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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Neue Erkenntnisse
zum Namen des Odenwalds

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1. Quellenlage und Ortslage

2. Lautgestalt

3. Die Vokabel ʊódor / ʊedénes

4. Die Ablautstufen im Odenwald

5. Was bedeutet Odenwald?

6. Der römische Name des Gebirges

7. Und die Lautverschiebung?

 

1. Quellenlage und Ortslage

Zum Odenwald gehörten nach Müllers Ortsnamenbuch: 627 ein Teil des Lobdengaus (Fälschung), 772 die Handschuhsheimer Mark, 815 Michelstadt, 1012 das Gebirge südlich einer Linie von Bickenbach nach Kinzig und dann parallel zur Mümling zum Neckar.

2. Lautgestalt

a. kurzes /o/ aus /u/

Die älteste Nennung 772 lautet Odenwalt. Lorsch schrieb sich noch 764 Lauresham, Groß-Rohrheim 782 Raureheim (neben Rorheim), Rödermark 786 Raodora (neben Rodaha). Das heißt: /au/ wurde erst im 7er-Jahrhundert zu langem /o/. Der Gebirgsname hat also wohl kurzes /o/, das auf germanisches /u/ zurückgeht, vergleiche gotisch juk, wulfs mit deutsch Joch, Wolf. Grundlage des Gebirgsnamens wäre also ein germanisches Uden- Dies lässt sich in zwei Richtungen weiter zurückverfolgen:

b. Ablautreihe au – iu – u

Kurzes /u/ kann Schwundstufe der germanischen Ablautreihe /au – iu – u / sein, vergleiche gotisch biudanbauþbudans (deutsch: bieten, bot, geboten). Es stünden also neben der Schwundstufe Ud- die Normalstufe Iud- und die Vollstufe Aud-

c. Ablautreihe au – ʊe - u

Dazu gehört eine indogermanische Ablautreihe /au – ʊe – u/, vergleiche altindisch vaksch- uksch-, griech. aux-, deutsch wachsen. Zu germ. Aud-Iud-Ud- käme also noch indogermanisch Aud-Ʊed- / Ʊod-Ud-

3. Die Vokabel ʊódor / udnés

a. Sprachvergleich

Dabei kann es sich eigentlich nur um das indogermanische Wort für 'Wasser' handeln: hethitisch ʊatar, griechisch ὕδωρ hýdōr, slawisch вода voda, altindisch उदन् udan, gotisch wato, altnordisch vatn, englisch water.

b. r- / n-Stamm

Dieses Wort gehörte zu einem Stamm, bei dem in der Deklination /r/ und /n/ wechseln: hethitisch Nominativ ʊatar, Genetiv ʊetenaš; vergleiche lateinisch femur / feminis 'Oberschenkel'.

4. Die Ablautstufen im Odenwald

Tatsächlich finden sich im Odenwald eine Anzahl von Namen, die sich sowohl mit den verschiedenen Ablauten als auch mit dem unterschiedlichen Stammauslaut des indogermanischen Wortes erklären lassen:
a. Otenuuald = Schwundstufe Ud- mit Genitiv-n
b. Der Euter- oder Itterbach hieß 773 Ivtra = Normalstufe Iud mit Nominativ-r
c. Die römische Civitas Auderiensium = Dieburg zeigt die Dehnstufe Aud- mit Nominativ-r.
d. Die oberhessische Wetter hat die indogermanische Normalstufe Ʊed- mit Nominativ -r.
e. Schließlich gibt es die reine Wurzel in slawisch voda, dessen Ablautform Aud- in Otzberg (langes /o/) und Autmundistat = Groß-Umstadt erhalten sein könnte.

5. Was bedeutet Odenwald?

Der Name des Odenwalds lässt sich am einfachsten erklären als "Waldgebirge des Euterbachs":
            Nominativ mit Normalstufe und /r/: Iutra
            Genitiv mit Schwundstufe und /n/: Uten- > Oten-

6. Der römische Name des Gebirges

Wie hieß der Odenwald in römischer Zeit? Vielleicht ist die römische Civitas Auderiensium nach ihm benannt. Können wir aus dem Bevölkerungsnamen Auderienses einen Gebirgsnamen Auderius Mons oder ähnlich schließen, wie Frankfurt-Heddernheim = Civitas Taunensium vom Gebirgsnamen Taunus abgeleitet ist? Wir hätten also in Auder- die Dehnstufe von Iutra und Oten-
Dieser mutmaßliche Auderius Mons könnte schließlich in einer volkstümlichen Kurzform Audmonte dem heutigen Groß-Umstadt = Autmundistat seinen Namen gegeben haben, obwohl Autmund, Otmund, Edmund natürlich auch ein Personenname sein kann.

7. Und die Lautverschiebung?

Es bleibt noch ein Einwand zu entkräften: Dass nämlich nach meiner Deutung /d/ und /t/ und /ss, ß/ miteinander wechseln, als ob sie noch nie was von einer Lautverschiebung gehört hätten.
Richtig ist, dass nach den Regeln der Lautverschiebung indogermanische ʊodor im Germanischen zu watar, im Deutschen zu Wasser geworden ist.
Entsprechend haben die frühen Germanen in Südhessen aus Aud-, Eud-, Ud- nach ihrer Gewohnheit Aut-, Iut-, Ut- gemacht. Als aber die Franken in den Odenwald kamen, hatten sie ihren Teil der Lautverschiebung schon hinter sich, sagten also wazzar für 'Wasser' und sahen keinen Anlass, aus dem vorgefundenen /t/ ein /z/ zu machen.

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

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Übersicht

 

"Odenwald" (Siedlungsnamen)

Sprachecke 10.07.2007 | 14.10.2014 | 25.11.2014

 

Datum: 1994 / 2005

Aktuell: 26.03.2016