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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Gemeinsamkeiten zwischen Arabisch und Deutsch

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Sprachfamilien

Semitisch

Indogermanisch

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Flexion

"Äußere Flexion"

"Innere Flexion"

Wortkonstruktion

Lautsysteme

Schrift

Wortschatz

Gemeinsame Grundlage?

 

1. Sprachfamilien

Arabisch ist eine semitische, Deutsch eine indogermanische Sprache:

  • Arabisch < südsemitisch < semitisch

  • Deutsch  < germanisch< indogermanisch

a. Semitisch

  • Südsemitisch: arabisch und äthiopisch

  • Westsemitisch: aramäisch (Reste in Türkei und Syrien) und hebräisch (Israel)

  • Ostsemitisch: akkadisch, assyrisch, babylonisch (ausgestorben im Irak)

b. Indogermanisch

wird gesprochen in fast ganz Europa, sowie in den Ländern zwischen Iran und Nordindien.

  • Germanisch = deutsch, niederländisch, friesisch, englisch, dänisch, norwegisch, schwedisch, isländisch (gotisch, ausgestorben)

Beide Familien treten erstmals vor ungefähr 4000 Jahren in Erscheinung, die Indogermanen bei den Hethitern in der Türkei und den Indern, die Semiten bei den Akkadern im Irak.

2. Gemeinsamkeiten und Unterschiede

a. Flexion

Indogermanisch und Semitisch sind flektierende Sprachen. Sie benutzen bei Deklination und Konjugation nicht nur Vorsilben und Endungen, sondern sie verändern mitunter auch die Vokale des Wortes:

i. "Äußere Flexion"
  • deutsch schrieben / schriebt - arabisch katabna / katabt

  • deutsch Bauer, Bauern - arabisch fellaḫ / fellaḫin

ii. "Innere Flexion"
  • deutsch schreibe / schrieb - arabisch aktib / katabt

  • deutsch Buch / Bücher - arabisch kitab / kuttub

Das Deutsche ist die einzige germanische Sprache, in der auch bei der normalen Konjugation noch der Vokal verändert werden kann, und ist damit "semitischer" als das Arabische:

  • gebe, gibst, gibt, geben, gebt, geben; gäbe, gab

Im Germanischen wie im Semitischen können auch die Konsonanten verändert werden (Abklang):

  • deutsch ziehen / zog; arabisch kitab / kuttub

Diese Art von Flexion mit Vokaländerung ist eine wichtige indogermanisch-semitische Gemeinsamkeit.

b. Wortkonstruktion

Die Grammatiker legen großen Wert darauf, dass die semitischen und indogermanischen Wörter verschieden konstruiert sind:

  • Semitisch: ein Konsonantengerüst, das nach Bedarf mit Vokalen aufgefüllt und durch Vorsilben und Endungen ergänzt wird: K-T-B > ma-K•TaB-at

  • Indogermanisch: eine feste Silbe mit teils veränderlichem Vokal, der durch Vorsilben und Endungen ergänzt wird: SCHREIB > Be-SCHREIB-ung

Wenn man aber bedenkt, dass es in beiden Sprachfamilien Vokaländerungen gibt, sind die Unterschiede gar nicht mehr so groß. Der wesentliche Unterschied liegt nicht in der Wortkonstruktion, sondern in der Schrift:

  • West- und Südsemiten: schreiben nur die Konsonanten

  • Ostsemitisch war eine Silbenschrift: at-tu-u-nu = attûnu 'ihr'

  • Indogermanen schreiben Konsonanten und Vokale.

c. Lautsysteme

Wenn man von den heutigen Sprachen ausgeht, sind Deutsch und Arabisch überhaupt nicht zu vergleichen. Arabisch ist mit seinen vielen Kehl- und s-Lauten für mich unaussprechbar. Genauso wird ein Araber Schwierigkeiten haben, Deutsch mit unseren Umlauten und ungewohnten Konsonanten wie /p, w, ts, pf/ richtig auszusprechen.

