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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Über den Vergleich von Sprachen

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1. Fehler beim Sprachvergleich

a. Beschränkung auf nur eine Sprachfamilie

b. Wahlloser Wortvergleich

2. Erschwernisse

a. Material kaum einzugrenzen

b. Nicht alle Sprachen gleich gut bekannt

c. Synonyme und Homonyme

3. Untersuchungen

a. Wörter zum Buchstaben L

b. Appellative zu 20 einfachen Begriffen

c. Ergebnis

4. Erklärungsversuche

Modell 1: Überregionale Wörter

Modell 2: Sprachmischung

Modell 3: Verwandtschaft

Modell 4: Grundmuster der menschlichen Sprache

Modell 5: Spontane Wortbildung

 

1. Beim Vergleich verschiedener Sprachen macht man immer wieder zwei Fehler:

a. Beschränkung nur auf eine Sprachfamilie

Man beschränkt sich nur auf die anerkannten Sprachfamilien (z. B. indogermanisch) und zieht andere Gruppierungen oder Einzelsprachen nur heran, wenn es um offenkundige Wanderwörter wie wein oder um Sprachvermischungen (Substrat und Superstrat) geht. Im Lateinischen muss man eben mit etruskischen, im Griechischen mit pelasgischen Einflüssen rechnen.

Durch die Beschränkung auf eine bestimmte Gruppe werden alle Übereinstimmungen entweder als Urverwandtschaft (wie deutsch vater mit lat. pater), Entlehnungen (wie finn. kulta aus germ. gold) oder Überlagerungen (wie griech. thalassa 'Meer' aus einer vorgriechischen Sprache) erklärt.

Dabei erklärt man einerseits ein Wort wie eisen für indogermanisch, obwohl es nur im Germanischen und Keltischen vorkommt; andrerseits entgehen dem Beobachter auffallende Entsprechungen in anderen Sprachgruppen, die man nicht einfach als Lehnverhältnis bezeichnen kann: Finnisch paita 'Hemd' kann schon deswegen kein Lehnwort aus pfeit sein, weil es daneben noch das Wort peite 'Deckel' gibt und weil ihm im Ungarischen fed ' bedecken', fátyol 'Schleier, poszto 'Tuch' und pajzs 'Schild' entsprechen: Offenbar gibt es eine alte ugrofinnische Wurzel, aus dem alle diese Wörter abgeleitet sind. Für die Etymologie des deutschen pfeit fällt aber nicht viel Gescheites ein.

b. Wahlloser Wortvergleich

Andere, die dieses Problem erkannt haben, machen dagegen einen anderen Fehler: Sie vergleichen wahllos Wörter aus allen möglichen Sprachen und stellen dann auffallende Übereinstimmungen fest wie:

deutsch

hethit.

hebr.

finn.

jap.

indon.

Suaheli

haube

kupaḫi

kobaʕ

kypärä

kabuto

kopia

kofia

'Haube'

'Kopfbedeckung'

'Helm'

'Helm'

'Helm'

'Mütze'

'Mütze'

Die Verweise zeigen, dass diese Wörter nur über adam. *ɢëπ- 'Hand' verwandt sind.

Diese Methode des wahllosen Vergleichens hat gewichtige Nachteile:

i. Willkürlichkeit

Sie hat etwas Willkürliches an sich. Ich darf eben nicht nur die auffallende Ähnlichkeit zwischen indon. kopia und suah. kofia feststellen, sondern ich muss dann beide Sprachen einem genauen Vergleich unterziehen. Und wenn ich noch 20 andere Wortgleichungen Indonesisch - Suaheli anführen kann, so ist damit noch gar nichts gewonnen, weil ich nichts aussage, wie sehr oder wie wenig sich die beiden Sprachen sonst ähneln. Es lassen sich sicher neben den 20 Gleichungen noch 2000 Ungleichungen finden.

ii. Zufälligkeit

Es besteht ja immerhin die Möglichkeit, dass in dem einen oder anderen Fall auch der Zufall eine Rolle spielt. So findet sich z.B. im Koptischen ein Wort šeune, das Buchstabe für Buchstabe (š = sch) unserem Wort scheune entspricht und auch dieselbe Bedeutung hat. Dass diese Gleichheit nur Zufall ist, wird uns sofort klar, wenn wir uns überlegen, dass er neben der scheu-ne auch die scheu-er gibt, dass das n im Unterschied zum Koptischen (äg. šnwt 'Scheune' neben šnƐ 'Speicher') nicht zum Wortstamm gehört.

