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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Siedlungsnamen zwischen Rhein, Main, Neckar und Itter

Personen- und Siedlungsnamen

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1. Vorbemerkung

2. Bildungsweisen germanischer Personennamen

 a) Zusammensetzung und Anfügung

 b) Stammbildung

 c) Endungen der Personennamen

3. Sachbezeichnung und Personenbezeichnung

 a) Beispiele gleich klingender Glieder in Personen- und Ortsnamen mit verschiedener Bedeutung

 b) Was bedeutet in einem Ortsnamen die Verbindung von Personennamen + Grundglied?

 

 1. Vorbemerkung

Als Personennamen lasse ich nur gelten:

  • Lautgebilde, die als Personennamen bezeugt sind wie z. B. *Betto in 703/4 Bettenheim, überliefert um 790 als Betto {Pls 329}

  • Lautgebilde, die aus bekannten Personennamen ableiten lassen, wie z. B. *Bezz in 1002 Bez­cin­gon, vgl. 1092 Bezecha {CL 141} = *Bez/ika

  • Lautgebilde, die sich aus Gliedern bekannter Personennamen zusammengesetzt sind, wie z. B. 1314 Onoldis- = *Un.wuld/es, vgl. 4er-Jahrhundert Onoulfus = *Un.wulf/us {Malchos)

2. Bildungsweisen germanischer Personennamen

dargestellt an den Namengliedern Bot (m) und Hilt (w.); die einzelnen Formen sind nicht immer belegt.

a) Zusammensetzung und Anfügung

 

germanisch

deutsch

 

männlich

 

 

 

zweigliedrige Vollform

Bode.gisil

Botegisel

 

eingliedrige Kurzform

Bodo

Boto

 

verdoppelnde Kurzform

Bobo

Bobo

 

verschärft

Boppo, Poppo

Boppo, Poppo

 

mit Anfügung

il

Bod/il

Botel

 

 

în, ên

Bod/în, Bob/ên

Boten, Boben

 

 

ing

Bod/ing

Boding

 

 

ik

Bod/iko

Botiche

 

 

z

---

Botz

 

mehrere Anfüngungen

il.în(ên)

Bod/ilîn, Bod/ilên

Botelîn

 

 

ik.în

Bod/ikîn

Botechîn

 

weiblich

 

 

 

zweigliedrige Vollform

Hildi.gard

Hiltigart

 

eingliedrige Kurzform

Hildi

Hilti

 

verdoppelnde Kurzform

Hitta

Hitta

 

b) Stammbildung

Stamm

GF

BF

lateinisch

 

männlich

ø, i

Bod

Bod/es

Bodus

 

 

j

Bod/

Bod/es

Bodius

 

 

n

Bod/o

Bod/en

Bodo/ Bodonis

 

 

u

Bod/u

Bod/o

Boduus

 

weiblich

a

Hild/a

Hild/a

Hilda

 

 

i

Hild

Hild/i

Hildis

 

 

j

Hild/ia

Hild/a

Hildia

 

 

n

Hild/a

Hilda/ûn

Hilda

 

c) Endungen der Personennamen [1]

 

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

Su

 

endungslose Wurzel

2

 

 

 

 

 

2

1

 

2

 

4

2

13

 

Wortstamm auf -e

1

 

 

 

 

 

1

 

 

 

 

 

 

2

 

BF des ø-Stamms:

-es

12

4

3

3

3

12

12

2

1

2

2

20

8

84

 

 

-înes

5

 

 

3

2

1

1

 

 

 

 

 

 

12

 

BF des n-Stamms:

-en

6

3

1

1

2

5

8

7

2

3

0

6

3

47

 

i.Besonderheit: BF auf -ines

In den meisten Fällen handelt es sich wohl um merowingische Personennamen auf -în oder -ên im ø-Stamm. Die Anfügung bildet Umlaut, z. B. Basinsheim > Bensheim.

 

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

Su

 

-înes

4

 

 

2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4

 

-îns

1

 

 

 

1

 

 

 

 

 

 

 

 

1

 

-ens

 

 

 

1

1

 

 

 

 

 

 

 

 

2

 

-enes

 

 

 

 

 

1

 

 

 

 

 

 

 

1

 

-ns

 

 

 

 

 

 

1

 

 

 

 

 

 

1

 

 

3. Sachbezeichnung und Personenbezeichnung

Viele Darstellungen [2] gehen unbesehen davon aus, dass den meisten Siedlungsnamen auf Personennamen [3] fußen. Manche erliegen dabei der Gefahr eines Zirkelschlusses: Man leitet Personennamen aus Siedlungsnamen ab und erklärt mit diesen abgeleiteten Personennamen wiederum Siedlungsnamen.[4]

Ich habe einen anderen Weg versucht und gehe von überlieferten alten Personennamen aus, wobei ich in dem einen oder anderen Fall aber nicht vermeiden konnte, einen Personennamen zu vermuten, den ich in meiner Sammlung nicht vorfand. Eine wichtige Entscheidungshilfe war mir dabei, dass die Bildungsglieder aus anderen Personennamen bekannt sind.

