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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Redensarten

"Das ist mir wurscht"

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Befund

Etymologie

  • 1822 hörscht du die gelbe salbadre. mir ist des alles wurscht. ich spihr in meine adre nur alsfort neie durscht. 13,2302 f

  • 1853 Wurschtigkeit

    • Ich gewöhne mich daran im Gefühle gähnender Unschuld alle Symptome von Kälte zu ertragen und die Stimmung gänzlicher Wurschtigkeit in mir vorherrschend werden zu lassen (Bismarck) 5,1751

Theorien

  • Wander (1867-80)

    5,467

    • Die Wurst hat mehr als Einen Zipfel

    • Ein gebratene Wurst hat zween Zipffel.
      Historie von Dr. Joh. Fausten etc., Frankfurt a.M. 1587; Simrock, 11945b.

    5,471

    • Das ist mir (wie) Wurst

      • Ist mir gleichgültig oder eine leichte Sache, weil in diesem Lieblingsessen keine Knochen sind, die im Halse stecken bleiben.

  • Grimm (1960) 13,2302 f

    • Behaghel  (ca. 1890) ... dasz die wurst zwei gleiche enden hat uns es daher 'gleichgültig' ist, an welchem man sie anbeiszt

    • Storfer (1935) ... möglichkeit, dass wurst als geringwertige fleischspeise betrachtet wird

    • burschikose redeweise

    • die häufige mundartlich vergröberte lautform wurscht unterstreicht bewuszt das derb-schnodderige der wendung

    RöLSR (1971/ 2000) 1751

    • Das ist mir Wurs(ch)t: das ist mir gleichgültig; die Redensart ist wohl nicht als verkürzte Form aus der Wendung ›Das ist Wurst wie Schale‹ entstanden (vgl. ›Jacke wie Hose‹); vielleicht ist nur an die Gleichartigkeit gedacht, die sich bei der Wurst an beiden Enden zeigt (vgl. die Sprichwort-Parodie: ›Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei‹). Es ist gleichgültig, an welchem Ende die Wurst angeschnitten wird.

Information

  • Im Nhd. wurde r+s in der Regel > rsch (kirse > Kirsche.

  • Da in den süddeutschen Dialekten st in allen Stellungen [ʃt] gesprochen wird, empfand man Karst, erst, Borste, Durst  als Fälle von st, nicht von rs und ließ es daher bei <st>.

  • In Südhessen überschneiden beide Ausspracheregeln. Es wird auch da Duršt gesagt, wo man nicht Lušt, sondern Lust sagt.

  • Wurscht war vielleicht tatsächlich einmal "burschikose" Ausdruckweise. Die Aussprache hat sich in der Redensart durchgesetzt als bequemes Unterscheidungsmittel von der Fleischspeise.

Diskussion

  • Wander kennt offenbar diese Redensart noch nicht aus dem lebendigen Sprachgebrauch und versteht nicht, was damit gemeint  ist.

  • Zu den ältesten Belegen:

    • 1822 Den Sprecher interessiert das Salbadern der Gelben nicht, weil ihn etwas anderes beschäftigt: sein Durst.

    • 1853 Wurschtigkeit im Sinne von Teilnahmslosigkeit, Apathie.

    Gemeint ist in beiden Fällen das Desinteresse, nicht die Gleichgültigkeit bei der Wahl zwischen den "Enden der Wurst".

  • Anderen Redensarten:

    • "Das ist mit schnuppe" = so wertlos wie eine Schnuppe 'abgebranntes Dochtteilchen  an der Kerze.

    • "Das ist mir piepe" = Da pfeife ich drauf.

    beides im Sinne von 'uninteressant'.

  • Dass die Wurst Minderwertiges ist, wie Storfer meint, will mir nicht einleuchten.

    • "Mit der Wurst nach der Speckseite werfen" will nicht sagen, dass die Wurst generell minderwertig ist, sondern nur in diesem Fall ist sie weniger wert als ein ganzer Schinken.