Um also solche Zufälligkeiten auszuschalten, muss ich die Methoden der klassischen Etymologie beherrschen, also z.B. nach älteren Wortformen fragen, etwaige Lautgesetze beachten usw.

Die folgenden Untersuchungen haben sich zum Ziel gesetzt, der Wahrscheinlichkeit zufälliger Übereinstimmungen auf die Spur zu kommen. Es geht also nicht ohne Mathematik. Ich kann die amüsante Arbeit des Sprachvergleichs nur betreiben, wenn ich wahrscheinlich machen kann, dass die beobachteten Übereinstimmungen wesentlich zahlreicher sind, als es der Zufall erwarten ließe. 

2. Eine genaue Untersuchung wird dadurch erschwert,

a. dass das untersuchte Material kaum einzugrenzen ist.

Niemand weiß, wie viele Wörter es im Deutschen gibt. Ein "flächendeckender" Vergleich wäre nicht nur ungeheuer arbeitsaufwendig, sondern auch unmöglich.

b. dass nicht jede Sprache gleich gut bekannt ist.

Ich kann also nicht ohne weiteres das mir vertraute Deutsche mit dem Türkischen vergleichen, für das ich nur ein kleines Wörterbuch habe.

c. dass es fast zu jedem Begriff Synonyme gibt und die meisten Wörter mehrere Bedeutungen haben.

3. Ich habe darum folgendes versucht:

a. Wörter zum Buchstaben L

Hier wurde eine vorgegebene Anzahl von Wörtern aus dem Wörterbuch zum Buchstaben L in fünf  Sprachen verglichen. Dieser Anfangsbuchstabe wurde deshalb gewählt, weil er gegen Lautwandel ziemlich resistent ist, so dass man sich nicht wie bei /ts/ darüber streiten kann, ob es wie deutsch /z/ aus /t/ oder wie lat. /c/ aus /k/ entstanden ist.

Es wurde nicht einfach alles, was im Wörterbuch über L steht, abgeschrieben, sondern es wurde versucht, nur die Wurzelwörter zu erfassen bzw. die einfachste Variante unter ähnlichen Wörtern anzuführen. Es fehlen daher auch Zusammensetzungen, wobei es sich als hilfreich erwiesen hat, dass es in den fünf Sprachen offenbar keine Vorsilben mit L- gibt. Ferner wurde versucht, Fremdwörter auszuscheiden, soweit sie erkennbar sind, oder wenigstens Fremdwörter aus einer anderen der angeführten Sprachen.

Einzige Ausnahme sind zwei anscheinend urverwandte Wörter im Griechischen- und Deutschen, nämlich griech. lákhanon / lauch und lónkhē / lanze; dagegen wurde neben hebr.  l eḇonā 'Weihrauch' das offensichtliche Fremdwort griech. líbanos 'Weihrauch' nicht angeführt. Es ist sicher für die Berechnung ganz hilfreich, dass es nur zwei Fälle von Urverwandtschaft gibt.

Die Wortauswahl wurde durch das griechische Wörterbuch begrenzt: Es gibt nicht mehr als 35 Wurzelwörter mit L-.

Hier zeigte es sich, dass die tatsächliche Anzahl der Entsprechungen größer ist als es sich nach den Gesetzen des Zufalls erwarten lässt:

In zwei Sprachen entsprechen sich:

wahrscheinlich

tatsächlich

1 Begriff

1 : 22,98

1 : 57,00

2 Begriffe

1 : 45,6

1 : 28,50

3 Begriffe

1 : 68,4

1 : 9,50

4 Begriffe

1 : 91,2

1 : 2,85

5 Begriffe

1 : 114,0

1 : 11,40

b. Appellative zu 20 einfachen Begriffen

Hier wurden Appellative zu 20 einfachen Begriffen untersucht .

Hier gab es verstärkt die Schwierigkeit der Synonyme. Es wurde also versucht, das geläufige Wort in den bekannteren oder das überhaupt bekannte Wort in den unbekannteren Sprachen zu finden. Standen mehrere Möglichkeiten zur Auswahl, wurde auf das kürzere, also einfachere und ursprünglichere Wort zurückgegriffen.

