Diskussion Darmstadt

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Befund

Theorien

  • Walther (1854)

    • wo der Darm mündet (d. i. aus dem Walde heraustritt)

    • < Trajani munimentum
      ... und schließen aus den römischen Substructionen am s. g. Weißen Thurm, daß ein Theil Darmstadts auf den Trümmern der Trajansfeste stehe

  • WollNam (1905) 11

    • Soll nach dem Flüßchen Darm ben[annt]. sein; vielleicht auch nach einem P. N. Daramund.

  • Müller (1937) 107

    • Siedlung des Darmund, Darimund

  • Heinz Winfried Sabais (Darmstädter Echo 29.09.1978 (mi), 26.08.1981)

    • -stadt: System kleinerer Befestigungen im fränkisch-alemannischen Raum
      Darmundestat ein Vorposten der Franken gegen die Alemannen
      idg. tar, das einen Durchgang bezeichnete (wie Darm)
      Befestigung: munde < munt 'Schutz'

    • Dr. Joachim Larenz (Darmstädter Echo 26.08.1981) korrigiert:

      • vgl. Darmundestat / Autmundisstat 'Umstadt' / Auderia 'Dieburg'
        (d)er = d(e)ru 'Eiche > fest, zu verlässig'
        Vgl. Dortmund, Darmont

  • DudenGND (1993) 82

    • Der mit ahd. stat 'Stätte, Stelle' gebildete ON bedeutet 'Wohnsitz des Darmund' und der hier genannte Mann könnte ein Wildhübner (Forstwart) in der Dreieich gewesen sein. Doch das bleibt eine Vermutung

  • TH 1997

    • Glied 1: acymr. dâr 'Eiche, ein Baum'

    • Glied m: vgm. mont: rom. monte, ags. munt, cymr. mynydd 'Berg'

    • Glied 2: ahd. stat 'Stätte, Ort > Wohnort'

    2005 ergänzt (unabhängig von Larenz):

    • ähnliche Namen: Darmont (zwischen Metz und Verdun)

    Sprachecke 19.07.2005

  • Urmes (2004) 132

    • verdankt seinen anstößigen Namen dem Bach Darm, der in etwa 'Morast, Sumpf' bedeutet.

Diskussion

  • wo der Darm mündet (Walther, WollNam); Darm 'Morast, Sumpf' (Urmes)

    • Darmbach ist Klammerwort aus 1720 Darmstat Flu.; 1794 Darmstädterbach

    • kommt nicht in Frage

  • Traiani munimentum (Walther)

    • sprachlich unbefriedigend

    • sachlich:

      • Ammianus Marcellinus 17,1,11 macht keine Angaben über die Lage; die Befestigung lässt sich nicht lokalisieren.

      • Die Siedlungsreste am Weißen Turm werden heute den Sueben zugeschrieben. Von der Wasserburg zur Großstadt 15

  • PN (Walther, Müller, DudenGND
    auch Quid.fr. (2005): Darmont : probablement nom d'homme germanique "Dar". = evtl. germ. PN "Dar" (Seite 2016 nicht mehr im Web)

    • Im 19. Jahrhundert war man eifrig bestrebt, PN aus SN abzuleiten und hat manchmal über das Ziel hinausgeschossen.

    • FörstP 403

      • führt ein paar PN mit Dar-, Tar- an, aber keine Zusammensetzung mit -mund. Ein PN ist aber nicht ausgeschlossen. Nichtexistenz ist grundsätzlich unbeweisbar.

      • FörstP: DAR. Vielleicht zu altn. darr, ags. dar-odh, ahd. dar-t wurfpiess, kaum zu ahd. deran nocere ['schaden].

        • wenn Erbwort,

          • *dʰar- 'schärfen' (272)

          • *tër- 'bohren, *tóros 'Bohrer, Meißel', *tórmos 'Loch' 1071

          • sonst paragerm. <

            • *dëru- 'Holz', griech. auch 'Lanzenschaft'

        • Daru-munðaż 'schützende Hand vor Leid' gäbe einen Sinn

    • Darmundestat neben Autmundisstat sagt gar nichts, wie 743 Autmundisstat; 889 Omuntestat zeigt: Man schrieb oft -sstat nur mit einem s.

  • befestigter Durchgang (Sabais)

    • tar 'Durchgang'

      • beruht auf älterer Literatur, die als idg. Grundlaut a annahm (wie in den ar. Sprachen, die zwischen a, e und o nicht unterscheiden).

