή, Σεβάστεια Sebastḗ, Sebásteia in Pontos, Armenien und die biblische Stadt Samaria (heute Sebastiyah)

 

Der Personenname August, Augustin

Der moderne Name kam erst mit dem Humanismus 15" auf, französische Auguste, dazu die weibliche Form Augusta, Auguste.

Schon im Mittelalter war in Deutschland der Heiligenname Augustin gebräuchlich (nach dem Kirchenvater Augustinus (354-430). Durch das Volkslied "O du lieber Augustin, alles ist hin" kam der Name wohl etwas in Verruf. [5]

 

  [5] Das Lied soll 1678 in Wien entstanden sein
   

d) Prīnceps, Fürst, Prinz

Augustus, der ja die Alleinherrschaft angestrebt hatte, nannte sich beschönigend prīnceps inter păres 'Erster unter Gleichen', wobei

  • lat. prīnceps < prīmus 'der erste' + capĕre 'ergreifen' , also 'der die erste Stelle einnimmt'

schon vor Augustus nicht nur den 'Vordersten in einer Reihe', sondern auch den 'Vornehmsten, Anführer, Chef'  bezeichnete.

Ihm entspricht im Deutschen

  • Fürst 'Landesherr' < ahd., and. furisto
    < ahd., and.
    furist, anord. fyrstr, aengl. fyr(e)st, (engl. first), afries. ferist, ferost, ferst 'der erste'.
    zum Plural

Seit 10" bezeichnete mhd. vürste Landesherren, die den höchsten Rang nach dem König hatten, also die weltlichen Burggrafen, Landgrafen, Pfalzgrafen, Markgrafen und Herzöge, dazu die geistlichen Bischöfe und Äbte. Sie alle hatten Sitz und Stimme im Reichstag. Seit dem 12er-Jahrhundert bildete sich der höhere Rang der Kurfürsten heraus, die das Recht hatten, den König zu kiesen 'wählen'. Später ernannte der Kaiser weitere Fürsten, die durch die Ernennung aber keine zusätzlichen politischen Rechte bekamen. Die Kurwürde erlosch 1806 mit der Auflösung des Heiligen Römischen Reichs, der Fürstenstand 1918 mit der Abschaffung der Monarchie. Fürst wird aber in Deutschland noch als Teil des Namens weitergeführt.

Im Französischen wurde prīnceps verkürzt zu

  • frz. prince 'Fürst'

  • daraus engl. prince 'dem König unterstellter Fürst', dann auch 'Thronfolger, Königssohn'. Der Thronfolger trägt den althergebrachten Titel "Prince of Wales".

  • und dt. Prinz 'Fürst' (bis ins 17er-Jhd.)., 'Fürstensohn, Thronfolger' (seit dem 16er-Jhd.)

  • In Grimms Märchen wurden das Prinz, Prinzessin der Vorlagen als nigssohn, Königstochter eingedeutscht.

e) Selbstherrscher

Die byzantinischen Kaiser führten den sprechenden Titel ατοκράτωρ autokrátōr 'Selbstherrscher', das ist einer, der seine Macht nicht anderen, sondern sich selbst zuschreibt.

 

   
   

3. Andere "Kaiser"

"Kaiser" im eigentlichen Sinne sind die römischen Caesaren und ihre Nachfolger, die Kaiser in Deutschland und Zaren in Russland. Die obigen genannten Entsprechungen von imperator und Caesar in nichteuropäischen Sprachen (außer im Türkischen) bezeichnen denn auch ausschließlich die europäischen Herrscher.

Dennoch wurde der Kaisertitel in Deutschland auch auf vergleichbare Potentaten in anderen Erdteilen angewendet.

Meyers Konversationslexikon 1879 9,677 zählt als außereuropäische Kaisertümer auf: Brasilien, Fes und Marokko, China, Japan, Siam (heute Thailand), Birma, Mexiko und Haiti. Dabei verstanden sich wohl die amerikanischen "Kaiser", span. emperador, frz. empereur, als den Nachfolgern der Cäsaren ebenbürtig und anderen "Königen" überlegen.

a) Der orientalische Großkönig und seine Nachfolger

"König" konnte im alten Orient auch das monarchische Oberhaupt einer kleinen Stadt sein. Die assyrischen und nach ihnen die babylonischen und persischen Könige hatten nach und nach die kleineren Königreiche von ganz Vorderasien unterworfen, waren also mehr als gewöhnliche "Könige".

Großkönig

Mesopotamien

Die mesopotamischen Herrscher nannten sich 'Großkönig':

  • osem. šarru rabû

  • Ugarit mlk rb

  • hbr. המלך הגול ha-mäläk ha-gádôl

  • griech. βασιλες μέγας basileùs ho mégas

Der indische Maharadscha

Der indische महाराज Mahārājá 'Großkönig' [6] gebot zwar über untergeordnete Rājas 'Könige', regierte aber neben anderen Mahārājas in der Regel nur über einen Teil des Subkontinents.