Wie beim Buchstaben L habe ich bewusst auf Querverweise zu Synonymen verzichtet; so hätte ich zu apreuß. buttas 'Haus' sicher auch noch auf die bude oder bei finn. lammas 'Schaf' auf das Lamm verweisen können.

Die Auswertung bestätigte die obigen Beobachtungen:

Unter 20 Wörtern entsprechen sich in 2 Sprachen:

wahrscheinlich

tatsächlich

1 : 400

1 : 39,5.

c. Ergebnis

Damit ist also der exakte mathematische Nachweis erbracht, dass Parallelen auch zwischen nichtverwandten Sprachen häufiger sind, als es nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit zu erwarten wäre.

Aus meiner Untersuchung geht ferner hervor, dass zwischen dem Indogermanischen, Semitischen und Ugrofinnischen eine enge Verwandtschaft besteht, die jedenfalls enger ist als z.B. zum Türkischen oder den ostasiatischen Sprachen. Eine merkwürdige Affinität besteht anscheinend ferner zum Suaheli, was sich wohl nicht nur durch arabischen Einfluss erklären lässt.

4. Erklärungsversuche

Der Nachweis, dass Sprachen verwandt sind, lässt sich relativ einfach erbringen.

Wie aber lässt sich diese Verwandtschaft erklären? Es ist sicher falsch, für sämtliche Beziehungen eine gemeinsame Erklärung zu suchen:

Modell 1: überregionale Wörter

Ein Volk lernt eine bestimmte kulturelle Errungenschaft bei einem anderen Volk kennen und übernimmt mit der Sache auch das Wort. So lassen sich viele Ausdrücke erklären, die ziemlich weit verbreitet sind, wie pommes frites (aus dem Französischen), pullover (aus dem Englischen), kaffee (aus dem Arabischen), gummi (aus dem Altägyptischen, eigentlich das Gummi arabicum).

Gehen wir jedoch weiter in die Vergangenheit, in die vorgeschichtliche Zeit zurück, so ist es schwer, zu sagen, wer von wem das Wort und die Sache übernommen hat: 

  • Ist finn. paita 'Hemd' ein Lehnwort aus dem Germanischen oder deutsch pfeit eins aus dem Finnischen? 

  • im Deutschen gibt es für eine einheimische Gespinstpflanze zwei Namen, flachs und lein. Flachs lässt sich aus dem Deutschen erklären (zu flechten), lein dagegen hat Parallelen im Lateinischen (linum) und anderen Sprachen. Ist es ein Lehnwort oder besteht Urverwandtschaft?

  • Haben die Finnen das Eisen (rauta) von den Russen (ruda 'Eisenerz') oder den Nordleuten (anord. rauðr 'Eisenerz') übernommen? Stammt das Wort letztlich aus einer orientalischen Sprache (sum. uruda)? Ist es in Skandinavien bodenständig, wo es ja Eisenerz gibt, und lässt es sich nicht nur aus dem Indogermanischen, sondern auch aus dem Finnischen als 'das Rote' erklären (deutsch rot, rost; asl. rudeti ' rot werden'; finn. ruskea 'braun')?

Vielleicht ist es ehrlicher, statt von Lehnbeziehungen nur von Wörtern zu reden, die für eine bestimmte Sache in einem größeren Gebiet über die Einzelsprachen und Sprachgruppen übergreifend gebraucht werden. also nicht von 'Lehnwörtern, sondern von 'überregionalen Wörtern'. Damit sind die 'Lehnwörter' nicht aus der Welt geschafft; der Ausdruck ist da angebracht, wo die Lehnbeziehung deutlich ist.

Modell 2: Sprachmischung

In Grenzgebieten, durch Wanderung oder Eroberung wohnen in einem bestimmten Gebiet mehrere Gruppen mit verschiedenen Sprachen nebeneinander. Es wird dann zu Mischsprachen (wie im Elsass oder England) oder zu Überlagerungen kommen (wie im Französischen, wo das Romanische erst das Keltische und dann das Fränkische das Romanische überlagerte). Je nach Stärke der Bevölkerungsgruppen wird ihr Einfluss verschieden zur Geltung kommen:

  • als gleichberechtigtes Nebeneinander im Wortschatz, wobei in der Grammatik eine Sprache überwiegt (so im Englischen: eine germanisch-romanische Mischsprache mit germanischer Grammatik, oder im Jiddischen: eine hebräisch-deutsche Mischung mit deutscher Grammatik).

