Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Verkleidete Wörter

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

Aschermittwoch

närrischer Dienstag

Rosenmontag

fasten

Leserbrief

 

Genau wie die Menschen in der fünften Jahreszeit verkleiden sich manchmal auch die Wörter. Die einen ziehen nur etwas anderes an als üblich, die anderen machen sich mit einer Maske unkenntlich und wieder andere benehmen sich verrückt.

Das merken wir an den Namen der närrischen Tage:
Am Aschermittwoch beginnt die katholische Fastenzeit, die beiden Tage vorher heißen Fastnacht (oder Fasching) und Rosenmontag. Alle drei haben sich verkleidet:

Der Aschermittwoch hat nur ein Hütchen aufgesetzt und erinnert an den Ascher oder Aschenbecher. Tatsächlich kommt aber der Name von dem Aschenkreuz, das dem Katholiken an diesem Tag als Zeichen der Buße vom Priester auf die Stirn gezeichnet wird. Wir können also noch erkennen, dass der Tag etwas mit Asche zu tun hat, werden aber durch das -er irregeführt.

Der närrische Dienstag dagegen hat sich so mit einer Maske verkleidet, dass auch Fachleute nicht mehr erkennen können, welches Wort sich dahinter verbirgt.
Die Maske ist das -t; es erinnert an die kommende Fastenzeit. Tatsächlich hat man sich in früheren Jahrhunderten, als das Fastengebot streng eingehalten wurde, an diesem Tag noch einmal kräftig den Bauch vollgeschlagen.

Anders als damals angenommen kommen Fastnacht tatsächlich von Fasten. Das mundartliche Fasnacht erklärt sich aus mittelalterlichen Sprechgewohnheiten.

Auch das Rheinische Karneval (aus dem Italienischen) hat sich so maskiert, dass nicht mehr zu erkennen ist, was dahinter steht: Vielleicht kommt der Name von lateinisch carnelevarium 'Wegnahme des Fleisches'.
Der närrische Dienstag hat sich also dermaßen maskiert, dass wir nur noch raten können, was dahinter steckt.

Dagegen hat der Rosenmontag nur ein anderes Kostüm angezogen: Er kleidet sich mit einem o statt mit einem a, wie sich's gehört. Was in Konkurrenz zum Valentinstag nach Rosen zu duften scheint, ist in Wirklichkeit ein Rasenmontag zu rasen, mundartlich rosen, roschen 'toben, verrückt sein'.

Sogar das Wort fasten 'nichts essen' hat sich an dem Verkleidungsspiel beteiligt: Es hängt wohl mit fest zusammen und bedeutet 'an Vorschriften festhalten, Vorschriften beachten'. Wie beim Rosenmontag hat also fest einen anderen Vokal angezogen, so dass man nicht mehr ohne weiteres einen Zusammenhang mit fasten sieht. Im Unterschied dazu hat fast 'beinahe' zwar seine alten Kleider anbehalten und auch keine Maske aufgesetzt. Es spielt aber trotzdem verrückt, weil seine Bedeutung in eine ganz andere Richtung geht: Ich glaube fest ist das Gegenteil von Ich glaube fast – das eine sicher, das andere unsicher.

Kaum zu glauben, was Wörter für dummes Zeug treiben können!

   

 

 

Leserbrief:

Das italienische Wort für die "närrische Zeit" ist original aus dessen Ursprungssprache, dem Lateinischen entlehnt. Carne vale 'Fleisch leb wohl' aus dem Vulgärlatein in den dortigen Sprachgebrauch übernommen worden.

Meine Antwort:

Ich halte die auch mir bekannte Erklärung 'Fleisch leb wohl' für ziemlich unwahrscheinlich:
Lateinisch 'Fleisch leb wohl' würde lauten caro vale. Carne vale könnte allenfalls bedeuten 'Lass dir's gut gehen mit Fleisch', d.h. schlag dir nochmals artlich den Bauch voll, ab morgen darfst du nicht mehr.
Die heutige Forschung hat sich darauf festgelegt, dass das Wort Karneval von mittellateinisch carnelevare, carnelevarium 'Vorfastenzeit' kommt, zu lateinisch carnem levare 'das Fleisch wegnehmen'.
Das mit dem Narrenschiff habe ich nur dazugefügt, weil die Ableitung sprachlich auch möglich ist.

 

nach oben

Übersicht

 

Etymologie Fastnacht, Fasching | Begriffe: Fastnacht | Feiertage

Sprachecke 05.02.2013

 

Datum: 24.02.2004

Aktuell: 23.02.2017