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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Völker-, Länder- und Gruppennamen

Germanen

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Geschichte

Formales

Woher kommt der Name?

Bedeutung

 

Geschichte

Der Volksname erscheint erstmals 73 v. Chr. bei Poseidonios  in einem Bericht über die Essgewohnheiten der Γερμανοί Germanoí. Welches Volk er damit meint, lässt sich an Hand des Fragments nicht feststellen.

Als nächstes werden Germani  bei Caesar im Gallischen Krieg erwähnt:

Schon im ersten Kriegsjahr (58 / 57 v. Chr.) hatte Caesar mit "Barbaren" zu tun, die aus den Ländern rechts des Rheins nach Gallien einfielen und die bei Caesar stereotyp Germani heißen. Den Ausdruck hat er wohl bei Ariovist kennen gelernt, den er rex Germanorum 'König der Germanen' nennt (1,31,10). Caesar überträgt diesen Namen dann auf alle Gruppen, die in seiner Zeit in großen Scharen über den Rhein kommen, und nennt das Land nach einigem Herumprobieren

  • fines Germanorum 'Bezirk der Germanen' 1,27,4
  • Germanorum ager 'Gefilde der Germanen' 1,31,11)

schließlich im 4. Kriegsjahr (55/55 v. Chr.) erstmals

  • Germania (4,4,1).

Damit hat er ein politisches Schlagwort geschaffen, um den Zweck seines Krieges zu erklären: Er muss das Land der linksrheinischen "Gallier" erobern, um sie vor den Angriffen der rechtsrheinischen "Germanen" zu schützen.
Der Rhein sollte also die Ostgrenze des römischen Einflussbereiches sein.
Dass seine Definition nicht stimmte, hat Caesar selbst gewusst, da er "Germanen" und "Gallier" kannte, die auf der falschen Rheinseite ansässig waren.

Germani nannten sich nicht nur die Krieger Ariovists, sondern auch:

Caesar Bell. Gall. 2,4,10 Condrusos, Eburones, Caerosos, Paemanos, qui uno nomine Germani appellantur = die Condrusi usw. nennen sich mit gemeinsamem Namen Germani (später nach Festigung des Germanenbegriffs Germani cis Rhenum 'linksrheinische Germanen' genannt, 2,3). Das Gebiet dieser Stämme wurde später von den Tungri besetzt.

Plinius h.n. 3,3,4 Oretani qui et Germani cognominantur = die iberischen Oretani, die auch den Beinamen Germani tragen. Es gab also auch "Germanen" iberischen Stammes. Die Iberer waren die nicht indogermanischen Ureinwohner von Spanien, vielleicht verwandt mit den Basken.

Nach Tacitus Germ. 2 wären die Tungri an der Maas die ersten gewesen, die sich Germani genannt hätten. Der ursprüngliche Stammesname sei zu dem eines ganzen Volkes geworden.
Wenn wir Caesar Glauben schenken, führten aber die keltischen Stämme an der Maas schon vorher diesen Namen, so das die Tungri ihn von denen übernommen hätten.

Da sich die rechtsrheinischen Stämme nicht dem Sprachgebrauch Caesars anschlossen und sich selbst nicht Germanen nannten, ging dieser Name mit dem Untergang des weströmischen Reiches wieder verloren. Schon vorher sprachen die antiken Quellen allgemein von "Barbaren" oder konkret von "Goten", "Franken, Alemannen" usw. Das mag auch durch die Verwechslungsgefahr bedingt sein: Germani = 1. 'leibliche Geschwister', 2. 'Germanen'.
In den westromanischen Sprachen ist der Volksname im Unterschied zu der lateinischen Verwandtschaftsbezeichnung ganz verloren gegangen, hat sich aber auf den britischen Inseln und in Rumänien in der Bedeutung deutsch, Deutschland erhalten.

Formales

Germāni (mit langen /a/) ist eine lateinische Bildung. Die Germanen kannten überhaupt kein langes /a/ und die Kelten offenbar nicht die Einfügung -ān-.