  • Das Bild von den zwei Zipfeln / Enden der Wurst wurde offenbar unterschiedlich verstanden:

    • 15"m Ein gebratene Wurst hat zween Zipffel.

      • also egal, wo man reinbeißt

    • 18" Die Wurst hat mehr als Einen Zipfel

      • Man muss eine Sache von mehreren Seiten betrachten.

    • 19b" Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei

      Wortspiel:

      • 1. zeitliches, 2. räumliches Ende

      • Alles hat ein Ende = es ist vergänglich

      • Man muss aber verstehen: Alles hat 1 Ende, die Wurst 2.

  • Anspielung an eine Geschichte?

    • Die Aussage müsste gewesen sein: Die Wurst, von der die Rede ist, interessiert mich nicht...

    • Das Gegenteil muss nicht ein anderes Lebensmittel sein. Die Wurst ist nur ein zufälliges Beispiel für den Gegenstand des Desinteresses.

    Letzten Aufschluss kann nur die Literatur geben:

    • Fabeln und Erzählungen: nach Phädrus, und in eigener Manier - Johann Friedrich Schlotterbeck 1,104 (1790)

      • Ein Hund rühmt vor einem hungrigen Wolf die Vorzüge des Hundelebens: "Mein Herr wirft Brod und Wurst mit vor, Es kostet mich kaum apportiren. So bring ich dir in träger Ruh Mein Leben, wie ein Domherr, zu." Aber dem Wolf ist die Freiheit wichtiger: "Mich kümmern Brod und Wurst gar wenig..."

    • Ähnlich schon  Luther "Von der Stadtmaus und von der Feldmaus":

      • Bleib du eine Stadtmaus und friss Würste und Speck, ich will ein armes Feldmäuslein bleiben und meine Eicheln essen.

    • Schlotterbeck war anscheinend nur ein unbedeutender Schriftsteller, da ihn Wikipedia nicht kennt. Die Fabel wird also kaum bekannt gewesen sein, im Unterschied zu Luthers Fabel von den Mäusen. Beide Texte illustrieren nur, wieso Wurst uninteressant sein kann, haben aber kaum zur Entstehung der Redensart geführt.

    zu Hans Wurst 'Dickwanst > Tölpel > Komödiant',

    • für den wohl das einzig Interessante die Wurst war. Das wäre das Gegenteil von dem, was die Redensart meint.

    • Fall dem Hans Wurst alles andere egal war, könnte man diese Haltung wurstig, Wurschtigkeit genannt  haben. Wurscht wäre aus wurstig rückgebildet.

      • Grimm 30,2317 (1960)

        • wurstig 1831

          • älter wursticht, -ü- 'rundlich und dick wie eine wurst' 1520
            mit einem Zitat, in dem dieses Wort nicht vorkommt.

          • Die Anfügung -icht stand oft für heutiges -ig: 1691 gebirgicht Stieler 1,161

          • Noch heute kann wurstig außer 'uninteressiert' auch 'wurstförmig bedeuten', wie die Belege im DWDS zeigen.

          wurstigkeit 1853

        • Wursthans ... als schimpfwort für einen fresser 1610 (> Komödiant)

          • Kritisiert wird die Zügellosigkeit, nicht die Dummheit der Fresser.

      • kein ausdrückliches Zeugnis für Desinteresse an allem anderen.

        • Aber man kennt ja die schon in der Bibel kritisierte Haltung "Lasset und essen und trinken, denn morgen sind wird tot", 1Kor  15,32

        • so auch der Zecher von 1822, dem alles andere wurscht ist.

    • + Anknüpfung an wursticht und Hanswurst

    • - Wursticht 'rund und dick' selbst ist nur fehlerhaft dokumentiert. Der Übergang 'dick > gleichgültig' ergibt sich aber aus den modernen Belegen.

Erklärung

  • wohl nur im Sinn von "Wurst interessiert mich nicht".

  • Wurst > wurstig 'dick > uninteressiert' > wurscht

 

 

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Übersicht

 

Sprachecke 27.05.2013

 

Datum: 2014

Aktuell: 31.08.2016