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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Abklang

Eine urtümliche Art der Wortbildung

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1. Ähnliche Konsonanten und ähnliche Bedeutung

2. Ablaut und Abklang

3. Zweck: Bedeutungsdifferenzierung

4. eine veraltete Methode der Wortbildung

5. Abklang schon noachitisch

 

1. Ähnliche Konsonanten und ähnliche Bedeutung

a) Gleiche Artikulationsstelle, verschiedene Artikulation

Beim Vergleich von Wortstämmen der japhetitischen [1] Sprachen fällt auf, dass Stämme mit ähnlichen Konsonanten eine ähnliche oder gegensätzliche Grundbedeutung haben, z.B.

  KAP – GHEB lat. capĕre 'fassen' – habēre 'haben'; deutsch haben geben
  KAL – GEL lat. calidus 'warm' – gelidus 'kalt'
  PER – BHER lat. portareferre 'tragen, bringen'; ahd. faran 'fahren' – beran 'tragen'

b) Wechsel anderer Konsonanten

Das gilt nicht nur für stimmhafte und stimmlose, unbehauchte und behauchte Verschlusslaute, sondern auch für andere Konsonanten:

  SW / SL altengl. swefan = slǽpan 'schlafen'
  SW / M altind. svādú- 'süß' – mádhu 'Honig'
  R / L engl. ram 'Widder – lamb 'Lamm

Im Anlaut wechseln nicht nur ähnliche Konsonanten, sondern in manchen Wörtern steht im Anlaut ein Konsonant, in anderen Wörtern fehlt er; das Wort beginnt mit Vokal beziehungsweise mit [2] ʔ   oder dem übrig gebliebenen zweiten Konsonanten des Anlauts.

2. Ablaut und Abklang

In Anlehnung an die bekannte Bezeichnung Ablaut  [3] nenne ich diese Erscheinung Abklang. Der Unterschied scheint zu sein, dass

der Ablaut zur grammatischen Differenzierung diente (singen / sang / gesungen),
der Abklang dagegen zur Bedeutungsdifferenzierung (haben / geben).

a) s mobile

Im Fall des anlautenden /s/ vor Konsonant ("s mobile") ist der Abklang schon lange bekannt und lässt sich manchmal auch innerhalb derselben Sprache nachweisen:

  L / SL: deutsch lecken / schlecken
  T / ST griechisch τέγος / στέγος tegos / stegos'Dach'

b) h mobile

In den germanischen Sprachen steht manchmal ein unorganisches /h/ im Anlaut:

ʔ / H

dt. ihr - engl. her (Possessivpronomen)

c) starke und schwache Konsonanten

Bei anderen anlautenden Konsonanten ist das meines Wissens noch nicht beschrieben worden, es lassen sich aber ebenfalls Beispiele finden:

  W / ʔ / J

lat. vehĕre 'fahren' – agĕre 'treiben' - icĕre 'werfen'

    lat. valēre 'kräftig sein' – alĕre 'wachsen'
    ahd. wang 'Feld' – angar 'Weideland'
    engl. is / are – was / were (innerhalb desselben Verbs 'sein')
  S / ʔ lat. secare 'schneiden' – acutus 'scharf'
    got saihwan 'sehen' – slaw. oko = dt. Auge
  S / H / ʔ engl. she 'sie' – he 'er' - dt. er
    dt. SaalHalle [4]
  J / ʔ   hd. jâmar = âmar 'Jammer
  N / ʔ dt. nehmen – lat. emĕre
    dt. Name – slaw. im'e
(daneben mit vokalischem Anlaut griech. óνομα ónoma
[5])
    dt. Natter Otter

3. Zweck: Bedeutungsdifferenzierung

a) schwache Konsonanten / ʔ

Der Abklang beziehungsweise der Wechsel zwischen schwachen Konsonanten und ʔ dient teilweise der Bedeutungsdifferenzierung:

  intransitiv / transitiv ahd. faran 'fahren' – beran 'tragen'
 lat. vehere 'fahren' – agere 'treiben'
  Intensivierung

deutsch lecken / schlecken 

  Wortklassen altind. svādú- 'süß' – mádhu 'Honig'
    got saihwan 'sehen' – slaw. oko = dt. Auge
  Gegensätze  lat. calidus 'warm' – gelidus 'kalt'
   

engl. bad 'schlecht' – better 'besser' [6]

b) Wechsel mit anderen Bildungselementen

Teilweise tritt der Abklang auch mit einem Wechsel anderer Bildungselemente auf:

  Flexionsklassen lat. capio 'fasse' – habeo 'habe'
    ahd. wesan [7]sîn [8] 'sein'
  lang / kurz altind. svādú- 'süß' – mádhu 'Honig'
    lat. scūtum 'Schild' – cŭtis 'Haut'
  Ablaut lat. secare 'schneiden' – acutus 'scharf'
    got saihwan [sɛħʷan] 'sehen' – slaw. oko = dt. Auge
  Infix, Suffix ahd. ackar 'Acker' – wang 'Feld' – angar 'Weideland'

4. eine veraltete Methode der Wortbildung

a) Abklang keine Regel einer Einzelsprache

Da der Abklang den Grundregeln aller mir bekannten Sprachen widerspricht, dass alle Variationen der Flexion und der Wortbildung einen gemeinsamen Grundstamm erkennen lassen, muss er älter sein als die einzelnen Sprachen und auch älter als die größeren Sprachgemeinschaften. Die Methode des Abklangs muss also seine Wurzeln in noachitischer Zeit haben, obwohl er als Mittel der Bedeutungsdifferenzierung offenbar lange produktiv gewesen ist, wie das Nebeneinander von lecken und schlecken zeigt.

b) spätere Systematisierung

Die Methode des Abklangs wurde aber später in allen "weißen" Sprachgemeinschaften  systematisiert (zum Beispiel: grammatischer Wechsel im Germanischen, Lenition im Keltischen, Dageš im Hebräischen, Stufenwechsel im Finnischen). Dann treten innerhalb derselben Sprache und desselben Wortes so Merkwürdigkeiten auf wie:

i. Nur im Inlaut:

  deutsch ziehen, Zug, Zucht
  finnisch katu Straße' – kadulla 'auf der Straße'
jalka
'Fuß' – jalat 'Füße'
puku
Anzug' – puvun 'des Anzugs'
[9]

ii. Im Anlaut

Besonders interessant sind hier die Fälle, die den Anlaut betreffen:

  altalemannisch (Notker) tes koldes – unde demo gólde 'des Goldes – und dem Golde' [10]
  gaelisch salach ['salex] 'schmutzig' – glé shalach [gle: 'haləx] 'sehr schmutzig' [11]
  hebräisch בּכּתל ba-kotäl 'an der Wand'  ובכתל u-və-xotäl 'und an einer Wand' [12]

c) Einbindung in den Satz statt Isolation

Möglicherweise liegt hier ein ganz altes Prinzip zugrunde, dass sich nämlich ein Laut immer seiner Umgebung anpasst, auch im Anlaut. Denn das entspricht dem natürlichen Gebrauch der gesprochenen Sprache, die semantische und funktionale Silben aneinander hängt und einzelne Wörter nicht isoliert, sondern gleich in den größeren Zusammenhang eines Satzes einbindet. Die isolierte Vokabel aus dem Wörterbuch ist eine sehr junge Erscheinung. Sie machte dann allerdings eine einheitliche Wortform mit einheitlichem Anlaut notwendig.

Beispiel: Das cymrische Wort für 'Baum' erscheint je nach Kontext als pren, bren, phren, mhren, steht aber im Wörterbuch nur unter pren. [13]

5. Abklang schon noachitisch

Dass der Abklang bereits noachitisch sein muss, lässt sich an Vergleichen mit nicht-japhetitischen Sprachen aufzeigen, und zwar gerade bei noachitischen Wörtern, die in mehreren Sprachgemeinschaften vertreten sind:

a) Beispiele

i. 'Horn'

ii. 'bringen > hervorbringen > Junges, Frucht'

Grundlage ist ein undifferenziertes ber / per

'bringen'

'hervorbringen'

'Junges'

'Frucht'

ahd. beran' = lat. ferre 'bringen'

lat. parĕre 'gebären'

ahd. gi.beran 'gebären'

hbr. פרה p-r-h 'Frucht bringen'

'Sohn'

got. barn = aram. בר bar

hbr. פרי pe 'Frucht'

lat. pirum 'Birne'

'junger Stier:

dt. Farren = hbr. פר par

iii. 'Honig, süß'

Grundlage ist

im Anlaut /m/, das zu /w/ erweicht werden konnte,
im Auslaut ein Zungenspitzenlaut, der als /l/ oder /t/ artikuliert sein kann.