  • als Überlagerung einer stärkeren Fremdsprache über die Einheimische; die Einheimischen nehmen die Fremdsprache an, behalten jedoch viele Wörter und Sprechgewohnheiten bei und formen die Fremdsprache um (so im Romanischen: Die Unterworfenen nahmen die lateinische Sprache an und bildeten sie um).

  • als Überlagerung einer politisch überlegenen, zahlenmäßig jedoch unterlegenen Gruppe. Die Einwanderer nehmen die einheimische Sprache an, bringen jedoch viele Neuerungen, die ihre alten Bezeichnungen behalten (so im Französischen, wo das Romanische vom Fränkischen überlagert wurde).

In keinem dieser Fälle kann man von Lehn- oder Fremdwörtern sprechen, weil hier keine fremden Sachen eingeführt wurden, sondern sich Völker vermischt haben.

Modell 3: Verwandtschaft

a. Sprachgemeinschaften

i. Indogermanisch

Auffallende Ähnlichkeiten zwischen dem südafrikanischen Afrikaans und dem Deutschen beruhen nicht auf Zufall, denn das Afrikaans ist die Sprache der Kapholländer, und Holländisch und Deutsch sind beides westgermanische Sprachen, die auf eine gemeinsame Grundsprache, das Urgermanische zurückgehen, das in vorchristlicher Zeit gesprochen wurde.

Genauso lassen sich Ähnlichkeiten zwischen dem Spanischen und Hindi erklären: ebenfalls Überreste einer gemeinsamen indogermanischen Grundsprache, die vor 4-5000 Jahren gesprochen worden ist. Nur sind hier die Verhältnisse ein bisschen komplizierter, aber im Prinzip ist es ähnlich.

Außer dem Indogermanischen haben die Forscher noch andere Sprachgemeinschaften festgestellt, so unter den hamitischen Sprachen Nordafrikas, den semitischen Vorderasiens und den ugrofinnischen Nordeurasiens usw. Wir reden in diesem Fall von Urverwandtschaft, d.h. alle diese Sprachen gehen auf gemeinsame Grundsprachen zurück.

Dabei müssen wir freilich bedenken, dass diese Grundsprachen verhältnismäßig primitiv gewesen sein müssen, was ihren Wortschatz und ihre innere Struktur anbelangt. Wir können also in so früher Zeit noch keine Kenntnisse von Metallen und nur bescheidene Erfahrungen mit der Landwirtschaft voraussetzen. Der hypothetische Wortschatz wird also sehr bescheiden gewesen sein.

Man wird also vorsichtig sein müssen, wenn man gemeinsame Wörter z.B. im Deutschen und Keltischen wie eisen oder eid gleich als indogermanisch bezeichnen will. Denn das Urvolk kannte sicher noch kein Eisen, und der Eid scheint eine mitteleuropäische Rechtsinstitution gewesen zu sein, die sich erst in verhältnismäßig später Zeit entwickelt hat.

Mit Recht indogermanisch nennen kann man eigentlich nur Wörter, die in einer Mehrzahl der indogermanischen Sprachgruppen vorkommen, wie vater, mutter, sonne, also der primitive Grundwortschatz.

Übereinstimmungen in kleineren Gruppen sind entweder wie eisen und eid spätere Neubildungen oder wie vieleicht bei haus, finn. koti, lat. casa Reste einer vorindogermanischen Sprache.

ii. Die "weißen" Sprachen

Die Untersuchung hat gezeigt, dass es über die genannten Sprachgruppen auch große Übereinstimmungen zwischen dem Indogermanischen, Afroasischen und Ugrofinnischen gibt, u. zw. nicht nur, was den Wortschatz anbelangt: Die beiden ersten Gruppen sind echt flektierende Sprachen gegenüber dem agglutinierenden Ugrofinnischen; viele formale Bildungselemente sind in allen Gruppen ähnlich usw.