Sogar dann, wenn der Ort wirklich nach einer Person benannt ist, lässt sich nicht immer sagen, ob ein eigentlicher Name oder eine Sachbezeichnung vorliegt: Ist 1840 Schmitshaus das Haus eines Menschen, der Schmied von Beruf ist oder der Schmied heißt?

Erst recht weiß man bei Eberstadt nicht, ob der Ort nach dem Tier oder nach einem Menschen mit Namen Eber benannt ist.

Dazu kommt, dass manche Namenglieder in Personennamen und in Ortsnamen verschiedene Bedeutungen haben können: Ein verblüffendes Beispiel ist Trautheim, das man deuten würde als ‘trautes Heim’. Es liegt aber hier ein ungewöhnlicher Personenname zugrunde mit Gliedern, die auch in Traudel und Heimo vorkommen.

a) Beispiele gleich klingender Glieder in Personen- und Ortsnamen mit verschiedener Bedeutung:

 

Personennamen

Ortsnamen

 

Glied

Bedeutung

Beispiel

Bedeutung

Beispiel

 

hard

‘fest’

Reinhard

‘Ödland’

Braunshardt

 

ger

‘Speer’

Gerhard

‘gären’

Gerau

 

regin

‘Rat’

Regino

‘Fluss’

Reginbach

 

 

b) Was bedeutet in einem Ortsnamen die Verbindung von Personennamen + Grundglied?

Es lassen sich folgende Fälle unterscheiden:

Gründernamen wie in Gunterateshusen [5] oder in neueren Namen wie Philippseich: benannt nach Adeligen, welche die Erweiterung oder Gründung der Siedlung veranlasst hatten.

Einwohnernamen wie wahrscheinlich bei Bessungen (Nachkommen eines Bezzo) oder Schwabenheim (Neckarsweben). Bei vielen alten Siedlungen wie Bensheim lässt sich kaum sagen, ob die Namen gebende Person der Gründer oder das Oberhaupt der ersten Bewohner war.

Man muss auch in früher Zeit damit rechnen, dass die Siedlungsnamen je nach Bewohnern wechselten, wie es ja auch bei den heute noch gebräuchlichen Haus- und Mühlennamen zu beobachten ist. [6]

Aus den Siedlungsnamen wurden ferner wieder Personennamen bzw. Familiennamen abgeleitet wie Darmstädter, Reinheimer; auch Adelsnamen wie von Rodenstein gehören dazu.

Oberhauptsnamen: Der "Pate" muss nicht der Gründer oder der erste Bewohner gewesen sein, sondern es kann sich auch um ein späteres Oberhaupt der Siedlung handeln wie im Fall von Gundernhausen (s.o.) oder Leutershausen [7]. Dazu wären auch Namen wie Bischofsheim oder Königsstädten zu zählen.

Gedächtnisnamen: Die Siedlung wurde nicht nach dem Gründer selbst, sondern nach einem Menschen benannt, der dem Gründer wichtig war,[8] zu Ehren einer Person, die zu dieser Siedlung eine Beziehung hatte,[9] oder zu Ehren des regierenden Landesherrn.[10]

Heiligennamen nach der Kirche [11] oder dem Kloster.[12] Derselbe Heiligenname kann bei mehreren Siedlungen vorkommen. Den Heiligen Maria oder Martin sind viele Kirchen und Klöster geweiht; entsprechend gibt es auch viele Orte, die nach ihnen benannt sind. Da Maria und Martin aber noch heute geläufige Personennamen sind, kann ein Ort in dem einen oder anderen Fall auch nach einer "weltlichen" Person heißen.

Markierungsnamen: So weit es sich hierbei um ursprüngliche Siedlungsnamen handelt, ist die Sache eindeutig und verständlich. Nun gibt es aber auch reine Geländenamen, die scheinbar mit Personennamen verbunden sind. In der Heppenheimer Markbeschreibung werden z. B. Hildigeresbrunno und Albwines sneida, in der Michelstädter Markbeschreibung Phaphenstein Einhardi, Richgeres sneiten, Geroldesbrunnen aufgeführt. Da es sich um Grenzpunkte handelt, könnte es sich um Markierungen handeln, die von diesen Leuten angebracht oder bezeichnet wurden. [13] In der Heppenheimer Markbeschreibung werden außerdem drei künstliche Hügel erwähnt, die ein gewisser Rado als Grenzzeichen angelegt hatte.