      • Pokorny

        • 1072 stellt Darm mit griech. τόρμος tórmos 'Loch' zu ter- (u. a.) 'bohren'

          • Der Darm ist ein Schlauch, kein Loch

          • eher zu 1074 ter- 'hinübergelangen, durchdringen'

            • Hesych <τράμις>· τὸ (τ)ρῆμα τῆς ἕδρας. ὁ ὄῤῥος. τινὲς ἔντερον. οἱ δὲ ἰσχίον  trámis 'das Loch des Gesäßes, der Arsch', einige 'Eingeweide', andere 'Hüfte'

              • dazu 'Damm vom After bis zur Scham' 1653

              • von Pokorny mit Wörtern für 'Endstück' zusammengestellt

        • 1077 lat. tormina 'Leibschmerzen' (gedeutet als 'Tortur')

        • 1074f griech. τέρμων térmōn 'Grenze', lat. termen 'Grenzzeichen' zu ter- 'hinübergelangen, durchdringen'

      • alles sehr unklar

        • In Darmstadt kreuzen sich die Straßen vom Rhein zum Main und von Heidelberg nach Frankfurt / münden die Straßen am Nordrand und Westrand des Odenwalds,

        • also Verkehrsknotenpunkt

          • kein geographisch vorgegebener Durchgang (z. B. Tal, Pass)

            • Von Darmstadt nach Dieburg geht's ein Stück durchs Gebirge. Der "Durchgang" ist bei Rossdorf, nicht bei Darmstadt.

          • Auch für die Benennung des Darmbachs gibt das keinen Sinn

        • Darmstadt war Wildhube der Dreieich, aber keine Grenzstation, von daher passt auch 'Grenze, Grenzzeichen' nicht

    • ahd. munt 'Schutz' (besser: 'Hand') ist nicht 'Festung', sondern die schützende Hand über einem Unmündigen.

    • stat:

      • Diese stätten sind nicht gleichmäßig auf der Landkarte verteilt, sondern liegen in den alten Siedlungskernen des nördlichen Rieds und des Dieburger Beckens. Die Südgrenze fällt mit der Südgrenze des Dreieicher Wildbanns zusammen;  südlich davon sind die Namen selten, ebenso am unteren Main. In Rheinhessen fehlen die stätte fast völlig, dafür gibt es eine größere Anzahl in der Wetterau und am südlichen Neckar.

        • also keine Grenzbefestigungen, sondern alte Orte in günstiger Lage.

      • Alter nicht einheitlich

  • zuverlässiger Grenzschutz-Standort (Larenz)

    • Versuch Sabais' Deutung auf 'Grenzfestung' zu korrigieren, indiskutabel:

      • Auderia kann nicht in Aud-deria aufgelöst werden, dessen der- 'Eiche' bedeutet.

      • Der Schluss von d(e)ru- 'Eiche, fest, zuverlässig' auf 'Grenzfestung' ist sehr gewagt.

  • Eichenberg (TH)

    • Ausgangspunkt war für mich der air. SN Dairmag, Dearmach 'Eichenfeld'. Auf der Suche nach ähnliche SN stieß ich auf das lothringische Darmont.

    • Eichen kann man sich am vermutlich einstmals sumpfigen Darmbach vorstellen.

      • gestützt durch Astheim < Askemundestein

    • -mund-

      • 'Öffnung, Mündung' ist sachlich unzutreffend.

      • 'schützende Hand, Obhut' gilt für Personen, nicht für Orte.

        • ein starkes Argument für einen PN

      • 'Berg' ist sachlich nicht ausgeschlossen ("Wilhelminenbuckel" / Hügelstraße.)

        • Die erste Sieldung lag eher "am Eichenberg" als darauf oder im Wald.

      • 'Festung' ist Darmstadt durch das ehemalige Wasserschloss, das aber kaum aus der Zeit der Namensgebung stammt.

  • Alternativen:

    • wie Bessungen von Auswanderern gegründet, hier aus dem lothringischen Darmont

      • Karte: Darmont liegt zwar offenbar in einer Ebene, aber 600 m westlich ist eine ringförmige Struktur zu erkennen, um die der Bach Ruisseau de Darmont einen Bogen macht, markiert durch den Ringweg Pâtis sur Étang 'Weide über dem Weiher'. Gibt es bei Darmont also tatsächlich einen "Berg"?

        • kaum wahrscheinlich

    • -(m)unde- ist kein Wort, sondern Anfügung (wie in Leumund)

      • vgl. lat. tor-mentum 'Winde; schweres Geschütz, Geschoss; Presse, Fessel; Marterwerkzeug, Folterbank; Druck, Zwang; Marter, Plage, Leid' 1148

      • Davon führt aber kein Weg zu Darmund-.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 03.09.2016