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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Siedlungsnamen zwischen Rhein, Main, Neckar und Itter

Lautgeschichte
der südhessischen Ortsnamen

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1. Einleitung

a) Schreibung und Aussprache

b) Frühere Gepflogenheiten

2. Schreibarten

a) Selbstlaute

b) Mitlaute:

Lippenlaute

c) Zahn-  und Gaumenlaute

d) Rachenlaute

3. Rückschlüsse auf die gesprochene Sprache

a) Betonung

b) Selbstlaute

c) Mitlaute

d) Lippenlaute

e) Zahnlaute

f) Gaumenlaute

g) Rachenlaute

 

1. Einleitung

a) Schreibung und Aussprache

Ortsnamen sind eine wichtige Quelle für die Geschichte der gesprochenen Sprache. Zwar finden sich auch in mittelalterlichen Texten Hinweise darauf, aber es bleibt immer zu bedenken, dass der Schreiber

  1. gewisse Schreibregeln beachtete und nicht einfach nach dem Gehör schrieb,

  2. überlieferten Schreibgewohnheiten folgte, die von der tatsächlich gesprochenen Sprache abwichen (Unterschied zwischen Schriftsprache und gesprochener Sprache),

  3. ein gebildeter und vielleicht sogar weit gereister Mann war, der nicht mehr die einfache Mundart seines Heimatdorfes sprach, sondern sich fremde Bestandteile von Wortschatz, Aussprache und Sprachregeln zu Eigen gemacht hatte.

  • Wir schreiben heute <eu, ei> für [ɔi, ai].

  • Wir sagen hessisch [kvetʃə] und schreiben ostdeutsch <Zwetschen>.

  • Goethe lässt nur andeutungsweise erkennen, dass er ein Frankfurter war ("Ach neige, / du schmerzensreiche"), sondern schreibt ein veredeltes Deutsch, in dem sich eine Fülle von Anlehnungen aus dem griechisch-römischen Altertum finden.

Das gilt noch mehr für die in alten Schriften überlieferten Personennamen:

Männer mit dem Namen *Hlodowig [ħlodowi:ɣ] > Hlodowech > Hluodowicus > Ludwig, Louis, Lewis, Luigi gab und gibt es seit 1500 Jahren in ganz Westeuropa. Da muss man doch annehmen, dass der Schreiber den Namen nicht so schrieb, wie er ihn hörte und selbst sprach, etwa Rhfr. [lu:ðɛwiɣ], sondern wie er es gelernt hatte, nämlich alt-oberdeutsch mit lat. Endung <Hludowicus>, so etwa {VKM 18}. In unseren Geschichtsbüchern werden die fränkischen und französischen Herrscher dieses Namens ja auch nicht in der ursprünglichen Form, sondern als nhd. Ludwig angeführt. Trotzdem würde es keinem Hessen einfallen, etwa von Lui dem Frommen zu reden.

Es ist ferner zu bedenken, dass sich Personennamen, auch Familiennamen, den Gepflogenheiten eines anderen Landes oder einer anderen Zeit anpassen:

Ein mir bekannter Ungar heißt ungarisch György = [djørdj], schrieb sich in seiner jugoslawischen Heimat <Djerdj>, jetzt in Deutschland <Georg> und nennt sich [ʒɔRʒ].
Der Überauer Familienname Ramge ist ursprünglich die Verkleinerung Reim.chen gewesen, gesprochen [rã:mʒə] oder lautgerecht <Ramge> geschrieben, mit der üblichen Verwechslung von /ğ/ und /x/. Heute neigt man dazu, den Namen buchstäblich zu lesen, also [ra:mgə].

Ortsnamen, besonders bei kleineren Dörfern, Bächen, Geländeteilen sind dagegen in höchsten Maße ortsgebunden. Der Name ist nur in einem kleineren Bereich bekannt und daher in der Regel auch nur in der örtlichen Mundart überliefert. Diese vermittelt uns daher ein viel getreueres Bild von der gesprochenen Sprache als Texte und Personennamen.