Doch scheinen hier die Verhältnisse komplizierter zu sein, als dass wir einfach von einem noachitischen Urvolk sprechen könnten, von dem sich die drei Gruppen ableiten. Vielmehr müssen wir hier mit Überlagerungen und dem Einfluss von alten einheimischen Sprachen rechnen.

Dies wird deutlich an folgenden Beobachtungen:

  • Das Germanische hat im Unterschied zu anderen Sprachen mit dem Semitischen die innere Flexion gemeinsam, also nicht nur den gemeinindogermanischen Ablaut singen, sang, gesungen, sondern auch Konsonantenänderungen wie ziehen, zog und die Verschärfung als Mittel der Wortbildung wie schneiden, schnitzen.

  • Das Germanische hat seit alter Zeit den Umlaut vor folgendem /i/ (ahd. kalb, kelbir), das auffallend an die ugrofinnische Vokalharmonie erinnert. Es hat mit diesen Sprachen auch die Anfangsbetonung gegenüber dem ursprünglichen freien indogermanischen Wortakzent gemeinsam; beides Eigenarten, die sonst im Indogermanischen nicht vorkommen.

  • Die baltoslawischen Sprachen haben mit dem Finnischen das komplizierte Kasussystem gemeinsam, das sonst in keiner indogermanischen Sprache erhalten und dem Semitischen völlig fremd ist.

Hier haben sich also anscheinend verschiedene Einflüsse überlagert: Agglutination und innere Flexion, Vokalharmonie und ihr Fehlen, verschiedene Betonungsweisen und Flexionssysteme. Offenbar sind also die heutigen europiden Völker Nachkommen verschiedener Bevölkerungsgruppen, die sich nicht mit den heutigen Sprachgemeinschaften decken. Die heutigen Sprachgemeinschaften sind wohl vor 7.000 Jahren zu Beginn des Neolithikums im europäisch-asiatischen Grenzraum entstanden.

Und doch bietet sich hier die Möglichkeit an, sich ein indogermanisch - semitisch - ugrofinnisches "Urvolk" oder besser einen Kontaktbereich vorzustellen: die Ursemiten in Armenien und Syrien, südlich des Kaukasus; die Urindogermanen in Südrussland, nördlich des Kaukasus; die Ur-Ugrofinnen in Nordrussland.

Die semitisch-hamitischen Gemeinsamkeiten könnten durch Überlagerung entstanden sein: Die frühen Semiten stießen im Süden auf hamitische Völker und vermischten sich mit ihnen, so anscheinend deutlich in Ägypten. Das komplizierte südsemitische Konsonantensystem scheint in dieser Kontaktzone entstanden zu sein.

Denkbar wäre auch, dass die Hamiten eine frühe vorsemitische Einwanderergruppe aus dem Orient in Nordafrika waren und dort eine Sonderentwicklung mitgemacht haben. Das eine und das andere schließt sich nicht aus.

Das oben gesagte gilt natürlich auch hier: Je weiter wir in die Vergangenheit zurückgehend, desto primitiver muss die gemeinsame Ursprache gewesen sein.

b. Gemeinsame Ursprache

Es ist nun zu überlegen, ob es vor dieser Zeit nicht eine Zeit der Sprachgemeinschaft aller Menschen oder eine gemeinsame Ursprache gab.

Die obige Helm-Gleichung ist nun freilich ein schlechtes Beispiel; es lassen sich aber andere Gleichungen aufstellen, die mehr einleuchten:

germ.

finn.

hebr.

türk.

suah.

vietn.

azt.

pfeit

paita

bad

bez

 

 

 

Hemd

Hemd

Leinen

Tuch

 

 

 

wat

vaate

 

 

vazi

 

 

Kleid

Kleid

 

 

Kleid

 

 

hafen

koppa

qab

kab

chupa

khap

quebal

Topf

Schale

Maß

Schüssel

Flasche

Krug

Krug

gar

 

hrh

kure

 

 

hari

gekocht

 

brennen

Ofen

 

 

Hitze

buche

pyokki

pag

bağ

 

 

 

Buche

Buche

Frühfeige

Weinberg

 

 

 

alan

elo

ʕul

ol

 

 

iolli

nähren

leben

säugen

sterben

 

 

leben

elch

eläin

ajjal

älik

 

 

 

Hirsch

Tier

Hirsch

Wildziege

 