Formal entspricht dieser Name genau lat. germāni 'leibliche Geschwister', abgeleitet von germen < *gen-men 'Sprössling'.
Auch dem Volksname muss also ein Neutrum *ger-men zugrunde liegen, aus dem im Keltischen oder Germanischen ein Abstraktum *ger-m geworden wäre. Die Römer hätten daran die lat. Zugehörigkeitsanfügung -ān- gehängt: Ger-m-āni =

  • substantivisch 'die germ-Leute' (vgl. Roma 'Rom', Romānus 'Römer') oder

  • adjektivisch 'germ-artig' (vgl. homo 'Mensch', humānus 'menschlich').

Denkbar ist freilich, dass die Römer ein keltisches oder germanisches *Germăn- nach ihrem Sprachgefühl umgeformt haben.

Eine keltische Nebenform lautet:

  • auf Münzen Garmanos (Personenname, vielleicht auch anderer Herkunft)
  • bei Beda h.e. 5,9 a vicinia gente Brittonum corrupte Garmani nuncupantur - Die Angelsachsen wurden von dem benachbarten Volk der Briten fälschlich Garmani genannt.
    Holder 1,2011

Woher kommt der Name?

Die älteste Deutung stammt aus der Zeit des Augustus von Strabon [2]: Die Germanen seien Verwandte der Kelten gewesen, auf Lat. eben germani 'leibliche Geschwister. Die Römer hätten ihnen diesen Namen gegeben, weil sich beide Völker körperlich kaum unterschieden, nur kulturell.

Da der Name schon 73 v. Chr. erstmals erwähnt wird, also vor dem römischen Vorstoß nach Gallien, kann er nicht lateinisch sein. Auch hätten sich ein iberisches Volk 0"+ kaum einen germanischen Namen gegeben.

Also bleibt von den bekannten Sprachen noch das Keltische:

cymr. ger 'schreien'
erweitert cymr. germ 'schreien', cymr., ir., gael. gairm 'rufen, proklamieren, krähen; Ruf, Beruf, Aufruf, Proklamation', cymr, corn., bret. garm 'Ruf, Schrei'
aus dem Keltischen > anord. Garmr 'Schreier' (Name des Höllenhundes)

vgl. lat. garrire 'plappern', grus 'Kranich'
griech. γῆρυς (gêrys) 'Stimme, Schall', γέρανος (géranos) 'Kranich' > Geranie
aind. जर् jar- 'knistern, rauschen, rufen, anrufen'

Germanische Entsprechungen:
ahd. kerran < *karjan 'Geräusche von sich geben' ≘ lat. garrire
ahd. karôn 'klagen, trauern', kara 'Klage, Sorge, Trauer' ≘ cymr. ger
erweitert mhd. karmen 'trauern, klagen' ≘ nkelt. gairm
mhd. karmîne 'Klage, Weheruf' ≘ formal Germani
ablautend Schwundstufe ahd. krawôn 'krähen', krâwa 'Krähe', krano, kranuh 'Kranich'
Das germanische Wort kar-, ker- hat sich auf den 'Klageruf' und das Vogelgeschrei spezialisiert und kommt auch von daher für eine Erklärung des Namens nicht in Frage.

Kelt. germ(en) ist also 'Geschrei' oder 'Ruf', Germani die 'Leute des Geschreis / Rufs' [3]

Bedeutung

Tacitus Germ. 3 findet es bemerkenswert, dass die Germanen vor der Schlacht Lieder, genannt barditus, anstimmten und dabei die Schilde vor den Mund hielten, um sich selbst Mut und den Gegnern Angst zu machen.
Aber war das wirklich etwas Besonderes? Kriegsgeschrei und Schlachtparolen werden schon im Alten Testament erwähnt und wenn man einen Angriff erwartet, hält man doch automatisch den Schild vor den Kopf. Die germanische Eigentümlichkeit kann nur darin bestanden haben, dass die Germanen ein besonderes Ritual einhielten.

Germani 'Schreier' wären also Krieger, die vor der Schlacht Heldenlieder singen.

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

Sonderzeichen

Abkürzungen

 

[2] Geographie 7,1,3

[3] vgl. die baltischen Bezeichnungen für 'deutsch, Deutschland'
und lat. gallus 'Kräher, Hahn' / Gallus 'Kelte', das aber auch anders zu erklären ist.

 

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Übersicht

 

Sprachecke 25.09.2012 | 22.07.2014

 

Datum: 1982 / 2005

Aktuell: 26.03.2016