Es ist dagegen kaum anzunehmen, dass irgendwelche Dinge im Wald, Quellen, Bäche oder Ähnliches nach ihren ”Besitzern” benannt wurden, wie es oft zu lesen ist. Noch vor 200 Jahren gehörte z. B. das Waldgebiet der Dieburger Mark einer ganzen Anzahl von Gemeinden gemeinsam und wurde genossenschaftlich genutzt. Der Erzbischof von Mainz war nur der "oberste Schirmer und Schützer", nicht aber der Eigentümer, noch nicht einmal der eigentliche Nutznießer der Mark.

Ähnlich war es schon in karolingischer Zeit. Die Michelstädter Mark gehörte nicht Einhard, sondern der Allgemeinheit; Einhard hatte nur ein beschränktes Nutzungsrecht daran. Der Phaphenstein Einhardi war nicht sein persönliches Eigentum, sondern war auf seine Veranlassung gesetzt und ihm zu Ehren benannt worden. Albwin hatte von seiner Kerbmarkierung genauso wenig einen Nutzen wie Einhard von seinem Stein, und Hildiger oder Gerold, falls es diese Leute überhaupt gab,[14] hatten kein Monopol auf die nach ihnen benannten Quellen.

Personennamen + -bach: In einigen Fällen scheint nicht die Siedlung nach dem Fluss, sondern der Fluss nach der Siedlung benannt zu sein. So ist mit Sicherheit der Darmbach nach Darmstadt < Dar.munde.statt [15] benannt und nicht umgekehrt.

Bei den Fällen wo Personennamen mit bach [16] verbunden sind, ist am einfachsten anzunehmen, dass der Name ‘Siedlung des Altolf, Egil, Onold am Bach’ bedeutet. In einigen Fällen tragen die zugehörigen Flüsse andere Namen als die bach-Siedlungen.[17]

 

Vorwort

Abkürzungen

Begriffe

Lautschrift

Schrifttum

Sonderzeichen

Sprachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] ausgewertet wurden auch die Badischen und Bayrischen Namen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[2] z. B. Müllers Ortsnamenbuch

[3] eigentliche Personennamen, Familiennamen, Stammesnamen, Titel

[4] Musterbeispiel bei {M}: Arheilgen (Araheiligon) ‘bei den Leuten des Araheil’ (Verwechslung von -igon mit -ingen)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[5] jetzt Gundernhausen; nach einem namentlich erwähnten Grundbesitzer Gunderat, nach welchem der Hof Suntilingen umbenannt wurde

[6] Vor 1854 hieß die Biermühle bei Bensheim Happelt- und Schmittmühle {W 289}; Guntershausen auf dem Kühkopf hieß 1840 Schmittshausen {KF}. Man wird ferner unterscheiden müssen zwischen der Selbstbezeichnung der Bewohner (”daheim, zu Hause”) und Fremdbezeichnungen (”in …heim, …hausen”).

[7] Ein gewisser Liutharius vermacht sein Eigentum dem Kloster Lorsch. Die Siedlung hieß ursprünglich nur Hausen.

[8] Louisa nach der Frau des Gründers

[9] Philippshospital, weil diese Einrichtung in Hofheim vom Landgrafen Philipp gegründet worden war.

[10] ähnlich noch in unsrer Zeit die Gustav-Hacker-Siedlung nach dem damaligen hessischen Landwirtschaftsminister

[11] Georgenhausen

[12] Claraberg

 

 

[13] Sneida war wohl eine Kerbe in einem Baum, welche {CL 10} auch lachus nennt.

 

 

 

 

[14] Vielleicht waren die Namengeber ja Geister und keine Menschen.

[15] Die falsche Abtrennung des <m> zeigt, dass der Flussname eine späte Bildung ist.

[16] z. B. Altdolfesbach, Egelßbach, Onoldisbach

[17] Güttersbach (1290 Gunderspach) liegt am Mornsbach; oberhalb von Zotzenbach liegen am selben Fluss Ober- und Unter-Mengelbach; es ist also nicht anzunehmen, dass es sich hier um ursprüngliche Gewässernamen handelt.

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Übersicht

 

Bildungsweise und Bedeutung der germanischen Personennamen

Personennamen in Siedlungsnamen

 

Datum: 1985 / 2005

Aktuell: 26.03.2016