 

 

eller

alma

ela

elma

 

 

 

Erle

Apfel

Baum

Apfel

 

 

 

elle

 

 

el

 

 

 

Unterarm

 

 

Hand

 

 

 

ei

i-tu

 

 

yai

 

 

Ei

Keim

 

 

Ei

 

 

erde

aro

ereṣ

yer

 

 

 

Erde

Steppe

Erde

Erde

 

 

 chin

jung

 

 

genç

changa

 

jiu

jung

 

 

jung

jung

 

alt

jäh

 

 

gʔh

 

 

gao

steil

 

 

hoch

 

 

hoch

hoch

kookas

 

 

 

 

 

hoch

hoch

 

 

 

 

 

 

kivi

 

kaya

 

 

 

 

Stein

 

Fels

 

 

 

griech

 

 

 

 

n.chi

guo

Erde

 

 

 

 

Erde

Land

gau

 

 

gaj

 

 

gu

Tallandschaft

Tal

 

 Tal

 

 

Tal

Dies führt zu dem Eindruck, dass all diesen Wörtern eine gemeinsame urmenschliche Sprache zugrundeliegen müsste, zumal es sich ja hauptsächlich um Begriffe des täglichen Lebens handelt, die man nicht importieren oder exportieren muss, und für die die Urmenschen schon Bezeichnungen gehabt haben müssen.

Die obige Aufstellung zeigt aber auch, dass wir uns die Sache nicht zu einfach vorstellen dürfen, so als ob sich Wörter für 'Kleid, 'Topf, 'kochen' 'Obstbaum' usw. rekonstruieren könnten.

Die letzte Gruppe hilft hier weiter: Zu der Ursilbe GA sind hier ganz verschiedene Bedeutungen zusammengestellt, nämlich: 'hoch,, 'Stein, 'Erde, 'Tal'; die Ursprache hatte anscheinend für alle dasselbe Wort; erst später hat man zwischen den Bedeutungen differenziert.

Dabei hat man auch Gegensätzliches offenbar mit demselben Wort bezeichnet, wie das Nebeneinander von finn elo 'leben' und alttürk. öl 'sterben, von hbr. gʔh 'hoch sein' und gaj 'Tal' zeigt.

Damit kommen wir schließlich zu

Modell 4: Grundmuster der menschlichen Sprache

a. Grammatik

Ererbt aus der Urzeit der Menschen sind nicht bestimmte Vokabeln eines primitiven Wörterbuchs, sondern nur Gedankenverbindungen, die an bestimmte Silben geknüpft sind, bestimmte Grundmuster der menschlichen Sprache.

Dies lässt sich deutlich machen nicht nur an lexikalischen Vergleichen, sondern auch an grammatischen Beobachtungen: Es gibt offenbar überall auf der Erde eine Unterscheidungen zwischen Singular und Plural sowie zwischen den drei Personen 'ich, du, er, sie, es'. Ferner scheint es zwar nicht immer einen lexikalischen, aber doch einen grammatischen Unterschied zwischen Substantiven, Adjektiven, Pronomina, Verben usw. zu geben. So kann engl. round lexikalisch sowohl 'Runde', 'rund' als auch 'runden' heißen; grammatisch macht man aber deutlich erkennbare Unterschiede.

b. Wortbildung

Dies gilt auch für die Methoden der Wortbildung: An die Ursilbe AL war die Bedeutung 'leben, Lebendiges, sterben, Leib' geknüpft, wozu auch noch alt 'erwachsen, betagt'; mhd. ellen 'Kraft'; Maya ol 'Blut'; Azt. elli 'Leber'; lat. altus 'hoch, tief'; finn. ala 'unten, ylä 'oben'; der Flussname Aller usw. gehören: umfangreiche Wort- und Bedeutungsfelder, die sich aus einem einzigen Grundwort entwickelt haben.

c. Etymologie

Dabei ist es gar nicht so, dass sich der Ursprung eines Wortes, seine Ableitung von einem bestimmten Grundwort, immer eindeutig angeben lässt:

i. Querverbindungen

Wir müssen vielmehr mit Querverbindungen und gegenseitigen Beeinflussungen rechnen:
Die indogermanischen Entsprechungen für 'canis lupus' machen den Etymologen immer wieder Kopfzerbrechen: Das Tier heißt:

germ.

latein.

griech.

slaw.

wolf

lupus

lykos

vlk

Sind das nun vier verschiedene Wörter oder gehen sie auf ein gemeinsames Grundwort zurück? Andrerseits vergleichen wir verschiedene Raubtiernamen und stellen zusammen:

'Wolf' 'Welpe' 'Fuchs' 'Löwe' 'Luchs'

germ.

germ lat.    

wolf

welp vulpes    
lat.   aind. hbr.  

lupus

  lopaças labiʔ  
    griech.   finn.