Dabei muss freilich bedacht werden:

i. Schreibung nach dem Gehör

Der Schreiber war nicht immer ein Einheimischer. Er schrieb also nach dem Gehör und überlieferte damit

  • eine falsche Schreibung, die sich teilweise jahrzehntelang in späteren Urkunden fortsetzt, gibt aber andrerseits

  • ein zutreffendes Bild von der tatsächlichen Aussprache.

1345-85 heißt Zeilhard in Bergsträßer Urkunden <Zygelhard> statt richtig Zîlhard, daher die falsche Deutung auf 'Ziegel' bei {M}.
1493 heißt Maria Einsiedel in einer römischen Urkunde <Ansidl> = *['ã:sidəl]. Ein Einheimischer hätte gewusst, dass [ã:] = hd. /ein/ ist. Gerade in seiner Unkenntnis hat der ortsfremde Schreiber uns die tatsächliche Aussprache überliefert.

ii. Umsetzung von Mundart schwierig

Auch einheimische Schreiber hatten Schwierigkeiten, die mundartliche Lautung in Buchstabenschrift umzusetzen und den Namen richtig zu deuten.

Nonrod = ['nõ:rot] = 1430 Nanrod, 1748 Nonroth und *Nûrod > 1544 Nawratt > 1565 Neuenrodtt: Das nasenlautende geschlossene [õ:] wurde richtig als /an/ erkannt oder lautgerecht <on> geschrieben, aber auch fälschlich für offenes /u/ gehalten und auf mda. nûwe > nau 'neu' missdeutet. Aber wohl keiner hat erkannt, dass das Bestimmungsglied nah ist.

iii. Amtliche Schreibung

Es gab schon in alter Zeit so etwas wie eine amtliche Schreibung, die von der tatsächlich gesprochenen Namenform abweichen konnte. Gründe waren:

Festhalten an Gewohnheiten

Man hielt an der überlieferten Schreibung fest, obwohl sich die Aussprache inzwischen geändert hatte:

Bei Personennamen siehe oben zu Ludwig.

Groß-Umstadt ist uns 743 als Autmundistat überliefert. 889 hieß der Ort schon Omuntestat; die Zwischenform Otmunde- ist nicht bezeugt. Also wird die Schreibung <Au> schon 743 nicht mehr der Aussprache entsprochen haben und einen älteren Sprachzustand darstellen. Das lässt sich am Nebeneinander von 782 Raureheim / Rorheim und 886 Raodora / Rodaha wahrscheinlich machen.

Der lateinische Begleittext hat diese Altertümlichkeiten begünstigt:

Die Straßburger Eide (842) geben ein schönes Beispiel für das Nebeneinander verschiedener Namenformen. Da heißen die Brüder zeitgemäß

  • im ahd. Text Karl, Luduuuig, Ludher

  • im altfranzösischen Text Karlo, Lodhuig, Ludher

  • im lateinischen aber altertümlich Karolus, Lodhuuicus, Lodharius.

Dabei wird man auch ab und zu eine falsche altertümliche Form erschlossen haben. Nur ein sorgfältiger Vergleich aller geschriebener Abarten, möglichst auch mit der heutigen Mundartform, kann helfen, die echte Überlieferung von der falschen Erschließung zu unterscheiden.

 Verfestigung falscher Formen

Mitunter hat sich auch eine falsche Namenform für längere Zeit in der Schreibüberlieferung festgesetzt, ohne die richtige Schreibung zu verdrängen,

wie oben am Beispiel Zeilhard gezeigt. Die Bergsträßer Notare führten die einmal eingeführte falsche Schreibung <Zygelhard> 40 Jahre lang weiter. Daneben wurde aber in Quellen anderer Herkunft (Fulda) weiterhin richtig <Zilhard> geschrieben.

 Neuprägungen infolge Missdeutung

Der zugereiste gelehrte Schreiber missdeutete die mundartlichen Namen infolge seiner Gelehrsamkeit oder seiner Heimatmundart und prägte damit bis heute die gültige Schreibüberlieferung.