König der Könige, Schah

Gleichbedeutend mit "Großkönig" war

  • osem. šar šarrāni,

  • aram. מלך מלכיא mäläk malkajjâ
  • hbr. מלך מלכים mäläk melákîm

  • griech. ὁ  βασιλες τῶν βασιλέων ho basileùs tṓn basiléōn

  • >> Schah 'persischer Kaiser'

Der persische Schah wurde 1979 gestürzt. So lange hielt sich dieser Titel im Iran.

Negus Negesti

Vielleicht angeregt durch diesen orientalischen  Titel nannte sich auch der 1974 entthronte christliche "Kaiser" von Äthiopien negus negesti 'König der Könige'.

b) Muslimische Herrscher

Eigenartigerweise haben die muslimischen Herrscher den Titel 'König', arabisch ملك malik lange vermieden - vielleicht weil der damit verbundene Adelsstand dem ursprünglichen Gedanken einer Gleichheit aller Gläubigen widerspricht.

Kalif Khalif

Nach Mohammeds Tod standen von 622-1258 an der Spitze der Muslime Mohammeds Nachfolger, die Kalifen:

  • arab. خلىفة ḫalīfa, eigentlich 'Nachfolger'

  • daraus pers. خلىفة ḫalīfe, türk. halife

In der Glanzeit, unter den Omajjaden (661-750), regierten die Kalifen ein Reich, das von Marokko bis zum Indus und vom Jemen bis nach Georgien reichte, so dass ihnen gegenüber der europäische Titel Kaiser angemessen ist.
Nach dem Zerfall des Omajjadenreichs beanspruchten die Herrscher kleinerer Territorien die Kalifenwürde, zuletzt von 1517-1924 die osmanischen Sultane.

Sultan

Auch die osmanischen Herrscher vermieden den Königstitel (in diesem Fall türk. han). Stattdessen nannte sich 1326 der zweite osmanische Bey (türk. 'Herr')

  • Sultan
    < arab. سلطان sulṭān 'Herrscher' < arab. سلط salaṭa 'herrschen'

Die türkischen Sultane legten sich 1461 den europäischen Kaisertitel bei und wurden seit 1606 in dieser Würde von den europäischen Mächten anerkannt. Das Sultanat wurde 1922 abgeschafft..

c) Der zentralasiatische Khaghan

Der König der Awaren, die als Nachfolger der Hunnen in Ungarn lebten, trug um 800 den Titel (lateinisch) caganus, den sie wohl von den Hunnen übernommen hatten. Dies entspricht

  • mongol., atürk. qağan, türk. hakan, dt. Khaghan 'Großkönig'
    wohl durch Reduplikation aus einfachem

  • mongol., atürk. qan, türk. han 'König',
    daraus pers. خان ḫān 'Herr', dt. Khan

  • Der mongolische Eroberer Dschingis Khan nannte sich selbst nur Khan, erst sein Nachfolger Ögädai führte den Titel Khaghan.

aus chin.王 alt whaŋ, neu wáng 'König', vgl. kiranti  (Nepal) haŋ 'König'

d) Die ostasiatischen "Kaiser"

China

221 v. Chr. bis 1912 n. Chr. stand China unter der Herrschaft eines
huángdì 'Kaisers'.

Das Wort ist zusammengesetzt aus zwei selbständigen Wörter, die auch allein 'Kaiser' bedeuten können

  • 皇, alt w(h)āŋ 'erhaben, regeln', mittel ɣwâŋ, neu huáng, womöglich also seit dem Mittelchinesischen aus wáng differenziert wie Khaghan aus Khan.
    Das Zeichen ist zusammengesetzt aus:
    oben:
    bái 'weiß', wohl zur Unterscheidung von huáng 'gelb'; das ähnlich geschriebene 伯 bedeutet
    'Onkel, Herr, Graf' unten: 王 alt whaŋ, neu wáng 'König'

  • 帝 alt tēks, neu 'Gott, Kaiser'

Japan

Der erste japanische "Kaiser" soll schon im 6" Jh. v. Chr. gelebt haben und nannte sich bereits damals

  • tennō 'König (王, おう ō) des Himmels (天, てん ten)'

  • chin. Schrift: 天皇
    • Zeichen tiān + huáng 'Himmel + Kaiser'
    • Wörter < tiān + wáng 'Himmel + König'
  • Hiranaga てんのう tennō (te-n-no-u)

  [6] entspricht lateinischem magnus rex

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Übersicht

Systematik

 

Begriffe Machthaber | Sprachecke 19.05.2005 | 08.08.2006 | 08.02.2011 | 24.07.2012

 

Datum: 2005

Aktuell: 28.07.2016