 

  alopêx   ilves
griech.       deutsch
lykos       luchs

Es ist also etwas zu einfach, wollten wir die verschiedenen Bezeichnungen für 'canis lupus' auf eine idg. Wurzel *vḷkvos zurückführen, vielmehr müssten wir die anderen Raubtiernamen mit in Betracht ziehen und bereits für das Indogermanische mehrere Wurzeln annehmen, die erst in vorindogermanischer Zeit auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgehen könnten.

Oder: Ist das finnische Wort für 'Kupfer, vaski, verwandt mit einem syrjänischen Wort für 'grün, oder ist das nur eine zufällige, willkommene Ähnlichkeit, während der Name des Metalls in Wirklichkeit von den Basken (lat. Vascones) käme: Die iberischen Glockenbecherleute machten das Kupfer in Europa bekannt. Letzteres wäre zu prüfen; eine Querverbindung zu einem alten Wort für 'grün, ist jedenfalls nicht ausgeschlossen.

ii. Blockaden

Vokabeln sind nicht nur bereitwillig von einer in die andere Sprache übernommen worden; es gab auch Gründe, die eine solche Übernahme aus Nachbarsprachen oder einer Ursprache verhinderten:

kein Bedarf

Der Begriff war schon durch eine andere Vokabel abgedeckt, so dass kein Bedarf bestand. Aus diesem Grund gibt es in England nicht das Wort auto, weil die Engländer sich zur Zeit der Erfindung des Automobils angewöhnt hatten, dem alten Wort car eine neue Bedeutung zu geben: automobil war zu lang, also sagte man car und brauchte automobil nicht zu auto zu kürzen.

¶ Homonyme

Eine Übernahme des Wortes wurde durch ein vorhandenes Homonym verhindert; bzw. später entstandene Homonyme machten sich gegenseitig Konkurrenz, bis eines der Konkurrenten auf der Strecke blieb.

Beispiele

Ein schönes Beispiel ist die Silbe MAN / MUN im Lateinischen und Deutschen:

  • Lat manus ist im deutschen durch hand (voridg.?) abgedeckt, wurde also nicht benötigt.

  • Lat. munire 'mauern, schützen' entspricht ahd munt 'Schutz, das aber wegen seines Gleichklangs mit mund 'Maul' auf der Strecke blieb. Dieses wiederum scheint mit lat. mentum 'Kinn' und manducare 'kauen' zusammenzuhängen.

Wer will sagen, welche Ableitung die richtige ist? Vielleicht ist das auch gar nicht nötig, weil wir mit solchen Querverbindungen einfach rechnen müssen.

  • Ein modernes Beispiel ist rasant, eigentlich abgeleitet als Partizip von frz. raser 'schleifen' also 'schleifend'. Im deutschen Sprachgefühl wird es aber als Ableitung von rasen 'schnell fahren' verstanden und hat die Bedeutung 'schnell': Ein Wort und zwei Väter!

Modell 5: Spontane Wortbildung

a. Schallnachahmung

Eine Menge von Verben wie patschen, quaken, krähen bezeichnen wir von alters her als "lautmalend (onomatopoetisch)" oder "schallnachahmend". Dies trifft in vielen Fällen auch zu, sind sie doch von Interjektionen wie patsch, quak, krak abgeleitet, die in der Tat irgendwelche Geräusche charakterisieren.