So wurden

  • aus Amerbach das gelehrte Amorbach

  • aus *Hähnechen das süddeutsche Hähnlein

  • aus *Schäumichtenwoog das überfeinerte Schönmattenwaag.

iv. Rechtschreibung

Für Namen gibt es noch heute keine verbindlichen Rechtschreiberegeln. Die Schreibung unterliegt auch da der Willkür, wo die Herkunft klar ist, und ist nur durch Gewohnheit festgelegt:

  • biber > Groß-Bieberau

  • krumm > Krumbach, Crumbach, Grumbach

  • roden > Hassenroth, Nonrod, Nieder-Rad

  • über > Ueberau

Es sollten in allen diesen Fällen die allgemeinen Rechtschreiberegeln angewendet werden!

In den vergangenen Jahrhunderten gab es aber keine allgemein gültigen Rechtschreiberegeln, sondern nur mehr oder weniger verbindliche Schreibgewohnheiten, die an bestimmte Landschaften, Schreibstuben oder Druckereien gebunden waren. Feste Regeln gab es erst im Spätmittelalter, als Verwaltung und Buchdruck eine gewisse Einheitlichkeit forderten. Trotzdem schrieb man bis ins 18er-Jahrhundert mehr nach dem Gehör als nach einem Rechtschreibewörterbuch. Dabei herrschte aber keine Willkür, sondern man hielt sich mehr oder weniger an das, was man gelernt hatte - so gut man eben konnte.

Dies gilt für das gesamte Schrifttum, nicht nur für die Schreibung von Namen. Während man aber bei geläufigen Wörtern oder Personennamen wusste, wie sie zu schreiben waren, war das bei Ortsnamen anders. Wenigstens in alter Zeit wird kaum ein Einheimischer den Namen seines Wohnorts geschrieben haben, das war eher Sache auswärtiger Grundbesitzer oder Notare, und die passten den Ortsnamen ihren eigenen Schreibgewohnheiten an. Oft werden die Schreiber den Namen zum ersten Mal gehört haben. Sie schrieben daher - zum Teil falsch - nach dem Gehör. [1]

Mitunter bildeten sich auch feste Schreibgewohnheiten bei demselben Schreiber oder derselben Schreibstube heraus, die sich von den Gewohnheiten anderer Schreiber unterschieden. [2]

Bei den ältesten Belegen finden sich oft Schreibweisen, die von den damaligen Gepflogenheiten abweichen [3] oder einen älteren Sprachzustand darstellen. [4] Es lässt sich nicht immer klären, ob hier eine ältere Überlieferung weitergeführt wurde (Hinweis auf verschollene Belege) oder ob es sich um eine Rückbildung handelt. Besonders dann, wenn die Schreibung des ältesten Belegs von der späteren Überlieferung und dem heutigen Gebrauch abweicht, ist anzunehmen, dass es sich um eine Überfeinerung handelt, d. h. der Schreiber hat eine falsche Schreibung rückgebildet oder den Namen in falscher Weise seinen Schreibgewohnheiten angepasst.[5] Manchmal hat er auch einen Namen falsch gedeutet und daher falsch geschrieben (Missdeutung) [6] oder einem benachbarten Ortsnamen angeglichen. [7]

Es ist also keineswegs so, dass der älteste Beleg auch die ursprüngliche Namenform bietet, sondern gerade bei den ältesten Urkunden müssen wir mit den meisten Fehlern rechnen, die bei späteren Erwähnungen nach besserer Kenntnis berichtigt wurden.

Selbstverständlich gab es auch ganz gewöhnliche Schreib- und Abschreibfehler. [8] Dies betrifft auch gedruckte Werke, von denen die älteren von Fehlen wimmeln. [9]

b) Frühere Gepflogenheiten

Davon unterschieden werden müssen Rechtschreiberegeln, die uns heute falsch erscheinen, aber den damaligen Gepflogenheiten entsprechen. Die Wichtigsten sind:

überflüssige Mitlautverdoppelung: 1165 Hartdorff, 1680 Münchhoff

nicht berechtigtes <th>: 767 Birstather, 1829 Mumetroth

Austauschbarkeit von <f, u, v, w>: 765 Niuueheim = /uw/ - 765 Suainheim = /w/ - 766 Vluinisheim = /ulv/ - 793 Meginolvesheim = /f/ - 880 Piscovesheim = /f/ - 9. Jh. Ruozelensuuilre = /w/ usw.
Dazu 773 Ivtra = 819 Euterun - 786 Raodora = /au/ - 1521 Nawheim = heute: Nauheim - 1614 Newstatt = heute: Neustadt

Austauschbarkeit von <c> und <k> bzw. <z>: 786 Caspenze / 795 Kasenowa = /k/ - 948 Hirczbach / 1148 Hirzberg = /z/

Gleichwertigkeit von <z, ß, s>: 11. Jh. Nyuusaze = 1339 Nuwensatze = 1359 Nauwesse = 1396 Nusis = 1454 Nusaß

Mundart- und sprachstufenbedingte Unsicherheit im Gebrauch der Verschlusslaute: 880 Piscovesheim / 1096 Biscofesheim - 765 Pophenheim = 780/803 Phupfenheim - 786 Caspenze = 1012 Gaspenza - 1561 Jugen- = Gugenheim - 764 Gelsterbach = 1275 Kelsterbach - 9. Jh. Chinzichen = 1012 Kincicha - 1312 Tagesberg = 1335 Dagesberg; 779 Thornheim = 1184 Dornheim

Unsicherheit im Gebraucht von <h->: 778/84 Herifelder = 779 Erifeldon - 1159 Himmenhusen = 1296 Immenhusen

Selbstlaute als Dehnungszeichen: 1322 Oetsperg = 1390 Oytsberg = [o:tś-]

Mangelhafte Kennzeichnung gerundeter Laute: 1277 Bunsheim = 1557 Binsheim = *Bünsheim - um 1200 Bubenesheim = 1358 Bybensheim = *Bübensheim - 1318 Gorienhusin = 1398 Jergenhusen = 1503 Görgenhausen.

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS


Vorwort

Abkürzungen

Begriffe

Lautschrift

Lauteinheiten

Sonderzeichen

Schrifttum

Sprachen

 

[1] Richtig: 1318 Han (Verschmelzung) neben 1332 Hagen - 1339 Hatzhem (Kurzform) neben 1361 Habitßheim; 1655 Hambach (Mundart) neben ursprünglichem Heimbach.
Falsch: 1398/1400 Hunrode statt *Ho(he)nrode; 1555 uf Lochum (falsche Abtrennung) statt uf Lochheim

[2] Falsch: 764 ff Lauresham in den ältesten Lorscher Urkunden neben richtigem Laurissa 786/7

[3] Zeitgenössisches <ss> wird teilweise als altes /hs/ verstanden. Richtig: 1193 Sassenhusen > Sachsenhausen - falsch: 830/50 Wassen Bibeloz > 1318 Wachsenpybloz.

[4] 786 alt: Raodora neben neu: Rodaha; 1130 alt: Niwenburg neben 1113 neu: Nuenstat.

[5] 1829 Vehlheim = ['fè:lə] < 1632 Fehlen < 1400 Velden

[6] auf einen Personennamen: 1322 Haboltsheim statt 1361 Habitßheim

auf einen Vogel: 1355 Habechsheim statt 1361 Habitßheim

[7] 1380 Wenigenomstat // Groß-Umstadt statt 1093 Winnemundestatt

[8] Verlesen: 1316 Arkyrloch {M} statt *Ackyrloch, wo das <c> der Vorlage als <r> gelesen wurde.

Auslassung: 1314 Hrchishuserweg, wo ein <e> ausgelassen wurde

Doppelschreibung: 945 Babebingero {StB 2,183}, vgl. aber Babenhausen

Vermischung: {CL 3673} Askemundesteim = älter
-stein x jünger
-heim

[9] z. B. {Steiner, Wenck}. Die älteste Nennung von Georgenhausen lautet nach {Wenck} Gorienhusen, in der Urschrift steht Gorienhusin.

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1995 / 2005

Aktuell: 26.03.2016