Gehen wir aber weiter in die Vergangenheit zurück, stellen wir fest: Beide Sprachen haben sich gegenüber den anderen "Familienmitgliedern" verändert:

  • Deutsch Zahn = niederländisch tand = lateinisch dent- (/z < t < d)

  • Arabisch Ain ع und Ghain غ sind in der Schrift nur durch einen Punkt unterschieden. Hebräisch und Aramäisch haben dafür nur einen Buchstaben Ain ע. Die Ostsemiten konnten diesen Laut gar nicht schreiben. Die ursprünglichen semitischen Konsonanten waren also nicht ganz so kompliziert wie im heutigen Arabischen. Das Arabische scheint vom benachbarten Altägyptischen beeinflusst zu sein. Seit dem 2. Jahrtausend gab es einen regen Austausch zwischen Semiten und Ägyptern.

Die Aussprache des Deutschen scheint mir dagegen von den benachbarten Finnen und der keltischen Urbevölkerung beeinflusst zu sein. Mit den Finnen haben wir die Umlaute (ä, ö, ü) gemeinsam, mit den Kelten (zum Beispiel Iren) /ch/ und /z/, die es im Indogermanischen nicht gab. Merkwürdigerweise hat sich das Deutsche mit seinen neuen Lauten /ch, sch/, stimmhaftem und stimmlosem /s/ sogar dem Arabischen angenähert. Die Indogermanen hatten kein /ch/ und nur eine Art von /s/.

d. Schrift

Die Europäer und die Semiten haben ihre Schrift beide von den Phönikern (im Libanon) übernommen, die die Alphabetschrift vor 3000 Jahren erfunden haben:

  • Unsere "lateinische" Schrift kam über die griechische von den Phönikiern.

  • Die arabische Schrift kam über die syrische von den Phönikiern.

Ursprünglich war die Schriftrichtung egal, mal von rechts nach links, mal von links nach rechts, manchmal beides im Wechsel. Die Europäer und die Semiten haben sich auf feste Schreibrichtungen festgelegt, nur jeder auf eine andere.

Merkwürdigerweisen haben die Syrer und die Hebräer keine Schreibschrift mit zusammenhängenden Buchstaben entwickelt wie die Europäer. Und merkwürdigerweise haben die Araber nur zusammenhängende Buchstaben und nicht eine zusätzliche "Druckschrift" mit einzelnen Buchstaben.

Von den Arabern stammen unsere "arabischen Ziffern"

e. Wortschatz

Beide Sprachfamilien haben sehr alte Gemeinsamkeiten im Grundwortschatz:

  • deutsch Horn = lateinisch cornu = arabisch qarn

  • deutsch haben, lateinisch capere ‚'ergreifen', arabisch kaff 'Handfläche'

Darüber hinaus gibt es jede Menge Lehnwörter:

  •  lateinisch burgus > arabisch burğ (hat nichts mit deutsch Burg zu tun)

  • arabisch kahwa > deutsch Kaffee

Europäer und Araber haben eine ähnliche Religion, daher:

Man kann die Begriffe bequem übersetzen, weil Muslime und Christen vergleichbare Vorstellungen haben. Dagegen ist einem Inder nur schwer klarzumachen, was wir uns unter Gott vorstellen, weil er an viele Götter glaubt, und Engel kennt er in seiner Religion überhaupt nicht.

Seit der arabischen Eroberung Spaniens im 8. Jahrhundert stehen Araber und Europäer in engem Kontakt. Von den Arabern haben wir etwa die Ziffern (von arabisch ṣifr), alte wissenschaftliche Ausdrücke (Alchimie, daher Chemie), den gotischen Baustil, der den Mauren abgeguckt ist.

3. Gemeinsame Grundlage?

Kontakte zwischen Indogermanen und Semiten sind so alt wie unsere geschichtlichen Überlieferungen. Daher ist es schwer, eine gemeinsame Grundlage herauszuarbeiten. Dennoch halte ich es für wahrscheinlich, dass Gemeinsamkeiten wie die innere Flexion und einige Wörter aus dem Grundwortschatz nicht nur auf uralte Kontakte zurückgehen, sondern auf eine gemeinsame Grundlage, die mindestens 8000 Jahre zurückliegt. Da es darüber keine Aufzeichnungen gib, kann man aber darüber nur spekulieren.

   

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2004 / 2005

Aktuell: 26.03.2016