 

'Honig'

'Honigwein'

'süß'

'angenehm'

mel

lat. mel

air. mil

 

 

slaw. mily 'lieb'

finn. miel- 'angenehm'

met

aind. mádhu-

abulg. mʲedĭ

finn. mesi

ahd. metu

griech. μέθυ [16]

hbr. מתוק mátôq

lat. mitis

melt

got. miliþ

griech.

μελι(τ-)

 

 

dt. mild

swet

 

 

aind. svādú-

and. swôti

abulg sladŏ [17]

 

b) Abklang und Ablaut in nicht-japhetitischen Sprachen

Ablaut und Abklang sind auch innerhalb von nicht-japhetitischen Sprachen zu beobachten. Auch das scheint mir ein Zeichen zu sein, dass sie in noachitische Zeit zurück gehen.

i. Beispiele aus dem Hebräischen:

  Ablaut רב rab 'viel' – rob 'Menge'
  Abklang  בראb-r-ʔ 'erschaffen' – פרה p-r-h 'Frucht bringen'

ii. Beispiele aus dem Finnischen:

  Ablaut [18]:  nainen 'Frau'  – neito 'Jungfrau'
  Abklang: sarvi 'Tierhorn' –  torvi 'Blashorn'
 

[1] Ich unterscheide die drei Sprachstufen indogermanisch (Sprache der Streitaxtleute), japhetitisch (ältere Gemeinsamkeiten der sog.  Indogermanen, noachitisch (gemeinsame Grundlage aller "weißen"  Sprachen)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[2] Aleph, Kehlkopfverschluss, griechischer spiritus lenis

 

 

[3] z.B. fahren / fuhr, lat. ăgere / ēgi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[4] Grundlage ist in diesem Fall japhetit. cel 'verbergen'; Saal könnte aus einer Satem-Sprache übernommen sein.

[5] womöglich ein betontes silbisches /n/, das aber in keiner Grammatik erwähnt wird. Dann wäre verständlich, warum /n/ manchmal ausfällt: Es verlor bei Akzentwechsel den Ton. Vergleiche das griechische α privativum = aind. a- / lat. in-, dt. un-.

 

 

 

 

 

 

 

[6] vgl. lat. malus 'schlecht' – melior 'besser'; kelt. velo- 'schlecht', velio- 'besser'
Wenn A "besser" ist als B, dann ist B weniger "gut" oder "schlecht".

 

 

 

 

[7] thematisch

[8] athematisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[9] Englund-Wolf, Finnische Sprachlehre 14

 

 

 

[10] Braune Eggers, Ahd. Grammatik 101

[11] Roderick Mackinnon, Gaelic 12

[12] Der Punkt (Dageš) in den Buchstaben zeigt an, dass ein Verschlusslaut [b, k] und kein Reibelaut [w, x] gesprochen wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

[13] Spurell's Welsh-English Dictionary XI

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[16] Art Wein

 

 

 

 

 

 

 

 

[17] /sw/ > */sł/ (dunkles /l/) > /w/

 

 

 

 

[18] Die Ugrofinnen haben wie die Türken Vokalharmonie, d.h. der Vokal der Endung richtet sich nach dem Stamm. Das ist kein Umlaut wie bei uns, wo sich der Stamm nach der ursprünglichen Endung gerichtet hat. Ein Ablaut widerspricht eigentlich den Grundsätzen der finnischen Phonetik, wonach der Wortstamm bei der Flexion nicht verändert wird. Um so verwunderlicher sind diese Beispiele.

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Übersicht

 

weitere Beispiele für Abklang

 

Datum: 2000 / 2005

Aktuell: 11.04.2016