Auch bei vielen Tiernamen wie krähe, kuckuck, uhu, kuh leuchtet das ein, da die Tiere ja offenbar nach ihrem charakteristischen Ruf benannt sind.

i. Erweiterte Schallnachahmung

Darüber hinaus nennt man "schallnachahmend" aber auch viele Wörter, bei denen eine Beziehung zum Schall gar nicht mehr festzustellen ist, so nach Reclam z.B. buckel (zu lat. bucca 'aufgeblasene Backe') oder rost  'Herdgitter' (angeblich nach dem Knistern des Feuers). Dazu sollte man auch Wörter der Bewegung rechnen wie sausen (eigtl. vom Luftzug, der bei schneller Bewegung entsteht) oder schlagen (klack macht's, wenn man trifft).

ii. Verbindung von Klang und Vorstellung

Ich habe aber den Eindruck, als ob der Ausdruck "lautmalend" nur eine Verlegenheitslösung ist; das griechische Onomatopöie 'Namenbildung, Wortbildung' ist umfassender und der Sache angemessener: Denn eigentlich handelt es sich nicht um Nachahmung, sondern wir verbinden mit dem Klang einer Silbe syneidetisch bestimmte Vorstellungen optischer oder akustischer Art:

  • Das deutsche baum hat einen runden, vollen Klang. Ich denke dabei an einen Laubbaum mit runder Krone, wie aus dem Bilderbuch.

  • Beim französischen arbre mit seinen beiden /r/ dagegen sehe ich das Geäst einer knorrigen Eiche

  • und beim englischen tree mit seinem "spitzen" Vokal eine Zypresse.

Über etymologische Beziehungen für verschiedene Namen des 'bos taurus'. die so ähnlich wie kuh oder bu klingen, brauchen wir uns also nicht den Kopf zu zerbrechen; es sind spontane Bildungen, angeregt durch das Brüllen des Tieres.

Ebenso wenig brauchen wir uns Gedanken zu machen über die weltweite Verbreitung des Wortes mama, ebenfalls eine spontane Bildung, die keiner Etymologie bedarf.

b. Wörter aus Interjektionen

DA! ist ebenfalls ein Wort dieser Art, eine Interjektion, die wir gebrauchen, um jemand auf etwas hinzuweisen. Von daher findet die Interjektion Eingang in die Klasse der Adverbien und Konjunktionen, wird dekliniert als da-s zum Pronomen usw. Der Hinweis DA!, Du da! gibt der Interjektion die Bedeutung 'du' (du) und macht es zugleich auch zum Zahlwort für 2 (lat duo). Beim Hinweisen benutzen wir gern die 'Hand' (sum. šu) oder den 'Finger' (chin. zhi); die Hand verwenden wir, um etwas damit zu tu-n usw.
Hier haben wir einen Einblick in eine urtümliche Art der Wortbildung, ausgehend von der Interjektion DA. Das hat nichts mit Schallnachahmung zu tun, sondern ist eine Weiterentwicklung aus einem primitivsten Vokabular. Über die internationale Verbreitung solcher Wörter brauchen wir uns also auch keine Gedanken zu machen.

c. Aus dem Jargon in die Umgangssprache und Hochsprache

Wir unterscheiden zwischen dem offiziellen Wortschatz der Umgangssprache den inoffiziellen von Sondersprachen. Dazu gehört auch der familiäre Jargon, der sehr produktiv im Schaffen neuer Wörter ist, die eines Tages vielleicht auch einmal Eingang in die Umgangssprache oder literarische Hochsprache finden. Eine Sprache kann man eigentlich nur dann wirklich verstehen, wenn man auch diesen Jargon kennt.

  • Woher kommt z.B. das engl. Wort hobby 'Steckenpferd'? Es erinnert auffallend an finn. hevonen Pferd, dieses wiederum an griech. hippos, welches von den Etymologen an lat. equus angeschlossen wird (griech P entspr. lat. QU). Woher kommt aber das  H?
    Wer das Kinderlied "Hoppe Reiter" kennt, für den ist das Ganze kein Problem: Keine etymologische Beziehung, sondern ein Urwort, abgeleitet von hopp, also mit der Bedeutung 'Springer, dazu auch hupfen, hoppeln.

Die volkstümliche Umgangssprache scheint solche urtümlichen Worte zu bevorzugen: hüpfen statt springen, schmeißen (MIT 'aufschlagen lassen, dazu schmied, lat. mittere 'werfen, schicken') statt werfen, klauen (zu klaue 'Hand') statt stehlen usw.

 

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Datum: 1985 / 2005

Aktuell: 26.03.2016